30 Jahre Easy Rider (Archivversion) Die Freiheit nehm´ ich mir

Choppen und cruisen ist en vogue. Soviel ist klar. Der Unterschied? Egal. Wichtig ist nur die Philosophie. Und die ist identisch: In der Ruhe liegt die Kraft. Der Weg ist das Ziel. Es gibt keinen Triumph über den Langsameren. Wer sich heute fürs Choppen oder Cruisen entscheidet, kauft nicht nur die Da-schau-her-ich-bin-der-Chef-Sitzhaltung, sondern auch das Image, dass Fonda und Hopper anno ´69 auf zwei dieser amerikanischen Unikums transportierten: Freiheit. Aber: Ist Freiheit letztlich nicht auch ein Gefühl? Unverkäuflich? Man denke nur an Janis Joplin in ihrem Song über Bobby Meggee: »Freiheit ist nur ein an anderes Wort dafür, nichts mehr zu verlieren zu haben.« Und gerade dies lebten uns die Protagonisten des legendären Streifens ja vor: Morgens ein Joint, und der Tag ist dein Freund. Heute heißt es eher: Morgens einen Joop, und am Tag kriegst du Lob. Oder: Abends Armani, das schadet gar nie. Die Klientel: fast gleich. Besitzer eines fahrenden Vibrators mit V-Motor. Nur echt mit Emblem. Der Mythos, der den milwaukeenischen Geradeausläufern anhaftet, ist unzerstörbar. Defekte? Gibt´s nicht. Eine Harley ölt nicht, sie markiert ihr Revier. Schluss. Keine Widerworte.Das, was niemand in Sommer ´69 für möglich hielt, ist passiert: Die Renaissance des Motorrads. Freiheit für alle. Auch für BMW-Fahrer wie mich. Für knapp 25000 Mark geht mein Traum in Erfüllung. Ab Werk. Das, was unter mir tickert, vibriert und sonor brummt, ist blendend bestückt und – man glaubt es kaum – mit einem Design-Preis aus den USA versehen. ABS, Telelever, Paralever, Kardan, Griffheizung, Windschild, lange Gabel, langer Lenker, Ledersitz. R 1200 C - die Freiheit nehm´ ich mir. Doch mein persönlicher Traum platzt an genau dem Tag, an dem ich Uwe und seine uralte Harley kennenlerne. Schon bei der Startzeremonie wird eindrucksvoll klar, dass hier Welten aufeinander prallen. Allein der abstehende, ausgelatschte Kickstarter wirkt auf mich wie eine Drohung: »Ich starte nicht für Weicheier.« Und nach einem Tritt, übrigens IMMER nach einem Tritt, vermittelt das Motorgeräusch des Oldtimers Lebendigkeit pur. Er atmet, er furzt, er röchelt, er grummelt. 1200 Kubik – zwei Kolben schieben ihre Lebensbekundung durch schräg nach hinten laufende Sidepipes hinaus. Drehmoment ist kein akustisches Geheimnis. Oder etwa doch? Ein braver Knopf erweckt die BMW unter mir. Neben der Harley versinkt der bayrische Sound der Freiheit in einem Meer aus bollernden Hammerschlägen. Wären da nicht die feinen Vibrationen – ständig würde man den Druck auf den Starterknopf wiederholen. Gleich am ersten Ampelstopp wütet der Neid in mir. Während Uwes Körper im Schlag der Kolben hüpft, die sich scheinbar über die 0,8 bar Reifenluftdruck von der Straße abstoßen, kriechen bislang unbekannte Wünsche in mir hoch. Ein Königreich für eine Explosion. Ja, ich bekenne mich. Warum reißt sie nicht auf, meine Auspuffanlage? Ich will Sound. Und ich will genau diese aus Lässigkeit gegossene Sitzposition, die nur eines vermittelt: souveräne Unantastbarkeit. Nur vergleichbar mit einem monströsen Sumo-Ringer, der vor dir steht und - Hände in die Hüfte – abwartet. Denn es kann ihm nichts passieren. Hier kommt der Chef. Und dann die Liebe. Als wäre sie ein Teil des eigenen Körpers, teilt Uwe die kleinen Dinge des Lebens mit seiner Harley. Streift mit seinem Halstuch die Mücken vom Tank, verewigt das Öl vom Peilstab an seiner Jeans. »Bis dass der Tod uns scheidet« steht auf dem Tank. Bei mir nur: BMW. Doch das nebeneinander Fahren entschädigt. Der Film läuft wieder vor meinem inneren Auge ab. Zwei Reisende auf der Straße nach nirgendwo. Den Fahrtwind, die Kurven und der Sound als Wegbegleiter. Gelegentliche Blicke. Lächelndes, wissendes Schweigen. Ich schwebe auf den Wogen der Faszination. Freiheit und Freundschaft - was auf der Welt ist noch wichtiger? Plötzlich ist alles klar. Denn du musst die Wertvorstellungen und den Neid hinter dir lassen, um frei zu sein. Und das ist keine Frage des Bikes. Sicher – der Hinguck- und Hör-Effekt einer Harley, besonders einer alten Harley, ist weitaus größer als bei 08/15-Bikes. Aber das ist kein Novum. Alle Motorräder beginnen schließlich zu leben, werden zu etwas besonderem wenn man sich ihrer bemächtigt. Jede Schraube mit Namen kennenlernt, viel Liebe, Zeit und Sorgfalt hineinsteckt. Denn das allein ist es, was verbindet, einen Eisenhaufen zum Leben erweckt. Es sind Gefühle, unverkäufliche Gefühle. Sympathie, Liebe, Leidenschaft und letztlich auch Freiheit die man so erlebt als wäre sie ein Teil von Dir. Genau wie dein Bike.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote