Äthiopien (Archivversion) Was für ein Land!

Die Reiseplanung sah Äthiopien auf dem Weg von Köln nach Kapstadt nur als Transitland vor. Tatsächlich gerät der Zeitplan zwischen dem abessinischen Hochland und der Danakil-Wüste völlig aus den Fugen.

Der Weg nach Gonder entpuppt sich nach den staubigen Wüstenpisten in Ägypten und der Einöde im Sudan als willkommene Abwechslung: Seit dem Grenzübertritt windet sich die Strecke durch eine grandiose Bergwelt. Ungewohnte Perspektiven hinter jeder Kurve, weite, fruchtbare Täler, tief eingeschnittene Schluchten, Gipfel, die in den tief hängenden Wolken verschwinden. Äthiopien, das Dach Afrikas. Der Kontrast zum Sudan oder dem zuvor bereisten Ägypten ist überwältigend. Neun Stunden später kommt die alte Kaiserstadt Gonder in Sicht, eines der seit dem vierten Jahrhundert bedeutendsten Zentren des Christentums. Unzählige Kirchen und Klöster zeugen im abessinischen Hochland von einer immensen Frömmigkeit. Stolz präsentiert mir ein Mönch bei einem Ausflug auf eine Insel im nahen Tana-See ein rund 800 Jahre altes Buch, das er in einem einfachen Holzschrank aufbewahrt. Die bemalten Seiten aus Ziegenleder stellen das Wirken eines Heiligen nach. Zum Schutz gegen die Sonneneinstrahlung hat der Mönch einen Regenschirm aufgespannt – in Europa würden derartige Kunstwerke klimatisiert hinter dicken Scheiben gesichert.
Zwei Tage später breche ich zum Nationalpark »Simien Mountains« auf, der wegen seiner einzigartigen Tierwelt unter dem Schutz der UNESCO steht. Eine Wanderung durch das Gebirge ist ab Debark nur mit einem Guide gestattet. Wobei ich mich in dieser zerklüfteten Landschaft rund um den vierthöchsten Berg Afrikas, den 4620 Meter hohen Ras Dashen, ohne ihn kaum zurechtgefunden hätte. Stundenlang geht es durch Vulkanterrain, das an vielen Stellen völlig unzugänglich erscheint. Als das Nachtlager bereits errichtet ist, ertönt plötzlich ein merkwürdiges Grunzen. Kurz darauf taucht eine Horde von Gelada baboons auf, eine Affenart mit einem eindrucksvollen, leuchtend rot gefärbten Brustkorb, die ausschließlich in Äthiopien heimisch ist. Leider dauert dieser Spuk nur wenige Minuten.Wieder im Sattel der Honda, halte ich mich in nördliche Richtung. Die Strecke bis Axum ist stellenweise in katastrophalem Zustand und von Panzerwracks gesäumt: Mahnmale eines fast dreißigjährigen Bürgerkriegs, der 1993 endete, als Äthiopien das besetzte Eritrea in die Unabhängigkeit entließ. Ein Unruheherd ist die gesamte Grenzregion jedoch nach wie vor.
Mich bremsen allerdings rein praktische Sorgen: Benzin gibt es im Norden des Landes fast nur auf dem Schwarzmarkt, wo der Liter etwa doppelt so viel kostet wie an einer Zapfsäule. Zwischen Axum und Adigrat bleibe ich dann prompt mit leerem Tank liegen. Glück im Unglück: Ein einheimischer Motorradfahrer kann einen Liter entbehren. Damit rette ich mich in die nächste Ortschaft, wo ich weitere fünf Liter in Plastikflaschen ergattern kann. Bis ins 80 Kilometer entfernte Adigrat sollte das reichen. Ein Abstecher etwa auf der Hälfte der Strecke zum Kloster Debre Damos muss trotzdem sein – dem ältesten in Äthiopien, das wie ein Storchennest in etwa 15 Meter Höhe auf einem schmalen Felsenplateau klebt: Besucher werden von Mönchen an einem um die Brust gebundenen Seil nach oben gezogen. Hinter den Klostermauern umgibt mich eine vollkommen andere Welt. Mönchsgesang dringt aus der Kirche, der Boden der dunklen Anlage ist strohbedeckt, Regenwasser wird wie vor Jahrhunderten in Zisternen gesammelt, und selbstverständlich dürfen Frauen diesen heiligen Ort nicht betreten. In Adigrat schlage ich Kurs Süd ein, presche über Mekele bis Kobo. Dort soll, wie mir ein Reisender berichtete, eine Abkürzung nach Lalibela abzweigen. Obwohl ein Bauarbeiter mir entschieden von dieser Strecke abrät, will ich es wagen. Fünf Stunden geht es fast nur in den ersten beiden Gängen voran, mühe ich mich durch Flussbetten oder Tiefsand-Passagen. Ich werde nervös, hoffe inständig, dass die Maschine hält, denn außer mir ist keine Menschenseele unterwegs. Die Einsamkeit endet mit einem Schlag – Lalibela gehört zu den wichtigsten Touristenzentren des Landes, besitzt sogar einen Flughafen, um Besuchern die beschwerliche Anreise auf den schlechten Straßen zu ersparen. Entsprechend viele Reisegruppen schlendern durch den Ort, um zu den weltberühmten monolithischen Felsenkirchen zu gelangen: zwölf imposante, wunderschön verzierte Bauwerke, die vor über 800 Jahren von orthodoxen Christen aus dem Fels gehauen wurden. Priester bewachen noch heute diese einmaligen Gebäude, in denen überaus wertvolle religiöse Schriften, Ikonen und Schmuckstücke lagern.
