Alpen-Tour (Archivversion)

Passt perfekt

Zwischen Kurvenrausch und Kilometer zählen: Die Vorbereitungen für eine Motorrad-Rallye in den Alpen führte die Tour-Scouts über 100 Pässe durch Italien, Österreich und Slowenien. Oder waren’s weniger?

Centopassi« heißt sie, die neue Alpenrallye. Hundert Pässe also. Hundert Pässe an fünf Tagen? Mal schauen, wie die italienischen Veranstalter dieser organisierten Tour das hinkriegen wollen.Ich bin als so genannter Scout für die Rallye ausersehen, die Ende August stattfindet. Zusammen mit Marco vom Veranstalter Dream Engine und den italienischen Journalisten Cristian und Zep. Wir vier sollen im Mai ausprobieren, ob sich die geplanten fünf Tagesetappen in der Praxis einhalten lassen und nebenbei noch ein Roadbook erstellen, also alle gefahrenen Kilometer penibel aufschreiben. Start ist in Bologna, beim Hauptsponsor Ducati. Die Rallye rührt nämlich kräftig die Werbetrommel für den jüngsten Spross des Herstellers, die Multistrada, die zudem als Preis auf den Sieger der Centopassi-Rallye wartet (siehe Infokasten nächste Seite).Doch wie kommt man von Bologna zu den ersehnten Pässen? Schließlich befinden wir uns hier im platten Land, 300 Kilometer südlich der Alpengipfel. Also erst mal nach Nordosten, Richtung Colli Euganei bei Padua. Die 400 Meter hohen Hügel sind mit ihren vielen verwinkelten Sträßchen fast schon vergnügungssteuer-pflichtig. Doch die Anreise auf der topfebenen Landstraße nervt. Genau wie das Verbindungsstück zum schrofferen Monte Grappa weiter nördlich. Wir beschließen, kurze Autobahnetappen vorzuschlagen. Nicht sehr stilvoll, aber besser, als gleich am Anfang die Nerven zu verlieren. Mehr Stil verheißt der nächste Tag – der erste Alpenpass: der Tonale unterhalb der Ortler-Gruppe. Danach ist erst mal Schluss. Sowohl auf dem Gavia wie auch auf dem Stilfser Joch, beide über 2500 Meter hoch, liegt noch Schnee. Das Roadbook erleidet den ersten größeren Schaden. Marco zeigt sich besorgt: »Und wenn es im August auch schneit?« Als Alternative für den Fall der Fälle nehmen wir den Passo d’Aprica im Westen sowie den Mendelpass und das Gampenjoch im Osten unter die Räder.Bei einsetzendem Regen rutschen wir auf Straßen, auf denen noch Schotter und Sand von der Winterstreuung liegen, nach Meran. Und reden uns bei einer ausgedehnten Mittagspause die Köpfe heiß. Sollen wir das anspruchsvolle Stilfser Joch mit seinen 87 Kehren – 48 auf der Ost-, 39 auf der Westrampe – am Ende des zweiten Tages einplanen? Oder es lieber auf den Morgen des dritten Tages legen? »Plant vor allem kürzere Etappen«, wirft Marco ein. »Wir wissen schließlich nicht, ob alle Leute Bergerfahrung haben.«Eingebremst werden sollen außerdem die Heizer, mit denen zu rechnen ist. Schließlich heißt es in der »Centopassi«-Werbung im Internet provokant: »Trauen Sie sich zu, Männer herauszufordern, die keine Grenzen kennen? Schlagen Sie Ducati!« Die Testertruppe des Herstellers ist bei der Rallye nämlich dabei – und wird wohl so manchen Teilnehmer zu Höchstleistungen anstacheln. Wir einigen uns auf Tagesetappen von maximal 350 Kilometern und auf diverse Sonderprüfungen, die das Tempo drosseln.Am späten Nachmittag trocknen die Straßen ab. Nichts wie rauf auf den Jaufenpass nach Sterzing und dann gleich wieder das Penserjoch hinunter nach Bozen. Lang gezogene Kurven gehen allmählich in enge Spitzkehren über, die Baumgrenze liegt bald hinter uns. Nur mit dem Panorama ist’s Essig, zu tief hängen die dunklen Regenwolken. Auf den Passhöhen zerrt und rüttelt ein scharfer Wind an den Motorrädern. Gerade mal sechs Grad hat es jenseits der 2000-Meter-Marke. Ich lasse die Kollegen bibbernd beim obligatorischen Gipfelfoto stehen und turne endlich mal allein durch die Kehren nach unten.Die nächste Etappe führt auf die andere Seite der Brenner-Autobahn und über den Karerpass nach Canazei. Niger-Sattel, Sellajoch, Pordoi, Passo di Fedaia – wir fahren uns schier schwindlig. Erst auf dem Grödnerjoch fällt uns siedend heiß das Roadbook ein. Im beschwingten Wettstreit mit anderen Motorradfahrern haben wir vor lauter Kurvenrausch vergessen, die Tageskilometerzähler auf null zu stellen. Der Geist der Rallye ist bereits mit uns. Also Karten raus und mühsam nachrechnen. Weil die Rallye-Karawane nicht sämtliche Hauptstraßen blockieren soll, wählen wir vor allem verwinkelte Nebenstrecken. Über den schwungvollen Plöckenpass laufen wir in Österreich ein, und plötzlich muss ich auf meine bislang so forsch dahindonnernden Mitstreiter warten. Der Ruf der dortigen Gendarmerie tut seine Wirkung, alle halten sich sklavisch an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Dann ein echter Schlagbaum: die Grenze nach Slowenien. Die Frage nach den Pässen – unseren diesmal – zeitigt eine hektische Suche. Marco und Zep haben sie im Hotel in Bozen vergessen. Während Marco immerhin seinen Personalausweis zutage fördert, gibt es für Zep kein Durchkommen. Wir fahren ohne ihn nach Kranjska Gora, wollen ihn morgen wieder treffen. Kurz darauf schließt er sich uns wieder an – er hat einen ehemaligen Schmugglerpfad ausgemacht und die Grenze einfach schwarz passiert. Zurück in Italien, entscheiden wir uns für kleine Nebenrouten über den idyllischen Predil-See und den Nevea-Sattel. Ein Stück Bundesstraße Richtung Tolmezzo lässt sich nicht vermeiden, doch in Mioa biegen wir schon wieder zu den nördlichen Höhenzügen ab. Zwar warnt ein Schild, die Passhöhe sei gesperrt, aber wir probieren es trotzdem. Das schmale Sträßchen erweist sich als ein Höhepunkt der Tour: außer anderen Motorrädern kein Verkehr, dafür wilde Kurven und enorme Ausblicke. Gesperrt ist die Forcella Laverdet im Übrigen nur für Autos, Zweiräder kommen an dem harmlosen Erdrutsch, der einen Teil der Straße blockiert, bequem vorbei. Sella Ciampigotto, Razzo-Sattel, Passo Tre Croci und zahlreiche Pass-Abstecher unterhalb der Marmoladagruppe bringen uns schließlich zum letzten Etappenziel nach Cortina d’Ampezzo.»Hundert Pässe sind wir aber nicht gefahren«, moniere ich bei der Schluss-besprechung. »Eher um die 40.« Verblüfftes Schweigen. So wörtlich sei der Name der Rallye nicht zu nehmen, klären mich meine italienischen Begleiter auf; er solle doch nur als Symbol den Spaß vermitteln, den eine solche Alpentour mache. Die genaue Anzahl der Pässe sei völlig zweitrangig. Nicht ganz logisch, jedoch unbestreitbar charmant, diese Erklärung. Erbsenzähler würden sich bei einer Rallye der italienischen Art wahrscheinlich sowieso nicht wohl fühlen.
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Alpen-Rallye »Centopassi«: Eva Breutel befuhr als Tour-Scout alle Pässe (Archivversion)

