Nass- und Trockentest: Sportreifen 2011 Straßensportreifen im großen Vergleichstest

Nichts ist uns wichtiger als die Verbindung zur Straße. PS testet die heißesten Straßensportreifen der Saison und erstmals billige Fernostpellen in den wichtigen Größen 120/70 ZR 17 und 180/55 ZR 17.

Foto: Jahn

Die Straßen sind trocken, die Temperaturen stimmen - jetzt noch der richtige Reifen und es kann los gehen. Aber welcher ist der richtige? PS testete zusammen mit der Schwesterzeitschrift MOTORRAD wieder ausgiebig alle neuen Pellen der Saison 2011 in den Segmenten Straßensport und Tourensport, sowie einige ausgewählte Vertreter des 2010er-Reifentests. Hier nun der erste Teil, die Straßensportreifen.

Die Fakten
Getestet wurden die Reifengrößen 120/ 70 ZR 17 vorne und 180/55 ZR 17 hinten, die nicht nur bei Supersportlern, sondern mittlerweile auch bei sehr vielen Naked-Bikes und Tourern aufgezogen sind. Gefahren wurde auf dem perfekten Testgelände von Goodyear/Dunlop im südfranzösischen Mireval bei Montpellier. Als Testmotorrad diente ein Bestseller der Sportszene, die Honda CBR 600 RR mit ABS. Selbstverständlich wurde mit dem vom Fahrzeughersteller angegebenen Luftdruck von vorne 2,5 und hinten 2,9 bar getestet.

Unsere Testfahrten zeichneten wir mit einem 2D-Datarecording-System auf. Für die Vergleichbarkeit der Ergebnisse wurde immer im gleichen Rhythmus gefahren. Erster Schritt: Anfahren der Reifen im Trockenen, um sie von ihrer oft rutschigen Trennschicht zu befreien. Danach ging es in alphabetischer Reihenfolge auf die Nasstestsrecke. Um einen Lerneffekt bei den Testfahrern auszuschließen, wurde der zuerst getestete Reifen am Ende nochmals gefahren und dessen Bewertung nochmals überprüft. Zudem wurde nach der ersten und letzten Testrunde jeweils eine Vollbremsung aus 100 km/h gemacht, deren Mittelwert die maximale Bremsverzögerung ergibt.

Zweiter Schritt: Der Trockentest erfolgt ebenfalls nach dem erklärten Muster in alphabetischer Reihenfolge. Auf der 3050 Meter langen Berg- und Talbahn wurden jeweils fünf Testrunden absolviert. Auch hier haben wir die erste Pelle zum Schluss nochmals gegengefahren. Die angegebenen Rundenzeiten sind als Referenzzeiten zu sehen und wurden nicht mit maximalem Riskio „herausgepresst“, sondern repräsentieren die jeweils schnellste Runde innerhalb des Test-Zyklus. Das ergibt für uns eine verlässliche Aussage, denn je besser das Feedback, je präziser die Zielgenauigkeit, je höher das Gripniveau, je breiter der Grenzbereich und je weicher dessen Einsetzen, desto sicherer fühlt sich der Pilot, desto schneller fährt er. 

Sportreifen
Das Testfeld setzt sich aus drei Neuheiten und drei "Referenzreifen" zusammen, die beim letztjährigen Reifentest der Größen 120/70-17 und 190/55-17 überzeugten. Zwar sind die Eigenschaften der größeren Reifendimensionen nicht direkt vergleichbar, aber, dass hat unser Test auch gezeigt, lassen sie durchaus Rückschlüsse auf die Qualitäten der 180er-Pellen zu. Deshalb sind der Punkte-Gesamtsieger Dunlop Sportsmart, der Nasstest-Sieger Michelin Power Pure und der Trockentest-Sieger Pirelli Diablo Rosso Corsa aus dem Vorjahrestest mit am Start. Die Neuen: der mit neuer Gummimischung hergestellte Bridgestone BT 016 Pro, der am Vorderrad mit einer neuen Karkasse und neuer Kontur versehene Michelin Power Pure mit Sonderkennung "D" und der Pirelli Diablo Rosso II.