Zwei Fahrtage später kündigen sich die ersten weitläufigen Vororte der Hauptstadt Addis Abeba an. Auf der Suche nach einer Unterkunft drängle ich bis ins chaotische Zentrum der Metropole. Per Zufall checke ich in das gleiche Hotel ein wie drei Israelis, die mit einem betagten Geländewagen unterwegs sind. Ihr Vorhaben: die Danakil-Salzwüste zu durchqueren, eines der extremsten und heißesten Gebiete der Erde mit Temperaturen bis zu 50 Grad. Ich bin sofort Feuer und Flamme für diesen Plan und schließe mich spontan meinen neuen Freunden an. Alleine hätte ich mich auf einem Motorrad kaum in diese ebenso abgelegene wie unzugängliche Region gewagt, in der der afrikanische Grabenbruch zu seiner tiefsten Stelle absinkt: Teile der Danakil liegen bis zu 116 Meter unter dem Meeresspiegel. Bereits die ersten Kilometer in der Salzwüste bei Serdo liefern einen Vorgeschmack auf das, was unserem kleinen Konvoi noch bevorsteht. Die Piste wird zusehends anspruchsvoller und windet sich alsbald durch Lavagestein und loses Geröll. Schon kurz nach Sonnenaufgang herrscht eine fast unerträgliche Hitze. Als ich wieder einmal auf meine Begleiter warten muss, verkrieche ich mich zum Schutz gegen die Sonne in einem offenen Kanalrohr. Bäume, die Schatten spenden könnten, gibt es in dieser Gegend nicht, alles ist karg und unwirtlich. Kurz darauf erblicken wir von einer Anhöhe den weiß glänzenden Salzsee von Afrera. Jetzt sind wir mitten in der Wüste! Der Ort Afrera selbst ist kaum der Rede wert. Außer ein paar Touristen verirren sich allenfalls in den »kühleren« Wintermonaten – selbst dann herrschen Temperaturen von durchschnittlich 40 Grad – Wanderarbeiter hierher auf der Suche nach einem Job im lukrativen Salzabbau. Das gewonnene Salz wird teilweise noch wie seit Generationen auf den Rücken von Kamelen nach Mekele transportiert. Von dort aus gelangt es zu allen Märkten des Landes – und war einst so wertvoll wie Gold. Für einen Moment scheint unsere Weiterfahrt gefährdet. Die Trasse Richtung Norden ist angeblich wegen einer Überschwemmung gesperrt. Klingt in der Wüste merkwürdig. Doch erst mit einem Dorfbewohner als Guide an Bord des Toyota erhalten wir die vorgeschriebene Genehmigung vom Polizeichef. Kurze Zeit später ist tatsächlich Schluss – Wasser, so weit das Auge reicht. Eine direkte Durchfahrt ist definitiv unmöglich. Wir beschließen, diesen »See« zu umfahren und wagen uns querfeldein über ein angrenzendes Lavafeld. Auf dem wild gefalteten Grund hat stellenweise selbst der höhergelegte Toyota arge Schwierigkeiten, überhaupt noch voranzukommen. Dass uns das scharfe Gestein nicht die Reifen in Stücke fetzt, grenzt an ein Wunder. Und dass wir vor Hitze dabei nicht kollabieren, ebenfalls: 51,9 Grad zeigt das Thermometer! Unendliche Erleichterung, als sämtliche Räder wieder über eine sandige Piste rollen und es endlich schneller als mit Schrittgeschwindigkeit vorangeht. Kurz darauf steht das erste Lager in der Danakil. In der Ferne wacht der Vulkan Erta Ale.
