24-Stunden-Mofa-Rennen (Archivversion) Die Kolbenfresser

50 Kubik und 24 Stunden Vollgas. 950 Kilometer Schlamm, schrauben und Schrecken. 29 Teams lieferten sich im oberfränkischen Speinshart ein hammerhartes Rennen.

Es ist dieser Moment, den jeder Rennfahrer kennt. Dann, wenn die Därme verrückt spielen, man sich selbst vorgaukelt, noch auf Toilette zu müssen, um das Kampfgewicht zu senken und so die Beschleunigung zu erhöhen. Dann sind es meist nur noch fünfzehn Minuten bis zum Start. Doch - mal ehrlich - es ist Angstschiß. Die Toiletten besetzt, das Herz schlägt am Halsrand, die Knie wabbeln, und die Stunde der Wahrheit naht. Was aber, wenn es 24 Stunden sind, die meisten heldenhaften Piloten Renn-Neulinge, die Strecke zudem aus einem Stoppelfeld mit Schikanen und Schlammloch besteht und es sich bei den Sportgeräten um bizarre Mutationen von Mofas handelt? Der Tag wird zur Hölle. Einer Hölle, die niemand vorausahnen kann.24 Stunden Vollgas - die Vorbereitung des Wagner Racing Teams aus Augsburg ist perfekt: monatelange Konstrukteursarbeit, 10000 Mark aus der Haushaltskasse, drei Wochen keinen Sex, zentnerweise Ersatzteile, Koch, Sanitäter, Rennbenzin-Spezial-Mix, Groupies - nichts ist dem Zufall überlassen. Und dennoch schlägt Murphy am Vorabend des 24-Stunden-Rennens in Form des TÜV-Prüfers zu: »87 Dezibel - zu laut.« Zurück in die Box, Stahlwatte rein, nochmals messen. »84 - geht klar.« Gottsei Dank. 29 Teams aus ganz Deutschland manövrieren ihre singenden Sägen am Freitagabend durch die technische Abnahme. Diese fällt, dem materialmordenden Renneinsatz angepasst, recht human aus: Topspeed maximal 50km/h, Lärm maximal 85 Dezibel, Gänge maximal drei. Und Bremsen - na ja - sollten auch auch irgendwelche dran sein . Der Rest: egal. Hauptsache Mofa. Noch eine letzte Probefahrt über den Parcour - Federungs-Feinabstimmung -, dann schließt sich der Stahlzaun hinter den Maschinen. Parc fermé. Jetzt ist Schluss mit lustig. Dunkelheit liegt über der Boxen-Gasse und dem Festzelt. Drinnen tobt der Bär. Schwermetallisch bollert es aus den Lautsprechern, kiloweise schwarzes Leder flaniert an der Bar entlang. Kurz nach 21 Uhr erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt: Teamvorstellung. Je skurriler, desto besser. Mit eigens ausgesuchter Einmarschmelodie wie bei der Box-WM präsentiert sich die technische Anarchie im Mofabau. Doch nicht nur die Maschinen, auch die Namensgebung der Teams versprechen ein ereignisreiches Rennen: »Wilde Horde Racing«, »Schnapsglas-Musketiere«, »Sprengkommando«, »Gasköpfe« und zu guter Letzt die »Barbie-Schlampen«, das einzige Damenteam. Unter wilden »auszieh’n, auszieh’n«-Rufen nehmen die drei Mädels aus Ulm den Preis für die schönste Maschine entgegen - ihrer mit lilafarbenen Plüsch bezogenen Solo 25. Als wäre der Alkohol des Mofas erklärter Todfeind, beschließt man anschließend dessen Vernichtung. Die Fehlentscheidung beschert so manchen am nächsten Morgen Schädelbrummen und Angst vor einer Dopingkontrolle.Um 8 Uhr Samstagmorgen ist es endlich soweit. Im traditionsschwangerer Le Mans-Manier aufgereiht, zittern die 29 Fahrer dem Startschuss entgegen. 200 Meter weiter wartet schon das mit Wasser gefüllte Schlammloch auf seine ersten Opfer. Der Bürgermeister persönlich feuert die Pistole ab. Sekunden später hängt bläulicher Nebel über der 600 Meter langen Piste am Barbaraberg. 29 stollenbewehrte Hinterreifen fressen sich durch die Grasnabe, Hunderte von aufgescheuchten Stechmücken finden ihren Tod an den Front-Silhouetten der Behelfs-Crosser, die ab sofort verbissen ihre Runden ziehen. 