Alaska (Archivversion) Die letzte Grenze

Größer, höher, weiter – Alaska sprengt jede Dimension. Die größten Bären, die höchsten Berge, die weitesten Aussichten. Im Herbst ist es ultimativ.

Das erste Licht des Tages dringt ins Zelt. Es ist still, beinahe erschreckend still. Kein Wind, kein Bach, nicht mal das Surren eines Moskitos ist zu hören. Nebelfetzen liegen wie weiße Kissen auf der grünen Tundra, die sich in sanften Wellen in alle Richtungen rollt. Eine Weite und Einsamkeit, die schwer zu begreifen ist. Im Osten tauchen die vereisten Riesen der Wrangell Mountains aus dem Dunst, strecken ihre Gipfel fast 5000 Meter hoch in den blassblauen Himmel. Zum ersten Mal wird Birgit und mir klar, dass wir es mit einer neuen Dimension zu tun haben. Kanada ist sicher nicht schlecht, aber Alaska spielt in einer anderen Liga. Wie bereits der Weg nach McCarthy. Stundenlang rumpeln unsere Enduros über eine üble Piste ins Herz des Nationalparks Wrangell St.Elias, eine unberührte Wildnis, größer als die Schweiz. Nicht ein Auto begegnet uns, wir haben die Schlaglöcher und den losen Kies ganz für uns allein. Schließlich McCarthy. Fast schon eine Geisterstadt. Ein paar uralte Holzhäuser und rostige Autowracks aus den 20er Jahren, daneben eine Kneipe und die Piste der Buschflieger. Während des Kupferbooms ab 1911 ging hier die Post ab. Heute leben kaum noch 20 Menschen in McCarthy. Ein paar Meilen weiter liegt Kennicott, bis 1938 die weltgrößte Kupfermine. Dann aber sackte der Preis für das Metall ins Bodenlose, und Kennicott wurde über Nacht verlassen. Was blieb, sind die riesigen roten Holzgebäude.Von Kennicott rumpelten die Kupferzüge zum Hafen von Cordova. Genau dort wollen wir auch hin. Dazu müssen wir zurück zum Richardson Highway, wedeln dann über die Serpentinen des Thompson Pass hinunter nach Valdez, das traurige Berühmtheit durch die Havarie des Supertankers Exxon Valdez erlangte, und entern dort die Fähre nach Cordova. Morgens um fünf rollen wir aus dem Schiff in den penetranten Nieselregen, der typisch für die Pazifikküste ist. Zum Glück hat schon ein Café geöffnet, wo wir bei Pancakes und dünnem Kaffee auf besseres Wetter warten. Das natürlich nicht kommt. Aber wir rollen trotzdem los, haben bald die schlammige Piste zum Childs Glacier unter den Stollen. Weißkopf-Seeadler äugen von den Cottonwood-Bäumen herab und wenig später trottet knapp vor uns ein Schwarzbär auf die Straße, entdeckt uns und sprintet ins Unterholz.Irgendwann spuckt der dichte Wald uns vor der Million Dollar Bridge aus, deren vier rostrote Bögen den breiten Copper River überspannen. Direkt daneben schiebt sich die fast 90 Meter hohe Eiswand des Childs Glaciers ins Wasser. Das Zelt schlagen wir am sicheren Ufer auf – einem Logenplatz für ein einzigartiges Schauspiel: Ab und an stürzen Lkw-große Eisbrocken oder ganze Eiswände in die braunen Fluten. Die Gischtwolke spritzt fast so hoch wie die Gletscherfront, Trümmerstücke fliegen hunderte von Metern weit, und die Welle, die sich über den Fluss wälzt, könnte ein Fischerboot versenken. Noch Tage könnten wir dem Gletscher zusehen, müssen aber zurück nach Anchorage, um den Flieger zum Katmai Nationalpark nicht zu verpassen. Alaska ist zwar Bärenland, aber die dicken Braunen sind nur in wenigen Schutzgebieten aus nächster Nähe zu erleben. Katmai liegt tief im Südwesten, weit entfernt von allen Straßen. Also deponieren wir die Bikes in Anchorage, nehmen den Jet bis Dillingham und steigen dort in ein Wasserflugzeug. 30 Minuten später setzt die »Twin Otter« rumpelnd auf den Wellen des Naknek Lake auf. Fühlt sich an wie verschärfte Wellblechpiste fahren mit dem Motorrad. Ein Ranger erwartet uns am Strand, zeigt uns einen Platz fürs Zelt und informiert uns über Verhalten im Bärengebiet.Für die Braunbären gilt im Sommer nur eine Devise: all you can eat. Und wo könnten sie das besser als an einem Fluss, in dem sich Rotlachse zum Laichen tummeln? Die Fronten sind also geklärt. Die Bären interessieren sich ausschließlich für die fetten Fische, wir hingegen nur für Meister Petz. Reichlich Lachse und milde Winter lassen die Küstenbraunbären zu den größten ihrer Art wachsen – aufrecht stehend drei Meter hoch und über 700 Kilo schwer. Aber solche Riesen sind selten geworden, dank der reichen Trophäenjäger, die im Herbst nach Alaska kommen. Mir persönlich reicht es für maximalen Adrenalinausstoß, abends vorm Zelt zu sitzen und der Bärenfamilie zuzusehen, die kaum 25 Meter entfernt durch den Uferkies des Naknek Lake schlurft.Als uns der Flieger nach ein paar Tagen zurück nach Anchorage bringt, sind wir dem Zivilisationsschock nahe. Blitzartig satteln wir die Motorräder und spuren auf dem Parks Highway nach Norden ein. Tempo 90. Fünfter