Vor Sonnenaufgang sind wir schon wieder unterwegs. Gelegentlich begegnen uns Nomaden vom Volk der Afar, die mit ihren Kühen und Ziegen in dieser trostlosen Ebene umherziehen. Sie tragen bunte Gewänder, haben Schmucknarben im Gesicht, und wenn sie lachen, fallen leicht angeschliffene Schneidezähne auf – ein Schönheitsideal. Obwohl sie selbst kaum genug zum Leben haben, servieren sie unserer kleinen Gruppe bei jeder Begegnung zur Begrüßung frische Milch, die einen leicht rauchigen Geschmack hat. Dieser, erklärt unser Guide, stamme von den Holzgefäßen, die durch den Rauch eines Lagerfeuers desinfiziert würden. Wasser sei in der Danakil viel zu wertvoll, um es zum Waschen zu benutzen.Dichtes Buschwerk erschwert eine Weile später die Navigation, und unser Begleiter gesteht, dass selbst er sich in diesem unzugänglichen Terrain kaum noch auskenne. Es bleibt keine andere Wahl, als einen Nomaden als zusätzlichen Führer anzuheuern. Der entpuppt sich als echter Glückgriff: Geschickt manövriert er uns viele Kilometer durch dichtes, wegeloses Strauchwerk. Bis wieder die endlos erscheinende Ebene auftaucht, von wo ab der weitere Weg bis Hermet Ela leicht zu finden ist. Tags darauf steht der tiefste Punkt der Danakil auf der Wunschliste, irgendwo in der Salzpfanne. Das Fahren gestaltet sich zunehmend schwieriger, da der Untergrund mit jedem Kilometer weicher wird. Prompt sackt die Honda derart tief ein, dass es selbst zu viert kaum möglich ist, das Bike zu befreien. Weil auch der Toyota nicht mehr durchkommen würde, geht’s zu Fuß weiter. Den tiefsten Punkt wollen wir noch sehen. Dabei fällt uns ein schier unglaubliches Phänomen auf: Trotz steigender Temperatur bildet sich auf dem Salz eine Wasserschicht, kurz vor Mittag waten wir bereits durch knöcheltiefes Wasser. Vermutlich ist die tiefste Stelle erreicht. 116 Meter unter dem Meeresspiegel. Rückzug, bevor es endgültig zu heiß wird.

Und weiter westwärts, nach Mekele, das in den sich allmählich am Horizont abzeichnenden Bergen liegt. Dort angelangt, verabschiede ich mich von meinen israelischen Freunden und schlage wieder Südkurs ein. Ein kurzer Zwischenstopp in Addis Abeba, dann peile ich endgültig Kenia an. Bei Shashemene verlasse ich allerdings die Hauptroute, passiere Sodox und den Abaya-See, um über Konso und Woito in den äußersten Südwesten Äthiopiens zu gelangen. Das Gebiet des Omo-Flusses ist Heimat für eine Vielzahl von unterschiedlichen Völkern. Das klingt spannend. Und tatsächlich kommt es zu einer Begegnung der ganz besonderen Art. Wie aus dem Nichts tauchen am Pistenrand etwa 50 nur mit einem Lendenschurz bekleidete Männer vom Volk der Hamar auf. Ich bremse abrupt ab, steige langsam vom Motorrad. Ruhe. Nichts geschieht. Beide Parteien können nur staunen. Per Zeichensprache versucht man mir nach einer Weile zu erklären, dass sie auf dem Weg zum Markt im nahem Turmi seien. Dort will ich auch hin.Auf den staubigen Straßen der Stadt herrscht ein schier unglaubliches Treiben und Drängen. Handeln und Verkaufen ist Sache der Frauen, von denen die meisten rötlich gefärbte Haare haben und Locken ähnlich den Rastas – ein Zeichen des Wohlstandes. Die Männer hingegen verbringen die meiste Zeit damit, Tej zu trinken, ein lokales Honigbier. Es fällt mir schwer, mich loszureißen. Aber das übrige Afrika kann nicht länger warten, wenn ich je in Kapstadt ankommen will.

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