30 Jahre Easy Rider (Archivversion) Die Freiheit nehm´ ich mir

Nach Easy Rider sah die Welt anders aus: Die Maschine mutierte zur Ikone der Freiheit und ihr Reiter zum Nachfolger des Westernhelden.
Auch heute noch, da diese Sehnsucht Millionen auf die Straßen treibt? Zwei Selbstversuche in Niederbayern.

Völlig kirre, oder was? Eine Easy Rider-Gedächtnistour ausgerechnet durch Niederbayern! Altötting statt New Orleans, Aschermittwoch statt Mardi Gras. Gemach. Seit Hoppers und Fondas Trip quer durch die Staaten lautet das erste Biker-Gebot: Das Ziel - vergiss es! Leb im Hier und Jetzt! Auf die Haltung kommt es an. Womit nicht die auf dem Bock gemeint ist. Denn der Möglichkeiten, sich nicht nur am Ape Hanger, dem Hochlenker, zum Affen zu machen, gibt’s mehr als genug. »Wie neulich Dennis Hopper«, grinst Hardcore-Biker Uwe. Seine Panhead hat 51 Jahre auf der Welle, gleicht Fondas Ofen fast bis auf die Pelle. »Macht der Hopper doch tatsächlich für Ford Reklame.« Läuft immer noch in der Glotze. Dennis, glattrasiert, akkurat frisiert, fährt im Cougar seiner Vergangenheit, dem Billy Boy, auf und davon. Ein Werbespot(t), der den Mythos »Easy Rider« schnöde kommerzialisiert? Nee. Denn mit einem lukrativen Geschäft, Sparte Import-Export, legt auch der Kultstreifen los. Auf Enduros rüber zum Mexikaner, dort Dollars gegen Koks und, retour in L.A., Schnee gegen Kohle getauscht. Der daraus erwirtschaftete Extraprofit materialisiert sich in zwei Custom Bikes und in gebündeltem Baren, deponiert im Tank des Langgablers von Captain America (Peter Fonda). »Da steckt unsere Zukunft drin«, raunzt Billy den Captain an, der einen Tramper zapfen lässt. Zukunft also, die man sich, meint Billy, kaufen kann. Doch es kommt noch bürgerlicher: »Wir Blindgänger«, stöhnt der Captain, von Selbsterkenntnis gebeutelt, bei der letzten Rast auf ihrer tödlich endenden Tour. Er tut’s, als Billy vom süßen Nichtstun in Florida, Lieblingsdomizil pensionierter US-Wohlstandsbürger, fabuliert. Der Abschuss. Und der folgt, weil dramaturgisch notwendig, sogleich. Man stelle sich vor: Billy und der Captain als saturierte Müßiggänger im Rentnerparadies! Ford vor Bungalow auf Kies. Dann lieber tschüs. Wenn auch nicht ganz freiwillig. Weswegen Hopper jetzt in der Rolle des smarten Managers um so wundersamer wiederauferstehen kann. Eingedost in der Herrlichkeit automobiler Mittelklasse. Verrat an den hohen Zielen des Unterwegsseins um seines selbst willen? Kaum. Florida - blieb Illusion. Der Deal - eine Okkasion. Kann als Outlaw-Variante des amerikanischsten aller Träume durchgehen: sich dank großem Coup materieller Hemmnisse zu entledigen. An der Wallstreet, im Silicon Valley oder, wenn’s denn anders nicht geht, im kleinen Drogen-Grenzverkehr. Prima Stoff in Erding. Wo in geschniegelter Altstadtkulisse bejoppte Mannsbilder die von bedirndelnden Maiden herangewuchteten Humpen zügig abpumpen. Auf einmal versteinern alle Gesichter. Uwe fährt auf Panhead ein. Ein Schall wie Donnerhall. Harte Arbeit für die Kirchenglocken, die zum Angelus läuten. Eine Frau schießt auf den gestandenen Biker zu. Beschwerde wegen des infernalischen Lärms? Nichts da. Sie fragt, ob sie Sohnemann aufs Moped setzen und fotografieren darf. Gebongt. Kurz danach die nächste Sensation »Eine Fanta, bitte.