Alpen (Archivversion)

Der Traum vom ewigen Kurven

Eine Autobahn verbindet den Vierwaldstätter See mit dem Lago Maggiore. Aber wen interessiert in den Bergen schon die Gerade von A nach B?

Das Herz der Schweiz ist ein exklusives Refugium – fünf Franken fünfzig für einen Cappuccino sind ein Wort. Normalerweise würde ich dankend auf eine Pause verzichten. Aber der Blick auf den Vierwaldstätter See, dessen gekräuselte Wasseroberfläche fjordartig von Bergen umschlossen wird und von dem man sagt, er sei der schweizerischste aller Seen, weil historisch besonders wertvoll, hat es tatsächlich in sich. Hier präsentiert sich das kleine Alpenland bis zur Perfektion arrangiert. Längst verstaubtes Schulwissen kommt wieder zutage. Die nahe Rütli-Wiese, das Schweizer Heiligtum par excellence, weil hier vor über 700 Jahren die Eidgenossenschaft gegründet wurde, um sich ein für alle Mal der leidigen Fremdherrschaft zu entledigen. Schiller war’s, der dann aus diesem Stoff mit seinem »Wilhelm Tell« – sozusagen der Robin Hood der Alpen – einen Schweizer Heldenepos gestrickt hat. Ich hab’s nur noch schwach in Erinnerung. Ist schon eine Weile her. Die Einheimischen kennen den Schmöker garantiert auswendig.Zurück auf die Straße. Entlang am Ostufer des Sees. Weggis, Brunnen, Sisikon, Altdorf. Fantastische Wohnlagen hoch über dem Wasser, private Strände, luxuriöse Hotels, teure Autos, schnelle Boote. Alles piekfein. Und über allem herrscht eine vornehme Ruhe. Ähnlich mondän wie am weiter südlich gelegenen Lago Maggiore. Rund 80 Kilometer sind’s von Ufer zu Ufer. Luftlinie, versteht sich. Auf der praktisch schnurgeraden Autobahn, na ja, fast zumindest, wäre diese Strecke in einer guten Stunde machbar. Die Alternative: eine Auswahl aus der Oberliga der Bergstraßen, die in diesem Teil der Alpen praktisch direkt ineinander übergehen. Eilige würden allein beim Blick auf die Karte dem Wahnsinn verfallen – auf meiner Route wird man wohl erst in zwei Tagen im italienischen Badeort Cannobio aufschlagen. Aber genauso habe ich mir die Sache vorgestellt. Kurven und Kehren fahren bis zum Anschlag. Südlich von Altdorf steigt die Strecke erstmals an. Anfangs kaum spürbar, schließlich ziemlich flott im Tal der schäumenden Reuss bis nach Wassen. Hier rechts ab, und – hoppla – gleich die ersten engen Kehren: die Ostrampe des Sustenpasses. Ab jetzt geht’s quasi senkrecht auf einer in den schrägen Fels gemeißelten Trasse nach oben. Gewaltige Wasserfälle rauschen über hohe Stufen im Stein, verzweigen und vereinen sich, bilden feine Sprühnebel, in denen sich das Licht der Sonne in vielen Farben bricht. Etwas höher glänzen vereinzelte Schneefelder.Kurz vor dem 2224 Meter hohen Pass ein Tunnel, direkt hinter dem Ausgang das obligatorische Restaurant. Aber leider kein Panorama, das auch nur ansatzweise zum Halten animiert. Rund 300 Meter weiter haut’s mich in der ersten Bergabkehre dagegen fast aus dem Sattel der BMW Rockster, so gewaltig präsentieren sich das Sustenhorn und der grelle Eisstrom des Steingletschers, dessen Schmelzwasser dort einen grauen See gebildet hat. Ein Bild der Superlative, das sich vor dem ultrabreiten Lenker erstreckt – und in das die Straße mitten