Reifen-Spezial: Alles über Motorradreifen Test Motorrad-Reifen

Hier können Sie sich das Reifen-Booklet aus MOTORRAD 6/2010 kostenlos als PDF-Datei herunterladen. Auf 30 Seiten erhalten Sie Informationen über jeden Reifentyp.

Download Reifen-Katalog 2011

Zwischen Gummi und Asphalt entscheiden ein paar Quadratzentimeter Kontakt über Wohl und Wehe des Motorradfahrens. Sorgen Sie dafür, dass es ein guter Kontakt ist; die Auswahl an Reifen, Profilen und Mischungen ist riesig. Diese Übersicht möchte Ihnen die Orientierung erleichtern.

Anzeige

So testet MOTORRAD

Aus der Back- in die Probierstube. MOTORRAD hat in einem weltweit einmaligen Reifentest die Liga der Tourenreifen aufgezogen. Mit sieben Suzuki Bandit geht es auf die 4500 Kilometer lange Teststrecke: Sieben Reifenpaare müssen zeigen, was sie in Sachen Grip, Nasshaftung und Verschleiß wirklich draufhaben.

So testet MOTORRAD

Als Basisfahrzeug für diesen Reifentest diente eine Suzuki Bandit 1250 S, Baujahr 2010. Die Ergebnisse der mit Stern gekennzeichneten Kategorien lassen sich mit Einschränkungen auf Motorräder übertragen, die ähnliche Fahrwerksdaten besitzen.

Handlichkeit
Benötigte Lenkkraft, um die Maschine in Schräglage zu bringen oder sie auf der gewünschten Linie zu halten. Wird in langsamen und schnellen Wechselkurven getestet.

Lenkpräzision
Sie wird in unterschiedlich schnellen Passagen mit komplizierten Kurvenradien getestet. Gibt Auskunft darüber, ob das Motorrad dem gewünschten Kurs, der über die Lenkkräfte vorgegeben wird, folgt oder deutliche Linienkorrekturen erforderlich sind.

Kurvenstabilität
Stabilität in (Wechsel-)Kurven und bei Bodenwellen. Wird in unterschiedlichen Modi (solo und mit Sozius) bewertet. Der Test erfolgt in maximaler Schräglage und in der Beschleunigungsphase, in der sich manche Reifen regelrecht aufschaukeln können.

Anzeige

Haftung in Schräglage
Seitenführung in maximaler Schräglage auf nassem und trockenem Asphalt. Eine Gradwanderung, die nur auf abgesperrter Strecke möglich ist.

Haftung Beschleunigen
Seitenführung und Kraftübertragung in unterschiedlich schnellen Kurven. Wird ebenfalls bei Nässe und Trockenheit getestet.

Geradeauslaufstabilität
Highspeed auf der Autobahn. Bleibt das Motorrad stabil auf Kurs oder stört Pendeln die Fahrt?

Fahrverhalten mit Sozius
Wie verhält sich der Reifen bei voller Zuladung? Siehe auch Kurvenstabilität.

Grenzbereichverhalten
Beherrschbarkeit des Reifens im Grenzbereich der Haftung auf nasser und trockener Strecke.

Aufstellmoment
Beim Bremsen in Schräglage richtet sich das Motorrad je nach Verzögerung und Reifenkontur unterschiedlich auf. Diese Reaktion muss vom Fahrer mit einer Gegenkraft (Drücken) am kurveninneren Lenkerende ausgeglichen werden.

Luftdruck im Test
2,5 bar vorn, 2,9 bar hinten

 

Foto: Jahn

Auf der Landstraße

Negativ betrachtet, kann man diesen Testabschnitt so zusammenfassen: Nicht die Reifen haben ein Problem, das Motorrad hat eins. Auf kurvigen Landstraßen setzt die als Testbike verwendete Suzuki 1250 Bandit das Limit. Denn wenn bei ihr Hauptständer und Rasten über den Asphalt kratzen, bieten die Reifen immer noch genügend Reserven. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Tourenreifen ob ihrer sportlichen Auslegung selbst den alltäglichen Anforderungen auf Sportbikes vollauf genügen würden – vorausgesetzt, man hat ein starkes Ego und pfeift auf die Seitenwandwertung am Biker-Treffpunkt. Weitere Erkenntnis: Im Neuzustand ist keiner der Reifen so richtig schlecht. Erst- und Letztplatzierten trennen gerade einmal 17 Punkte. So zeigt sich der neue Avon Storm 2 Ultra genauso handlich wie Bridgestone BT 023, Metzler Z6 Interact oder Pirelli Angel ST, in Sachen Lenkpräzision liegt er sogar vor dem Michelin Pilot Road 2.

