Alpen-Spezial (Archivversion) Drei Wochen ganz oben

Die Überschrift ist Programm: Drei Wochen ganz oben. Die MOTORRAD-Redakteurinnen Annette Johann und Monika Schulz waren drei Wochen ganz oben - ganz oben auf dem Alpen-Hauptkamm, ganz oben der Euphoriespiegel und last not least ganz oben die Aufmerksamkeit. Denn wer auf den allerkleinsten Pisten, den gesamten Alpenbogen durchquert, der sollte äußerst vorausschauend fahren. Eine extreme Tour, extrem spannend zu lesen.

Es ist 23.30 Uhr. Die Kirchturmglocke von Monno lässt keinen Zweifel. Schlägt alle 15 Minuten die Viertelstunde inklusive der tonangebenden
vollen. Vermutlich die einzige Abwechs-
lung in diesem gottverlassen wirkenden
Dorf. Jesus kam garantiert nur bis Edolo, etwa zehn Kilometer südlich. Der Mond hängt schief über dem 3500 Meter
hohen Adamello-Massiv, wir über den 1:50000er-Wanderkarten in dieser unsäglichen Albergo. An Schlaf nicht zu denken. Erstens die Kirchturmuhr, zweitens der Stragula-Geruch, drittens unser Plan:
Der Adamello muss fallen.
Droge Berg. Seit einer Woche sind wir drauf. Oder sind es fünf? Zeit spielt keine Rolle mehr, nur noch die fieberhafte Suche nach immer alpineren Wegen zwischen Slowenien und Südfrankreich. Strecke
machen wir schon lange nicht mehr. Seit
der ersten ernsthaften Schotterpassage drüben im Friaul am Monte Paularo. Wir quälten uns da herum wie Franzi van
Almsick auf ihrer letzten 200-Meter-Freistil-Bahn. Echt nicht zum Ansehen. Und es gab keine Ausreden. Sowohl die wochenlang präventiv beschraubte Suzuki DR
350 als auch die nagelneue Beta Alp 4.0 gaben ihr Bestes. Es lag an uns. Schlechtes Schottergefühl hieße es wohl bei
Olympia. Locker werden, Mädels.
Als der Knoten endlich geplatzt war, riss es uns förmlich nach oben. Jede
Bodenwelle, jeder Drift, jedes Steilstück schieres Glück. Und ein tiefes Gefühl von Freiheit. Keine Wohnmobile, keine Souvenirläden, keine Geranienkübel – nur Berge, Wind und das entfernte Klimpern einiger Ziegenglöckchen. Genau was wir erhofft hatten, als unser Plan, die Alpen auf kleinsten Wegen zu durchqueren, reifte.
Und fast ein bisschen makaber. Denn zum Vergnügen wurde die Piste am Paularo nicht gebaut, sondern, wie die meisten Militärstraßen der Alpen, um den Ersten Weltkrieg auch noch in eisigsten Höhen auszufechten. Mit schweren Felskalibern befestigt, trugen sie Kanonen, Munition und Truppen in entfernteste Gipfelregionen. Wege, die mit Tausenden von Toten bezahlt worden sind, die nie den Krieg entscheiden halfen und deren Opfer gegen
die mörderischen Schlachten an West- und Ostfront nahezu in Vergessenheit gerieten. Heute erschließen sie einen wunderschönen Teil höchster Gebirgsregionen.
Die Kirchturmuhr in Monno schlägt halb acht, das Thermometer zeigt sieben Grad, der Adamello ist weg. Dicke Wolken über der Lombardei, leichter Regen und keine anständige Kneipe, die Sache auszusitzen. Runter nach Edolo, wo alle Hauptverkehrsstraßen zusammenmünden und sich ein Café ans andere reiht. Wir wählen das »Bella Edolo«, parken im Schatten einer Duisburger BMW K 1200 LT. Sitzheizung, Stereoanlage, Louis-XIV-
Verkleidung. Der Mann am Lenker packt die Europa-Karte aus – 1:1 Mio. Er will nach Rom. Aha. Fuhr gestern früh in Nordrhein-Westfalen los. Oha. Motorrad fahren kann so unterschiedlich sein.
