20 Jahre Frauennetzwerk Hexenring––––– (Archivversion) Vom Blocksberg auf die Piste–––––

Das erste Pannen-Netzwerk für reisende Motorradfahrerinnen wird 20 Jahre alt. Was ist aus den Kämpferinnen der wilden 70er Jahre geworden, die damals mitten in der Macho-Welt die lila Frauenfahne hissten?

»Ich, 23, mit MZ 150, suche Motorradbesitzerin, die im Juli mit nach England/Schottland fährt.« Renate weiß sogar den Text noch. Damit fing es an. Im Mai 1978, als Kleinanzeige in der Frauenzeitschrift Courage Nummer fünf, der Gründungsurkunde des Hexenrings quasi. Renate zieht ein Fotoalbum aus dem Rucksack, ein paar vergilbte Rundbriefe und Adresslisten - Reliquien aus 20 Jahren Frauen-Netzwerk Hexenring, deren Regie die nunmehr 44jährige während der ersten Dekade führte. Wir sitzen auf ein paar Klappstühlen inmitten von Motorrädern, Zelten und 117 Frauen auf der Burg Waldeck im Hunsrück bei der Jubiläumspartie. Von Hamburg sind sie gekommen, aus Frankfurt, Bayern und dem Ruhrpott. Sogar die befreundeten »Motorsien« aus den Niederlanden sind übers lange Wochenende da. Es ist Samstagnachmittag, die traditionelle Rallye gerade zu Ende, die Frauen sitzen in kleinen Gruppen beisammen, plaudern, ein paar machen Spiele. »Eigentlich suchte ich damals lediglich eine Urlaubspartnerin mit Motorrad.« Aber sie kannte keine. Also inserierte sie. In dem Blatt, das sie und viele andere, von der brodelnden Frauenbewegung der 70er Jahre angesteckten jungen Frauen eben lasen - Courage. Sieben Frauen meldeten sich. Zwar klappte für diese Reise die Koordination noch nicht - eine musste ins Krankenhaus, der anderen ging das Motorrad kaputt, die dritte bekam den Führerschein zu spät, die vierte fuhr eine unpassend schnelle BMW. Auch wenn Renate letztendlich doch alleine auf die Insel mußte, aber der Anfang war gemacht. Natürlich verbriet die kleine Emme unterwegs einen ihrer Kolbenringe, und Renate bekam richtig Stress - egal, sie war angefressen. Bereits wenige Monate später saß sie mit einer der Schreiberinnen und späteren Mitgründerinnen des Netzwerks, Stefanie Groth, beim Kaffee und grübelte über der Idee der organisierten Pannenhilfe. Ein Netzwerk mit Adressenliste müsste her. Wo frau anrufen könnte und von Gleichgesinnten Hilfe bekäme, Werkzeug, Sprit oder vielleicht nur einen Schlafplatz, wenn die Karre mitten in der Nacht irgendwo den Geist aufgäbe. Genial wäre das. Es gab zwar das von Männern organisierte und auch für Frauen offene SOS-Kradnetz, doch die Beitrittsgebühr war recht happig, und außerdem wollten die rührigen Mittzwanzigerinnen inzwischen was eigenes auf die Beine stellen. Von Frauen für Frauen lauteten während der 70er die Schlagworte - nicht nur bei den Bikerinnen. Die Erfahrung von schrauberischer Unterlegenheit und gönnerhaftem Gebahren der männlichen Motorradkollegen saß tief. Man wollte die Technik nun selbst in den Griff bekommen, sich unabhängig in die Welt von Pleuel und Feuersteg hineinfinden. Und außerdem wisse man ja nie, wem man da unter Umständen bei einer Panne in die Hände fiele. Noch einmal wurde die Courage bemüht und in Ausgabe 1/1979 ein Artikel über das geplante Projekt veröffentlicht. 50 Frauen aus ganz Deutschland und den Nachbarländern meldeten sich und bekamen von Renate und Steffi Fragebögen zugeschickt, worin sie ihre technischen und logistischen Möglichkeiten im Pannenfall angeben konnten. »Nächte haben wir anschließend Adressen plus Kürzel wie Ubern., PKW, Rep.-Mgl., Res.-Sprit, Ers-Teile in unsere Schreibmaschinen gehackt.