Bei diesem scheiden sich übrigens die Gemüter. Zweifelsohne fällt auch in diesem Test wieder seine Tendenz zur Kippeligkeit auf. Aber zum einen gilt das erst bei sehr hohen Schräglagen, zum anderen hat man sich auf diese Eigenart schnell eingeschossen und reagiert mit entsprechender Fahrweise, denn im Gegenzug lässt sich der Franzose sehr leicht lenken sowie extrem geschmeidig und schnell durch Kurven bewegen – auf einem Niveau, das sportverdächtig ist. Was also zur Bestleistung bei der Handlichkeit führt, knabbert an der Leistung in Sachen Lenkpräzision und Kurvenstabilität. Unterm Strich bleibt es eine Frage des Geschmacks. Wer diese Eigenart in Kauf nehmen möchte, bekommt zur Belohnung einen absolut agilen Reifen. Auf dieser Tour gab es übrigens keinen Piloten, der diese Eigenart des Michelin als besonders störend empfand. Weiterhin spannend: Wie schlägt sich der Nachfolger des oft kritisierten Bridgestone BT 021? In diesem ersten Bewertungsfeld kann sich der BT 023 auf jeden Fall gut positionieren und präsentiert sich in allen Bewertungskategorien auf der Landstraße als sehr ausgewogener, neutraler Reifen.

Fazit: Erste Wahl auf der Landstraße ist der neue Conti Road Attack 2, der mit Bestnoten bei Handlichkeit und Lenkpräzision Dunlop Roadsmart und Pirelli Angel ST auf die Plätze verweist. In den anderen Kategorien liegen diese allerdings gleichauf mit dem Conti.

Foto: Jahn
Regelmäßig wird das Reifenprofil überprüft.
Regelmäßig wird das Reifenprofil überprüft.

Die Verschleißwertung

Multicompound heißt das Zauberwort, mit dem manche Hersteller ihren Reifen eine möglichst hohe Haltbarkeit, sprich Kilometerleistung, auf den Weg geben wollen. Multicompound kommt aus dem Rennsport und bezeichnet verschiedene Härtegrade in der Gummimischung: Ein harter Bereich in der Laufflächenmitte soll den Abtrag minimieren, eine weiche Zone an den Schultern genügend Grip bei Schräglage aufbauen. Bei Sportreifen werden oftmals die Laufflächen von Vorder- und Hinterreifen in zwei oder mehr unterschiedlichen Gummimischungen aufgebaut, bei den Tourenreifen beschränkt man sich derzeit noch auf den Hinterreifen in maximal zwei unterschiedlichen Mischungen.

 

Foto: Archiv

In diesem Test setzen Avon, Bridgestone, Conti, Dunlop und Michelin (hier sogar vorn) auf die Zweikomponenten-Konstruktion, Metzeler und Pirelli vertrauen weiterhin auf eine Gummimischung über die gesamte Lauffläche. Soweit zur Theorie, was bringt es aber in der Praxis? Die Tabelle zeigt klar: Es kann funktionieren, muss aber nicht. Pirellis Angel ST zeigt am Ende der 4500 Kilometer langen Testrunde über Autobahnen und Landstraßen am Hinterrad bessere Verschleißwerte als der Zwei-Komponenten-Reifen von Bridgestone, und Metzelers Z6 Interact-Hinterreifen liegt vor dem Michelin Pilot Road 2. Dem Conti hat der Mehrzonenmix definitiv nichts gebracht.

 

Foto: Archiv

Fazit: Nahezu unbeeindruckt beschließt der Avon Storm 2 Ultra diesen Test, erkauft sich die Laufleistung aber durch Defizite beim Fahren. Vor diesem Hintergrund gefällt das Verschleißbild von Bridgestone und Pirelli deutlich besser.

Foto: Jahn
Beim Nasstest müssen die Reifen zeigen, was sie drauf haben.
Beim Nasstest müssen die Reifen zeigen, was sie drauf haben.

Der Nasstest

Das Fahren bei Regen ist immer noch eines der großen Mysterien des Motorradfahrens. Selbst hartgesottenen Tourenprofis steht Pipi in den Augen, wenn ein dünner Wasserfilm über der Straße liegt. Linie und Laune sind an solchen Tagen schnell verhagelt. Schaut man jedoch den MotoGP-Stars zu, die selbst im heftigsten Dauerschiff noch mit dem Knie am Boden ums Eck zirkeln, wird jedem klar, dass im Regen eigentlich mehr gehen müsste. Und tatsächlich: Reifen mit hohem Nassgrip sind beileibe kein exklusives Ausstattungsgimmick für Profipiloten auf Rundkursen. Vielmehr hat in den vergangenen Jahren ein massiver Techniktransfer hinüber in die Allroundliga stattgefunden. Die Hersteller wissen um die Bedürfnisse gerade vielfahrender Motorradfahrer nach einem guten Regenreifen. Nassgrip heißt vor allem Kaltgrip, denn im Regen kommen die Reifen nicht auf ihre optimale Betriebstemperatur.

