Alpen (Archivversion) Absolut high

Hochgefühle im Doppelpack bringt die Verbindung von Motorradfahren und Paragleiten. Elke und Dieter Loßkarn hoben in den österreichischen Alpen ab.

Eine Kurve folgt auf die nächste. Eng und steil swingt das griffige Asphaltbändchen nach oben, erst durch Nadelwald, dann vorbei an immer knorrigeren Büschen. Die Sonne scheint, das Motorrad läuft einwandfrei. Die Mautstrecke zum Stoderzinken gehört zu den fahrerischen Highlights einer Steiermark-Tour. Doch statt alpiner Hochgefühle wird das komische Ziehen in meinem Magen mit jeder Kehre stärker. Elke ist mir mit ihrer Maschine dicht auf den Fersen. Ihren Gesichtsausdruck kann ich im Rückspiegel nicht erkennen.In den Kurven ziehen die Gurte meines voluminösen, über 20 Kilogramm schweren Rucksacks an den Schultern. Sein Inhalt ist der Grund meines Unbehagens, oder besser gesagt das, was ich mit diesem Inhalt vorhabe. Die Mautstraße endet an einem Parkplatz, wo wir die Motorräder abstellen. Zwischen hier und der saftiggrünen Almwiese in 2030 Meter Höhe, knapp unter dem Gipfel des Stoderzinkens, lägen noch gut 30 Minuten strammer Bergmarsch, sagte man uns, und man sagte uns auch, daß der heute wehende Südostwind ideal wäre für einen Flug vom Stoderzinken.Elkes Gesicht verrät nichts. Ich versuche ein ähnliches Pokerface aufzusetzen, pfeife sogar ein bißchen, um Lockerheit zu demonstrieren. Den Gang zur Toilette des Berggasthofs erkläre ich mit den drei Tassen Kaffee, die das üppige, steirische Frühstück am heutigen Morgen begleitet haben. Das schmerzhaft kalte Wasser im Gesicht bringt mich kurz auf andere Gedanken. Doch beim Schultern des Rucksacks, der Gleitschirm, Gurtzeug und Helm enthält, ist der Grund unseres Daseins sofort wieder präsent und mir wieder flau im Magen. Elkes Lächeln wirkt gezwungen. Mit den Riesen-Rucksäcken sehen wir aus wie Everest-Aspiranten. Schon nach wenigen Metern Fußweg steht mir der Schweiß auf der Stirn, hauptsächlich von der Anstrengung.Schweißtreibend fing auch alles an. Vor ein paar Monaten, als wir in Südafrika an einem sechstägigen Paragliding-Intensivkurs teilnahmen. Bei unseren zahlreichen Motorradtouren durch die Alpen hatten sie uns immer wieder fasziniert, die kühnen Gleitschirmflieger, deren scheinbar schwerelose Fluggeräte hoch über den Bergen kreisten. Endgültig infiziert war ich nach einem Tandemflug im Stubaital. Tandems sind große, tragfähige Schirme, die einen zahlenden Passagier befördern können, der direkt vor dem Piloten eingehängt wird.Tausende von Kilometern entfernt, starteten wir dann in den Dünen des Atlantikstrands unsere ersten Flugversuche. Zehn Minuten bei Affenhitze die Sandberge hochkrabbeln, Gurtzeug anlegen, Schirm auslegen, hochziehen, zehn Zentimeter abheben, ein oder zwei Sekunden in der Luft - die ersten Hochgefühle, ein Hauch von Schwerelosigkeit. Gegen Ende des Kurses folgten dann die ersten »richtigen« Flüge. Da spürte ich zum ersten Mal dieses dumpfe Gefühl im Magen. 200 Meter Höhenunterschied, von einem Bergrücken über ein Wäldchen, eine Autobahn und eine Bahnlinie zum Landeplatz, dem sandigen Strand. Und nun, nach weiteren Baum- und Strauchlandungen und Flügen bis 450 Meter Höhenunterschied wollen wir es endlich in den Alpen wagen.Zur Einstimmung haben wir am ersten Tag zusammen mit einer fortgeschrittenen Höhenfluggruppe des Sky Club Austria geübt, am Michaelerberg in der Nähe von Gröbming. Besonders interessant war für uns dabei die in Deutschland und Österreich übliche Landeeinteilung. Erst baut der Pilot über einer bestimmten Position Höhe ab, fliegt zunächst mit dem Wind, dann quer zu ihm und kurz vor der Landung im Endanflug gegen ihn. In Südafrika wird einfach nur gelandet.Die Höhenschulung beim Sky Club Austria ist gewissenhaft, es werden