Gang. Stundenlang schnur geradeaus. Harley-Country. Rechts und links nur endloser Wald aus dürren Fichten. Bis mitten im Nichts eine Tankstelle auftaucht. Oder eher ein Schrottplatz. Autos in allen Verfallszuständen verteilen sich auf dem ölgetränkten Boden, Motoren, Räder und Fahrgestelle liegen wahllos herum. Aber kein Mensch weit und breit. Ich hupe, Birgit sucht im offenem Schuppen. Vergebens, niemand da. Dann entdecken wir auf der Zapfsäule eine rostige Keksdose, deren Deckel durch ein Flacheisen beschwert ist. Aha, die Kasse. Wir deponieren unsere Dollars für den Sprit und geben wieder Gas. Tanken ist Vertrauenssache.Noch 200 Kilometer bis zum Denali Nationalpark, einem der Höhepunkte Alaskas. Rund um den Mount McKinley, den höchsten Berg Nordamerikas und von den Alaskanern Denali genannt, erstreckt sich absolute Wildnis, bevölkert von Grizzlys, Elchen, Wölfen und Moskitos. Die einzige Piste hindurch ist aber leider für Privatverkehr gesperrt ist, Besucher müssen in Bussen durch die Berge schaukeln. Bus fahren ist zwar das letzte, worauf wir Lust haben, aber es geht eben nicht anders. Also besorgen wir uns Campingpermits, und schon rumpelt der alte Schulbus los, von einem Pass zum anderen. Die Berge stecken in dichten Wolken, die Tiere sind offenbar in Urlaub. Bus fahren ist klasse.... Aber auch das hat ein Ende, und am Wonder Lake bauen wir schließlich das Zelt auf. Von hier soll die Sicht auf die Berge am tollsten sein. Wenn es keine Wolken hat. Tagelang streifen wir durch die Tundra, begegnen Karibus, die zur Familie der Rentiers gehören, beobachten einen gewaltigen Elch, der in einem Tümpel nach Wasserpflanzen sucht, und staunen über die Schnelligkeit eines Grizzlys, der ein Erdhörnchen jagt. Aber es könnte noch schöner sein, wäre der Wonder Lake nicht ein beliebtes Revier für Alaskas »Wappenvogel«: Moskito. Natürlich in der landestypischen Größe XXXL. Schlimmer noch als die Moskitos sind die beißenden Black Flies und die winzigen stechenden No-See-Ums. Der Alaskaner nennt all diese Fluggeräte »bugs«, und gegen die bugs hilft nur eins: »Bug-dope«, die chemische Keule in ultimativer Konzentration.Noch besser ist Wind, der uns die bugs abends gottlob vom Leibe hält. So können wir in Ruhe Blaubeerpfannkuchen backen und den Wolken zusehen, die endlich in Bewegung kommen. Einzelne Sonnenstrahlen wandern wie leuchtende Finger über die endlose Tundra. Das gibt Hoffnung. Am nächsten Morgen um sechs der Blick aus dem Zelt. Träume ich? Aber nein, da ist er! Ganz nah baut sich der Mount McKinley vor uns auf. Ein eisiger Gigant, 6194 Meter hoch. Und wir auf gerade mal auf 600 Metern. Zu beiden Seiten erstreckt sich die Kette der Alaska Range. Berge im Alpenformat, doch gegen den Riesen geradezu winzig wirkend. Den halben Tag sitzen wir auf einem Hügel über dem Wonder Lake, können uns kaum satt sehen an diesem Panorama. Einer der schönsten Plätze dieser Erde. Doch der Regen ist schon am nächsten Tag wieder da. Gut, dass wir Bus fahren dürfen. Jedenfalls bis zum Ausgang des Nationalparks. Jeden Tag wird es nässer, kälter und kriecht der über Nacht gefallene Schnee weiter bergab. Das war´s dann wohl mit Sommer. Aber bevor sich Alaska wieder in eine neunmonatige Kühltruhe verwandelt, zieht die Natur noch mal alle Register mit einem Fest der Farben.Irgendwann verbreitet auch der Wetterbericht wieder Optimismus, verspricht sonnige 15 Grad und wir brechen sofort zum Denali Highway auf: 200 Kilometer Einsamkeit am Südrand der Alaska Range. Der Regen hat die Piste aufgeweicht und tiefe Schlammrillen hinterlassen, doch die Enduros graben sich tapfer durch. Innerhalb weniger Tage ist die Tundra mit einem sattroten Teppich überzogen, leuchtend gelbe Büsche mitdrin und der tiefblaue Himmel darüber, gelegentlich von dramatisch dunklen Wolken verdeckt. Fahren im Farbenrausch. Mit minimaler Drehzahl tuckern die Einzylinder über die Piste, kommen kaum auf Betriebstemperatur, so oft bleiben wir stehen. Fern-Sehen kann so schön sein.Am Fiftymile-Lake finden wir den perfekten Zeltplatz, die Eisriesen direkt vor uns. Die letzten Wolken verziehen sich, und die Temperatur stürzt ab. Zarte, geheimnisvolle Lichtschleier huschen über den mondlosen Nachthimmel – Polarlicht. Minus zehn Grad am Morgen. Das garantiert ein moskitofreies Frühstück. Das Zelt ist so steif gefroren, dass es wohl auch ohne Stangen stehen würde. Ein Biber zieht Kreise in den spiegelglatten See, dessen Ränder bereits eine Eiskruste bilden, irgendwo der Ruf eines Eistauchers. Und dann entdecken wir auch noch alte Bekannte: 180 Kilometer entfernt schweben die Gipfel der Wrangell Mountains am Himmel. Alaska ist tatsächlich eine neue Dimension.

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