Alpen im Fokus: Rund um den Triglav (Archivversion)

Triglav-Tour

Slowenien markiert den südöstlichsten Außenposten des Alpenbogens. Josef Seitz
hat das Herzstück, den Triglav-Nationalpark, unter die Lupe genommen. Und
tolle Motorradstrecken sowie ein bemerkenswertes Stück alpiner Kultur entdeckt.

Alle Welt liegt mir zu Füßen. Zumindest darf ich mir das am oberen Ende der Mangart-Stichstraße einbilden.
Die Kuppen der italienischen Alpengipfel bohren sich tief unter mir durch die Wolkendecke. Nur der Mangart über-
ragt meinen Standpunkt. Mit einem vornehmen Wölkchen
um sein Haupt wacht er wie ein meditierender Soldat über
die Grenzlinie. Mit 2677 Metern ist er zwar nicht der höchste
Alpengipfel, aber die Konkurrenz im nahen Nachbarland kann da schon nicht mehr mithalten.
Die Mangartstraße, ein ehemaliges Militärsträßchen, trennte unter Enduristen bis in die frühen Neunziger die Spreu vom Weizen. Eine wüste Schotterpiste, die Wind und Wetter jedes Jahr schlimmer zurichteten. Vor einiger Zeit hat eine schmale Teerdecke die zehn Kilometer lange Auffahrt gezähmt und daraus eine richtig schöne Pass-Straße gemacht. Nur ganz unten am Einstieg in die Stichstraße lässt ein Erdrutsch noch ein wenig von den alten Zeiten aufleben. Aber das Geröll ist schnell durchquert. Gemächlich lasse ich die Honda rollen und genieße die Aussicht auf die grauen Felsgipfel der Julischen Alpen. Bald bin ich am Predil-Pass, der sich am alten Verteidigungsbollwerk Kluze hinunter nach Bovec schwingt. Der Ort ist internationaler Magnet für
Wildwasser-Freaks, die in dem strahlend grünen Wasser der Soca ein prachtvolles Paddelrevier genießen. Der in den Felsspalten des Triglav-Nationalparks geborene Fluss begleitet mich in einer wie von Künstlerhand ausgehöhlten Schlucht hinauf zum Vršic-Pass.
Die Mangartpiste – früher trennte sie die Spreu vom Weizen unter den Enduristen
Immer wieder überspannen schmale, schaukelnde
Hängebrücken das Wildwasser und verbinden die kleinen Gehöfte auf der anderen Flussseite mit der Außenwelt.
Dann verlässt die Straße das Soca-Tal und steigt mit den
ersten Kehren des Vršic-Passes in das Bergmassiv ein.
Der 1611 Meter hohe Übergang ist das Sahnehäubchen
slowenischer Pass-Straßen. Die Honda fliegt wie auf Schienen um die Kurvenradien, bis Ticjarev Dom auftaucht, die Hütte auf der Passhöhe. Dort beginnt der Fußweg zum
Triglav, dem mit 2844 Metern höchsten Gipfel des Landes.
Es heißt, ein Slowene dürfe sich erst dann Slowene nennen, wenn er ihn bestiegen hat. Nachdem ich kein Slowene
werden will, kann ich getrost die entgegengesetzte Richtung in Angriff nehmen, die nördliche Passabfahrt. Eine Straße mit trauriger Geschichte. Zehntausende russische Kriegsgefangene wurden im Ersten Weltkrieg abkommandiert,
um die Trasse in mühevoller Arbeit dem Berg abzutrotzen. Der Übergang schien strategisch wichtig, doch die Opfer waren immens. Allein bei einem Lawinenabgang kamen
110 Menschen ums Leben. Die kleine russische Kapelle mit ihren zwei Zwiebeltürmchen, die auf halbem Weg ins Tal über der Straße steht, erinnert daran. Hier an der Nord-
flanke sind einige Kehren gepflastert, wobei die Aussicht auf die senkrecht aufsteigenden Felswände des Nationalparks das Tempo ohnehin im Zaum halten. Sie zählen zu den höchsten im ganzen Alpenraum. Vor Kranjska Gora taucht ein eigenwilliges Denkmal auf: der Steinbock Zlatorog, die Sagengestalt des Triglav.
Nach ein paar Kilometern auf der Hauptstrecke Richtung Ljubljana zweigt in Mojstrana eine kleine Straße zurück in den Nationalpark ab. In einer Mischung aus Teer und Schotter führt sie entlang der Radovna durch einsame Waldgebiete nach Osten. Wo die Berge genügend Platz ließen, haben sich Bauern angesiedelt. Heu trocknet auf Harfen, und ein zerfallenes Sägewerk erzählt von früheren Zeiten. Ich fühle mich in der Einsamkeit fast als Störenfried. In Spodnie Gorje folge ich dem Schild zur Vintgar-Schlucht. Die Radovna grub im Laufe von Jahrtausenden eine dunkle Klamm in den Fels. 1891 wagte sich Jakob Zumer, der damalige Bürgermeister von Gorje, zusammen mit einem Kartografen während eines Sommers mit außergewöhnlichem Niedrigwasser als Erster durch die Schlucht. Und beschloss anschließend, die wilde Schönheit jedermann zugänglich zu machen.
