100 Jahre MOTORRAD: Reisen (Archivversion)

Es gibt Dinge, die werden sich in hundert Jahren nicht ändern.

Hoch »Tanja« hat heute einen Tiefpunkt. Keine Ahnung, ob der auch einen Namen hat, er hängt jedenfalls zwischen Möckmühl und Boxberg auf der Bundesstraße. Es scheint verhext. Rundherum Sonne, mitten über meiner Straße jedoch ein pechschwarzer Regenvorhang. Ich stehe an der Tanke neben einer Zapfsäule. Ein Schlauberger blickt in Regenrichtung, steigt in seine Blechkiste und meint verschmitzt: »Gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung, oder?« Genau. Der Spruch ist mindestens so alt wie ich selbst. Und eine Lüge. Denn trotz atmungsaktiven Hightech-Zwirns mit innenbelüftetem Funktionsfutter, variabler Taschen, selbstglättender Falten, aerodynamischer Bündchen und Fluxkompensator führt meistens kein Weg an der guten alten Regenkombi vorbei. Das Ganzkörperkondom jedoch ist ein Mysterium. Hat man es dabei, regnet es so in der Regel nie. In der Regel, die Ausnahmen bestätigen. Keine drei Kilometer Luftlinie entfernt scheint die Monsunzeit angebrochen. Also rüber damit. Das heißt erst mal runter damit – die Kombi ist dummerweise ganz unten im Packsack. Abpacken. Auspacken. Innenfutter der Jacke wieder einpacken. Na klasse, irgendwie bekomme ich die Rolle kaum wieder zu. Blick nach vorn. Zunächst mal in Ruhe tanken und Bike checken, vielleicht ist der Regen dann vorbei. Das Knirschen, als ich den Tankrucksack abziehe, lässt nichts Gutes ahnen. Eine Narbe mehr im Lack. Kurz noch den Reifenluftdruck prüfen. Ventilkappe runter, logo, Finger dreckig. Spanngurte festziehen. Oh, irgendwo war da meine Sonnenbrille drin. Ist jetzt auch egal. Denn ein Unglück kommt selten allein. Der TÜV ist diesen Monat fällig. Bemerke ich beim Gepäck verzurren. Okay, hab’ ja noch zwei Wochen Zeit. Also ganz relaxt bezahlen.»Welche Säule?« Wie, welche Säule? Da arbeiten diese Typen hier Tag ein, Tag aus und kennen ihre Säulen nicht. Bin schließlich der einzige Biker weit und breit. »Die, wo das Motorrad steht.« »Macht dreizehn fünfzig.« Mir wird heiß. Erfolgloses Abtasten. Wo ist mein Portemonnaie? Das war doch... im Innenfutter. »Bin gleich zurück.« Alles noch mal abschnallen, bis auf den Boden durchwühlen und endlich zahlen. Heut’ ist nicht mein Tag. Jetzt aber rein in die Kombi. Doch spätestens im Kniebereich wird’s eng. Hab’ glatt vergessen, dass ich die Stiefel ausziehen muss. Nach einer kleinen Unendlichkeit ist es dann so weit. Mein rechter Daumen drückt den Starterknopf der Africa Twin. Eine 650er übrigens. Die erste. 225 Kilogramm vollgetankt, 57 PS, Honda-Werkslackierung. Längst ein Kultobjekt, das man nie verkaufen würde.Außer in Momenten wie diesen. Der Druck auf den Startknopf – nix! Kein Lebenszeichen. Blöder Bock... Sorry Twin, der Killschalter steht auf »Off«. Passiert selbst alten Hasen noch. Ich fühle mich gewappnet. Die Lüftungsklappen des Helmes sind geschlossen, die Stiefel wasserdicht, die Regenkombi harrt ihrer Bestimmung. Aber sie harrt vergeblich. Von oben kein Tropfen. Lediglich die Straße ist ein bisschen feucht. Fünf mickerige Kilometer lang. Danach ist sie wieder staubtrocken. Es ist Freitagabend, die Sonne hängt urlaubsreif am Himmel, es kocht unter der Regenkombi, und ein Riesenbrummer atomisiert sich auf meinem frisch geputzten Visier. Zertrümmert damit auch meine Lust, auf der Landstraße heimzufahren. Stuttgart–Sudershausen, der Ort, aus dem ich stamme. Schlappe 431 Kilometer per Autobahn. Wollte diesmal eigentlich die Landstraßenvariante testen. Ist aber – wie so oft – viel später als geplant. Mein Schatten streift über die Betonplatten der A 81 Richtung Würzburg. Ich könnte stundenlang zusehen. Dem Spiel der langen Federwege, die mich wie Träger einer Sänfte in der Waagerechten halten. Meinem Abbild, das mich wie mein allerbester Freund begleitet und schließlich im Einklang mit dem Sonnenuntergang verschwindet. 