Vergleich Supersport-Reifen für die Rennstrecke (Archivversion)

Letzte Rille

Für manche der reinste Wahnsinn, für viele der absolute Kick: Heizen auf der Rennstrecke. Die besten Reifen fürs schräge Vergnügen im Test.

Der Zulauf bei Renntrainings und Hobby-Rennveranstaltungen ist ungebrochen. Wenig verwunderlich, sind sie für Fahrer waschechter Supersport-Bikes die einzige Möglichkeit, es anständig krachen zu lassen, ohne von staatlich eingesetzten Streckenposten einen mehrmonatigen Boxenstopp aufgebrummt zu bekommen.Viel bleibt bei den serienmäßigen Sportmaschinen nicht zu tun, um damit eine tadellose Vorstellung abzugeben. Licht abkleben, Sturzpads anschrauben, los geht’s. Halt – und die richtigen Gummis müssen drauf. So gut die aktuellen Straßenreifen auch sind, auf der Rennpiste gelten andere Gesetze. Durch die hohen Kurvengeschwindigkeiten und ständigen Beschleunigungen unter Volllast heizen sich die Reifen so stark auf, dass die für den Straßenbetrieb entwickelten Gummis oft bereits nach wenigen Runden im Renntempo deutlich an Grip verlieren. Für den Wettbewerb mit seriennahen Maschinen konzipiert, bieten die im Test gefahrenen Reifen Haftung auf höchstem Niveau auch über längere Distanzen. Doch diese Performance hat ihren Preis: Pendeln und Lenkerschlagen bei Volldampf, mangelnde Haftung bei kaltem Gummi, Eiertanz bei Nässe – Einschränkungen, die eine Zulassung für die Straße nur in Ausnahmefällen möglich machen. Im Fall der Yamaha YZF-R1 beispielsweise verlangt Michelin einen Lenkungsdämpfer, um die Pilot Race über die Zulassungshürden zu bugsieren. Beim Dunlop D 207 GP vereitelt kritisches Pendeln bei Topspeed die Straßentauglichkeit, die Kehrseite für die slickähnliche Haftung und messerscharfes Lenkverhalten. Bei Metzeler/Pirelli steht erst seit wenigen Wochen der Rennsport respektive Supercorsa in 190er-Baubreite auf der Liste straßentauglicher Reifen. Die im Test gefahrene weichere RS2/SC2-Mischung der 180er-Pneus könnte bei Vollgas auf der Autobahn mit PS-starken Motorrädern Blasen schlagen – also gibt’s auch bei ihnen keine Zustimmung von Reifenproduzent und TÜV. Einzig der Dunlop D 207 Race Replica schafft durch seine straßenorientierte Grundkonstruktion die Zulassung relativ problemlos. Die Auswahl der Reifen stellt natürlich nicht die gesamte Palette an Mischungen und Größen dar, sondern greift nur die wichtigsten Paarungen für R1 und Konsorten heraus. Zu beachten ist dabei die Felgenbreite, also vorn im üblichen 3,5-Zoll-Format, hinten dreht sich ein breites 6,0-Zoll-Rad. Eine Übertragung der Ergebnisse auf Motorräder mit 5.5-Zoll-Rad ist nicht möglich, da speziell die 190er-Hinterreifen in erster Linie für die 6,0-Zoll-Felgen konstruiert sind. In den Daten- und Wertungskästen werden neben den von MOTORRAD herausgefahrenen Eigenschaften auch Empfehlungen und Ratschläge der Hersteller aufgeführt. Auf der Rennstrecke von Ledenon in Südfrankreich konnten leider keine vergleichbaren Rundenzeiten aufgezeichnet werden, da die Testfahrten im Rahmen eines gut besuchten Renntrainings ablaufen mussten. Der Hintergrund: Der erste Versuch des MOTORRAD-Reifentests auf der dafür exklusiv angemieteten Rennstrecke scheiterte an Dauerregen, der zweite an Lufttemperaturen von nur sieben Grad – zu wenig, um die temperaturempfindlichen Rennmischungen seriös und praxisgerecht zu vergleichen. Aus Termingründen blieb schließlich nur noch die Möglichkeit, sich in das Renntraining einzuklinken, was durch den herrschenden Verkehr jedoch zu starken Differenzen bei der Zeitnahme geführt hatte. So wurden die Pneus in Ledenon nur auf ihre Funktion abgeklopft, Rundenzeiten spielten keine Rolle. Überprüft wurde unter anderem das Fahrverhalten in kaltem Zustand, eine nicht immer spaßige Gratwanderung.Die zeit- und kostenaufwendige Verschleißmessung der Rennsportreifen fiel ebenfalls Wetterkapriolen zum Opfer. Strömender Regen zwang die Testmannschaft zur Unterbrechung des Programms und setzte den Verschleißfahrten ein Ende. Ohne Probleme und mit vergleichbaren Rundenzeiten ging der Nasstest auf der Michelin-Versuchsstrecke in Ladoux über die Bühne.Um das Sturzrisiko einzuschränken, bekam die Yamaha YZF-R1 für den Test einen Öhlins-Lenkungsdämpfer spendiert, der mögliches Lenkerschlagen mit den deutlich steiferen Rennsportreifen-Konstruktionen auf ein Minimum reduziert. Diese Änderung ist nicht nur bei der YZF-R1, sondern bei allen Sportmaschinen anzuraten, die mit Rennsportreifen oder Slicks ausgerüstet werden. Der Grund: Rennreifen benötigen für ein möglichst gutes Handling und tadellose Kurvenstabilität einen stabilen Karkassunterbau. Und das wiederum steigert die Anfälligkeit für Lenkerschlagen, neudeutsch als Kickback bekannt, der aus spaßiger Rennerei blitzartig gefährliches Rodeo macht .
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