Er ließ aufwendige Holzstege in den Felsen verankern und
verhalf so dem kleinen Gorje zu einer der bemerkenswertesten Attraktionen Sloweniens.
In einem kleinen Restaurant oben im Dorf spricht die
Seniorchefin ein paar Worte deutsch. Nicht ungewöhnlich
in Slowenien, da die Bevölkerung sich stets mehr den
nördlichen Alpennachbarn zugehörig fühlte als der sozialistischen Zwangsgemeinschaft Jugoslawiens. So wurde
in den Schulen schon immer Deutsch als Fremdsprache gelehrt. Was sich heute vor allem im Tourismus auszahlt und viele Orte fest in deutsche und österreichische Hand brachte. Zum Beispiel Bled. Die Kleinstadt hat genau die Zutaten, die Touristen busweise anlocken: einen See mit Insel plus Kirche sowie direkt am Wasser einen steilen Felsblock mit Burg obendrauf. Genug, um Hotelblöcke aus dem Boden schießen zu lassen. Da fahre ich offen gestanden lieber ein kurzes Stück zurück nach Gorje und südlich in die Region Pokljuka. Eine tolle Motorradstrecke schlingt sich hinauf
in die Wälder, bis sie oben in eine tausendmal geflickte
Teerdecke übergeht und am slowenischem Zentrum für
Biathlon endet. Kurz vorher zweigt eine Piste in den Wald ab, die nach einem kurzen Schotterintermezzo brav asphaltiert vorbei an alten Dörfern und Bauernhöfen ins Tal der Sava Bohinjska führt. Der Bohinjsko-Jezero-See spiegelt still die umliegenden Gipfel. Bis ein Ruderboot die Idylle
zerschneidet und das Trugbild in ein wirres Aquarell auflöst. Noch 20 Minuten Fußmarsch, und ich stehe unter dem
Slap Savice, einem der höchsten Wasserfälle Sloweniens.
Da die Straße nicht weiterführt, fahre ich über Bohinjska Bistrica zurück und zum 1277 Meter hohen Bohinjsko-Pass. Die Julischen Alpen wandeln sich dort zu einer von Laubwäldern überzogenen Hügellandschaft und bieten perfekte Motorradbedingungen. Erst geht es in engen Kurven die Hänge hinauf, dann schwingt sich die Straße in weiten
Bögen durch das Flusstal der Baca. Bei Grahovo zweigt ein unscheinbares Sträßchen hinauf nach Bukovo ab. Prädikat: besonders wertvoll. Kurve folgt auf Kurve, Radien, wie mit dem Zirkel gezogen. Weiter geht es durchs Tal der Idrijca und in weiten Schwüngen hinauf nach Tolmin, wo nur ein unscheinbares Wanderschild auf die Tolminka-Schlucht hinweist. Der Fußweg wird immer enger und verschwindet
bald in einem schmalen Tal. Links der Fels und rechts dichtes Gebüsch verwehren jeden Blick, bis ich plötzlich auf
einer schmalen Brücke stehe. Mir wird fast schwindlig.
60 Meter unter mir schießt grünes Wasser zwischen engen Schluchtwänden talwärts. Ich muss meine persönliche Eindrucksskala der slowenischen Schluchten korrigieren und setze die Tolminka-Schlucht an erste Stelle.
Zwölf Isonzoschlachten forderten Tribut. Der Blutzoll der Weltkriegs-Generation
Entlang der Soca, die sich in dieser Region bereits ein beachtlich breites Flussbett geschaffen hat, fahre ich wieder in Richtung Norden, nehme die kleinen Straßen im Grenzgebiet zu Italien mit und lasse mich schließlich von meinem Zimmerwirt in Kobarid überreden, dem örtlichen Kriegsmuseum einen Besuch abzustatten. Zwölf so genannte
Isonzoschlachten kosteten im Ersten Weltkrieg rund um
Kobarid eine halbe Million Soldaten das Leben. In dieser Region hatte sich das Schicksal Sloweniens entschieden. Das Museum zeigt überraschenderweise trotz der harten Kriegsfolgen und späterer Ostblockeingemeindung das Kriegsgeschehen vollkommen neutral.
Dann lande ich wieder in Bovec, und der Kreis schließt sich. Ich habe den Triglav einmal umrundet und will die
Tour so beenden, wie ich sie angefangen habe – mit dem Vršic-Pass. Aber der Berg zeigt, dass er auch ein anderes Gesicht haben kann. Innerhalb weniger Kilometer schieben sich neblige Wolkenfetzen über den Kamm. Regen setzt
ein, und auf der Passhöhe beträgt die Sicht nur noch wenige Meter. Vorsichtig lasse ich die Honda hinabrollen. Als ich fast unten bin, reißt plötzlich die Wolkendecke für einen
Moment auf, ein paar Sonnenstrahlen dringen wie Scheinwerferspots durch das Grau, lassen die nassen Felswände kurz aufleuchten und zaubern einen leuchtenden Regenbogen über die Berge. Für Sekunden scheint die Welt eine andere zu sein.
Anzeige