Unser Startschuss fiel Luftlinie vielleicht 300 Kilometer von hier: Kranjska Gora. Wintersportzentrum des frisch gebackenen EU-Mitglieds Slowenien. Und Kranjska Gora wirkte wie frisch gestrichen. Touristisch hoch motiviert. Auffällig viele Busreisende: alternde, riesige Hamburger essende Engländer in brandneuen »Bistro-Snacks«, deutschsprachige Kegelclubs in lautstarkem Wortgefecht über die verdorbenen Preise. Wir flüchteten über den teilweise gepflasterten Vršic-Sattel Richtung Mangart. Flankiert von den eindrucksvoll aufragenden Felswänden des Triglav, in Atem gehalten durch vollendete Hochgebirgsszenen, gestoppt vom stechendsten Grün der nördlichen Hemisphäre: die Soca! Hochkarätiges Wildwasser, strahlend schön, Mekka aller Kajakfahrer.
Mindestens ebenso strahlend die Zeltplatzverwalterin vom »Ufer-Camp Klin«. Wie einst Lilo Pulver als Piroschka im unvergesslichen Hódmezövásárhelykutasipuszta erklärt sie uns in feierlichem Bemühen um Deutsch die komplizierte Zeltplatzordnung und endet mit dem bewegenden Satz:
»Sie mussen sich das gesamt nicht behalten, bitte.« Irgendwie kennzeichnend für den teils liebenswert improvisierten Fremdenverkehr Sloweniens.
Was den Kanuten die Soca, war Ge-
ländefahrern der Mangart, bis der Ex-Ostblockstaat bald nach seiner Unabhängig-
keit ein flächendeckendes Offroad-Verbot im Triglav-Nationalpark verhängen und
die zwölf Kilometer lange Mangart-Piste asphaltieren ließ. Fast lotrecht übereinander an der Wand klebend, klettern die
steilen Serpentinen gen 2055 Meter über Null durch eine mystisch wirkende Bergwelt – und eine Reihe stockfinsterer Naturtunnels. Fußballgroße Felsbrocken tauchen darin unvermittelt im zittrigen Scheinwerferkegel auf, während Durchbrüche schon die nächste Alpenkette in gleißendem Sonnenlicht zeigen. Kurz vorm Hochplateau stoppten Schneefelder unseren Sturm auf den wolkenumwehten Gipfel. Am Mangart herrscht Mitte Juni noch Eiszeit.
Das Bella Edolo ist inzwischen rappelvoll, die Espressomaschine steht nicht mehr still, das Thermometer bei 14 Grad. Bei 18 geht’s los. Gefroren haben wir auf dieser Tour schon genug. Am schlimmsten am Passo del Cason di Lanza, den wir
direkt im Anschluss an den Monte Paularo nahmen, motiviert durch die engagierten »Paulaner«, deren interessierte Fragen nach dem Woher, Wohin und natürlich nach den Maschinen. Im Friaul, dem hintersten Winkel Italiens, sind Fremde eine spannende Abwechslung.
Präzise beschreibt man uns den Weg nach Pontebba. Eine dieser Straßen, die grußlos zwischen zwei Hofeinfahrten abzweigen. Die Ellbogen gerade so zwischen den Blumenkästen durchzwängend, pöttern wir die enge Gasse empor aus dem Dorf. In der Luft der Duft nach Heuwiesen. Dann Wald. Funkelnde Bäche, gelb glühender Goldregen und stets dieses dünne, rostige Geländer, das die immer schmaler und schlechter werdende Fahrbahn vom Abgrund trennt. Optimales 350er-Terrain.
Es ist spät und saukalt, bis wir die
malerische Passhöhe des Cason di Lanza erreichen. Links eine kleine Alm, rechts eine Picknickstelle, vor uns die Passabfahrt: gesperrt. Rot, dick und fett. Eine
größere Baustelle, sagt der Bauer, aber, nach kurzem Blick auf unsere Motorräder, wir sollten ruhig fahren. Er sagt nicht, dass es die Straße zum Teil gar nicht mehr gibt, stattdessen deftige Felsstufen, die weder Prozente noch Erbarmen kennen. Als wir schlotternd vor Kälte in der Dorfkneipe von Pontebba die Kaffeetassen umklammern, liegt das Puffi-Dasein endgültig hinter uns. Ein paar Niederländer tauchen unvermittelt an der Bar auf: »Kommt gucken! Im Fernsehen läuft Deutschland-Holland.« Fußball-EM, komplett vergessen.
Wie lange ist das jetzt her? Fünf Tage? Oder sieben? Jedenfalls ist seit dem Lanza einiges passiert: zum Beispiel Südtirol.