keinerlei Risiken eingegangen. Nach den ersten drei Flügen am Morgen hatt die Sonne den Hang bereits so aufgeheizt, daß es zu thermisch wird. Das bedeutet, daß sich die erhitzte Luft in großen Blasen sammelt und ab und zu plötzlich nach oben steigt. Paraglider, die in der Luft zum ersten Mal von solchen Turbulenzen erwischt werden, erschrecken nicht unerheblich, weshalb Anfänger behutsam an solche Flugbedingungen herangeführt werden.Mein T-Shirt ist mittlereile patschnaß geschwitzt, der Gleitschirm-Rucksack zieht mich fast nach hinten weg. Eine gute halbe Stunde später deutet ein fröhlich im Wind flatternder, rot-weiß gestreifter Sack daraufhin, daß wir uns am Startplatz unterhalb des Stoderzinken-Gipfels befinden. Bienen summen, fliegen in der grünen Wiese von weißen zu blauen Blümchen, offensichtlich Edelweiß und Enzian. Bei mir im Kopf summt es ebenfalls, ich bräuchte jetzt auch einen Enzian. Die friedliche Alpenszene steht im krassen Gegensatz zu den vor uns liegenden 1200 Meter Höhenunterschied, die direkt hinter der Kante mit einer 1000-Meter-Felswand beginnen.Ein paar Fluglehrer vom Sky Club haben heute frei und wollen hier zu einem Streckenflug starten. Einer von ihnen, Helmut aus München, ein sehr erfahrener Pilot, kommt kurz herüber, redet, nachdem er den Angstschweiß gewittert hat, ruhig auf uns ein, beobachtet, wie wir unsere Schirme auslegen. Elkes Kommentar, daß mein Schirm vor ihrem liegen würde, ich also als erster raus müßte, trifft mich wie ein Tiefschlag, mein Mund ist trocken. Ein Adrenalinstoß puscht die Angst weg. Der Windsack steht genau richtig. Los jetzt, sagt Helmut. Ich ziehe den Schirm auf, bremse ihn leicht an und renne auf den Abgrund zu. Schon nach dem zweiten Schritt geht es nach oben und über die Kante. Ich fliege und werde augenblicklich ruhig. Als ich mich umdrehe, sehe ich Elke in der Luft. Ein winziger, bunter Vogel vor der mächtigen Kulisse des Dachstein-Gebirges. Der erste richtige Flug, die Welt ganz klein unter uns, ein Gefühl von grenzenloser Freiheit. Später erinnere ich mich, während des Fluges an nichts gedacht zu haben, nur einfach geflogen zu sein. Nach einer Ewigkeit (der Uhr nach sollen es nur 15 Minuten vom Start bis zur Landung gewesen sein) meldet sich die Erde zurück. Der Bauer auf seinem Traktor wird immer größer, und mit ihm die Bäume, Sträucher, Häuser und Telegrafenleitungen. Ich entdecke die Landewiese, checke die Windrichtung. Kurz darauf verwandle ich mich vom Vogel in einen Fußgänger zurück.Zum Ausgleich wollen wir noch ein paar Motorrad-Runden drehen. Walter Schrempf, der Besitzer der Flugschule Sky Club Austria, ist selbst begeisterter Motorradfahrer. Der GS-Eigner verrät uns einige seiner Geheimtips. Südwestlich von Schladming zweigt eine mautpflichtige, teilweise geschotterte Straße zur Ursprungsalm ab. Sie macht ihrem Namen alle Ehre. In den teilweise haarigen Kehren kommt uns glücklicherweise niemand entgegen. Der anstrengende Weg nach oben wird mit einem Becher frischer Buttermilch belohnt.Unser nächster Höhenflug am folgenden Morgen ist erfreulicherweise ohne schweißtreibende Aktionen zu bewerkstelligen. Eine Seilbahn bringt Elke und mich früh am Morgen auf den Kaibling. Direkt unterhalb der Bergstation liegt der Startplatz. Das mulmige Gefühl im Magen ist wieder da, aber nicht mehr so stark wie beim ersten Mal. Nach der Landung packen wir die Schirme in die Säcke und diese auf die Bikes. Als nächstes haben wir uns einen Flug im Stubaital vorgenommen. Ich möchte dort fliegen, wo ich den Tandemflug gemacht habe, am Elfer-Lift, in Neustift.Die Strecke dorthin verspricht fahrerischen Hochgenuß. Und wir entschließen uns noch für einen besonderen Höhepunkt: die Großglockner Hochalpenstraße, der Klassiker unter den Alpenpässen. Zwar ein deutlicher