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Entlang der Noordsee-Küste zwischen dem niederländischen Den Helden und dem dänischen Oksby erstreckt sich das Wattenmeer, eine Region, die mit auffälligen Reizen geizt - bis man genauer hinschaut.

Lautstark blöken Klaus und mir ein paar dickpelzige Schafe entgegen. Auf dem schmalen Sträßchen neben dem Deich hat eine ganze Herde der Wollproduzenten Platz genommen und döst in der Sonne. Ich parke die MOTO´ 6.5 neben dem Weg, um die friedlichen Deichbewohner bei Harlingen im niederländischen Friesland nicht bei ihrer Mittagspause zu stören. Die Schafe gehen hier schließlich einer wichtigen Arbeit nach: Sie sollen das Deichgras kurzfressen, dabei zugleich den Boden verdichten und so den Deich stabilisieren. Die Störenfriede sind also eigentlich wir.Von der Deichkrone aus beobachten Klaus und ich das Wattenmeer. Langsam treibt die Flut das Wasser durch die Priele, die sich durch den schlammschwarzen bis sandgelben Wattboden winden. In wenigen Minuten werden diese natürlichen Kanäle, die auch bei Ebbe immer Wasser führen, nicht mehr zu sehen sein - und Texel im Westen sowie Vlieland und das vor mir liegende Terschelling werden wieder »echte«, vom Meer umschlungene Eilande sein. Genügsame blaßrosa Salz-Astern und lilaleuchtender Strandflieder blühen in den Salzwiesen, die vor dem Deich den Übergang vom Land zum Meer markieren.Ein paar Meter weiter entdecken wir die nächste Schafherde, die von ihren Schäfern zum Scheren in einen Pferch getrieben wird. »Eigentlich eine leichte Arbeit«, erläutert einer der Schafscherer, »nur die jüngeren Tiere wehren sich ein bißchen gegen die ungewohnte Prozedur.« Die drei Jungbauern tragen selbst modisch kurze Haarschnitte, und aus ihrem Autoradio hämmern Chart-Hits, nur übertönt vom Tuckern eines Dieselaggregats, das die elektrische Schere mit Strom versorgt. »Der Pelz kommt jetzt im Sommer zum ersten Mal in diesem Jahr runter, weil’s im Frühjahr so kalt war«, wird uns erklärt - die Schafe hätten ihre Pullover noch selbst gebraucht.Gemütlich bummeln wir über die schmale Deichstraße weiter, durch kleine Dörfer, deren bunte Häuser mit großen, von ebenfalls farbenfrohen Rahmen umgebenen Fenstern in der Sonne leuchten. Rot und Gelb dominieren. Bei Holwerd machen wir einen Abstecher hinaus zur Fährbrücke nach Ameland, wo das gleißende Meer ebenso silbergrau schimmert wie die Aprilia. Zu Schiermonnikoog, der wunderschönen »Insel der grauen Mönche«, die jetzt unter einem düsteren Himmel draußen im Wattenmeer vor uns liegt, paßt das Grau des Eintopfs allerdings nicht minder - leider sind auf der Insel keine Fahrzeuge erlaubt.Hinter Lauwersoog beginnt ein militärisches Manöver- und Schießgelände - und das in unmittelbarer Nähe zu einem Naturschutzgebiet. Doch der wegen seiner Artenvielfalt einzigartige Lebensraum Wattenmeer ist weiteren, ständigen Bedrohungen ausgesetzt: Das in unterschiedlich intensiv geschützte Zonen eingeteilte Watt wird nicht nur von Menschen bewohnt und bewirtschaftet, sondern ist auch gerade im Sommer ein beliebtes Erholungsgebiet. Keine leichte Aufgabe für die Küstenbewohner, ihre ökologischen und ökonomischen Interessen sowie die ihrer unzähligen Gäste unter einen Hut zu bringen. Neue Tourismuskonzepte sind gefragt, die diese einmalige Naturlandschaft möglichst wenig belasten - endlos lange Strandpromenaden mit Wurstbuden und Diskotheken gibt es jedenfalls schon genug.In Pieterburen besuchen wir die Zeehondencrèche, die »Seehundkinderkrippe«, in der seit 1971 mutterlos aufgefundene oder kranke Seehunde gepflegt, aufgezogen und später wieder ausgesetzt werden. »Wir sind mittlerweile zu einer richtig großen Seehundklinik und Forschungsinstitution gewachsen, die inzwischen Seehunde und Robben auch aus entfernten Regionen aufnimmt, wenn es dort einmal Probleme gibt«, erklärt Hildegard Schulte, Mitarbeiterin der Station. Sie zeigt uns ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem ein kleiner Seehund aus einer Wanne in einem Garten lugt: »Am Anfang mußte hier noch viel improvisiert werden, heute gibt es diverse Abteilungen wie Quarantänebereiche für Neuankömmlinge, Aufzuchtbecken mit wärmender Infrarotbestrahlung und Freilandbecken für die größeren Tiere.