Nach den wunderbaren Strecken zwischen Pontebba und Sappada, die große Wende am Kreuzbergpass, wo Südtirol die Provinzen Friaul, Belluno und Veneto ablöst. Endurotechnisch ging dort gar nichts mehr. Jeder anfangs reizvolle Stichweg in den Grenzgebirgskamm oder die südlich liegenden Dolomiten geriet zur Sackgasse. Genau wie das gesamte Pustertal mit seiner sorgfältigen Aufgeräumtheit und den Schnitzbalkonen. Irgendwann kannten
wir jedes Erker bewehrte Hotel Edelweiß,
jeden misstrauischen Wanderer und
dann auch die Straße zu den Drei Zinnen: zehn Euro Maut für sechs Kilometer! In Cortina d’Ampezzo war endgültig Schicht: 20 erhobene Zeigefinger wegen 200 Meter unerlaubten Rollens in der verkehrsberuhigten Innenstadt. Ohne uns.
Passo di Pordoij, Cavalese, Trento,
von dort ins Brenta-Massiv. Wegen der
Bären und Dreitausender und so. Viel versprechend noch die Ouvertüre der südlichen SS 421, die nur knapp den Felsen abgerungen zum Lago di Molveno führt. Molveno selbst dagegen ein herber Rückschlag ins südliche Tirol, das förmlich über die nördlichen Bergkämme quillt.
Die Touring-Bar vermeldet 16 Grad, und oben in Monno dürfte jetzt die Hölle los sein. Es ist 11.45 Uhr, das sind ganze 15 Schläge! Mehr geht nicht. Aber sind
wir nicht alle ein bisschen Kirchturmuhr? Immer volles Programm! Zum Beispiel Vollgas Lago di Molveno–Limone sul Garda. 29 PS voll am Anschlag. Jede Kurve voll auskostend. Und ohne Anhalten hoch nach Tignale. Gepuscht vom mediterranen Atem aus Pinien und Zypressenduft, die Westklippen des Gardasees hinauf, bis das Blau tief unten zurückbleibt. Danach Gardola–
Idrosee und zweimal Idro–Gargnano, allein, um die schönste Verbindung durchs Valvestino zu finden. Das Suchen und Bewältigen minimalster Wegenetze zog uns immer tiefer in die teils tropisch anmutende Hinterwelt des Lago di Garda hinein. Zum krönenden Abschluss ein doppelter Passo di Croce Domini: erst die geteerte, dann die geschotterte Variante.
Das war gestern. Und jetzt hat’s 18 Grad. Also los! Adamello von allen Seiten. Dreimal kommen wir ganz dicht dran,
am schönsten durchs Val di Genova, das sich entlang der reißenden Wasserfälle des
Sarca bis auf 1641 Meter Höhe schraubt. Schön wie Alaska und Europa zusammen. Abends gibt’s im Bergrifugio Polenta mit Carne, Alpenlehrposter, knarrende Stockbetten und einen neuen Plan: ab hier möglichst asphaltfrei in die Bergamasker Alpen.
Die Dramatik von Adamello und
Gardasee langsam hinter uns lassend, geht’s auf unspektakulären Halbhöhenwegen Richtung Lago d’Iseo. Als wir auf dem Dorfplatz von Brozzo stehen, ist es fast Nacht. Italien steht kurz vorm Ausscheiden aus der Fußball-EM. Trillerpfiffe gellen aus den Türen, Stöhnen, aaah – klingt nicht gut. Ein Hotel gäbe es hier nicht, erklärt man uns engagiert in der Halbzeitpause, aber ein paar Kilometer weiter in Gardone bestimmt.
Gardone, auf so etwas waren wir nicht mehr gefasst. Industriemuff, Supermärkte, Ampeln, Discotheken. Großer Fehler, sich so weit ins Tal abzulassen. Der einzig auffindbare Albergo-Wegweiser: »La Fabrica«, was immer das sein mag. Der Weg führt ziemlich steil ins Nichts, Schilder gibt’s
natürlich bald keine mehr. Nach zwei Kilometern drei Damen in Schwarz, si, claro, die Albergo, wir sollten ruhig weiter fahren. Höher und höher in die stockdunkle Nacht. Dann steht sie da: La Fabrica. Sieht genauso so schön aus wie es klingt. Drinnen verfolgen vier Männer gefesselt die letzten 20 Minuten des Entscheidungsspiels. Bier und Zimmer sind kein Problem, aber Essen fällt angesichts des trostlosen Spielstands aus. Italien im quasi schon verlorenen Endkampf. Wir verstehen, trinken, hoffen mit.
Hinter La Fabrica geht’s auf Schotter weiter und irgendwie bestimmt zum Iseo. Doch sind die Strecken nun selbst mit Wanderkarten kaum noch zu finden, die winzigen Dorfpassagen nur mehr intuitiv aufzuspüren. Gassen, die zwischen
Blumentöpfen oder auf Treppen enden, Feldwege kopfüber in Steilhängen.
