40 Jahre Elefantentreffen (Archivversion) ...und kein bißchen leise

Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Kaum ein anderes Motorradtreffen war jemals so sehr Mythos und ist gleichzeitig so verteufelt worden. Das Elefantentreffen hat in 40 Jahren viele Höhen und Tiefen erlebt.

Es war eine Mücke, die zum Elefanten wurde. Winzige fünf Zeilen, versteckt im Kleinanzeigenteil von »Das Motorrad«, luden zu einem Zündapp-Treffen bei Stuttgart ein. Daß er mit diesem Aufruf vom Dezember 1955 den Grundstein für das größte Motorrad-Wintertreffen der Welt legte, ein Mythos wie die Tourist Trophy der Isle of Man oder das Biker-Treffen von Daytona, hätte sich der Motorrad-Journalist Ernst »Klacks« Leverkus damals nicht träumen lassen. Immerhin 20 Grüne Elefanten - Zündapp KS 601 - kamen an jenem ersten Wochenende im Januar 1956 trotz Schnee und Eis zum Glemseck. Noch heute ist die scharfe Kurve auf der ehemaligen Solitude-Rennstrecke ein beliebter Bikertreff in der Nähe von Stuttgart.Die Stube des kleinen Gasthauses dort muß vor Feuchtigkeit gedampft haben, als sich die ersten Elefantenfahrer am Ofen und an ihren Benzin-Gesprächen wärmten. Ein Jahr später waren es schon 50 Motorräder, meist Gespanne, die wieder am ersten Wochenende im Januar zum Glemseck gekommen waren - manche sogar von Hamburg und dem damaligen Westberlin. Von da an wuchs das Elefantentreffen mit jedem Jahr, zog wie ein Wanderzirkus von Stadt zu Stadt, bis es 1961 auf dem Nürburgring seine vorläufige Heimat fand. In diesem Jahr hatte erstmals der Bund der Motorradfahrer (BVDM) das Treffen organisiert.Bald kamen längst nicht mehr nur Motorradfahrer. Die meist tief verschneite Zeltstadt im Wald, die oft mit Frost überzogenen Maschinen und die skurrilen Gestalten in ihren langen Ledermänteln lockten immer mehr Schaulustige und Möchte-Gern-Motorradfahrer im Januar an den Ring.Doch mit der immer weiter steigenden Teilnehmerzahl begann der schleichende Verfall des Treffens. Immer öfter traten Suff und Massen-Schlägereien anstelle von Kameradschaft und Solidarität unter Motorradfahrern. Zeitweise war das Elefantentreffen sogar die umstrittenste Großveranstaltung in Deutschlands Motorradszene. Zwar wurde nach wie vor auf den Wintertreffen viel gefeiert und Freundschaften fürs Leben wurden geschlossen, doch genauso gab es Schwerverletze, 1977 sogar einen Toten: Nach Krawallen in einem Bierzelt hatten Betrunkene, die zum Teil in Reisebussen zum Nürburgring gekarrt worden waren, die Polizei angegriffen. Ein Beamter feuerte einen Warnschuß in die Luft, die Kugel prallte von einem Metallmasten ab, der Querschläger tötete einen Teilnehmer. Nach 21 Jahren schien das Elefantentreffen am Ende. Auch MOTORRAD forderte damals: »Macht Schluß mit dem Treffen.«Doch es ging weiter. Aber für seinen Begründer wurde das Elefantentreffen nie mehr das, was es einst war. So muß es ein unbemerkter, heimlicher Tiefpunkt für das Treffen gewesen sein, als Ernst Leverkus mit seiner Frau Inge 1981 im Gespann zum Salzburgring kam. Nach dem Desaster in der Eifel hatten die Organisatoren das Treffen dorthin - fernab von Ballungsgebieten - verlegt. »Das erste, was wir sahen, waren ein paar Schnapsleichen«, erinnert sich Leverkus. Und das reichte ihm. Er stellte nicht mal den Motor ab, sondern machte auf der Stelle kehrt und fuhr enttäuscht wieder nach Hause.Der Schock muß tief gesessen haben. Wenn »Klacks« zu erzählen beginnt, so schwingt noch heute ein bißchen Bitterkeit mit: »Sie haben ein Schützenfest daraus gemacht«, ärgert er sich. Doch an die früheren Jahre denkt gerne zurück. Neben den allerersten Treffen sind es die 60er Jahre am Nürburgring, an die er sich am liebsten erinnert. Und erzählt Anekdoten wie die von Rudolf Höring. Der soll 1963 mit einer Solo-BMW in sagenhaften 30 Minuten um die über 20 Kilometer lange Nordschleife gerast sein - bei 40 Zentimeter Schnee auf der Strecke. Oder von Robert Sexés altem Ledermantel. Der Franzose hatte das gute Stück als 20jähriger Kradmelder im Ersten Weltkrieg von einem englischen Offizier geschenkt bekommen. Es muß Qualitätsarbeit gewesen sein. Als Robert Sexé mit 82 Jahren im Gespann aus Frankreich zum Elefantentreffen kam, da trug er den Mantel immer noch.1957, lange bevor das Elefantentreffen zum allgemeinen Wintertreffen nicht nur für Zündapp-Fahrer geworden war, hatte Klacks sich eine Frage gestellt, auf die es auch 40 Jahre später kaum eine Antwort gibt: »Warum tun sie das?« Warum fahren Motorradfahrer Hunderte von Kilometern durch Eis und Schnee, nur um einen Abend, bestenfalls ein Wochenende lang unter Gleichgesinnten zu sein? Es muß wohl eine Sucht sein. Die Sucht, anders zu sein als der Rest der Welt, und doch Gleichgesinnte zu finden, die genauso sind - vielleicht genauso verrückt.Und es war schon verrückt, damals, als etwa »Vier-Pötte-Klaus« im Januar auf einer 1000er Ariel aus Libyen zum Nürburgring kam. Der Deutsche hatte als Hydraulik-Spezialist auf Montage in Nordafrika gearbeitet und wollte das Treffen nicht versäumen. Und es ist heute noch verrückt, wenn ein 65jähriger Amerikaner mitsamt seiner Honda Pan European von Washington nach Frankfurt fliegt, nur um mitten im Winter nach Thurmansbang/Solla zu fahren. Dort, im tiefsten Bayerischen Wald, findet das Elefantentreffen seit 1989 statt. Regelmäßig kommen 7000 bis 8000 Biker, um im Hexenkessel von Solla ihre Vorliebe für individuelles Wintercamping auszuleben. Von der Aggressivität der 70er Jahre ist nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil, Spaß haben lautet die Devise, und schauen, mit was für eigenartigen, oft selbstgebauten Fahrzeugen viele der Teilnehmer angereist sind. Die Idee des anderen wird freudig bestaunt, und wenn einer auf den vereisten Wegen im Gelände samt Motorrad auf der Nase liegt, kann er sich vor helfenden Händen kaum noch retten. Auch Klacks´ Ärger hat sich mittlerweile gelegt. Gerne wäre er dieses Jahr dabei gewesen. Doch er hatte sich zu Hause beim Schneeschippen die linke Hand geprellt, konnte nicht kuppeln. Und mit dem Auto zu fahren, das kam für den heute 72 jährigen einfach nicht in Frage.

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