Alaska - Feuerland (Archivversion)

Mission Impossible

Einmal durch ganz Amerika zu fahren ist schon eine große Nummer. Es auf Husqvarna TE 350-Wettbewerbs-Maschinen zu tun, ist allerdings ein echtes Abenteuer.

Die Huskys in Zahlung geben und ordentliche Reisemotorräder kaufen. So dachten wir uns das, als wir mit unseren alten Enduros zum Händler fuhren und ihm von der geplanten Alaska-Feuerland-Tour erzählten. Daß wir auf zwei neuen Husqvarnas vom Hof fahren würden, hätten wir nicht im Traum gedacht. »Die packen das«, verhieß der Händler überzeugt. »Im schlimmsten Fall schicke ich euch jedes Ersatzteil einzeln ans Kap Horn.« Und lieber die 350er statt der 610er nehmen, weil deren Motor nicht so arg auf die heikle Getriebe- und Endantriebseinheit eindresche. Trotzdem: Alle 1000 Kilometer Öl wechseln und jede 3500 Kilometer das Ventilspiel justieren klang nicht gerade fernreisetauglich. 115 Kilogramm Leergewicht dafür um so faszinierender.Ein halbes Jahr vor der Abreise machten wir uns an die Arbeit. Der Neun-Liter-Tank wich einem 19-Liter-Faß, und das Aluminiumheck ersetzten wir durch eine selbstgebaute Stahlkonstruktion mit integrierter Gepäckbrücke. Ergebnis der ersten Testfahrten: absolut unfahrbar. Es mußten die Federelemente verstärkt und Werkzeugbehälter gebastelt werden, die, vorn am Motor verschraubt, die desolate Radlastverteilung wieder ins Lot bringen sollten. Zuletzt änderten wir noch die Übersetzung und nahmen für eventuell schlechten Sprit die Verdichtung zurück.Trotz all dieser Maßnahmen buchten wir am Flugschalter One way-Tickets. In Sachen Endziel wollten wir uns lieber nicht festlegen. Alaska: Schlechtes Wetter treibt uns relativ schnell auf Südkurs und über die Grenze nach Kanada. Noch ist es ein ungewohntes Gefühl, die einst so leichten Huskys vollbepackt zu bewegen. Doch scheinen wir mit unseren Konstruktionen richtig gelegen zu haben: Das Handling ist gut.Der »Top of the world«-Highway führt uns zur Goldgräberstadt Dawson City. Von dort geht´s durch riesige Wälder zum Watson Lake und schließlich auf den nur teilweise asphaltierten Cassiar-Highway. Hier sehen wir sie zum ersten Mal: Bären. Mächtige Grizzlies und Schwarzbären. Gottlob interessieren sie sich nicht weiter für zwei Husky-Fahrer. Dennoch fallen uns vor Zittern fast die Kameras aus den Händen. In Prince George ergattern wir die letzten Tickets für die Fähre nach Vancouver Island. Glück muß man haben. Und freundlicherweise klettern jetzt auch die Temperaturen auf sommerliches Niveau.USA: Wir tauschen die Cross-Reifen gegen feinere Enduro-Pneus. Der Highway 101 beginnt. Dank geänderter Übersetzung gehen die 350er noch ganz ordentlich. Mit lockeren 100 Sachen tauchen wir ins gelobte Land ein: Oregon Dunes, Redwood-Nationalpark, Golden Gate Bridge, Laguna Seca, Yosemite und Sierra Nevada nehmen uns in ihren Zauber. Die Motorräder halten durch - wir halten mit ständigen Ölwechseln und Ventilkontrollen dagegen.Treffpunkt Arizona: Freudig begrüßen wir unsere Freundinnen. Eben aus Deutschland eingeflogen. Vier Wochen wollen sie uns begleiten, Urlaub machen auf den kargen Soziusplätzen der tapferen 350er. Packsäcke nach hinten, Schaumgummi auf den Gepäckträger: Wir