Alpen (Archivversion) Höhenrausch

Pässefahren bis zum Abwinken, mal schauen, wieviel Höhenmeter in fünf Tagen zu machen sind: die etwas andere Urlaubsfahrt zweier fanatischer Motorradfahrer.

Gutes Wetter, leere Straßen, ein potentes Motorrad unterm Hintern, Kurven ohne Ende und natürlich ein eisernes Durchhaltevermögen - bestimmte Projekte verlangen eben nach perfekten Vorraussetzungen, sollen sie nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt sein. Während sich manche MOTORRAD-Redakteure im Urlaub eine erholsame Abstinenz vom Umgang mit zwei Rädern gönnen, beseelte den Tester Jörg Schüller und mich nur noch ein Gedanke: Alpen-Pässe sammeln. Fünf Tage Urlaub sollten genügen, um mindestens 100 Stück praktisch im Sturm zu nehmen.Eine Schönwetterperiode kommt uns gerade recht. Das Unternehmen »Höhenrausch« läuft an. Die ersten 500 Kilometer zum Ostzipfel des Genfer Sees spulen wir auf der Autobahn ab. Genug Zeit, um sich die inzwischen fast schon auswendig gelernte Route noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Wochenlang wurden Landkarten studiert, nach Pässen gesucht und immer wieder die Routenführung optimiert.Unser Zielgebiet sind die Alpen zwischen Genf und Monaco. Dort befinden sich nicht nur die höchsten, sondern auch unzählige kleine, nahezu unbekannte Pässe, die oft nur in Landkarten mit Maßstäben von 1:200000 und geringer - wie den von uns verwendeten Michelin-Karten 244 und 245 - zu finden sind.Vier Stunden und drei Tankstopps später geht es südlich von Montreux runter von der Bahn und rein ins Kurvenlabyrinth - endlich Gelegenheit, die Reifen richtig rundzufahren. Schon nach wenigen schrägen Kilometern haben wir uns auf die Bikes eingeschossen. Jetzt heißt es Meter machen, einfach Spaß haben, einfach fahren. Längere Pausen, Sightseeing, mittags gut Essen gehen? Vielleicht im nächsten Urlaub.Das Tagesziel erreichen wir wegen einer ärgerlichen Spritpanne nicht ganz. Nach 21 Pässen, direkt auf Paßhöhe des Col de la Forclaz, brechen wir ab - für heute.Lange Gesichter beim Frühstück: Dichte Nebelsuppe empfängt uns - typisch Alpen. Doch während wir den obligatorischen Café au lait schlürfen, frißt die Sonne erste Löcher ins Grau, und bis zur Abfahrt hat sie die unangenehme Pampe in tiefblauen Himmel verwandelt.Nach wenigen Kilometern Fahrt machen wir an diesem Tag zum ersten Mal mit etwas Bekanntschaft, das die restlichen vier Tage unser ständiger Begleiter sein wird: Rollsplit. Frankreich scheint offensichtlich Milliarden Tonnen dieses fiesen Straßenbelags zu besitzen, den fleißige Arbeiter im Spätsommer großzügig auf sämtlichen Nebenstraßen verteilen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten - wir halten öfter an, um zu kontrollieren, ob nicht doch ein Plattfuß für das schwammige Fahrverhalten verantwortlich ist - lassen wir uns aber nicht mehr erschrecken.Souverän meistern wir heute zwischen Annecy und Grenoble zahlreiche kleine Pässe, allesamt kaum höher als 1300 Meter - ein Vorgeschmack auf das, was uns noch erwartet. Nur kurze Tankstopps unterbrechen das ständige Auf und Ab - mit einer Ausnahme: Am Col des Egaux, südlich von Chambery, steht plötzlich hinter einer Kurve ein Bagger quer, herrenlos und unerwartet. Rechts und links steile Hänge und die Straße von einem Felssturz versperrt. Vielleicht hätten wir die warnenden