100 Jahre MOTORRAD: Reisen (Archivversion)

Vom Baumwollzelt ins Bikerhotel

Seit Motorräder rollen, pöttert die Menschheit damit durch die Welt. Auch wenn die Bedingungen wechselten – die Lust ist dieselbe geblieben.

So muss es sein – schon in der allerersten MOTORRAD-Ausgabe geht’s auf Tour. Mit einer Zweidreiviertel-PS starken NSU absolviert Redakteur Heinz Kurz eine »Bundeswanderfahrt mit dem Motorrade« von Wien über Köln nach Hamburg. Gar nicht mal so knapp die Strecke. Und gleich vorne auf Seite vier platziert! Hundert Jahre später sind die Reiseseiten im Blatt etwas weiter nach hinten gerückt, man fährt in den Spreewald und nach Norwegen sowie ab und an auch mal nach Honduras, Nepal oder in den Kongo. Das Zweirad hat viele Veränderungen durchlebt, aber Reisen scheint unerschütterlich mit ihm verbunden zu sein. Selbst wenn es in MOTORRAD nicht immer danach aussah. Doch beginnen wir von vorn.Nach den ersten technischen Pioniertagen um die Jahrhundertwende und dem Niedergang während des Ersten Weltkriegs prägten in den zwanziger Jahren Aufbruchstimmung und Lebenslust das Klima in Deutschland wie in MOTORRAD. Neben gelegentlichen Reiseberichten – mit der 350er über die Alpen, per BMW durch fünf Länder – sowie diversen Service-Artikeln wie »Motorrad und Zelt« oder »Kleidung für den Wanderfahrer« war es vor allem »Der Touristische Ratgeber«, der den Bikern jener Jahre durch die Welt half. Wie komme ich am besten von Dresden nach Basel? Oder von Bayreuth an die Memel? Ging es über den Schulatlas hinaus, offenbarten sich die Kenntnisse über Strecken und deren Befahrbarkeit als gering. Auch die Nachkriegs-Bürokratie war nicht ohne Tücke: Brauche ich ein Triptik (Carnet) für Österreich? Einen internationalen Führerschein im polnischen Korridor, ein Visum für die Schweiz, eine Zollhinterlegung für Holland? Fährt man in Tirol rechts oder links (links!), werden Fotoapparate an der französischen Grenze konfisziert, und wie komme ich durch die besetzten Gebiete am Rhein? Und erst die Technik: Schafft meine 200er-DKW den Brocken mit Sozius, die obengesteuerte 350er-A.J.S das Stilfser Joch, welche Ersatzteile muss ich mitnehmen, und was wird die Reise kosten? Soll ich lieber eine Beiwagen-Übersetzung montieren oder die Ventile noch mal einschleifen? Die Redaktion tippte unermüdlich und in aufopferungsvoller Weise seitenlang alle gewünschten Antworten ins Blatt und versuchte durchweg Mut fürs Abenteuer zu machen: »Klar packt Ihre Ardie das, nehmen Sie Flickzeug sowie ein paar Kettenglieder mehr mit, und lassen Sie den Sozius notfalls am steilsten Stück nebenher laufen! Denn: die Maschine schafft meistens mehr wie der Mensch.« Die Leser revanchierten sich mit Postkarten und Reisefotos, grüßten vom Titisee und der Zugspitze oder manchmal auch sportlich mit Gehirnerschütterung und Beinbruch aus dem Krankenhaus Neukölln. Bewegte Jahre – die Comedian Harmonists sangen von Wochenend und Sonnenschein – was passte da besser als ein Motorrad? Schlägt man das Blatt ein Jahrzehnt später auf, 1939, ist der Ton komplett verändert, das NS-Regime massiv auf dem Vormarsch und die deutsche Landkarte in ständiger Ausdehnung begriffen. In den Alpen gibt es jetzt den Adolf-Hitler-Pass, statt Österreich die Ostmark, und »Danzig ist endlich wieder deutsch«. Schriftleiter Gustav Müller ist NS-Mann reinsten Wassers und polt die männlichen Leser systematisch um: »Krad-MG nach vorn«, Legion Condor und »die BMW R 11 und ich im Polenfeldzug« sind nun die Themen. »Die Zeit der Spazierfahrten ist für uns im Augenblick vorbei – wir haben jetzt andere Interessen.« Stimmt. 1943 wird das Blatt eingestellt. Im Herbst 1949 erscheint die erste Nachkriegsausgabe – Gustav Müller immer noch am Ruder. Und wendet MOTORRAD nun mit solch einer Besessenheit in Richtung Technik und Sport, dass es in seiner Geschichte ohne Beispiel bleibt. Nachkriegspragmatismus. »Neues Leben auf dem Schleizer Kurs«, »Sport in der Ostzone«, die neue BMW R 51 – dominierende Themen jener Jahre. Tatsächlich stand im zertrümmerten Deutschland vermutlich niemandem der Sinn nach Reisen und Muße. Millionen Kriegs- und NS-Opfer, die gerade überstandene Währungsreform – Arbeit war die Zauberformel jener Bewältigungsjahre.Erst in den 50ern kam sie mit Macht zurück – die Lust am Reisen. Endlich