37. Wintertreffen Schloss Augustusburg (Archivversion) Nur einer fehlte

Der Frost. Was aber nicht störte. Denn das Treffen im Renaissanceschloss auf dem sächsischen Schellenberg war auch ohne Winter eine herzerwärmende Angelegenheit. Das hatte weniger mit Glühwein und Lagerfeuern zu tun, sondern mit den Leuten.

Langsam schmilzt ein Klumpen Butter in der Gulaschsuppe. Die Free Biker Ost machen Frühstück. Und da weiter, wo sie irgendwann in der Nacht aufgehört haben. Bis auf einen. Der hält sich an einer Flasche Limo fest. »Wenn der gesoffen hat, mehr als er bei sich behalten kann, trinkt der anschließend immer Fanta«, entschuldigt ein anderer mit einem Becher Glühwein in der Hand den
angeschlagenen Genossen. Um das Lager herum stehen diverse MZ-Gespanne, mit denen sie Infrastruktur und Verpflegung auf den Berg transportiert haben: ein gewaltiges Militärzelt, ein alter Badeofen, Campingstühle, zwei große Pötte
für Eintopf und Heißgetränk und natürlich Heiß- und Kaltgetränk. Wovon un-
vorstellbare Mengen in so einen Lastenbeiwagen passen. Mit ein Grund, warum die alten MZ als optimale Wintermaschinen laufen. Und auf der Augustusburg deutlich in der Mehrheit sind. Was aber nicht heißt, dass sich dort eine sture Zweitaktgemeinde träfe. Im Gegenteil. »Im Sommer fahren wir alle ganz
andere Motorräder. Einer hat eine
Kawasaki VN 1500, einer die Triumph Speed Triple, andere Suzuki GSX-R 1000 oder Ducati Monster.«
Hauptsache zwei oder drei Räder. Ressentiments gibt es nicht. Egal, wie groß oder klein, egal, wie alt oder neu, egal, ob Zweitakt oder Viertakt, Moped oder Big Bike, Ost oder West, schief angeguckt wird keiner. Allenfalls neugierig beäugt. Was allen gefällt. Denen, die kommen, um zu gucken, und denen, die kommen, um angeguckt zu werden. Etwa 2300 Motorradfahrer sind da am Samstag, und so viele Besucher mit dem Auto, dass es um Augustusburg, das Städtchen am Fuß der Burg, kaum eine Wiese gibt, die nicht als
Parkplatz dienen muss. Augustusburg Mitte Januar, das ist einerseits das Wintertreffen der Motorradfahrer, andererseits Volksfest für die gesamte Region. Worin überhaupt kein Gegensatz besteht. Obwohl oder gerade weil man den kultiviert.
Zeitel aus Lobenstein, auf dem Kopf eine Russenfellmütze, schlürft an einem Becher mit, klar, Glühwein und meint: »Fehlt nur noch ein Erdnussautomat, damit die uns füttern können wie im Zoo. Da kommen die Familien, laufen an unseren Zelten vorbei und zeigen ihren Kindern, dass wir die sind, mit denen sie nicht spielen sollen.« Es würde allerdings was fehlen, Zeitel und allen anderen eigentlich auch, wenn’s nicht so wäre. Man präsentiert sich, inszeniert sich, und zwar gerne, hängt Fahnen raus, nicht selten mit Hammer und Sichel, gewandet sich martial oder anders skurril
und darf es einfach mal genießen,
albern und ungehemmt sein. In
aller Öffentlichkeit. Die wiederum genießt das nicht weniger. In der DDR hätte man das einen dialektischen Prozess genannt.
Vielleicht hat gerade deswegen BMW zu Repräsentationszwecken das Gemäuer direkt gegenüber des MZ-Stands bezogen. Man zeigt unter anderem die neuen Einzylinder der
G-Reihe, und die wirken in diesem Umfeld noch viel mehr, als kämen sie aus dem Hause Playmobil. Aber genau so würde BMW sie ja selbst gerne sehen, als illustre Spielmobile. »BMW-Motorrad-Finanzierung« steht auf einem schicken Plakat, »damit Ihre Träume wahr werden.« Die Leute aber sehen so aus, als träumten sie von was ganz anderem. Freilich auch nicht von einer neuen MZ. »Ja gibt’s euch überhaupt noch?« fragt ein älterer Herr ganz