hineintaucht.Bis Innertkirchen lasse ich die BMW gelassen bergab rollen, gönne mir eine kurze Pause, bevor der Asphalt durch ein immer unwirtlicher werdendes Tal erneut gen Himmel strebt. Rechts, links, rechts – der Grimselpass kommt ziemlich schnell zur Sache. Ruck, zuck katapultiert mich der verwinkelte Verlauf wieder in hochalpines Terrain. Ich passiere von einstigen Eismassen blank geschliffene Granitformationen, dann den Räterichsbodensee, kurz darauf den Grimselsee, über dem auf einem Felsen das gleichnamige Hospitz wacht. Leider sind’s ab hier nur noch vier Kehren bis zur Passhöhe auf 2165 Metern. Schade, war gerade so richtig in Schwung. Doch der Blick zurück ist eine Offenbarung: eine granitene Welt am Fuße des 4274 Meter hohen, verschneiten Finsteraarhorn, ein Stück unterhalb die beiden grün leuchtenden Seen. Der spektakuläre Verlauf der Strecke ist gut auszumachen – an Wochenenden ist bestimmt die Hölle los. Mitten in der Woche jedoch sind mir nicht mehr als zwei Hand voll Motorradler in der letzten Stunde entgegengekommen. Denke ich dagegen an die letzte Dolomitenrunde Anfang Mai, die Straßen völlig dicht. Da habe ich mir zum x-ten Mal geschworen, die Wochenenden in den Alpen zu meiden.Die vom Grimsel in weiten Schwüngen steil hinunterführende Straße macht bereits Laune auf das, was gleich kommt: Direkt gegenüber, fast schon zum Greifen nahe, windet sich die Westrampe des 2436 Meter hohen Furkapasses bergan. Und nähert sich dabei dem gewaltigen Eiskatarakt des Rhônegletschers. Wie gemalt. Kaum zu glauben, dass ich diesen Teil der Alpen so lange unterschlagen habe. Dabei bin ich hier schon vor knapp 20 Jahren im Sattel einer XT 500 langgebrettert. Eine meiner ersten größeren Ausfahrten. War ein richtiges Abenteuer. Wenig Kohle, dafür viel Ravioli aus der Dose und ein Billigzelt plus Bundeswehrschlafsack hintendrauf. Hier muss es auch irgendwo gewesen sein, wo ich mich damals in die Büsche geschlagen habe, um die Hotelkosten zu sparen. Benzin war wichtiger. Bis mich morgens ein Schäfer weckte. Ein freundlicher Bursche, der einfach nur neugierig war. Aber wahrscheinlich muss ich vergessen haben, wie die Strecken im Wallis zur Sache gehen.Also gut. Gleich wieder den Berg hoch. Vier Kehren, eine lange Gerade zum Luft holen, zwei weitere Kehren, dann hält die Trasse direkt auf den gewaltigen Wasserfall zu, der sich von der Zunge des Rhônegletschers herab in mehreren, wild schäumenden Strömen über das vom Eis plattgehobelte Gestein ergießt. Es rauscht und tost wie unter einer überdimensionalen Dusche. Die bläulich schimmernden Eismassen haben sich allerdings sichtbar zurückgezogen. Vor 200 Jahren reichte der Gletscher noch weit hinunter in das trogförmige Tal.Vorbei am altehrwürdigen und mitten in einer engen Rechtskehre platzierten Hotel Belvedere, pfeile ich noch ein gutes Stück bergan, fliege förmlich über den 2431 Meter hohen Furkapass. Der dritte große Übergang für heute. Macht 6825 Höhenmeter und garantiert doppelt so viele Kurven. Das reicht. Am liebsten würde ich jetzt wie damals ein Zelt neben der Straße aufschlagen. Schon allein, um mal wieder einen Sonnenaufgang oben in den Bergen zu erleben. Dummerweise