raus, endlich weg, endlich andere Länder sehen. Ohne Krieg. Was irgendwie rollte, wurde gen Süden getrieben, über die Alpen, nach Italien. Oft mit unglaublichen Mühen und technisch am Rande des Machbaren, zu zweit, zu dritt. Der Großglockner meldete 1955 und 1956 mit fast 50000 Motorrädern in einem Jahr später nie mehr erreichte Rekordhöhen. Bei MOTORRAD gab’s indessen lediglich ein paar touristische Infos im Baedecker-Stil, die »Das Berchtesgadener Land« oder »Nach Italien« hießen, Emotionen lieferten in jenen Tagen die Schottischen Sixdays, »MOTORRAD schraubt an DKW RT 125« oder die »Errechnung der Steigfähigkeit«. Die 60er Jahre brechen an und für die Zweiradfraktion das dunkelste Jahrzehnt. Deutschland hatte die luftige Erstmotorisierung hinter sich gelassen und zuckelte nun mit Kadett und Käfer nach Split und Dubrovnik, während bei MOTORRAD ein Häuflein Unentwegter um Chefredakteur Ernst Leverkus von Fahrtenschreiber, Nürburgring und den ersten Honda träumte. Erbarmungswürdig dünne Hefte, die Redaktion hält sich gerade so über Wasser, Motorradreisen interessieren keinen Menschen. 1970. Die ersten Charterflieger starten nach Mallorca und an die Costa Brava, drei Wochen Urlaub sind nun für fast alle Bevölkerungsschichten drin. »auto motor und sport« bringt sinnliche Sonderhefte »Sommer 1970« mit lockenden Strand-Schönheiten auf dem Titel, während MOTORRAD sich zwischen Test und Sport maximal zu »Ago privat« hinreißen lässt. Dann – 1978 – der Umschwung. Das Heft scheint wie von einem Orkan durchgefegt. Es wird lebendig, Men-schen und Fantasien halten wieder Einzug, mit Easy-Rider-Revivals, der Rallye Paris-Dakar und in deren Kielwasser die ersten aufmüpfigen Choppern und Enduros. 1980 gibt es sagenhafte 29 Choppermodelle in Deutschland. Die Industrie lockt auf fetten Farbanzeigen mit Exotik- und Abenteuerszenen, und siehe da – bald tauchen wieder Reiseberichte im Blatt auf. Die Fotos noch ein bisschen flau und wackelig, aber egal. Das Heft schwappt auf einer unglaublichen Erfolgswoge, der Motorradboom reißt alles mit sich. Wer irgend kann, ergattert eine 27- oder 50-PS-Möhre und brettert damit los. Frankreich, Spanien, Marokko, so weit die Speichen tragen. Mit Bundeswehr-Schlafsack und Kaufhaus-Hundehütten-Zelt (blau-rot für 49,90 Mark), Lederjacke, Regenkombi und die unvermeidliche blaue Mülltüte überm Gepäck – fertig war die Urlaubslaube. Mit 350 Mark ließ sich wochenlang Ferien machen. Das Motorrad war zum erschwinglichen Youngster-Vergnügen geworden, taugte gleichermaßen gegen Fernweh und zum Ausbruch aus dem spießigen elterlichen Reihenmittelhaus.1985 wird das Unterwegs-Ressort gegründet. Noch ganz klein, schwarzweiß und knapp vor der Vorschau – doch der Anfang ist gemacht. Länder-Menschen-Abenteuer – die Inhalte waren bunt gemischt. Eine Leserreise nach China, Trips mit Peter Maffay und bald schon erste Infos für Fly & Bike: Motorrad einpacken und irgendwo in der Welt losbrummen. Amerika, Afrika oder Australien. Vier Veranstalter annoncierten bereits im Kleinanzeigenteil. Der Beginn einer neuen Dimension des Reisens. Drei Jahre später präsentiert die Redaktion mit MOTORRAD Touren ein eigenes Reisemagazin. Das stieß leider nie in wirklich profitable Gewinnzonen vor, so dass 1992 das Budget wieder in MOTORRAD gesteckt wird: ein neuer Unterwegs-Teil entsteht. Beste Aus-stattung, Top-Fotografen – piekfein und sündhaft teuer. Statt argloser Urlaubsknipser werkelt nun eine ganze Armada von Profis an der Freizeitsimulation. Und es trifft den Nerv. Denn die Biker haben die Low-Budget-Ebene inzwischen verlassen. Bikerhotel oder Hightechzelt sind an Stelle der miefigen Hundehütte getreten. Organisierte Pauschalreisen über die Route 66 oder Ténéré-Kamelpfade sind nun per Katalog zu kriegen.Was bleibt? Das Reisen selbst. Auch wenn es heute deutlich komfor-tabler zugeht als 1903 mit zweidreiviertel PS zwischen Wien und Hamburg – die Freude ist die gleiche geblieben.
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100 Jahre MOTORRAD: Reisen (Archivversion)

Das Equipment hat sich verändert,die Lust ist geblieben

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Der Beginn einer neuen Dimension –Charterreisen rund um die Welt. Käuflich für jeden

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