« Mit dieser der Verkehrtssicherheit förderlichen Order fällt Uwe mächtig auf. An Nachbartischen und bei den gelbschwarzen Tierlein mit dem unwiderstehlich süßen Drang. Während die Bierruhe im Armumsichschlagen verfliegt, strolchen jüngere Semester um die klassische Harley rum, pirschen gesetztere Herrschaften an den modernistischen BMW-Cruiser ran. Musste mit auf Tour, das Ding. Weil es demonstriert, wo alles hinführt. Definitiv nicht dazu, weniger zu schlucken: Der Boxer verfeuert genau so viel Sprit wie der ein halbes Jahrhundert betagtere Twin. Aber der Bayer als solcher kultiviert ja eh den guten Zug. Wie der versoffene Anwalt George (Jack Nicholson), der Billy und dem Captain verklickert, warum sie im Motel kein Bett, in der Kneipe nichts zum Spachteln kriegen. »Die haben nicht Angst vor dir, die haben Angst vor dem, was du repräsentierst.« Spießer schieben Hass, weil Biker die Bedürfnisse ausleben, die sie selbst unterdrücken. Weil die Normen der Gesellschaft stärker sind als ihre eigenen Wünsche.Vergrauschleierte Wolken kumulieren über verschämt bayerisch-blauem Himmel. Das bis weit über Erding hinaus plattie Land bequemt sich, von Landshut an kesse Dauerwellen zu drehen. Kommode Kurven, freundliche Menschen »Tolle Maschinen! Wo kommt’s ihr her? Was darf ich bringen?« Weißwürste sind Rolfs Begehr. Hat das Nordlicht, das BMW chauffiert, bislang noch nie probiert. »Kann ein bisschen dauern«, entschuldigt sich die fürsorgliche Wirtin. »Hab’ ich extra für euch Motorradfahrer besorgt«, lacht sie beim Servieren. Ressentiments gegen Biker? Fehlanzeige.Fonda und Hopper machen den Weg frei für die Millionen, die nach ihnen kommen. Die sich die Freiheit nehmen, ihr Unbehagen an dieser Gesellschaft von der Seele zu fahren. Uwe trägt Kutte, an Helm und Maschine prunken Hells Angels-Embleme. Stört niemand mehr, in der Provinz schon gar nicht, wo der lokale MC die Fortsetzung des Schützenvereins mit anderen Mitteln ist.Apropos andere Mittel zum Zweck: Billy drängt’s in den Puff, den besten von New Orleans. Empfehlung von Anwalt George, der, von dumpfbackigen Rednecks erschlagen, am Straßenrand liegt. Nicht nur Billy, auch die Kamera flippt aus. Kreist irre übers klerikale Interieur des feudalen Lasterschuppens. Liebe und Tod, Lust und Religion per Filmschnitt vereint. Die biblische Geschichte – ein frivoles Fest. Auch in Niederbayern: Blick auf die Rokoko-Fresken in der Klosterkirche zu Aldersbach. Eine grandiose Perspektive: Den Engeln an der Decke kann jeder Gläubige, der den Blick andächtig gen Himmel hebt, unters Röcklein gucken. Züchtig verhüllt dagegen die Schwarze Muttergottes in der Gnadenkapelle zu Altötting. »Fußballerwallfahrt Sünching - Altötting«, steht auf ‘nem Kruzifix, das ein ernsthafter Junge unermüdlich um den von oben bis unten mit Votivtafeln behängten Kreuzgang des Kirchleins schleppt. Der Rest der Mannschaft fehlt - die Strapazen des Abstiegskampfs? -, aber Mama schaut zu. »Meine Frau ist katholisch«, entschuldigt sich der Farmer, in dessen Schuppen der Captain seinen Bock saniert. Er sagt’s der vielen Kinder wegen, die sich an den Esstisch drängen. Dem Captain imponiert’s, dass der Typ es schafft, die ganze Rasselbande von seiner Hände Arbeit zu ernähren. Für Billy ein Grund mehr, rasch die Biege zu machen. Null Einwände vom Captain. Der Kick liegt auf der Straße, nicht in der Furche. Oder was meinst du, Rolf?

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