Albanien (Archivversion) Im Abseits

Das bis vor kurzem völlig isolierte Albanien empfängt Reisende mit großen Herausforderungen: kaum Infrastruktur und ein schlechter Ruf in Sachen Kriminalität. Wer’s dennoch versucht, kommt vermutlich wieder. Wie Helmut Rank.

Ein Typ Marke Bodyguard macht sich vor Eddy und mir breit.
»Follow me!« Seine Aufforderung, ihn in seinen Bürocontainer zu begleiten, ist unmissverständlich. Das
ungute Gefühl in der Magengegend verfliegt allerdings ebenso schnell, wie es gekommen ist. In bestem Englisch erklärt uns der Mann, der seine Augen hinter einer riesigen verspiegelten Pilotenbrille verbirgt, nur die Einreiseformalitäten, die zudem schnell erledigt sind. Bereits nach wenigen Minuten geht’s aus dem Hafen von Durrës hinaus. Unweigerlich muss ich an meinen ersten Trip durch dieses Land vor acht Jahren denken. Unterwegs mit
albanischen Freunden, ohne die ich mich damals in dem lange Zeit völlig isolierten und bitterarmen Land kaum zurecht gefunden hätte. Diesmal wollen wir es auf
eigene Faust probieren.
Der Zustand der Straße in Richtung Shkodër im Norden verhindert jedes zügige Vorankommen: Der Asphalt ist bisweilen vollkommen zerfetzt und von riesigen Schlaglöchern durchsetzt. Nach etwa zwei Stunden zwingt uns eine Umleitung auf eine Nebenstraße, wo ein neu gebautes Café zur Pause einlädt. Wir werden freundlich bedient, doch die vielen Gäste würdigen uns keines Blickes. Ein Mann
am Tresen fällt auf, der eine Pistole im Gürtel offen zur Schau trägt. Waffen haben einen hohen Stellenwert, und albanische Männer, erfahren wir von unserem Tischnachbarn, der ein paar Brocken Deutsch spricht, seien jederzeit bereit, damit ihre Ehre zu verteidigen. Was nicht selten
in jahrelangen Familienfehden münde.
Über eine schmale Brücke erreichen wir kurz vor Sonnenuntergang Shkodër, quartieren uns im erstbesten Hotel ein. Der Besitzer besteht darauf, dass die Motorräder aus Sicherheitsgründen im Haus parken. Auch recht.
Die Sonne lockt Eddy und mich früh am nächsten Morgen aus den Betten. Vermosh, der nördlichste Ort Albaniens, steht auf dem Plan. Kurz vor der Grenze zu Montenegro verrät eine alte Hinweistafel, dass es bis dorthin noch 67 Kilometer sind. Eine schmale, holprige Teerstraße nahe der Grenze führt langsam bergan, mutiert bald zu einer einfachen Piste. Kurze Zeit später verschlägt es uns hinter einer Kuppe beinahe die Sprache: Wir blicken in ein mehrere hundert Meter tiefes Tal, durch das sich ein smaragdgrüner Fluss zwängt. Über viele enge Serpentinen fädelt sich der Weg hinunter ans Ufer und dort über eine hölzerne Brücke auf die andere Seite. Am Ende des Tals stoppen wir vor einem Haus, das sich als Gaststätte entpuppt. Drinnen sitzt an einfachen Tischen ein Dutzend junger Männer, die uns sofort überaus herzlich willkommen heißen. Mittels Zeichensprache bestellen wir etwas zu essen. Egal was. Einer der Männer greift zu einem archaisch wirkenden Saiteninstrument und beginnt, albanische Volkslieder anzustimmen. Wir sind mittendrin, werden einbezogen, als ob wir schon immer dazugehörten.
Tags darauf brechen wir von Shkodër noch einmal nach Norden in die Berge auf. Zuerst vorbei an tristen und völlig heruntergekommenen Plattenbauten, dann an gut getarnten, ehemaligen Panzerunterständen aus der Zeit Enver Hodshas. Der kommunistische Diktator rief das Land, das im Westen der Balkanhalbinsel von Montenegro, dem Kosovo, Mazedonien und Griechenland umgeben ist, 1946 zur Volksrepublik aus und schottete es während seiner fast 40-jährigen Herrschaft nahezu komplett vom Rest der Welt ab. Erst nach dem Tod Hodshas im Jahr 1985 fanden 1991 die ersten freien Wahlen in Albanien statt, dessen rund drei Millionen Bewohner zu 70 Prozent Moslems sind.
Mühsam zuckeln die beiden Enduros die steinige Piste bergan, vorbei an
zackigen, schneebedeckten Bergspitzen, die ein wenig an die Dolomiten erinnern. Schmale Serpentinen führen weiter in die Höhe, doch schließlich bremsen hohe Altschneemassen unseren Vorwärtsdrang. Es bleibt keine andere Wahl als umzukehren. Damit war Ende Mai nicht zu rechnen.