hoffen auf das versteifte Rahmenheck.Bei 45 Grad Celsius überqueren wir östlich von Tijuana die Grenze nach Mexiko. Maximal 90 km/h schaffen die Huskys jetzt noch. Zu wenig, um unser Etappenziel, die Baja California, bei Tage zu erreichen. Wir fahren in die Nacht hinein und geraten prompt in eine Militärkontrolle: Fragen, Gepäckkontolle. Wir werden nervös, obwohl sich die Soldaten korrekt verhalten. Weitere Fragen, noch ein Blick in die Koffer... »todo bien«: weiterfahren. Erleichtert landen wir auf der Baja, campen am Bilderbuchstrand bei San Felipe.Wir bleiben auf der Ostseite der Halbinsel. Grobe Schotterpisten führen durch die kargen Steinlandschaften des Nordens, die später mit riesigen Kakteenwäldern abwechseln. Am Ortsrand des Küstendorfs Mulege passiert es: Ein Hund springt direkt vor Steffens Motorrad, der samt Sozia schwer zu Boden geht. Während der Hund jammervoll am Straßenrand verendet, bringen ein paar Mexikaner die beiden Verletzten in eine Art Krankenstation. Sie hatten Glück, kommen wie die Husky, mit ein paar Schrammen davon.Auf dem mexikanischen Festland dann die zweite Panne. Ein Federbein gibt den Geist auf. Wie versprochen schickt der Händler per UPS ein neues nach Mazatlan. Geschlagene 14 Tage warten wir auf das Päckchen, das laut Werbeslogan innerhalb von 24 Stunden an jedem Ziel der Welt sein soll. Na ja. Als es endlich da ist, machen wir uns auf den Weg zum Vulkan Paricutin, der in den vierziger Jahren zwei Dörfer von der Bildfläche verschwinden ließ. Nur eine Kirche blieb verschont: Spektakulärerweise kam die Lava zwei Meter vor dem Altar zum Stillstand.Cancun/Halbinsel Yucatan: Unsere Freundinnen fliegen zurück. Bis auf einen gebrochenen Kupplungskorb haben´s die Huskys überstanden. Vor uns liegt der Zwergenstaat Belize - und mit ihm gewaltige Regenfälle. 20 Kilometer auf einer aufgeweichten Dschungelpiste kosten uns eine Stunde. Völlig durchnäßt und dreckig bitten wir einen Bauern um Unterschlupf. Wenig später schaukeln wir unter einem Wellblechdach in unseren Hängematten, umringt von Schweinen, Hühnern und Kühen.Anderntags ist es noch schlimmer. Durch die starken Regenfälle haben sich ganze Teile der Straße verabschiedet. Irgendwo ist ein Lkw abgeschmiert und die Bergung in vollem Gange. Mühsam arbeiten wir uns nach Guatemala vor. Steffen geht es schlecht. Von Stunde zu Stunde baut er mehr ab. Malaria? Ein Bluttest gibt gottlob Entwarnung: Es ist nur eine Infektion.An Weihnachten überqueren wir bei 30 Grad Celsius die Grenze zu El Salvador. Von weihnachtlicher Atmosphäre nichts zu spüren. Mit Gedanken an zu Hause verbringen wir Heiligabend in einer schäbigen Hotelbar und gönnen uns ein paar Bier.Am Pazifiksaum entlang nähern wir uns Honduras. Schon kilometerweit vor der Grenze bieten Geldwechsler und Grenzvermittler ihre Dienste an. Zu Fuß und mit Fahrrädern folgen sie uns bis zum Schlagbaum, reden pausenlos auf uns ein. Es fällt schwer, Nerven und Übersicht zu behalten. Die Grenzer setzen noch einen drauf, verlangen 240 Dollar für irgendwelche Straßennutzungsgebühren und Formulare. Gereizt reisen wir ein und landen direkt in einer Polizeikontrolle. Bingo! Lichttest. In einem Land, in dem die Hälfte der Fahrzeuge