Centopassi«: 26. bis 30. August. Fünf Tagesetappen in den Alpen über je rund 300 Kilometer. In der auf 140 Teilnehmer beschränkten Klasse »Competition« geht es um den Hauptgewinn, eine Ducati Multistrada. Nicht die schnellste Zeit, sondern Sonderprüfungen wie Geschicklichkeits- und Gleichmäßigkeitsfahrten sind ausschlaggebend; möglich ist auch eine Teilnahme in Gruppen bis fünf Motorradfahrer. Die Klasse »Iron Biker« fährt außer Konkurrenz mit Tourguides. Teilnahmegebühr für beide Klassen zwischen 150 (nur Einschreibung) und 680 Euro (mit Hotelübernachtung). Motorradfahrer aus dem deutschsprachigen Raum können sich bis zum 15. Juli anmelden. Infos beim Veranstalter Dream Engine in Bologna, Telefon 0039/051/6494793, Fax 0039/051/5286378 oder www.centopassi.com.

Alpen-Rallye »Centopassi«: Eva Breutel befuhr als Tour-Scout alle Pässe (Archivversion)

Auch das MOTORRAD ACTION TEAM veranstaltet eine »Alpen-Challenge«. Termine: 23. bis 30. August und 30. August bis 6. September. Über sechs Tagesetappen mit einer Länge von jeweils 350 bis 520 Kilometer führt die Tour durch die französischen Westalpen. Dabei kommen fast 150000 Höhenmeter und mehr als 100 Pässe zusammen. Die Teilnehmer fahren nach Roadbook. Der Preis für sieben Übernachtungen mit Halbpension beträgt 760 Euro. Weitere Infos gibt es unter Telefon 0711/182-1977, per Fax 0711/182-2017 oder unter www.motorradonline.de.Außerdem bietet das MOTORRAD ACTION TEAM weitere Reisen in die Alpen an, unter anderem eine Classic-Tour für mindestens 25 Jahre alte Motorräder und eine GS-Tour mit Schottereinlagen.

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