« Für die Druckkosten zahlte jede Frau 50 Pfennig pro Ausgabe, und mittels deponierter Freiumschläge wurde die Liste später wieder an die Teilnehmerinnen versand.« Bereits im Winter 1979/80 waren 116 Motorradfahrerinnen im neuen Kradnetz für Frauen verbunden. 110 aus der Bundesrepublik, je eine aus Frankreich und Österreich und zwei mal zwei aus Holland und der Schweiz. Als Renate zehn Jahre später die Hexenverwaltung in die computergestählten Hände von Indrid Scharper und Ilse Laaser übergab, war der Mitgliederinnenkreis bereits auf über 600 angestiegen.Auf der Wiese brandet lautes Gelächter auf. Die Damen absolvieren gerade ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem ein Strohbesen von der Schulter der Team-Partnerin aus durch einen kleinen Ring geworfen werden muss. »Der Name Hexenring entsprang eigentlich einer Verlegenheitslösung«, erinnert sich Renate, »da die Chefs des original Kradnetzes nach anfänglichen Fusionsangeboten - wir hatten schließlich 50 Adressen - umschwenkten und mit einer Klage wegen der Namensrechte drohten. Steffi kam dann auf die Idee mit dem Hexenring.« Dabei handele es sich um eine ringförmig wachsende Pilzkultur, erklärt sie, die jeden vor Bösem schütze, der sich in ihrer Mitte befinde. Eine Metapher, die passender kaum gefunden werden kann. Gleichzeitig war den cleveren Hexen der erste elegante Hakenschlag um die männlichen Seilschaften gelungen. Eine ältere Dame parkt ihre alte BMW R 90 S in der Nähe, begrüßt Renate und die Umstehenden freundlich. Ellen Pfeiffer vom internationalen Motorradfahrerinnenverband WIMA, den sie 1958 mit aus der Taufe hob. Die Frauen freuen sich, wenn Ellen kommt, sind ein bisschen stolz. Konkurrenzdenken geht den drei großen Frauenmotorradverbänden in Deutschland ziemlich ab. Inge Landmann und Babette Schulz, Sprecherinnen der Women on Wheels (WoW) und damit den Dritten im Bunde, sind bereits vor einer Stunde angekommen. Auch die 117 feiernden Bikerinnen bilden vermutlich einen bunten Mix aus Hexen, WIMAs und WoWs. »Warum auch nicht«, lacht Ilse Laaser, »Hauptsache, man versteht sich.« Die Zeiten frauenpolitischer Grabenkriege und Abgrenzungen sind lange vorbei. In der Gründungserklärung der deutschen WoWs hatte Initiatorin Heike Gawor 1984 noch betont, dass dieser jüngste Club bewusst nicht feministisch und männerausgrenzend sein solle. Ein klarer Seitenhieb gegen die Hexen und ihre zum Teil recht kämpferischen Ansichten. Bei den WIMAs hob sich bezüglich der harten Hexen-Linie zwar ebenfalls manche Augenbraue, man ließ sie aber gewähren. »Das gibt sich wieder«, beurteilte Sprecherin Irmgard Petit damals gelassen die Auseinandersetzungen. Heute sind es interessanterweise aber ausgerechnet die WoWs, die den Machos der Branche am härtesten zusetzen, goldene Abfalleimer für frauenverachtende Werbung verteilen und in den Gremien die Fraueninteressen vertreten.Beim zwischenzeitlich auf rund 350 Mitglieder eingependelten Hexenring hat man sich dagegen mehr und mehr vom feministischen Tagesgeschäft zurückgezogen, nutzt das Netzwerk eher für Kommunikation und Urlaubsplanung. Auch die Pannenhilfe rangiert inzwischen im Hintergrund. Sie hatte jedoch auch nie die Bedeutung erlangt, die die Initiatorinnen bei der Gründung vermuteten. »Echte Notfallhilfe kam da wahrscheinlich nur selten zustande, dazu war das Netz einfach zu dünn. Was nützte eine Adresse, wenn sie 100 Kilometer weit weg war«, resümiert Renate heute. Aber der technische Nachholbedarf wurde trotzdem gestillt, allerdings in anderer Form: Die Frauen lernten, miteinander zu basteln. Bei Schrauberwochenenden instruierten die Erfahreneren die Elevinnen oder veröffentlichten ihre Reparaturtips per Fernlehrgang im Vereinsblatt »Hexenbrief«. Technik war wichtig. Man wollte endlich unabhängig sein. Liest man die ersten Ausgaben der Adress- und Motorradliste, wird auch klar, warum. Der Fuhrpark der jungen und meist nicht allzu solventen Wilden war zum Teil erbarmungswürdig: MZ in allen Schreckensversionen, BMW der Nachkriegsserien, Triumph, DKW und klapprige kleine Japaner der ersten Stunde. Klar, dass hier ohne Know-how buchstäblich nichts lief. Klar auch, dass die um Unabhängigkeit bemühten Frauen wenig Lust hatten, nun wegen einem maladen Motorrad wieder demütig bei Vattern oder den Bikern aus der Nachbarschaft vorsprechen zu müssen. Ein Rundgang auf dem Burgparkplatz macht schnell deutlich, warum diese einst zentrale Bedeutung des Rings heute keine große Relevanz mehr hat. Die vornehmlich gut gewarteten Mitteklasse-Maschinen sehen aus, als würden sie auch ohne fremde Hilfe über die Inspektionsintervalle kommen. Und geht wirklich mal eine Fuhre in die Grätsche, stecken heute Schutzbriefe in den meisten Bikerinnen-Brieftaschen griffbereit. Als bei der Rallye eine BMW umfliegt und ihren Handhebel zermalmt, wird auch nicht mehr gefrickelt, sondern das Teil über den BMW-Service in wenigen Stunden ersetzt. Motorradfahren ist kein Schmierölsport mehr. Wer jetzt noch eine alte Maschine fährt, tut dies aus Überzeugung und kennt meist jede Schraube daran persönlich. So sieht auch Renate keine Veranlassung, sich von ihrer 23 Jahre alten R 75/7, die in den 80er Jahren die Zweitakter in ihrer Garage ablöste, zu trennen: »Die fährt noch prima...«Von der kleinen Naturbühne dröhnen die ersten Liedfetzen und E-Gitarrentöne. Die Frauen des Kölner Stammtisches haben ihre schönste Maschine auf die Bühne gerollt und proben nun drumherum einen leicht abgewandelten Marianne Rosenberg-Song. Beim letzten Grillfest hätten sie im Garten geübt. Gottlob seien die Nachbarn in Urlaub gewesen, erzählen sie schmunzelnd. Der Abend beginnt sich dem entfesselten Teil zuzuwenden, die Essener Frauen sind bereits beim Sekt. Spätestens als die Bühnenscheinwerfer aufleuchten und Renate die Fotos wegpackt, wird klar, was der Hexenring heute ist. »Sie gehört zu mir...«, wir verstehen kaum noch unser eigenes Wort, »...wie mein Name an der Tür...«, Ulrike hat die besungene Harley angelassen und lässt sie nun taktweise mitbrüllen, »....und ich weiß, sie springt an...«, das Publikum singt bereits wiegend mit, »... nie vergess ich unsre erste Tour, uh uh uh....« Diese Frauen sind nicht mehr zusammen, um politsche Kampfparolen zu schwingen oder Kopfdichtungen zu wechseln, sondern um sich einfach grenzenlos zu amüsieren. »Dieses Jubeltreffen ist mein Ding, na na na...«, warum auch nicht? Immerhin haben sie viele ihrer einstigen Ziele erreicht, sind unabhängig geworden, und mit ihrer Hilfe wurden viele der alten Macho-Sprücheklopfer ins Museum der ewig Gestrigen gesteckt. Motorradfahrerinnen sind nicht nur für die BMW AG, die es sich nicht nehmen ließ, eine Mitarbeiterin mit Spenden für die Tombola vorbei zu schicken, ein wichtiger Kundenkreis geworden. Auch wir bei MOTORRAD stützen uns inzwischen auf fast ein Fünftel Leserinnen. Ihren Teil haben sie dazu beigetragen und den Boden bereitet, die Wilden der 70er Jahre. »...20 Jahre Liebe, die niemals vergeht, uh uh uh uh... « Also, Renate, wenn Du mal wieder eine Kleinanzeige brauchst, lass es uns wissen.

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