Straßenschilder, die viele Kilometer vorher am Fahrbahnrand standen, doch nicht ignorieren sollen. Umdrehen würde uns zwei Pässe »kosten«, kommt also nicht in Frage. Per Pedes suchen wir uns zunächst einen Weg über die Felsen. Just in diesem Moment kehren die Arbeiter von ihrer Mittagspause zurück, fackeln nicht lange und baggern uns eine knapp einen Meter breite Schneise durch den Dreck. Vielen Dank, Jungs - und Tschüß.Am Abend, rund 50 Kilometer südlich von Grenoble in Treminis, fallen wir mit glänzenden Augen in die erstbeste Unterkunft ein, die sich passenderweise »Hotel des Alpes« nennt. Nachdem die Motorräder versorgt sind und im Geräteschuppen übernachten dürfen, begeben wir uns in die rustikale Gaststube. Mangels Speisekarte erklärt uns die nette Wirtin, was ihre Küche alles zu bieten hat. Wir lassen sie entscheiden, weil wir ihren wortreichen Ausführungen mit unseren Französischkenntnissen einfach nicht folgen können. Aber sie meint es gut mit uns: Nach Suppe, Pasteten, einem Wildgericht mit verschiedenen Beilagen und Nachtisch sinken wir völlig geplättet in die Kojen.Der nächste Tag verläuft ähnlich. Solange es hell ist, sitzen wir auf den Motorrädern und sammeln weitere 24 Pässe. Den Schlußpunkt setzt der 2247 Meter hohen Col d´Allons. Aber morgen soll´s erst richtig losgehen.Hoch, höher, am höchsten: Hier im Süden der französischen Alpen locken Pässe wie der 2513 Meter hohe Col de Raspaillon, der 2744 Meter hohe Col Agnel oder als absoluter Höhepunkt der 2802 Meter hohe Col de la Bonette. Immer spektakulärer schrauben sich die Straßen in den tiefblauen Himmel, vorbei an schroffen Felsen, dann entlang an saftig grünen Hochalmen. Wieder und wieder bollern wir mit unseren Zweizylindern durch enge Schluchten, fahren oft 30 Kilometer und mehr, ohne einem einzigen Fahrzeug zu begegnen. Gespannt addieren wir dann am Abend die in den Karten stehenden Höhenangaben der 29 Pässe, die wir heute gefahren sind - und staunen nicht schlecht: 49556 Meter. Von den körperlichen Strapazen merken wir, solange wir auf den Motorrädern sitzen, nichts - wir fahren wie im Rausch von einer Paßhöhe zur nächsten. Wären wir nicht hundemüde, hätten wir diesen gelungenen Tag mit ein paar Flaschen Wein beendet.Am fünften und letzten Tag starten wir mit steifen Knochen die beiden Hondas. Noch einmal volle Konzentration, um nicht auf der letzten Etappe noch auf die Schnauze zu fallen. Der sehr spärliche Gegenverkehr hat nämlich die Angewohnheit, genau dann, wenn man nicht mit ihm rechnet, die Kurve zu schneiden. Mehr als einen schwarzen Bremsstrich lassen wir in den Alpen zurück.Als wir nachmittags mit dem Col du Mollard den hundertsten Paß mit einem kräftigen Jauchzer überqueren, bleibt uns noch genug Zeit, weitere Pässe draufzupacken. Nach anstrengenden 550 Kilometern stehen wir schließlich bei Sonnenuntergang auf dem 114. und letzten Paß unserer Tour, dem Pas du Lein. Irgendwann muß auch mal Schluß sein. Wir stoßen mit einem kräftigen Schluck aus der Limo-Flasche auf den Erfolg des Unternehmens »Höhenrausch« an und stürzen uns über 1000 Höhenmeter ins Rhonetal hinunter. Apropos Höhenmeter. Addiert man alle in den fünf Tagen gefahrenen Paßhöhen zusammen, ergeben sich gewaltige 163142 Höhenmeter - da wird selbst ein Reinhold Messner blass.

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