Beispiel aus diesem Test: Auf der Bridgestone-Nasstest-Strecke strömt permanent kaltes Wasser auf die Fahrbahn, die Streckentemperatur beträgt maximal 20 Grad. Bei den Testfahrten bewegt sich die Reifentemperatur aufgrund dieser Wasserkühlung je nach Modell zwischen 25 und 30 Grad. Auf trockener Landstraße erwärmt sich ein Reifen bei zügiger Kurvenfahrt dagegen schnell auf 40 bis 50 Grad, ein Temperaturbereich, in dem sich eine gute Haftung aufbauen kann. Um einen Reifen auch bei Kälte geschmeidig zu bekommen, mischen die Hersteller sogenanntes Silica, eine Kieselsäure-Verbindung, bei. Doch Silica gibt es in verschiedenen Gütestufen, weshalb ein hoher Silica-Anteil in der Gummimischung noch lange kein Garant für eine gute Nasseigenschaft des Reifens ist. Neben gutem Haftvermögen ist außerdem die Gestaltung des Grenzbereichs entscheidend für einen guten Regenreifen. Zum einen sollte der Reifen nicht abrupt ins Rutschen kommen. Und zum anderem sollte der Hinter- vor dem Vorderreifen das Ende der Fahnenstange ankündigen.

Foto: Archiv

Fazit: Seit Jahren steht der Michelin Road 2 unangefochten an der Spitze und zeichnet sich durch einen erstklassigen Grip in Kurven und beim Beschleunigen aus. Mit deutlichem Abstand folgen Dunlop und Pirelli – das zeigt auch der Blick auf die Rundenzeit. Bridgestone hat beim BT 023 etliche Regenprobleme des BT 021 beseitigt.

Foto: Jahn
Wie verhält sich das Profil nach 4500 Kilometern?
Wie verhält sich das Profil nach 4500 Kilometern?

Das Fahrverhalten nach 4500 Kilometern

Neu haben die Reifen beim Landstraßentest ein insgesamt stimmiges Bild abgegeben. Umso interessanter die Frage: Wie fahren sich die Reifen, wenn sie ein paar tausend Kilometer auf dem Buckel haben? Der Blick auf die Verschleißwertung zeigt, dass viele Hinterreifen noch genügend Restprofil für eine fünfstellige Laufleistung haben. Nur: Verbreitet der im Neuzustand tolle Reifen nach 4500 Kilometern immer noch die gleiche gute Laune beim flotten Kurvenswing? Kurz noch einmal die Landstraßenwertung von Seite 54 ins Gedächtnis gerufen. Vorn können sich Conti, Dunlop und Pirelli platzieren, ganz hinten steht Avon, einen Platz besser Metzeler. Und jetzt? Conti hat zwar mächtig Gummi auf der Strecke gelassen, fährt sich aber immer noch gut. Pirelli war gut, verschleißt wenig und fährt sich entsprechend weiter gut. Hinten hat es einen kleinen Laternentausch gegeben.

Avon gibt das rote Schlusslicht durch exorbitant gute Verschleißwerte und entsprechend geringe Fahreinbußen an Metzeler ab, der sich etwas verschleißfreudiger zeigte und bei Handlichkeit und Lenkpräzision nachgelassen hat. Zum wirklichen Desaster wird dieser Testabschnitt für den bislang überzeugenden Dunlop Roadsmart. Sein hoher Verschleiß wirkt sich besonders stark auf seine Handlichkeit und Lenkpräzision aus. Auch wenn er nach Restprofil noch ein paar Tausender stemmen könnte – der hohe Spaßfaktor von einst ist hinüber. Dagegen zeigt der Bridgestone eine gute Konstanz über die Laufleistung und erobert sich einen Platz auf dem Podium.

Foto: Archiv

Fazit: Trotz hoher Verschleißwerte gefällt der Conti durch seine tolle Performance am Schluss der Testdistanz. Dunlop büßt nicht nur reichlich Gummi ein, sondern ebenso seine gute Fahrdynamik. Auch der Metzeler kommt mit 4500 Kilometern Laufleistung nicht klar.