Wenden auf Minimalterrain wird zur alles entscheidenden Disziplin. Die Italiener nehmen sportlich Anteil, winken, lotsen –
da hinten am Brunnen zweige der richtige Weg ab. Grazie!
Spätestens jetzt wird klar, wie sehr wir uns verzettelt haben, der ganze westliche Alpenkamm liegt ja noch brach. Heißt: endlich Strecke machen. Aprica, Sondrio, Como – der schnellste Westkurs jenseits der Autobahn. Komplett desillusionierend. Eine einzige Verkehrslawine. Nach den grandiosen Höhen sind die ökonomisch überfrachteten Täler umso grässlicher.
Comer See, Luganer See, Lago Maggiore, die volle, kribbelige touristisch-wirtschaftliche Breitseite der Alpen.
Erst im Susa-Tal wird alles wieder
gut. Colle delle Finestre! 54 Kehren unter knatschblauem Himmel, erst Asphalt, dann Schotter, dann 2176 Meter Passhöhe. Und dahinter der Einstieg zur Assietta-Kammstraße. Die wohl bekannteste aller Militärpisten, sich 35 Kilometer weit auf einem Gipfelgrat unter dem fast wolkenlosen Himmelsgewölbe des Piemont dahinziehend. Fast. Der Aufzug der Gewitterwolken geht rasend schnell, und ausgerechnet am 2567 Meter hohen, völlig frei liegenden Testa dell’Assietta erwischt uns die vor elektrischer Energie brodelnde Wolkensuppe. Verdammt! Genau das, was einem in den Alpen nicht passieren sollte.
Binnen Sekunden ist rundherum alles dicht. Keine Schutzhütte, kein Garnichts. Halbblind tasten wir unter zuckenden
Blitzen durch den eisigen Wolkennebel,
bis endlich im losklatschenden Regen eine Talabfahrt auftaucht. Nach einer kleinen Ewigkeit die ersten Waldstücke und die Liftanlagen von Sauze d’Oulx. Pitschnass feiern wir unser Entkommen. Und sind, kaum getrocknet, schon wieder obenauf.
Der Himmel, wie gekehrt, lädt zur Abendschau auf den Punta Sommeiller.
Mit über 3000 Metern der Gipfel dieser Tour. 47 Kehren, oben ein Gletscher!
Wir toben hinan, was die kleinen Erbsen
hergeben. »Lebt Eurer Leben lustvoll und
tollkühn.« Jetzt wird der alte Geburtstagsspruch eingelöst. Auf dem letzten Drittel der Strecke erste Schneefelder in den
Kehren, die noch mit Taktik und unbeirrter Blickführung bezwungen werden. Weiter oben sind sie allerdings zu tief. Absteigen, die Mühlen am Lenker haltend durchfräsen. Klappt. Einmal, zweimal, dann wird die Sache zu mühsam. Wir müssen eh
fast oben sein. Und viel besser kann’s gar
nicht mehr werden. Der 3350 Meter hohe Gletscher zwinkert im vollendeten Abendlicht – mehr hatten wir nie erwartet.
Als vor etwa 177 Monden eines schönen Junimorgens zwei 350er-Enduros über den Vršic-Sattel kletterten, glaubte ohnehin keiner ernsthaft an deren Ankunft in den Seealpen. Nicht mal die beiden Besitzerinnen. Jetzt können wir das Mittelmeer schon beinahe riechen. Schrauben den Tende-Pass hoch und werden auf der anderen Seite vom unverwechselbaren Bild Südfrankreichs empfangen: Platanen-
Alleen, Nice Matin, rote Tabac-Schilder, hellblaue R4. Es ist ein bisschen wie Heimkommen. Und in der PMU-Bar erzählen sie, dass Griechenland im Endspiel gegen Portugal steht. Die großen Fußballnationen – alle raus. Genau wie wir. Nur, dass unser Endspiel noch gar nicht angefangen hat. Das große Finale auf der Ligurischen Grenzkammstraße.
Noch einmal lassen wir uns von allmählich verendenden Asphaltsträßchen und Waldwegen dem derben Weltkriegspflaster der Höhenwelt übergeben. Diesmal unter betörendem Ginsterduft und dem unnachahmlichen Licht des Südens. Col Bertrand, Passo di Tanarello, Colle Malaberghe, Balcone di Marta, Monte
Saccarello... wir werden versuchen, so lang wie möglich oben zu bleiben.

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