vorher nicht daran gedacht. Ich werde mir in Hospental ein Zimmer suchen müssen. TV statt Panorama. Dafür aber ein gutes Bett und ein kaltes Bier. Hat auch was.Fast hätte ich das Frühstück verschlafen. So viele Kehren machen müder, als ich dachte. Schnell einen Kaffee, dann den Boxer starten, der ohne Mühen in Gang kommt. Ich dagegen brauche eine ganze Weile, um richtig in Schwung zu kommen – der Weg hoch zum St. Gotthard ist nicht gerade ein Wachmacher. Bolzgerade steigt die Strecke an, führt durch eine recht triste, fast schon abweisende Trümmerlandschaft aus Fels und Stein. Umso ärgerlicher, dass momentan die alte Südrampe hinunter ins Tessin – die legendäre Tremolastraße – gesperrt ist. Nur ungern verzichte ich auf diese 24 Kehren, die sich verwegen an der Wand entlang nach unten hangeln. Ein architektonisches wie ästhetisches Meisterwerk.In Airolo schlage ich den nächsten Haken, pfeile über den Nufenenpass wieder zurück in Richtung Wallis. Meterhohe Schneereste flankieren am höchsten Punkt die Strecke. Auf 2440 Metern pfeift wahrlich ein anderer Wind als unten im sommerlichen Tessin. Leicht fröstelnd kommt mir der Lago Maggiore wieder in den Sinn. Kurz ein Blick auf die Karte. Na bitte, die Hälfte der Strecke – Luftlinie – ist geschafft. Ein Bad im See sollte heute noch drin sein.Die Kehren vom Nufenen hinunter ins Rhônetal sind ein Heidenspaß, während sich die Strecke entlang des Flusses als recht kurvenlose Etappe erweist. Bis zum Simplonpass, der bei Brig erneut in die Berge führt. Kein anspruchsvoller Übergang wie Grimsel oder Furka, aber trotzdem nicht ohne. Besonders die Abfahrt durch die eng zusammenrückenden Felsen der Gondoschlucht. Unzählige Tankstellen kündigen schließlich die nahe italienische Grenze an. Benzin ist in der Schweiz so ziemlich das einzige Schnäppchen. Ich treibe die Rockster ein Stück in Richtung Domodóssola, schlage bei Masera Kurs Locarno ein und biege in dem Dörfchen Malesco auf einen Weg ab – jede andere Bezeichnung wäre übertrieben –, der in Richtung Cannobio führt. Bingo! Zwar kein richtiger Pass, aber 25 Kilometer Kurven. Ohne Wenn und Aber, maximal dritter Gang. Der Endspurt durch dichten Wald hinunter zum Lago Maggiore entpuppt sich als kleine Sensation. Wie aus dem Nichts die erste Ampel, die ersten Gebäude. Gleich darauf die Flaniermeile direkt am See, eingerahmt von einer wunderschönen, alten Häuserzeile. Ein wenig zwangloser als am vornehmen Vierwaldstätter See geht’s zu. Man schwatzt und lacht lauter, es herrscht ständig leichtes Chaos auf der Promenade, an der einen oder anderen Fassade bröckelt der Putz, und jeder Roller kommt definitiv zu laut daher. Die Schweizer Gediegenheit ist südländischer Gelassenheit gewichen. Dabei ist auch ein wenig die Exklusivität auf der Strecke geblieben – einen Cappuccino gibt’s am Ufer des Maggiore für zweieinhalb Euro. Þ Seite 77
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Schweiz: Alpen vom Vierwaldstätter See zum Lago Maggiore (Archivversion)

Die Schweizer Alpen sind
ein fantastisches Terrain zum Kurvenräubern. Besonders toll: die Region südlich des Vierwaldstätter Sees, wo sich gleich einige der höchsten Bergstraßen aneinander
reihen.