Foto: Jahn
Interessant: Michelins Pilot Road 2 kam vom Hersteller aus dem Herstellungsland Spanien, als Handelsware hingegen aus Thailand.
Interessant: Michelins Pilot Road 2 kam vom Hersteller aus dem Herstellungsland Spanien, als Handelsware hingegen aus Thailand.

Testreifen aus dem Laden

Das Novum in diesem Test: Alle Reifen stammen aus dem Fachhandel. Vorab hatte sich MOTORRAD die benötigten Größen direkt von den Herstellern schicken lassen, diese aber im gut sortierten Handel gegen ganz normale Lagerware getauscht. Kein einfaches Unterfangen: MOTORRAD-Werkstattchef Gerry Wagner und unser Reifenhändler des Vertrauens, Alfred Meixner aus Herrenberg (www.reifenmeixner.de), kamen ganz schön ins Schwitzen, bis 60 Reifenpaare ausgetauscht waren. MOTORRAD wollte damit ausschließen, dass so nur handverlesene Ware zum Einsatz kommt. Interessantes Detail am Rand, das heißt auf der Seitenwand: Michelins Pilot Road 2 kam vom Hersteller aus dem Herstellungsland Spanien, als Handelsware hingegen aus Thailand.

Foto: Jahn
Formationsflug in die Heimat. 4500 Kilometer ohne Stau. Bis Stuttgarts Stadtrand in Sicht kommt...
Formationsflug in die Heimat. 4500 Kilometer ohne Stau. Bis Stuttgarts Stadtrand in Sicht kommt...

Fazit Tourenreifen

Foto: Archiv

Ein aufregender Test. Am Schluss stehen zwei Reifen gemeinsam auf Platz eins, die in ihrer Charakteristik nicht gegensätzlicher sein können. Wer auf der Suche nach einem harmonischen, richtig ausgewogenen Reifen ist, sollte zum Pirelli greifen. Mit dem Angel ST bleibt das Vergnügen auch mit hoher Kilometerleistung erhalten. Der Kontrahent auf dem Siegerpodest kommt von Michelin und ist ein sehr agiler, extrem kurvengieriger Reifen, der manchen Fahrer aber ob seiner damit verbundenen Kippeligkeit verunsichern kann. Unbestritten bleibt die Glanzparade des Road 2 auf nassen Strecken. Bridgestones neuer BT 023 kann sich ebenfalls durch Ausgewogenheit gut in Szene setzen. Conti und Dunlop müssen nach 4500 Kilometern reichlich Federn lassen.

Die Strecke

Nach der Tour de France mit den Sportreifen im vorigen Jahr (siehe MOTORRAD 12/2009) haben wir uns mit den Tourenreifen an den Giro d’Italia gewagt. Für echtes Sightseeing bleibt wenig Zeit, dafür aber lassen sich auf die Schnelle viele Eindrücke sammeln, wo das Motorradfahren in der Heimat von Ducati, Moto Guzzi & Co. richtig Laune machen kann. Reizvoll ist vor allem der Norden: An attraktiven Strecken in den Dolomiten und rund um die oberitalienischen Seen besteht kein Mangel. Regionen wie die Emilia Romagna, die Toskana oder Kalabrien erfordern dagegen eine gründlichere Routenplanung. Tipp zum Thema Helm: Dieser muss der Norm ECE R-22 entsprechen, einen Verweis auf die Fassung (bsp. die aktuell gültige ECE R-22.05) gibt es aber nicht. Echte Probleme erwartet vor allem Träger von Braincaps oder Stahlhelmen.

Foto:

Alpen: ein Muss für Italienreisende. Die Südseite kann nicht nur mit tollem Wetter und traumhaften Pässen punkten. Tipp: eine lehrreiche Geschichtstour entlang der Grenze Trentino/Venetien.

Gardasee: klasse Basislager, um Tagestouren ins Umland oder zu den Nachbargewässern (comer See, Lago Maggiore) zu planen. Tipp: Uferstraßen an Wochenenden und in der Saison meiden.

Amalfiküste: Solte man einmal gesehen und abgefahren haben. Für echten Kurvengenuss aber insgesamt zuviel Verkehr. Hinzu kommen enge Ortsdurchfahrten, die den Verkehrsfluss bremsen.

Sizilien: Vor allem im Frühjahr eine begeisternd grüne Insel. Tipp für Schottlandfans, die bei gutem Wetter Motorradfahren wollen. Ein Muss: der Ätna (vom Norden aus). Beste Reisezeit: Mai oder Oktober. 

Themenseiten

Artikel teilen