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Foto: Jahn

Bei Nässe

Für eine riesige Überraschung beim Nasstest sorgt der Bridgestone BT 016 Pro. Seine Wandlung vom Saulus zum Paulus ist bemerkenswert, denn die Ingenieure haben den ehemals wasserscheuen Gesellen zu einer ansehnlichen Badenixe umgebaut. Mit der schnellsten Rundenzeit und dem kürzesten Bremsweg aus 100 km/h (48,2 Meter) schickt er sogar den Regengott Michelin Power Pure und den neuen Pure "D" (49,7 Meter und 49,5 Meter) zum Duschen. Bei den Michelin-Reifen fällt auf, dass das überarbeitete Vorderrad des Power Pure mit "D"-Kennung bei Nässe auf einer 600er keinen Vorteil bringt. Ebenfalls überzeugend tritt der Pirelli Diablo Rosso II auf, der sich zwar dem Dunlop beugen muss, aber seinen supersportlichen Bruder, den Pirelli Diablo Rosso Corsa, ganz klar im Griff hat. Während dem Diablo Rosso II 52,1 Meter aus 100 km/h bis zum Stillstand reichen, benötigt der Dunlop 52,8 Meter und der Rosso Corsa unverschämte 57,6 Meter.

Im Trockenen
Jetzt schlägt die Stunde des Pirelli Diablo Rosso Corsa. Einmal auf Temperatur, brennt er allen eins über. Bestwerte beim Feedback und am Limit sowie Topwerte bei Stabilität und Zielgenauigkeit sorgen für den Trocken-Sieg. Knapp geschlagen der Diablo Rosso II, der dem Corsa aber fast nicht nachsteht. Im Familien-duell der Michelins hängt der Power Pure "D" den Standard-Pure dank höherer Zielgenauig-keit, linearerem Einlenkverhalten und besserem Feedback ab. Er ist unsere Michelin-Empfehlung. Während der Bridgestone bei Nässe glänzt, haben sich seine Eigenschaften im Trockenen nicht spürbar verbessert. Dennoch oder gerade deswegen hinterlässt der BT 016 Pro einen sehr harmonischen Eindruck. Gleiches gilt für den Dunlop, der zwar nicht ganz so handlich ist wie der Rest, aber durch seine straffe, knackige Art überzeugt. Alles in Butter bei den Markenreifen, doch wie sieht es bei den im Internet erhältlichen Low-Budget-Pneus aus?

Billigreifen
Unser Test bestätigt leider fast jedes Vorurteil, das den Billigreifen an-haftet. Total erschreckend ist vor allem ihre Nass-Performance. Die Billigheimer kommen bei Nässe kaum zum Stehen. Während der Beste im Test, der Bridgestone BT 016 Pro aus 100 km/h nach 48,2 Metern steht, benötigt der Maxxis 64,3 Meter Anhalteweg, der Full Bore katastrophale 74,2 Meter!!! Das Fazit kann da nur so lauten: Wenn einem das eigene und das Leben anderer etwas Wert ist - Hände weg!!!

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Foto: Jahn

Bridgestone / Dunlop / Michelin

Bridgestone BT 016 PRO (Testsieger)
Rundenzeit: 1.33,3 min

Fazit
Hut ab! Der BT 016 Pro hat so ziemlich alle Schwächen seines Vorgängers abgelegt. Im Wasser fühlt er sich nun pudelwohl, nur beim hammerharten Anreißen auf der Rennstrecke fehlt ihm noch etwas Stabilität. Ansonsten top!


Dunlop Sportsmart
Rundenzeit: 1.33,0 min

Fazit
Der Sportsmart braucht nach dem Losfahren etwas mehr Zeit als die Mitbewerber, um auf Temperatur zu kommen. Er ist auch nicht der Handlichste, dennoch aber ein verlässlicher Begleiter, der es sehr sportlich kann und mag.


Michelin Power Pure
Rundenzeit: 1.33,2 min

Fazit
In der Größe 180/55 verhält sich der Power Pure lange nicht so nervös und kippelig, wie der 190/55er-Hinterreifen. Ihm fehlt es gegenüber der Konkurrenz dennoch an Zielgenauigkeit, was ihn leicht abfallen lässt.

Foto: Jahn

Michelin / Pirelli

Michelin Power Pure "D"
Rundenzeit: 1.33,1 min

Fazit
Die überarbeitete "D"-Variante des Vordereifens gefällt uns. Die Zielgenauigkeit ist auf Augenhöhe der Mitbewerber, das Einlenkverhalten nun deutlich neutraler. Im Nassen müssen sich beide Michelin nur dem Bridgstone beugen.


Pirelli Diablo Rosso II (Testsieger)
Rundenzeit: 1.31,9 min

Fazit
Der für 2011 neue Rosso II kann‘s. Er ist ein ausgewiesener Sportreifen, dessen Qualität auch bei Nässe noch in Ordnung geht. Insgesamt ein klasse Reifen zum Brennen, der einen auch bei Regen nicht im Stich lässt.