Am frühen Abend sind wir zurück in Shkodër, setzen uns ins Café und beobachten das Geschehen. Schon gestern sind die vielen Notstromaggregate am Straßenrand aufgefallen. Ein Kellner
erklärt, dass in Albanien Strom nur von
17 bis neun Uhr früh durch die Leitungen fließt. Und noch was fällt auf: Die vielen Mercedes-Benz-Limousinen – angeblich gibt es keinen Ort auf der Welt, wo sich weniger Leute einen Daimler teilen müssen. Ob es sich dabei auch um Diebesgut handelt, trauen wir uns nicht zu fragen.
Wir kehren Shkodër endgültig den Rücken und rauschen ostwärts über eine frisch geteerte Straße, die bis Prizren in den Kosovo führt. Auf halber Strecke kommt der Abzweig in nördliche Richtung nach Bajram Curri. Und anders als auf
der Karte verzeichnet, rollen wir nun nicht mehr auf einer gut ausgebauten Hauptstraße daher, sondern über einen einspurigen Weg, dessen Asphaltdecke allenfalls rudimentär vorhanden ist. Eigentlich eine tolle Strecke: Knapp unter einem grünen Bergkamm reiht sich Kurve an Kurve. Aber um nicht in jedes Loch zu fallen, heißt es einen wilden Zick-Zack-Kurs einzuschlagen, der viel Zeit kostet.
In Bajram Curri erfahren wir, dass das einzige Hotel wegen einer Folkloreveranstaltung ausgebucht ist. Gegen Aufpreis finden sich jedoch schnell zwei Betten in einem privaten Haus. Am Abend mischen wir uns unter die große Menschenmenge am Dorfplatz und lassen die Tänze und
die Musik auf uns wirken. Wir fühlen uns so fremd wie selten zuvor.
Der nächste Morgen beginnt regen-
verhangen. Bei einer Tasse Kaffee werden
wir von einem Mann angesprochen. Auf Deutsch. Er sei arbeitslos, und die Begegnung mit Fremden verspreche etwas
Zeitvertreib. Er erzählt, etwa 90 Prozent der Bewohner dieser Stadt seien ohne Beschäftigung. Eine Besserung der Lage? In diesem abgelegenen Teil der Welt ist keine Hilfe in Sicht.
Nachdenklich verlassen wir Bajram Curri in Richtung Süden. Karge Hügel ringsum, grauer Himmel, Nieselregen.
Die Fahrt bis Kukës geht zäh vonstatten.
Dort sind wir die einzigen Gäste in einem großen ehemaligen Staatshotel.
Auch der nächste Tag ist wieder trüb und grau. Ein schmaler, unbefestigter Weg schlängelt sich an steilen Hängen entlang, führt runter in tiefe Schluchten und wühlt sich wenig später wieder hinauf – eine echte Traumstrecke. Erst gegen Abend treffen wir kurz vor einem Dorf erstmals auf Gegenverkehr: einen Bauern mit Esel. Wir kehren schließlich in einer einfachen Gaststube ein, beobachten heimkommende Schulkinder durch die trüben Fenster.
Die freuen sich wie die Schneekönige
über uns fremdartige Gestalten mit ihren Motorrädern.
Leider nimmt der Regen stetig zu, und eine Wetteränderung ist nicht in Sicht. Weil uns allmählich auch die Zeit ausgeht, verlassen wir den Südkurs und pfeilen patschnass direkt hinunter zur Küste, wo der Himmel tatsächlich aufreißt. Der letzte Tag in Albanien steht an. Da die Fähre
im nahen Hafen erst am Abend ablegt, entscheiden Eddy und ich uns für einen letzten Abstecher in die Berge. Schnell
ist auf der Karte eine schöne Runde ausgemacht, die zuerst über einen uralten Pflasterweg führt. Wir sind begeistert.
Stetig führt der Weg bergauf, ab und an durch kleine Bäche, etwas später an einem wütenden Hirtenhund vorbei, den wir nur mühsam abhängen können. Aber jetzt geht’s erst richtig zur Sache: Mehrmals müssen wir knietiefe, wassergefüllte Spurrillen bewältigen, was mit den be-
ladenen Enduros äußerst mühevoll ist. Wenig später wird unser Abstecher ab-rupt beendet: Der Regen der letzten Tage hat eine Schlammlawine ausgelöst, die nun den Weg vollends unpassierbar macht. Also zurück. Auf einmal vernehme ich Eddys Stimme. »Du hast hinten einen Platten!« Schlimme Flüche durchdringen darauf die Stille der albanischen Natur. Das Hinterrad ist vollkommen verschlammt – eine Reifenreparatur erscheint unmöglich. Zudem droht der Fährtermin zu
platzen. Also aufpumpen und einfach fahren, bis die Luft wieder raus ist. Dass wir den Hafen rechtzeitig erreichen,
grenzt fast schon an ein Wunder. Albanien – es bleibt ein Abenteuer.

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