« Draußen im Basin streiten sich inzwischen »Victor-Aike«, »Strand Vondertje«, »Priscilla« aus Frankreich und »Okkie« um einen sonnenbeschienen Liegeplatz. Nächste Woche werden die munteren Raufbolde wieder ins Wattenmeer entlassen.Am nächsten Morgen strebt die MOTO´ 6.5 durch eine schier endlose Reihe von Windkrafträdern auf Eemshaven zu. Die großen, meterlangen Rotorblätter drehen sich rasend schnell, angetrieben von der herben Kraft des salzigen Winds, der landeinwärts stürmt. Nach einer Weile schmecken auch unsere Lippen nach Salz. Eigentlich keine Gegend für unsere hübsche Italienerin, die sich hier vermutlich viel zu schnell rostbraun färben würde. Schließlich treibt uns der böhige Rückenwind ruckzuck nach Delfzijl - zum ersten Kaffeestopp mit Blick auf den regen Schiffsverkehr in der Emsmündung.Der Grenzübertritt am südlichsten Punkt des Dollart, die erste der großen Wattbuchten, vollzieht sich europäisch unmerklich, und bald haben wir das hübsche Dörfchen Ditzum erreicht. Von hier schippert von März bis Oktober eine Minifähre über die Ems nach Petkum. Nur zwei Autos und ein paar Fahr- oder Motorräder finden auf dem alten Schiffchen Platz. Ich bugsiere die MOTO’ 6.5 neben das hölzerne Steuerhaus und genieße die Flußquerung auf dem leicht schaukelnden Untergrund - und die neue Perspektive: Das Schiff liegt bei Ebbe so tief, daß es vom hohen Schilf auf dem schlammigen Ufer überragt wird.Von Petkum geht es nach Emden, vorbei am Delft, einem Hafenbecken mitten in der City. Ein ausrangierter Rettungskreuzer und ein knallrotes Feuerschiff, in dessen Rumpf sich ein hervorragendes Restaurant befindet, lassen Klaus und mich dort eine Weile pausieren. Als nächstes Ziel peilen wir Krummhörn an, das Land zwischen Emden und Greetsiel mit seinen kleinen, dicken, rot-gelb geringelten Pilsumer Leuchttürmchen. Das ostfriesische Kleinod Greetsiel samt Kutterhafen und den berühmten Doppelwindmühlen ist uns jetzt im Hochsommer zu überlaufen, und so fliehen wir über Norden-Norddeich nach Juist und Norderney ins kleine Neßmersiel.Der hiesige Schiffsanleger ist über einen schmalen Fahrdamm durch das feuchte Marschland zu erreichen und liegt wie eine Halbinsel im Watt. Eine Personenfähre steuert gerade durch die tief in den Wattboden eingespülte Fahrrinne hinüber nach Baltrum. Die untergehende Sonne färbt den weißen Rumpf des Schiffs ebenso goldrot wie die Wolken und die Wasserreste auf dem welligen Wattboden, auf dem Möwen ihr Abendmahl genießen. Auch wir kommen am späten Abend in Neßmersiel noch in den Genuß eines exzellenten Fischmahls im »Hotel-Restaurant Fährhaus«, unmittelbar hinterm Deich, wo wir auch übernachten.Die Sielorte und Inseln entlang der ostfriesischen Küste liegen inzwischen vor uns, aufgereit wie Perlen an einer Kette: Dornumer-, Benser-, Neuharlinger- und Harlesiel sowie Langeoog, Spiekeroog, Wangerooge und ganz weit draußen Helgoland. Bei Schillig-Horumersiel folgt die zweite große Wattbucht. Über Hooksiel erreichen wir Wilhelmshaven an der Mündung zum Jadebusen. Weil über die Jade aber nur eine Personenfähre verkehrt, umrunden wir die Bucht, um durchs Butjadinger Land nach Nordenham zu gelangen. Stürmisch ist´s hier oben an der Waterkant. Heftige Böhen rütteln immer wieder am Helm, ab und zu zwingt uns starker Seitenwind zu spektakulären Schräglagen. Dafür scheucht der Wind wunderschöne Wolkenformationen vor uns her, nur gelegentlich durchbrochen von den diffusen Strahlen der Nachmittagssonne. Zwischen Bremer- und Cuxhaven erstrecken sich die letzten Ausläufer des niedersächsischen Wattenmeers, darin eingeschlossen die kleine Enklave des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer, die die Vogelinseln Scharhörn und Neuwerk umschließt. Elbabwärts bei Wischhafen nehmen wir die letzte Fähre nach Glückstadt.Mit Dithmarschen, dem winderprobten, rauhen Landstrich zwischen Elbe und Eider, beginnt der schleswig-holsteinsche Teil des Watts. Im idyllischen Fischereihafen von Friedrichskoog ist morgendliche Schiffspflege angesagt. »Bald is nämlich Kutterparade, da soll alles `n bißchen schmuck sein«, so Kutterkapitän Torsten Weber. Wie die Seehunde - in den Augen der Fischer ihre Konkurrenten - ist Käpitän Weber ein echter Wattenmeerbewohner: »Ich hab´ mal in Hannover gewohnt, aber mich hat’s wieder hergezogen, obwohl sich die ganze Krabbenfischerei nicht mehr lohnt. Es ist heute schon schwer, ‘nen zweiten Mann anzuheuern.