24 Stunden lang. Eingeteilt in zwei Etappen: dreizehn Stunden am Samstag, elf am Sonntag - der Naturschutzbund Franken bewirkte zum Schutz der hier nistenden Schleiereulen ein Nachtfahrverbot.Runden schinden ist angesagt. Mit Transponder versehen, kreiseln die Kämpfer über den Parcour. Computerüberwacht. Mogeln unmöglich. Das Umfahren des Schlammlochs kostet jedesmal acht Sekunden, das Durchfahren oft Minuten. Denn nicht jede Zündung ist wasserdicht, nicht jeder weit geöffnete Ansaugschlund verträgt einen guten Schluck aus dem Badesee. Schiebend hechelt man dann zur Boxengasse. Hier ist der Teufel los, Abdicht-Paste in den frühen Morgenstunden heiß begehrt. Und nicht alle geistig-technischen Ergüsse der vergangenen Monate zeigen den gewünschten Effekt. Der »Trippleshock«, die technische Innovation im Mofabau, eine Anhäufung von drei starken Federbeinen am Rahmenheck der Salmonelli Stronzo des »Red Ulf SS-Teams«, dämpft zwar problemlos 50 Meter weite Sprünge, den Unebenheiten der Wiese jedoch ist er nicht gewachsen. Starrrahmen-Effekt. Auch die aus dem Vollem gefräste Gabelbrücke ist durchaus geeignet, Schubkräften von mehreren hundert PS Paroli zu bieten, wirkt an den 30er Standrohren jedoch wie eine Dinosaurierklaue, die eine Colaflasche umschließt.Das Team der »Schnapsglas-Musketiere« schwört auf die 160er-Bremstrommel und permanenten Fahrerwechsel. Eine Nonstop-Taktik soll dem Kreidler van Veen-Team zum Sieg verhelfen. Ein 15-Liter-Alu-Bierfass thront zwischen Sitz und Gabel und ermöglicht Fahretappen von fast fünf Stunden. Die Lokalmatadoren des »Polnish Eagle Teams« setzen auf Druckbetankung. Das Fünf-Liter-Bitburger-Fass wurde zur Schnelltankanlange à la Formel 1 umfunktioniert. Alles leider Theorie. Der Drittel-Mix aus Schlamm, Wasser und Staub betoniert die Kühlrippen der kleinen Zweitakter und erfordert im fünfzehnminütigen Rhythmus einen Zwischenstopp, bei dem die Rippen wieder freigekratzt werden. Andernfalls droht den Schnapsglas-Motoren der Überhitzungskollabs.Nach vier harten Stunden liegt die KTM vom Motorradstammtisch Pressath mit 274 Runden in Führung. Im Fahrerlager herrscht Hektik wie in einem Ameisenhaufen. Über dem Cybertech-Team scheint der Pannenadler zu schweben. Pünktlich zur Mittagszeit verabschiedet sich der erste Kolbenring, eine Stunde später der nächste, dann rebelliert die Zündung. Doch sie sind in guter Gesellschaft. Fast keine Maschine ist den Strapazen des Langstreckenrennens gewachsen: gerissene Gaszüge, Kolbenfresser, defekte Kupplungen, deformierte Lenker und Armaturen, Plattfüsse, gebrochene Rahmen - Rennalltag. Doch Totgesagte leben länger. Mit geborgten Kolben und Ketten geht es weiter und so manch einer wird von seinen eigenen Ersatzteilen überrundet.15 Uhr. Mittlerweile überschatten Regenwolken das Szenario, Moto-Cross-Bereifung wird unter der Hand gehandelt, Ersatzräder liegen parat. Doch die Wolken trollen sich, gnadenlose Hitze senkt sich auf das Schlachtfeld. Zahlreiche Zuschauer säumen die Rennstrecke. Angelockt von einer kurzen Reportage des Senders Bayern 3, gruppieren sich die meisten um das Schlammloch und bejubeln die Aneinanderreihung von Crashtest-Szenen. Um 21 Uhr kommt endlich die Erlösung. Abbruch von Teil eins. Zurück in den Parc fermé, rein in die Koje und den Hintern gekühlt. Der ist bei den meisten Fahrern nämlich wund. Mit 856 Runden gewinnt das Pressather KTM Team den ersten Tag. Dicht dahinter eine Malaguti gefolgt von einer weiteren KTM. Hier hat die sich die Drohung in Form eines Aufklebers am Heck tatsächlich bewahrheitet: KTM = Kreidler-Tötungs-Maschine.Keine neun Stunden später erfolgt der Start zum elfstündigen Finale. Die Malaguti, gestern noch auf Rang zwei, übertrumpft alle. Doch am enormen Know-how des ambitionierten Moto Cross-Pilotens allein kann es nicht liegen. Schiebung liegt in der Luft. Protest wird eingelegt, das Rennen unterbrochen. Der TÜV rückt an. Lichtschrankentest: V-max 50,01 km/h. Alles okay, das Rennen geht weiter. Erst spät am Abend wird bekannt, dass die Malaguti über einen verbotenen vierten »Geheimgang« verfügt, der sich nur unter bestimmten Umständen schalten lässt. Der vermeidliche Sieger des 24-Stunden-Rennens wird nachträglich disqualifiziert. 1580 Runden hat der Gewinner gedreht - knapp 950 Kilometer abgespult. Alle Überlebenden des Mofa-Massakers sind sich einig: Nächstes Jahr geht’s weiter. Die Liebe zum Zweirad und der Hauch des Kuriosen hat über 100 Freaks zu Freunden verschweißt. Herbert Kowac, mit 56 Jahren der älteste Teilnehmer, ringt nach Worten: »24 Stunden Speinshart - das ist härter als jedes Formel 1-Rennen.«

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