Slowenien: Rund um den Berg Triglav in den Alpen (Archivversion)

Der Triglav-Nationalpark
umspannt fast den gesamten Alpenanteil Sloweniens und bietet Landschaften und
Pässe der Highend-Klasse.
D Übernachten
Im gesamten Nationalpark gibt es ein großes Angebot an Betten. Vor allem der Anteil an
privaten Zimmern und Appartements für Selbstversorger hat in den letzten Jahren stark zu-genommen. Im Socatal, in den kleinen Dörfern beim Bohinjsko See, und in Kranjska Gora auf der Nordseite des Vršic-Passes, finden sich viele Übernachtungsmöglichkeiten. Dennoch kann es in der Hochsaison von Anfang Juli bis Ende August eng werden. Die Preise für Privatzimmer mit Frühstück liegen umgerechnet bei rund 20 Euro pro Person, Appartements kosten je nach Ausstattung und Auslastung etwas mehr. Im
Socatal, an der Auffahrt zum Vršic-Pass und am Bohinjsko See haben im Sommerhalbjahr auch etliche Campingplätze geöffnet. Am Vršic-Pass kann in der großen Berghütte Ticjarev Dom auf dem Passübergang übernachtet werden.
D Verpflegung
Speiselokale nennt man Gostílna oder Gostíšce. Deren Preise haben mit der Zunahme des
Tourismus in den letzten Jahren zwar ange-
zogen, liegen aber immer noch auf niedrigem
Niveau. Das beste Bier im Lande heißt Lasko. Weinfreunde sollte sich nach den Weißweinen aus der Gegend von Jeruzalem erkundigen.
D Sehenswert
Zunächst mal die Landschaft im Nationalpark
in allen Facetten. Darunter besonders die
Vintgar-Schlucht bei Spodnie Gorje sowie die Tolminka-Schlucht bei Tolmin. Das Kriegsmuseum in Kobarid gibt Auskunft über das Kriegsgeschehen im Ersten Weltkrieg auf den Bergen rund um das Socatal. Das Trentahaus in Trenta im oberen Socatal bringt die Natur im Nationalpark durch eine Multivisionsshow auf interessante Weise näher – beispielsweise
die Entstehung der spektakulären Schluchten durch die Jahrtausende lange Schleifarbeit des Wassers. Außerdem informiert es über die Besiedlung und die Lebensweise
in der Gegend.
D Aktivitäten
Wildwasserfreunde kommen auf der atemberaubend grünen Soca samt Nebenflüssen voll auf ihre Kosten. Raftingtouren können in und um Bovec gebucht werden,
Kajakfreunde wenden sich besser an deutsche Kanuschulen,

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote