Vergleichstest Enduro-Reifen (Archivversion) Drei-Wetter-Haft

Ob’s regnet, schneit oder die Sonne brennt: Enduristen sind gerne unterwegs. Und dementsprechend hoch sind die Anforderungen an die Bereifung. Sechs Reifen-Paarungen für die BMW F 650 GS im Test.

Vorbei die Zeiten, als man Enduristen noch Reifen verkaufen konnte frei nach dem Motto »Hauptsache rund und schwarz«. Das galt vielleicht vor zwanzig Jahren, aber die Ansprüche der Kundschaft wuchsen mit dem Gewicht und der Leistung ihrer Motorräder. Zudem wechselte das Einsatzgebiet, es verschob sich ganz klar in Richtung Straße. Niemand würde heute ernsthaft daran denken, mit einer großen Reiseenduro vom Schlage einer Suzuki DL 1000 V-Strom in unwegsames Gelände vorzustoßen. Brummer wie die V-Strom leisten heute an die 100 PS, sind gar in der Höchstgeschwindigkeit sanft eingebremst, weil sie sonst mit satt über 200 Sachen auf der Autobahn unterwegs wären. Und das mit Sozius samt reichlich Gepäck, der Sonne im Süden schnellstmöglich entgegen. Außerdem gilt es auf dem Weg dahin noch schwungvoll einige Pässe rauf und runter räubern. Da sind Reifen mit ausgewogenen Eigenschaften gefragt.Die beliebte BMW F 650 GS bringt es mit ihrem putzmunteren Einzylinder auf knapp 50 PS und immerhin 170 km/h Spitzengeschwindigkeit. Werte, die zügige Autobahnetappen durchaus ermöglichen. Daneben verfügt die BMW über eine Menge weiterer Talente, die sie zu einem hervorragenden Allrounder machen. Der tägliche Weg zur Arbeit, eine schnelle Runde über die bevorzugte Hausstrecke oder die große Urlaubstour: Die F 650 GS ist für alles zu haben, und ihr Motto lautet dabei: »Je kurviger, desto lieber«.Diesem Credo entsprechend, startete eine illustre Testmannschaft zur Verschleißfahrt (siehe auch Kasten Seite 176), dem ersten Teil des diesjährigen Enduro-Reifentests. Auf dem Fahrplan standen schwerpunktmäßig verwinkelte Landstraßen und einige wenige Autobahnetappen (siehe auch Seite 178). Ergebnis: 4608 Kilometer, die sehr interessante Unterschiede zutage förderten. Striktes Fahren im Konvoi unter identischen Verhältnissen und turnusmäßger Wechsel der Motorräder garantierten dabei für alle Reifen einheitliche Testbedingungen. Als echter Langläufer kristallisierte sich der Avon Distanzia, eine Neuvorstellung der Engländer, heraus, dicht gefolgt vom grobstolligen und seit vielen Jahren bewährten Continental TKC 80, der seinen neuen Bruder Conti Escape damit klar in den Schatten stellte.Ein Novum beim MOTORRAD-Reifentest: Die Verschleißfahrten, genauer Kurvenorgien im ligurischen Apeninn, setzten einigen vorderen Pneus an den Schultern gewaltig zu. Der Bridgestone TW 101 befand sich an der Verschleißgrenze, Metzeler Tourance und Michelin Anakee hatte sie, erkennbar an deutlichen Auswaschungen an den Flanken, unterschritten. Bei einer Polizeikontrolle würden die Beamten aller Voraussicht nach ein Auge zudrücken. Da jedoch die Straßenverkehrsordnung mindestens 1,6 Millimeter Profiltiefe über 75 Prozent der Lauffläche vorschreibt, entschied sich MOTORRAD, den Verschleiß der Vorderreifen in die Wertung einzubeziehen.Seit jeher ein wichtiges Kriterium beim Reifenvergleich: die Preise, die MOTORRAD als Durchschnittswerte aus den Angeboten mehrerer Reifen- und Motorradhändler ermittelte. Wobei die enormen Unterschiede diesmal besonders ins Auge fielen. Und zwar durch die Bank. Am auffälligsten waren die Differenzen beim Metzeler Tourance mit 29 Prozent und beim Continental TKC 80 mit unglaublichen 43 Prozent Unterschied. Ein Zeichen dafür, wie hart der Wettbewerb auf dem Reifenmarkt ist, verschärft durch das wachsende Angebot im Internet. Schwere Zeiten für den viel zitierten kleinen