254 Kilometer später schält sich die Tankstelle Rhön aus dem Dunkel. Soll ich? Ach was, bin ja schließlich auf einer 130-km/h-Wolke geglitten. Das spart Benzin. Von wegen. Keine vier Kilometer nach der Tanke beginnt die Benzinleuchte zu glimmen. Murphy’s Law. Wieder nicht aufgepasst. Wann kommt die nächste Spritstation? Auf den Parkplatz gerollt, Blick auf die Karte. Dummerweise befinde ich mich genau im Knick. Irgendwo zwischen Hünfeld/Schlitz und Niederaula. Heißt: Karte aus dem Tankrucksack fummeln. Auseinander falten. Und danke für den Wind. Wochenlang nicht die kleinste Brise. Jetzt bläst’s mir das Teil schier aus der Hand. Knicken. Falten. Fluchen. Menschen, die Kartenfächer für Tankrucksäcke entwerfen, sollten als Aufnahmeprüfung für ihren Job dazu verdonnert werden, innerhalb von zehn Minuten 15 weit über Deutschland verteilte Orte auf den Shell-Detailkarten im Maßstab 1:200000 herauszufalten. Dann gäb’s solche Schwierigkeiten nicht.Immerhin, bis zur nächsten Tanke ist es nicht weit. Müdigkeit bemächtigt sich meiner Augenlider. Ich gönne mir einen schnellen Kaffee, weiter geht’s. Aber nicht viel. Als wäre der Kaffee nonstop durchgeflossen, zwingt mich Blasendruck zum Halt. Kaum wieder onroad, juckt es wie verrückt unterm Helm. Nach fünf Stunden das ersehnte Ortsschild: Sudershausen. Endlich daheim. Und alle schon im Bett.»Eis essen? Natürlich komme ich mit«, meint Nachbar Wolle am nächsten Mittag. »Muss nur mal kurz die Vergaser synchronisieren. Dauert nur fünf Minuten.« R 80 G/S-Fahrer Wolle hat theoretisch nie ein Problem. Praktisch schon. Am Zylinderfuß leckt seit mehreren Jahren Öl, Vergaser und Ventile verlangen so viel Fürsorge wie ein Neugeborenes, und spätestens vor jedem Urlaub fehlt ihm mindestens ein wichtiges Ersatzteil. »Läuft aber trotzdem«, beteuert er dann stets. Und fährt einfach los. Als Wolle seine BMW 1984 anmeldete, traf er bei der Zulassungsstelle auf Frau Bruns. Frau Bruns schien taub. Und war vielleicht auch blind. Jedenfalls verpasste sie ihm eine ellenlange Nummer, die lediglich auf einem Kuchenblech unterzubringen war. Wolle zog in einen anderen Landkreis.So kommt’s, dass wir Nachbarn sind. Und uns endlich, nach drei Stunden Synchronisieren, auf dem Weg zu Schridde, einem Pechvogel par excellence, befinden. Schridde pilotiert eine Yamaha XT 500. Wenn sie denn fährt. Als wir auf seinen penibel gepflasterten Hof rollen, liegt er auf einem Meer aus zigtausend getrockneten Kettenfett-Flecken und schaut unter die Maschine. »Wollte eigentlich nur mal schnell putzen«, sagt er, »dann kam die Idee mit dem Ölwechsel. Und nun das...« Schriddes Hand präsentiert eine abgerissene Ölablassschraube. Könnte doch länger dauern. Wir fahren ohne ihn Eis essen. Heiner Heise, Hüter eines alten Familienrezeptes, verkauft die Köstlichkeiten in seiner Wohnstube in Lauenberg bei Einbeck. Unter Motorradfahrern längst ein Geheimtipp. »Na, Jungs, sturzfrei hergefunden?« Klar doch. »Dachte, sie hätten Rollsplitt gestreut. Jeder zweite, der stürzt, erzählt mir nämlich, er sei darauf ausgerutscht.« Wir genießen. Das Eis. Die Aura altbekannter Hausstrecken. Stunden mutieren zu Minuten. Der Abschied naht. »Junge, fahr vorsichtig«, sagt meine Mutter und umarmt mich. Es gibt Dinge, die werden sich nie ändern.

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