nicht mal Scheinwerfer hat. Der Plan, ein paar Tage in Honduras zu verbringen, wird begraben. Wir nehmen den kürzesten Weg nach Nicaragua. Wegen eines größeren Rauschgiftfundes ziehen sich die Einreiseformalitäten zwar in die Länge, doch die Zöllner bleiben fair.Noch an der Grenze lernen wir Alonso kennen. Alonso, der mit seinen Brüdern eine Melonenfarm betreibt und auf dessen selbstgebauten Schaukelstühlen wir wenig später samt seiner Familie und Nachbarschaft auf der Straße sitzen. Sie wollen von unserer Reise hören. Dabei erfahren wir, daß die einzige regelmäßig verkehrende Fähre von Panama nach Kolumbien gesunken sei. In Costa Rica bestätigt sich das Gerücht. Damit ist der Weg nach Südamerika abgeschnitten. Durch das Darien Gap, ein riesiges Sumpfgebiet zwischen den Kontinenten, führt keine Straße. Also fahren wir nach Panama City, von wo aus uns eine Airline zu einem passablen Preis nach Quito in Ecuador bringt. Am Zoll eröffnet man uns, daß wir pro Motorrad 800 US-Dollar Kaution hinterlegen müßten. Bei der Ausreise werde das Geld selbstverständlich zurückgezahlt. Wir lehnen dankend ab. Die Alternative: Innerhalb von 48 Stunden könnte uns eine Polizeieskorte außer Landes begleiten, dann hätten wir lediglich die Reisekosten der Eskorte zu tragen. Nicht gerade unser touristisches Wunschprogramm. Nach mehrtägigen Diskussionen mit dem ecuadorianischen Zoll springt die Deutsche Botschaft ein und bürgt dafür, daß wir unsere Husqvarna keinesfalls in Ecuador verkaufen würden. Schließlich dürfen wir fahren. Höchste Zeit, Quito zu verlassen. Das Parlament ist dabei, den Präsidenten abzusetzen, ein Generalstreik steht bevor, und in einigen Teilen der Stadt sind wilde Straßenschlachten entbrannt. Wir steuern den Cotopaxi an, höchster aktiver Vulkan der Erde. Mit spuckenden Motoren und gerade noch 20 km/h Höchstgeschwindigkeit schnaufen die Huskys an den 4500 Meter hoch gelegenen Rand der Eiskappe. Um an den äußersten Zipfel des Amazonasgebiets vorzudringen, überqueren wir erstmals die Anden. Wieder Richtung Peru unterwegs, häufen sich Straßensperren und Militärkontrollen: Es wird vor Terroristen gewarnt.Während in Lima das Geiseldrama in der japanischen Botschaft andauert, durchqueren wir die Stadt, um 400 Kilometer weiter südlich die mysteriösen Linien von Nasca und Machu Pichu zu besuchen. Eine von den spanischen Eroberern nie entdeckte Inka-Stadt hoch oben in den Anden.Mittlerweile ist es Februar. Wir sind verdammt spät dran, wenn wir Feuerland noch vor der regenzeit erreichen wollen. Bei Tacna überqueren wir die Grenze nach Chile und folgen bis Iquique am Pazifik wieder der Panamericana. Dann entscheiden wir uns für einen weiteren Abstecher in die Anden. Innerhalb weniger Stunden klettern wir von Meeresspiegel-Nieveau auf mehr als 4000 Meter Höhe - und bekommen prompt die Quittung: Übelkeit, heftige Kopfschmerzen - Höhenkrankheit.Immer wieder gabelt sich die Schotterpiste, Abzweige die in unseren Karten nicht verzeichnet sind. Nirgendwo ist ein Mensch zu sehen. Wir versuchen uns an Vulkanen oder Lagunen zu orientieren. Als der Sprit zur Neige geht, endet die Straße. Keine Ahnung, wo wir uns befinden. Womöglich bereits in Bolivien. Umdrehen? Geht