Motorradhändler um die Ecke.Den Beweis, dass sich gute Laufleistung und toller Grip bei Nässe nicht zwangsläufig ausschließen, trat der Conti TKC 80 hernach im zweiten Teil des Tests an, gefahren auf der Nassteststrecke im Contidrom bei Hannover, die aufgrund einer konstanten Bewässerung hervorragende Bedingungen für diesen Balanceakt bietet. Außerdem verfügt die winkelige Strecke über sehr unterschiedliche Asphaltbeschaffenheit, die von sehr rutschigen bis hin zu griffigen Stellen reicht. Von Heimvorteil für Conti kann aber keine Rede sein, auch wenn der grobstollige TKC, der zudem schon etliche Jährchen auf dem Buckel hat, mit den besten seiner Zunft toll mithalten kann. Die Ernüchterung für Conti folgt auf dem Fuße: Der jüngst vorgestellte Escape legte nämlich die mit Abstand schlechtesten Rundenzeiten hin. Dabei narrte der Escape sogar das toll agierende ABS der BMW, weil der Grip am Vorderrad an einigen Stellen so gering ausfiel, dass es einklappen wollte, noch bevor die elektronische Hilfe regelnd eingreifen konnte. Ähnlich tückisch gab sich das mit dem Bridgestone TW 101 bereifte Vorderrad. Er lieferte bei Nässe ebenfalls keine überzeugende Vorstellung ab, wohingegen der hintere TW 152-Pneu gut mithielt. Traumnoten verdiente sich der Michelin Anakee, der erste Enduro-Reifen mit einem überdurchschnittlich hohen Silika-Anteil. Die französische Neuvorstellung übertrumpft sogar den bisherigen Regenkönig, den Metzeler Tourance. Die Michelin bauen selbst bei hohem Wasserstand und rutschigem Untergrund so viel Grip auf, dass selbst abgebrühte Testfahrer im ersten Moment ungläubig staunen. Der Metzeler wiederum darf für sich in Anspruch nehmen, über den angenehmsten, weil breitesten Grenzbereich zu verfügen. Bei Nässe ein nicht zu verachtender Vorteil. Ein kleiner, nicht ganz ernst gemeinter Einschub sei erlaubt. Fazit des Nasstests: Michelin baut für die Endurozunft quasi einen Regenrennreifen. Die Franzosen sollte unbedingt Warnaufkleber verteilen mit der Aufschrift: »Vorsicht, Anakee drauf, bei Regen bitte nicht folgen«, damit sich andere Motorradfahrer nicht ins Unglück stürzen.Zurück zum bierernsten Testprozedere, willkommen beim Funktionstest auf trockener Piste. Die Teststrecke: Pole Mecanique im südfranzösischen Alés. Eine neuer Kurs mit allem, was es für einen Reifentest braucht. Schnelle Bögen wechseln mit trickreichen Kurvenkombinationen, teils hängende Kurven und ausgefurchter Asphalt stellen hohe Anforderungen an das Haftungsvermögen und Feedback der Reifen. Nach der Gegengerade, lang genug um die kurz übersetzte F 650 GS im letzten Gang an ihr Drehzahllimit zu bringen, folgt ein hartes Bremsmanöver auf sehr welligem Asphalt. Ideale Bedingungen, um die Bremsstabilität zu testen. Und wieder setzt sich der Michelin Anakee gekonnt in Szene, überzeugt mit einer tollen Lenkpräzision und hervorragendem Handling. Die Haftungsreserven der besten Testkandidaten (Avon, Metzeler und Michelin) lassen sich mit der BMW F 650 GS gar nicht voll ausschöpfen. Dafür fehlt es dem Einzylinder schlichtweg an Schräglagenfreiheit, nach der Fußraste graben sich alsbald deren Aufnahme und der Hauptständer in den Asphalt und mahnen zur Vorsicht. Außerdem verfügt die Funduro über zu wenig Leistung, um Hinterreifen mit dieser guten Haftung ernsthaft in Verlegenheit zu bringen.Das Fazit: Man darf den Reifenentwicklern gratulieren. Was vor Jahren noch als undenkbar galt, ist heute bei Topreifen Standard: nämlich tollen Nassgrip, souveräne Trockenhaftung und gute Lauflaufleistung in einem Reifen zu bündeln. Metzeler und Michelin sind ganz nah dran. An der Quadratur des Kreises.

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