Pirelli Diablo Rosso Corsa

Rundenzeit: 1.31,8 min

Fazit
Der Reifen mit den klar sportlichsten Gene bietet im Trockenen mustergültige Racer-Qualitäten. Die gehen allerdings klar zu Lasten der Nass-Performance, weshalb sich der Rosso Corsa für mitteleuropäischen Alltag nicht perfekt eignet.

Foto: Jahn

Full Bore/ Maxxis / Shinko

Full Bore M-1 Street Sport
Rundenzeit: 1.40,8 min

Fazit
Ui ui ui, der Full Bore liefert die absolut unterirdischen Bremswegwerte im Nassen. Überhaupt ist ein derartiger Reifen bestenfalls als „Felgenschoner“ in Museen einzusetzen.


Maxxis Supermaxx
Rundenzeit: 1.38,9 min

Fazit
Geht es ganz gemütlich zur Sache, ist der Maxxis gar nicht so übel. Aber sein Handling ist träge, er fühlt sich knautschig an und liefert kaum Rückmeldung. Bei Nässe fehlt es deutlich an Grip.


Shinko Advance 005

Rundenzeit: -

Fazit
Vom Shinko war nur ein Hinterreifen erhältlich. Er wurde daher im Trockenen erst mit dem Dunlop-, dann mit dem Full-Bore-Vorderrad gefahren. Daher keine Bewertung!!!

Foto: Jahn

Bewertung / PS-Urteil / Reifenfreigabe

Bewertung

max.
Punkte
Bridgestone
BT 016 Pro
Dunlop
Sportsmart
Michelin
Power Pure
Michelin
Power Pure "D"
Pirelli
Diablo Rosso 2
Trockentest  150126128122126139
Nasstest  1009082888877
Gesamt  250216210210214216
Platzierung1.5.5.3.1.




max.
Punkte
Pirelli
Diablo Rosso
Corsa
Full Bore M-1
Street Sport
Maxxis
Supermaxx
Shinko
Advance 005
Trockentest
  150
142
80
89
(76)
Nasstest
  150
69
46
53-
Gesamt  250
211
126
142keine
Platzierung
4.
8.
7.
Wertung



PS-URTEIL

Der neue Bridgestone BT 016 Pro gewinnt die Regenwertung und steht mit dem ebenfalls neuen Pirelli Diablo Rosso II auf dem Siegertreppchen, während sich der stark verbesserte Michelin Power Pure "D" mit dem dritten Rang begnügen muss. Der sehr sportliche Pirelli Diablo Rosso Corsa steht nur deswegen ein Pünktchen besser da als der Dunlop und der Standard-Michelin, weil er bei warmer Witterung alles nieder macht. Sein Highend-Grip ist zwar toll, aber mir persönlich sind ausgewogene Reifen wie der BT 016 Pro oder der Diablo Rosso II lieber. Weil sie eben immer funktionieren und nicht nur bei Hitze und Sonnenschein.



Reifenfreigabe
Der momentane Stand der Dinge bei Reifenfreigaben.
Eine Direktive der EU-Kommission von 2000, dass die bei Motorrad-Zulassungen üblichen Reifenfabrikatsbindungen unzulässig sind, hat für Verwirrung gesorgt. Hintergrund der EU-Ansage: Eine Fabrikatsbindung stellt eine nicht hinnehmbare Handelsbarriere da. Die Folge: Seit dem 1. März 2000 werden in Fahrzeugpapieren keine Reifenfabrikatsbindungen mehr eingetragen. Doch es geht noch weiter: "Die derzeit noch vorhandenen Eintragungen", heißt es von Reifenhersteller Bridgestone, "haben keine direkte Rechtswirksamkeit mehr und sind als Empfehlung zu betrachten." Was nach Freiheit beim Reifenkauf klingt, kann schnell in herber Entäuschung enden. Dass die gewünschte Reifenpaarung tatsächlich mit dem eigenen Motorrad funktioniert, muss im Ernstfall vom Fahrer selbst beurteilt werden. Bis das Veto in Sachen Fabrikatsbindung aus Brüssel kam, haben Motorradhersteller und Reifenindustrie bei Tests selbst die Spreu vom Weizen getrennt. "Heute", so Dunlop-Vertriebschef Frank Löb, "nehmen immer weniger Motorradhersteller an den Testreihen teil".  Wer auf Nummer sicher gehen will, dass sein Bike auf passenden Sohlen steht, sollte weiterhin der Freigabe oder Unbedenklichkeitsbescheinigung eines Herstellers vertrauen.

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