erstaunt. Und erfährt, dass es MZ natürlich noch gibt, dass nach den letzten Entlassungen dort zwar nur noch 35 Leute arbeiteten, die aber noch alle Modelle fabrizierten, die unter dem schlichten Paravent zu sehen seien, 125er, 660er, 1000er.
Ein paar Minuten später erfährt das jeder. Es schallt aus den Lautsprechern über den mit Motorrädern gerammelt vollen Burghof. Kurz zuvor hat der Moderator einen Veteranen des DDR-Rennsports interviewt, und der ließ mit jedem Satz raus, dass früher, als MZ noch ein Name war auf den Strecken dieser Welt, alles irgendwie besser war. Heute sei es doch so, dass ein Kolben teurer sei als einst die ganze Maschine und dass die Technik den Mann beherrsche und nicht umgekehrt. Dass manchmal die Technik den Mann nicht beherrscht, der Mann aber auch nicht die Technik, demonstrieren gleich im Anschluss zwei Männer, die sich im volkstümlichen Genre versuchen, um somit das offizielle Musikprogramm des Treffens zu gestalten. Es wird nämlich einmal nicht die süße Heimat Alabama besungen, sondern der real existierende Reiz bewaldeter Höhen im Erzgebirge.
Und auch das ist wohltuend einzigartig bei diesem Treffen: dass bei aller Offenheit – Finnen sind da, Engländer, Russen, Düsseldorfer, Offenbacher – die ganze Atmosphäre von einer gewissen heimatlichen Verbundenheit ge-tragen wird. Weil diese Heimat schon immer mit dem Motorrad verbunden – unten im Tal fließt die Zschopau – und das Motorrad denen, die da rings ums Burggemäuer zelten, schon immer Heimat war.
Ein bisschen Heimat, Heim sogar, hat sich Uli aus Rübenau zum Schloss
mitgebracht: eine Badewanne am AWO-Gespann. »Alles eingetragen, als Lastenbeiwagen«, sagt Uli, derweil er sich seiner langen Unterhose entledigt, um sich hernach von Freundin Kathrin schrubben zu lassen. Solcherart wieder ganz
sauber, erzählt Uli, so spinnerte Ideen wie die mit der Badewanne überfielen ihn in den langen erzgebirgischen Winternächten. Schon zum 16. Mal sei er hier, und gestern Nacht habe er nicht einmal speien müssen. Daran erinnere er sich. Freundin Kathrin erinnert sich, dass sie zum 13. Mal dabei sei und einmal habe richtig speien müssen. »Das muss ich unbedingt erzählen«, sagt sie und kann sich kaum halten vor Lachen. »Wir campen immer neben der fast 500 Jahre alten Linde, unser Stammplatz. Als ich in einer Nacht mal ganz viel Glühwein getrunken habe, weil es so kalt war, habe ich gemerkt, der kommt wieder hoch. Und da ging’s schon los, mitten in einen Hagebuttenstrauch. So eisig war’s, dass das Zeug gleich gefroren ist. Am nächsten Morgen hat der Busch dann ausgesehen wie’n Christbaum mit Lametta.« Dieses Jahr hat Kathrin Nudeleintopf vorbereitet, für sich, Uli und die übrigen lustigen Rübenauer.
Wie viele andere reisen die
Rübenauer schon donnerstags an. Von denen fanden einige die erste Nacht schlichtweg beschissen. »Es war so verdammt stürmisch«, berichtet Fahrlehrer Uwe, der mit seiner Gruppe noch ein wind-
geschütztes Plätzchen gefunden hatte. »In den Torbögen auf der anderen Seite der Burg hatten sie so Plastiktoiletten aufgestellt. Und der Wind hat irgendwann frühmorgens die Klos vor sich her getrieben, voll in die Zelte rein.« Ansonsten sei es vergleichsweise ruhig ge-
wesen, keine Randale, kein Ärger, nichts. Wiewohl so manche den Ärger vom letzten Jahr noch nicht vergessen haben. Als man die Motorradfahrer vom Schloss in den Steinbruch weiter unten verbannt hatte. Weil das Gemäuer mit EU-Mitteln eben erst frisch heraus-geputzt und so schön geweißelt worden war. Da hatte man Angst, die Motorradfahrer könnten’s versauen. Stattdessen, sagen alle, haben die es versaut, die Stimmung kaputtgemacht. Die hat sich heuer keiner verhageln lassen. Obwohl einer fehlte: der Frost.

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