Als Anfänger durch Afrika (Archivversion) Kopfüber ins Abenteuer

Die meisten wählen Eifel oder Harz für ihre erste Tour, ganz Wagemutige trauen sich in die Alpen. Susi Boxberg und Achim Schmitt führte ihre allererste Motorradreise hingegen direkt nach Afrika.

September 2001: Einer von vielen ungezählten Anrufen in der Redaktion MOTORRAD. Eine Frau Boxberg ist dran. Welche Reiseenduro für eine nicht klein-, sondern eher mittelgewachsene Frau geeignet sei? So zum Einstieg? Schnell begrenzt Redakteur Fred Siemer die Suche auf Transalp oder BMW F 650. Persönlich getestet, alles erste Sahne.Doch statt wie andere Neulinge nach Versicherung und Wiederverkaufswert zu forschen, fragt sich die Dame, von Beruf Journalistin, im Eiltempo zur Reisetauglichkeit durch. Alukoffer? Sturzgefährdete Teile? Weltweites Servicenetz? Reichweite? Fröhlich reiht Susi Boxberg – Die verträgt doch schlechten Sprit, oder? – ein Problem ans andere, so dass beim Redakteur erste Zweifel keimen: Was plant diese Frau? Ehem, sagten Sie nicht gerade, Sie hätten noch keinen Führerschein? Nee, aber bald, und dann geht’s direkt nach Afrika. Mit Freund Achim. Nach Afrika? Und willst du - man ist sich inzwischen an der Strippe näher gekommen – bis dahin kommen? Die unerschrockene Rheinländerin versteht es, elegant über ungläubige oder gar herablassende Zwischentöne hinwegzuhören, dieser hier ging in Richtung: Mädel, belass es doch erst mal beim Bergischen Land. Aber Susi antwortet ungerührt: Italien, Griechenland, Türkei, Syrien, Jordanien, dann Ägypten, Sudan..... Moment, in den Sudan? Herrscht da nicht Bürgerkrieg? Ja, aber nur im Süden... Außerdem: Wie soll ich sonst zum Kilimandscharo kommen? Zum Berg meiner Träume? Siemer begreift: Diese Reise ist keine Eskapade, sondern ein Herzenswunsch. Zum Kilimandscharo – sehnsüchtiger kann ein Berg ja auch nicht heißen, verdammt, und sehnsüchtiger kann das kaum jemand aussprechen. In einer Mischung aus Selbstverleugnung und vorauseilendem Mitleid unternimmt der Redakteur einen letzten Versuch: Okay, Susi, aber muss es unbedingt ein Motorrad sein? Mit einem Jeep beispielsweise wäre es viel leichter, allein der Sand ... Die Antwort entwaffnet schon wieder: Im Auto ist es zu heiß, Fahrradfahren ist zu anstrengend, und der Glaube an Öffentliche Verkehrsmittel vom Nahen Osten bis Kenia ist bei Susi nicht wirklich fest. Nein, für ein Abenteuer – und das sei jetzt fällig – tauge nun mal das Motorrad am besten. Stimmt!Eine Woche später der nächste Anruf: Die Transalp ist zu hoch. Findet Siemer auch und verweist Susi an Kollegen Schröder weiter, dessen Gattin Franca soeben auf einer BMW F 650 durch ganz Südamerika getourt ist. Michael Schröder selbst ist Fernreise-erprobt bis an die Zähne, hat sich schon alles getraut, was ein Mann sich eben trauen muss, doch als er nach einstündigem Telefonat zu Siemer ins Büro schleicht, zeichnet tiefe Ratlosigkeit seine Züge: verrückt, total verrückt. Erneut im Gewissenskonflikt, ob es für MOTORRAD-Mitarbeiter ein höheres Gut geben kann, als möglichst vielen Menschen aufs Motorrad zu helfen, entscheiden die beiden Experten, Susi nicht weiter dreinzureden, da diese Afrika-Durchquerung sowieso in Koblenz enden werde.Tatsächlich haben Susi