Weltrekord-Fahrt (Archivversion) Wem die Stunde schlägt

Zur Präsentation des neuen Pirelli Angel ST eroberte die italienische Traditionsmarke einen neuen 24-Stunden-Weltrekord.

Oh verdammt, warum habe ich mich nur darauf eingelassen? Es ist kalt, arschkalt sogar. Das Thermo-meter hat sich bei einem Grad eingependelt, ein sagenhafter Sternenhimmel funkelt, und das Meer, das bei Kilometer neun in Sicht kommt, schimmert geheimnisvoll im Mondlicht wie Quecksilber. Aber bei Tacho 240 muss man konzentriert bei der Sache bleiben. Auch wenn man praktisch allein ist, wie hier. Hier, das ist Nardó, ein vierspuriger, kreisrunder Nudeltopf in Apulien. Mit vier überhöhten Spuren, vier Kilometer Durchmesser und 12,6 Kilometer lang – eine reinrassige Highspeed-Teststrecke. Pirelli hat eine Kawasaki 1400 GTR und eine Suzuki Hayabusa mit dem neuen Angel ST besohlt, um mit der Kawa in der neu geschaffenen Klasse über 1350 cm³ über zehn, 100, 1000 Kilometer sowie eine, sechs, zwölf und 24 Stunden neue FIM-Rekordzeiten aufzustellen und mit der Haybusa die Zeit des bestehenden FIM-Rekordes über 24 Stunden mit Testfahrern und einer Schar Journalisten zu knacken. Hochoffiziell, vom Weltverband FIM anerkannt und damit alles andere als eine Kirmes-Veranstaltung .

Um dieses Ziel zu erreichen, lautet die Vorgabe: Tachonadel immer bei 240 km/h halten. Auch wenn die Strecke problemlos Dauervollgas ermöglicht. Dann müssten die 24 Stunden ohne Reifenwechsel zu schaffen sein. Außerdem reduziert das moderate Tempo die Anzahl der Tankstopps. Allerdings gilt es, permanent eine festgelegte Fahrspur einzuhalten, der Länge der Kreisbahn wegen. Sonst ist der Rekord ungültig. Nur in Notfällen ist es erlaubt, die Spur zu verlassen. Darüber wachen FIM-Kommissare. Über die Reifentemperatur und -oberfläche am Hinterrad der beiden Motorräder je drei Sensoren und eine Warnlampe im Cockpit .

Punkt 12.30 Uhr fällt die Startflagge. GTR und Hayabusa machen sich auf den Weg. Nach gut vier Stunden ist die Reihe am MOTORRAD-Tester. Es geht zu wie bei einem Langstreckenrennen, als die GTR in die Box rollt. Zündung aus, der Fahrer hebt beide Hände, ein Mechaniker bockt das Motorrad auf. Nachtanken erledigen zwei mit feuerfesten Overalls vermummte Helfer. Reifen auf Beschädigungen prüfen, Fahrerwechsel und ab. Nach neun Runden auf der Kawa, hat Pirelli-Cheftester Salvo Penisi gesagt, reinkommen. Spätestens aber, wenn die Reserve-anzeige blinkt. Die Suzuki soll elf Runden draußen bleiben. Und: kein Windschatten-Fahren. Dann los.

