Ace Cafe London (Archivversion) Back home

Nach 30 Jahren öffnete das Londoner Ace Café, einer der geschichtsträchtigsten Motorradtreffs überhaupt, wieder seine Pforten. Zum Grand Opening kamen natürlich auch die wilden Jungs von damals.

Samstag, der 8.September 2001. Die Old North Circular Road im Westen von London bebt. Endlos die Karawane der Motorräder, ohrenbetäubend der Lärm. Alte BSA, Norton und Triumph, blank polierte Harleys. Schließlich Japaner, alte und neue, Ratbikes, Cruiser, Supersportler. Auf vielen Böcken machen sich skurrile Typen in schwarzem Leder breit. Die Jacken über und über verziert mit Nieten, Pins und Aufnähern, auf dem Kopf selten mehr als die abgespeckte Version eines Jethelms. Doch viele Gesichter sehen ganz schön alt aus, die Haare lichten sich, und das Leder sitzt bisweilen etwas eng an den Hüften. Egal. Alle sind gekommen. Nach 30 Jahren trifft man sich endlich wieder dort, wo nicht wenige als Halbstarke ihre wilde Freizeit verbracht haben – im legendären Ace Cafe, sozusagen den heiligen Hallen der englischen Motorradszene, das heute wieder seine Pforten öffnet.Etwa 30 000 Biker sollen es sein, die zum Grand Opening des Ace Cafe gekommen sind. Die meisten natürlich von der Insel, der Rest aus allen Teilen Europas. Ein Huldigung nicht nur an diesen motorradhistorischen Ort, sondern ganz sicher auch an Mark Wilsmore, der seit 1993 von der Idee getrieben wurde, diesen Treffpunkt von einst wieder ins Leben zu rufen. Er rief den Ace Day ins Leben, ein Treffen, zudem Jahr für Jahr zigtausend Motorradfahrer kamen, und 1997 hatte Mark endlich genug Geld gesammelt, um das Gelände zu kaufen. Heute schließlich die lang ersehnte Wiedereröffnung. Stilecht im ursprünglichen Gebäude, das zuletzt als Reifenlager diente, ist das Ace Cafe mit seinen weiß getünchten Wänden, die mit Racingfahnen und dem Union Jack verziert sind, nach einem drei Jahrzehnte langen Tiefschlaf wie ein Phoenix aus der Asche auferstanden.Rückblick. 1938 wird das das Ace Cafe eröffnet. Als Kneipe für Lkw-Fahrer, die sich schnell zu einem äußerst beliebten Treff der Londoner Biker-Szene entwickelt. Doch richtig zur Sache geht es hier erst nach dem Krieg, zu Beginn der fünfziger Jahre. Die »angry young bikers« geben den Ton an, parken ihre Paralleltwins vor der Tür, lauschen drinnen dem rebellischen Rock´n´Roll, der nicht im Radio läuft, sondern nur in den Jukeboxes der Clubs und Cafés. Die Jungs haben gleich ihren Namen weg: Rocker. Und sie haben einen Lieblingssport: Es gilt, einmal um den Block zu fahren und dafür nicht länger zu brauchen als die Spieldauer einer vor dem Start in der Jukebox gedrückten Single. Wer dabei noch die 100-Meilen-Grenze knackt – »the ton« – zählt was in der Szene. Über die »Ton-up-Boys« rankten sich ein Teil der vielen Geschichten und Legenden, die im Ace Cafe geboren und erzählt wurden. Und nun natürlich wieder hervorgekramt werden.Aber auch sonst bleibt man an diesem Ort seinem Ruf treu. Die Serien-Bikes werden frisiert, wilde Eigenbauten tauchen auf, man gehört zu den schnellsten auf den Straßen, und die englische Motorradszene gilt was in der Welt. An den Wochenenden fährt man in das Seebad Brighton, um sich regelmäßig mit den Mods zu prügeln, die in geschniegelten Anzügen auf lampen- und spiegelbehangenen Lambretta-Rollern daherkommen und diesen ganzen neumodischen Quatsch hören. The Who und so. Eine traditionelle Feindschaft entsteht, die 1964 in der Massenschlägerei zwischen den beiden Gruppen in der Küstenstadt am Madeira-Drive ihren traurigen Höhepunkt erreicht. England ist über die Rocker entsetzt, aber daraus werden amTresen des Ace Cafe längst schon wieder Legenden gewoben.Doch die Zeiten ändern sich. Blumenkinder statt Rockabillys. Und Käfer und Bulli statt Triumph oder Norton. Selbst Rocker werden älter, gründen Familien, fahren keine Ton-ups mehr. Zu gefährlich, man wird schließlich weiser. Am Schlimmsten aber: Überall japanische Zweiräder. Wie aus heiterem Himmel und wie die Pest. Die englische Motorradindustrie stirbt praktisch aus, und in das Ace verirrt sich niemand mehr. 1969 macht der Laden zu.Bis 1993 Mark Wilsmore kommt, Sponsoren sucht und den Ace Cafe Club gründet. Für 30 Pfund im Jahr ist man dabei, ein Stück Tradition zu retten. Eine Ace Cafe Collection wird entworfen. T-Shirts, Pins, Badges, ein Teeservice mit dem Ace-Logo werden zum Kauf angeboten und authentische Lederbekleidung aus dem Hause Lewis Leathers. Es heißt, Lawrence of Arabia hätte Lewis-Leder getragen, als er sich 1935 im Sattel einer Brough Superior SS100 ins Jenseits katapultierte. Tausende von Enthusiasten aus aller Welt melden sich und spenden, etwa 12 000 Biker kommen 1994 zum ersten Ace Day, treffen sich vor den geschlossenen Toren des heruntergekommenen Gebäudes. Und man trifft sich jedes Jahr wieder. Zwar nicht in London, dafür in auf dem legendären Madeira Drive in Brighton. Stets mit dabei: die Mods auf ihren Rollern. Nicht um sich verprügeln zu lassen, sondern um sich für eine Wiedereröffnung des Ace Cafes einzusetzen. Es geht schließlich um ein Stück britische Tradition – und um die zu erhalten, werden sogar alte Feindschaften beigelegt.1997 dann der nächste wichtige Schritt: Mark eröffnet in einem Raum des Gebäudes den »Ace Corner«. Zumindest an Wochenenden, Feiertagen und an jedem ersten Mittwoch eines Monats haben Biker einen neuen alten Ort, um sich zu treffen. Seit dem 8. September 2001 macht das Londoner Ace Cafe wieder täglich auf. Mark Wilsmore hat insgesamt 1,5 Millionen Pfund in seinen Traum investiert. Nun steht er oben auf einer Treppe und blickt auf die in grelles Neonlicht getauchte Szenerie zu seinen Füßen.Es herrscht fast schon babylonisches Sprachengewirr an dem 15 Meter langen Tresen, wo fünf Sorten Bier ausgeschenkt und Hamburger , Chips und Donuts serviert werden. Viele Veteranen sind gekommen. Klar. Und junge Biker, die so aussehen, als wären sie damals schrecklich gern dabei gewesen. Kluft, Frisur, die alte Triumph draußen vor der Tür – alles stimmt. Prominenz ist auch erschienen. Aber nur wenige erkennen die Schauspielerin Rita Tushingham, die 1963 in dem Rockerfilm »The Leather Boys« mitgespielt hatte. Sie tanzt im Ace Corner, wo sich die Bands die Klinke in die Hand geben. Rock´n´Roll und Rockabilly, logo.Natürlich fährt man in diesem Jahr gemeinsam an den Madeira Drive nach Brighton. Etwa 20 000 Motorradfahrer machen sich während des »Ride with the Rockers« auf den Weg von London in das Seebad, wo bereits etwa 25 000 weitere Biker an der Uferpromenade warten. Ein gewaltiges Straßenfest. Live-Musik, viel Bier und natürlich Motorräder ohne Ende. England ohne den Ace Day? Ebenso undenkbar wie Rechtsverkehr und Fisch ohne Chips.

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