« Den hat der fröhliche Fischer zum Glück gefunden, schließlich schmeckt auch das Pausenbier zu zweit viel besser.Nach einem Imbiß auf dem »Piratenrestaurantschiff« im Büsumer Hafen fahren wir vorbei am gewaltigen Eidersperrwerk. In St. Peter-Ording, dem bekanntesten Eiderstedter Ort, locken draußen im Watt eine Handvoll Pfahlbauten aus Holz, Drehort der Surfer-Serie »Gegen den Wind«. Der Weg durchs Watt ist Deutschlands Gegenstück zu Amerikas berühmtester Strandmeile von Daytona Beach, und wer Salzwasser und Schlick nicht scheut, darf hier mit seinem Fahrzeug direkt bis zum Meer fahren. Wir tun´s nicht - uns graut es vor der dann notwendigen und langdauernden Reiningung der armen Aprilia. Dann schon lieber hinter Husum über den Fahrdamm auf die Watt-Insel Nordstrand »segeln«, das Motorrad gegen den steifen Nordwest gelegt und in Strucklahungshörn auf die Molen klettern, um den Blick auf Pellworm zu genießen.In Nordfriesland liegen die Halligen: winzige Inselchen, deren wenige Häuser auf Warften stehen. Diese Wohnhügel, die bei Sturmfluten als einziges aus dem Wasser ragen, erscheinen von Schlüttsiel aus wie einzelne Mini-Inseln. Hier wagen wir den direkten Kontakt mit dem Watt. Stiefel aus, Socken weg, ab in den Matsch. Zuerst geht´s durch schwarzes und bisweilen knietiefes Schlickwatt. Doch schon bald latschen wir durch sandigeres Mischwatt. Das Blubbern des porös gerippten Bodens, die Muscheln, Wattschnecken, Krabben, die geringelten Sandhäufchen der Wattwürmer und die unzähligen Kriech- und Laufspuren deuten auf eine riesige Artenvielfalt hin.»Da vorn ist eine Sandbank«, rufen uns entgegenkommende Wattläufer zu. Vorbei an den Buhnen, und durch wasserführende, gewundene Priele erreichen wir festes Sandwatt, das wie ein Strand bis zur Fahrrinne reicht. In der Rinne für die Fähren zu den Halligen Hooge, Langeneß und zur Insel Amrum zieht langsam ein Ausflugsschiff wie auf einem Fluß vorbei. Die einsetzende Flut mahnt uns aber nach einer Weile zur Umkehr. Schon oft sind Wattwanderer von der schnellen Strömung vom Land abgeschnitten worden. Zurück am Strand, dauert´s schließlich eine ganze Weile, bis wir endlich Sand und Schlick von den Beinen abgeduscht haben - das braune Zeug ist ziemlich hartnäckig.Durch Dagebüll-Hafen, Hauptverbindung nach Amrum und Föhr, nähern wir uns dem dänischen Grenzort Rudbøl. Nach Rømø, nördlich von Sylt, führt ein Fahrdamm, was bei dem schönen Wetter leider auch andere zu nutzen wissen - die hübsche Insel ist sehr überfüllt. Ein Hit ist jedoch das Inselchen Mandø und der Ebbevej dorthin. Die langbeinige MOTO´ 6.5 fühlt sich beim Rückweg über den gerade noch aus dem Wasser ragenden Schotterweg sauwohl. Tückisch ist, daß der Weg nicht nur gut sichtbar von der Seite über-, sondern vor allem von unten durchflutet wird - also ist Tempo angesagt.Nördlich der Industrie- und Hafenstadt Esbjerg endet die Wattenmeerküste mit der Ho Bugt und Blåvands Huk. Die Landschaft um die Bucht erscheint mit den sanft zum Meer abfallenden Feldern und mit Krüppelkiefern bestandenen Hügeln schon sehr skandinavisch. Wir umrunden die Bucht und gelangen auf die Dünenhalbinsel Skallingen, die sich auf die Insel Fanø zukrümmt. In den Dünen treffen wir einen Maler, der damit beschäftigt ist, die Landschaft mit der Abendsonne, die durch Risse und Lücken zwischen tiefhängenden, schnell dahin ziehenden Wolken strahlt, mit gekonnten Strichen zu Papier zur bringen. Mit einem Lächeln deutet er auf seinen kleinen Wohnbus am Fuß der Dünen: »Hier hab´ ich absolute Ruhe, und da hinten in Blåvand drängen sich die Touristen.« Auch uns gefällt es hier. Wir bleiben, bis die Sonne verschwunden ist - ein phantastisches Schauspiel, bei dem sich im raschen Wechsel Farben und Stimmungen verändern, bis das Watt schließlich im glänzenden Abendlicht die letzten Sonnenstrahlen reflektiert.

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