nicht mehr. Die letzte Versorgungsstation liegt zu weit hinter uns. Es gibt nur einen Weg: Die Bahngeleise in südlicher Richtung. Sie sehen unbefahren aus. Zwischen den Schienen holpernd, gelangen wir wahrhaftig auf unsere Schotterpiste zurück. Mit dem letzten Tropfen Sprit rollen wir in den chilenischen Grenzort Ollagüe, wo sich die Nachricht von zwei Gringos mit lauten Motorrädern schnell herumspricht. Nebenbei erfahren wir, daß die Bahnlinie durchaus in Betrieb ist.Santiago de Chile: Wir scheinen es wirklich zu schaffen. Die Huskys laufen noch immer. Zwar reißt bei der anstehenden Inspektion eine Ventileinstellschraube ab, doch kann sie mit Loctite gesichert werden. Ein letztes Mal besorgen wir frische Reifen. Dann nehmen wir das Finale unserer Kontinentaldurchquerung in Angriff.In Puerto Montt endet die Panamericana. Per Schiff geht es zur Carretera Austral, einer über 1000 Kilometer langen Schotterpiste Richtung Feuerland. Fünf Tage sind wir auf dieser einmaligen Straße unterwegs, begleitet von schneebedeckten Bergen, aktiven Vulkanen, türkisfarbenen Seen, Gletschern, Wasserfällen und Wäldern.Südlich des Lago Buenos Aires müssen wir auf die argentinische Seite wechseln. Braungrünes Steppengras säumt jetzt den Weg - die Pampa: flach, eintönig. Der unablässige, starke Wind Patagoniens fegt uns mitunter fast von der Piste. Wir kommen nur noch mühsam voran. Und unsere Hinterteile sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Aber wir schaffen es: Mit einer kleinen Fähre überqueren wir die Magellanstraße und erreichen Feuerland. Nach neun Monaten, 14 bereisten Ländern, 36 535 Kilometern, 36 Ölwechslen und zehn Ventilkorrekturen haben die Huskys das Ende der Welt erreicht.
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Amerika: Von Alaska bis nach Feuerland (Archivversion)

Eine Husqvarna ist eine Sport-Enduro, also für Wettbewerbe ausgelegt und nicht für Extremreisen. Aber Sport-Enduros haben einen gravierenden Vorteil gegenüber jeder Reise-Enduro. Sie sind leicht. Die TE 350 wog nach allen Umbauten lediglich 150 Kilogramm inklusive Koffer (115 Kilogramm Serie). Das schlagende Argument für Steffen Schmidt und Jörg Barthe: »Wir hatten viel Zeit, und der Händler versprach, alle Ersatzteile nachzuschicken. Also konnte eigentlich nichts passieren.« Blieben die Wartungsintervalle. »Ventilspiel prüfen und Öl wechseln ist letztlich keine so große Aktion. Öl haben wir zum Teil vorausgeschickt, zum Teil von Freunden mitbringen lassen. Und 1,5 Liter Füllmenge sind überschaubar«. Für genügend Reichweite sorgte ein 19-Liter-Tank von Acerbis, für die Gepäckunterbringung Alu-Koffer von Gericke. Die stärkeren Fahrwerksfedern kommen von Eibach, der Rest ist Eigenbau. Anstelle des leichten Alu-Hecks sitzt eine stabile Stahlkonstruktion mit integriertem Gepäckträger. Um Gewicht aufs Vorderrad zu bekommen, wurden die Koffer möglichst weit vorn montiert und selbsterdachte Werkzeugbehälter samt einer stabilen Schutzplatte am Motor verschraubt. Ein eigens gefertigter Hauptständer und eine mittels dickerer Kopfdichtung reduzierte Verdichtung runden das Ganze ab. Noch Fragen? Telefon 06403/63952.

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