DAnreiseDer Vierwaldstätter See ist über mehrere Autobahnen (Vignettenpflicht) schnell zu erreichen. Ab Basel führt die A 2 nach Luzern; wer aus Richtung Winterthur kommt, peilt Zürich an und gelangt auf der A 4 (einfach in Richtung Gotthard halten) nach Küssnacht, das direkt am See liegt. Deutlich mehr Fahrspaß bieten ab der Schweizer Grenze natürlich die Nebenstraßen. Auf ihnen spart man auch die Gebühr für die Vignette, die 26,50 Euro kostet.DReisezeitWer kann, sollte den Ferienmonat August und die langen Wochenenden (Pfingsten oder 1.Mai) meiden – da bleibt aufgrund des vielen Verkehrs der Fahrspaß garantiert auf der Strecke. Ab Juni, manchmal auch schon im Mai, sind die meist über 2000 Meter hohen innerschweizer Pässe nach der Wintersperre wieder für den Verkehr freigegeben. Für viele Alpenfans sind allerdings September und Oktober, wenn sich bereits das Laub verfärbt, die schönste Zeit für eine Pässerunde. Spätestens ab November herrscht auf den im Text beschriebenen Pässen Winterpause.DUnterkunftHotels und Pensionen finden sich im gesamten Alpenraum praktisch in jedem Ort. Motorradfahrer werden überall heftig umworben. Wer nicht gerade mit einer größeren Gruppe im August unterwegs ist, braucht nicht zu reservieren, sondern kann sich je nach Lust und Laune (und Müdigkeit) überall problemlos ein Zimmer suchen. Leider ist die Schweiz ein teures Pflaster – unter 60 Franken für ein Einzelzimmer geht kaum was. Der Tipp: »Hotel Hof & Post« in Innertkirchen, das zwischen Susten- und Grimselpass gelegen ist. Ein Einzelzimmer kostet pro Nacht ab 60 Franken. Mit schattigem Biergarten, wirklich guter Küche und einem speziellen Übernachtungsangebot für Motorradfahrer (zwei Übernachtungen mit Halbpension 100 Franken pro Person); Telefon 0041/33/9711951; Internet: www.hotel-hof-post.ch. Weitere von Motorradfahrern empfohlene Hotels finden sich in der »Angenehmen Ruhe« (siehe nächste Seiten). Allgemeine Infos: Schweiz Tourismus, Telefon 069/2560010; Internet: www.schweiz-tourismus.de.DLiteraturNach wie vor die Bibel jedes Alpenfans: »Der große Alpenstraßenführer« aus dem Hause Denzel, 21. Auflage. Darin werden sehr detailliert beinahe sämtliche Alpenstrecken beschrieben, ISBN 3850477630, für 36 Euro. Tankrucksackgerechter ist die kleinere Ausgabe »Ostalpen« mit 75 Rundfahrten im mittleren wie im östlichen Alpenteil, ISBN 3850477614, 34 Euro. Für Alpenreisen top-informativ sind die Ausgaben der MOTORRAD Edition Unterwegs für je 16 Euro. Während sich die drei ersten Alpen-Bände jeweils durch möglichst viele Anrainerstaaten arbeiten, legen die jüngsten Werke »Österreich« und »Deutsche Alpen« einen begrenzten Focus. Einfacher gemacht ist der handliche Band »Alpen – der Westen« aus der Serie Traumstraßen Tour Guide von Louis für 9,95 Euro. Darin werden kurz und knapp zehn Alpentouren beschrieben. Für Digital-Freunde gibt’s den »MOTORRAD Tourenplaner 2003/2004« mit den schönsten Strecken im gesamten Alpenraum. Kartenausdrucke sind von selbst geplanten Touren oder von 350 Vorschlägen möglich. Für 39,95 Euro unter www.motorradonline (Shop) zu bestellen.Die besten Karten für die Tour: Shell Euro-Karte »Schweiz« im Maßstab von 1:303000 plus Generalkarte »Oberitalienische Seen, Mailand, Turin« in 1:200000.

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