Umweg, aber immer wieder ein Traum für kurvensüchtige Motorradler. Vorbei an St. Johann, dann bis Bruck, schließlich südwärts in Richtung Lienz. Dann geht´s bergauf, Kehre für Kehre, immer enger, immer aussichtsreicher. Vom 757 Meter hoch gelegenen Bruck bis zum 2505 Meter hohen Paß, dem Hochtor, insgesamt 34 spektakuläre Kilometer, die durch sämtliche Vegetationszonen zwischen Wiesen und Gletschern führt: »Die in den Sommermonaten 1930 bis 35 angelegte Strecke ist ein technisches Meisterwerk und gehört zu den großartigsten und landschaftlich schönsten Gebirgsstrecken Europas«, stimmte schon vor 30 Jahren der Baedecker motorisierte Besucher auf die Großglockner-Hochalpenstraße ein - eine Aussage, die auch heute noch uneingeschrängt zutrifft.Doch wir wollen noch höher hinaus. Kurz vor dem Törlgrat verlassen wir die Großglocknerstraße und scheuchen die Motorräder durch sechs steile Kehren. Die Kopfsteinplaster-Zufahrt zur 2577 Meter hohen Edelweiß-Spitze mit einer Steigung von 14 Prozent macht einfach nur Spaß. Und der Ausblick ist bei gutem Wetter wie heute gigantisch, vielleicht sogar einzigartig in den Alpen: 37 Dreitausender und 19 in der Sonne glänzende Gletscherfelder breiten sich vor uns aus. Am imposantesten schiebt im Südwesten der fast 3800 Meter hohe Großglockner seinen schneeweisen Gipfel in den stalblauen Himmel, im Norden erkennen wir sogar die schimmernde Wasserfläche des Zeller Sees. Besser hätte der Tag nicht enden können, zumal wir Glück haben und noch eines der wenigen Zimmer im Gasthaus Edelweiß-Spitze ergattern.Mit den ersten Sonnenstrahlen, die noch zaghaft durch den dichten Morgennebel dringen, sitzen wir schon wieder auf den Motorrädern. Zurück zur Großglocknerstraße. Von den Gletschern weht ein eisiger Wind, als wir die Senke an der Fuscher Lake durchqueren, dann der feuchte Hochtortunnel, schließlich der Abzweig auf die Gletscherstraße, die zur Franz-Joseph-Höhe führt. Obwohl sie zu den befahrensten Straßen im ganzen Alpenraum zählt, ist so früh am Morgen kaum ein Mensch unterwegs, und das, obwohl der sagenhafte Ausblick auf den Pasterze-Gletscher und Großglockner-Gipfel gerade in den Morgenstunden einmalig schön ist. Ob wir von hier vielleicht mit den Gleitschirmen starten könnten? Leider nur ein Gedanke, der uns aber daran erinnert, daß wir eigentlich auf dem Weg ins Stubaital sind. Auf der Strecke von Linz über Bruneck bis zum Brenner geben wir einfach nur Gas, bis endlich die Abfahrt zum Stubaital erscheint.Als wir dort eintreffen, sind zwar noch viele Piloten in der Luft, gewaltige Wolkenberge kündigen aber bereits heftige Gewitter an, eine tödliche Gefahr für die Weichflügler. Wir müssen bis zum nächsten Morgen warten.Ruhiges Flugwetter. Wir klinken uns nach dem Frühstück in eine Höhenschul-Gruppe der Neustifter Flugschule Parafly ein, deren Ausbilder gute Chancen hätten, in der amerikanischen Serie »Baywatch« mitzuspielen. Das attraktive Parafly-Team ist durchweg blond, braungebrannt und gutgelaunt. Mit dem Elferlift geht es bequem nach oben. Jeder bekommt ein Funkgerät für die Lande-Einweisung. Die Parafly-Instruktorin kontrolliert meine Gurte, checkt die Schirmleinen und das Funkgerät. Sie gibt mir die Startfreigabe, aber anstatt sofort Windsack und Schirm zu kontrollieren, bleibt mein Blick wohl etwas zu lange an ihrem hautengen Leopardenhöschen und dem knappen Top haften. Während Elke einen Bilderbuchstart vorführt, fällt mein Schirm in sich zusammen. Beim zweiten Versuch gehe ich schließlich auch in die Luft. Ein paar Thermikblasen schütteln mich im Gurtzeug hin und her, weiter draußen, hoch über dem Stubaital wird es dann ganz ruhig. Wie ein Adler ziehe ich meine Kreise, bin völlig abgehoben und absolut high.

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