Alpen: Piemont und Hautes-Alpes (Archivversion) Die Krisenregion der Alpen

Sie sind das Bindeglied zwischen Mittelmeer und Hochgebirge: Fast am Südende des Alpenbogens angesiedelt, bilden die Cottischen zusammen mit See- und Ligurischen Alpen die Kontaktstelle
zwischen See- und Hochgebirgseinflüssen. Mediterrane Vegetation konnte weit in die Berge vordringen und dort eine der artenreichsten Regionen
des gesamten Alpenraums ausprägen. Auch die Tierwelt zeigt sich dort ungewohnt vielfältig. So streifen seit den 90er Jahren neben Gämsen und Wildkatzen sogar wieder scheue Wolfsrudel durch die dünn besiedelten Berge. Gleichzeitig sorgten teils extreme Erosion und vielfältige Gesteinsarten für markant ausgeprägte Felsformationen.
Der Alpenhauptkamm verläuft hier in Nordsüdrichtung, so dass sich die Täler rechtwinklig dazu vom französisch-italienischen Grenzgebirge Richtung Osten in die Poebene erstrecken. Nur an
wenigen Stellen sind sie mittels winziger Übergänge verbunden. Auch nach Frankreich führen bis auf den gut ausgebauten Colle della Maddalena nur wenige, sehr hohe und enge Pässe wie der Colle dell’Agnello, dennoch waren in früheren Jahrhunderten die Beziehungen nach Frankreich ausgeprägter als zum Mutterland Italien.
Entsprechend kommen Touristen im Valle Stura, Maira oder Varaita nicht einfach so vorbei. Dorthin fährt man gezielt. Und meist auf demselben Wege wieder hinaus, da die winzigen Verbindungen auf vielen Karten gar nicht erkennbar sind. Keine besonders guten Voraussetzungen für eine Neuorientierung der Täler, als die traditionellen landwirtschaftlichen Erwerbszweige, die sehr effizient betrieben wurden, im vorigen Jahrhundert allmählich an Bedeutung verloren. Und eine
Abwanderung in die tieferen Talregionen einsetzte, hin zu den neu entstehenden Industriezentren rund um Turin, wo Fiat zu seinen Boomzeiten den größten Arbeitgeber Italiens stellte.
Um Alternativen in den Bergen hat man sich nie gekümmert, wie Experten heute kritisieren. Das Bergland hatte reine »Zulieferfunktion« für die
tieferen Lagen, eine neue Existenzgrundlage – beispielsweise im touristischen Bereich – wurde nicht gefördert. Entvölkerung der stillen Seitentäler war und ist die Folge, oftmals ist lediglich noch der Hauptort bewohnt. Läden und Schulen schließen, zurück bleiben meist nur die Alten. 
Seit einigen Jahren gibt es erste Impulse für einen sanften Tourismus. So wurden nach Vorbild der französischen Alpen, wo der Entsiedelungsprozess schon früher eingesetzt hatte, Wanderprojekte
entwickelt. Im Piemont entstand mit dem Grande Traversata Delle Alpe (GTA) ein weit verzweigtes Fernwander-Wegenetz vom Wallis bis ans Mittelmeer. Gezielt wurden Wirte angeworben und
ungenutzte Übernachtungsquartiere in den alten Dörfern wieder belebt. Eine Idee, die auch für
Motorradreisende attraktiv ist. Wer dem asphaltierten Straßennetz der Region aufmerksam folgt, wird oft auf kleine Läden, Bars und Albergos
stoßen. Sie sind die einzige Chance der Region, und wir können sie nutzen und fördern. Eine noch dünne, aber neue Existenzgrundlage. Klar, dass hier vor allem Endurofahrer zu größter Behutsamkeit aufgerufen sind, denn nur in respektvollem Miteinander hat die Region eine Zukunft. Allgemein genutzte Schotterwege können mit der nötigen Umsicht befahren werden, auf Wanderwegen
jedoch herrscht striktes Fahrverbot. Wer zurückhaltend sein Naturerlebnis sucht, wird im Piemont freundliche Aufnahme finden, rücksichtslose Krawall-Crosser bekommen indessen vermutlich die Tür vor der Nase zugeschlagen. Zu Recht, wie wir finden! (Siehe auch Kasten auf Seite 102.)

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