Das endlose Asphaltband saugt die Kawasaki Richtung Horizont, es lärmt und tost hinter der Scheibe. Sanft hebt und senkt sich die Piste. Alle zwei Kilometer stehen Beobachtungsposten. Drei Runden lang passiert nichts. Mist, klemmt etwa der Benzinstandgeber? Dann verschwindet der erste Balken der Tankanzeige. Erleichterung. Anfang der fünften Runde folgt der zweite. Vom Vibrieren der Luft hinter der Scheibe fängt die Nasenspitze an zu jucken, kurz und energisch Visier aufgerissen, kratzen, weiter. Runde neun und noch kein Reservezeichen in Sicht. Und nun? Die Boxeneinfahrt kommt in Sichtweite, noch immer keine Reserveanzeige, bei 300 Metern muss ich abbiegen, wenn ich tanken will. 500, 400 – die Anzeige rührt sich nicht, also weiter. Bei 100 Metern blinkt es. Hölle! Augen zu und durch. Eine Runde wird der Sprit ja wohl reichen. Eine Runde, 12,6 Kilometer oder starke drei Minuten flaues Gefühl, dann taucht endlich das 300-Meter-Schild wieder auf. Gott sei Dank. Die Boxencrew steht schon parat, wedelt wie wild mit einem weißen Spruchband. Nach 4 Stunden, 31 Minuten und 20,514 Sekunden ist der 1000-Kilo-meter-Rekord in der Klasse über 1350 cm³ aufgestellt. An eben jener Stelle, an der MOTORRAD bereits 1994 mit einer Suzuki RF 900 den Rekord in der 1000-cm³-Klasse aufgestellt hatte (siehe MOTORRAD 14/1994).
In der klirrend kalten Nacht wartet der zweite Einsatz auf der Suzuki. Gegen 22.30 Uhr soll es losgehen. Doch plötzlich Aufregung, Hektik, ein französischer Kollege hat kein klares Visier dabei. Verdammt spät, um so etwas zu bemerken. Meines passt, aber er hat den Turn direkt davor. Der Plan ist schnell geschmiedet. Er bekommt das Visier, und Kollege Sergio, rennerprobter Spanier, übernimmt bei der Übergabe die Wechselarbeit. Die Zeit, die für das Nachtanken verstreicht, sollte dafür reichen. Sie reicht, und gegen halb elf bohre ich mit der Hayabusa in die Nacht. Herrlich, wie sie abgeht, der Motor ist eine Pracht, hat ungleich mehr Schmackes als die Kawa. Dazu liegt die aerodynamisch ausgefeiltere Suzuki spürbar ruhiger. Allerdings ist der Windschutz komplett zum Vergessen, und die Instrumente spiegeln sich in der Verkleidungsscheibe. Ab der sechsten Runde nagt sich die Kälte durch das Leder an Nacken, Handgelenken, Brust. Zwei Umläufe später prescht direkt vor mir die Kawasaki vom Tanken zurück auf die Bahn. Windschattenfahren ist nicht erlaubt. Und Hinterherfahren doof. Also einmal kurz alle Gedanken an Reifenverschleiß und Verbrauch ausblenden, Hahn voll spannen und die Tachonadel bis ans Ende der Skala treiben. Wenn nicht hier, wo dann? Selbst mit über 240 Sachen auf dem Tacho marschiert die Suzuki noch wie angestochen, Wahnsinn. Das vertreibt kurzfristig sogar die Kälte.

Wenig später meldet die Tankleuchte Ebbe, das Signal zum Boxenstopp. Die Turns nach Mitternacht werden sich nun die Pirelli-Testfahrer teilen. Michele Corellini, mit 54 der Älteste im Team, erwischt es besonders hart. Kurz nach Mitternacht schlägt seine Stunde, anders jedoch, als er es sich gewünscht hätte. Die Kawa gibt den Geist auf. Bei Kilometer fünf. Mann oder Memme? Für ihn keine Frage. Er schiebt das Trumm, begleitet von Ärzten und FIM-Offiziellen, die restlichen sieben Kilometer. In zwei Stunden, ohne Hilfe. Sonst wäre der Rekord futsch. Er schafft es, am Ende mit den Kräften. Als Dank darf er am nächsten Tag den finalen Turn auf der Suzuki fahren und damit die insgesamt sieben Rekorde sichern. Nach 24 Stunden fällt für die Hayabusa die schwarz-weiß-karierte Flagge. Der Pirelli Angel ST ist nach 5135,784 Kilometern mindestens so platt wie Michele Corellini in der Nacht zuvor.

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