und ihr Freund Achim bereits Mühe, die Kölner Südstadt würdig zu verlassen. Ganz schön wackelig, so’n beladenes Motorrad. Siemer und Schröder sind zu diesem Zeitpunkt längst aus dem Spiel, per Internet hatten sich die Jungfernreisenden zu Spezialisten für F 650 und Africa Twin hochgetunt, Equipment vom Feinsten angebracht und ein wohl durchdachtes Sortiment in Koffer und Taschen verstaut. Nur gefahren waren sie mit ihren aufgerüsteten Gefährten noch nicht. Das Etappenziel heißt Mannheim – und scheint Welten entfernt.Zwei Tage später, kurz vor München, die erste Begegnung mit einem anderen Biker. Es ist November, echte Fahrensleute unter sich. Wo soll’s hingehen? Afrika – Susi kann sich selber kaum glauben. Am Brenner Schneematsch, in ganz Italien nichts als Regen, in Griechenland Eiseskälte. Zeit also, die Daheimgebliebenen inklusive Schröder und Siemer per Internet über den Verlauf der Reise zu informieren: »Väterchen Frost hat uns einen Strich durch die Reise-Rechnung gemacht, und nun sitzen wir hier in Alexandropulis – die BMW ist im Krankenhaus – und warten auf bessere Zeiten.« Details tun nichts zur Sache, Fakt ist: Auf der ersten besseren Schneedecke ging Susi mehrfach zu Boden, schließlich gab der Gepäckträger auf und riss entzwei.An dieser Stelle muss leider berichtet werden, dass nicht Mitleid, sondern altväterliche Genugtuung die Reaktion der alten Hasen prägte: Siehste, Schröder, bald ist Feierabend. Der Angesprochene zeigt immerhin Fürsorge: Hoffentlich vor dem Sudan.Januar 2003, bei Susi daheim: Sie räsoniert am Küchentisch mit Freund Achim sowie den geschlagenen Experten Siemer und Schröder über den Sinn von Abenteuern und der inzwischen ein Jahr zurückliegenden Reise. Sie hatten es tatsächlich geschafft, damals, und Afrika gepackt. »Die Welt ist so groß«, sagt Susi, »und ich war immer hier. Oft wäre ich lieber woanders gewesen.« Achim spricht von einer bewussten Karriere-Pause, die er einlegen wollte, nachdem ihr gemeinsamer Arbeitgeber sich vom deutschen Markt verzogen und seine Angestellten mit einer Abfindung in die Freizeit entlassen hatte. Das war der Moment gewesen, Afrika zu wagen. Also Führerschein gemacht, besagte Telefonate mit MOTORRAD geführt, im Internet gesurft, zwei Bikes erstanden, und nach vier Wochen ging’s los. Immer Ted Simon im Kopf, den Autor des Kultbuchs »Jupiters Reise«, der auf seiner kleinen Triumph um die ganze Welt gekommen war. Was Ted kann...Heute meint Achim, es sei trügerisch, die Heimat – und damit das Bekannte - als sicher anzusehen. »Von großen Städten mal abgesehen, ist das Fahren im Nahen Osten oder in Afrika viel ungefährlicher als hier.« Wo niemand sonst herumkurvt, lässt sich das Risiko ziemlich exakt kalkulieren. »Und eigentlich«, ergänzt Susi, »bin ich nämlich ein Hasenfuß.«Was macht ein Hasenfuß im Sudan? Schiss haben. Vor der Strecke Wadi Halfa–Khartoum beispielsweise, die zu den härtesten Pisten dieser Welt zählt. Auch Susi und Achim begegneten dem brutalsten Abschnitt ihrer Tour mit höchstem Respekt – sie hatten sich ja auch bestens informiert. »Aber wenn ich gewusst hätte, wie tief der Sand da wirklich ist, dann wäre ich vor lauter Schiss wohl gar nicht gefahren.« »Am Anfang«, schrieb Susi an die sorgenden Freunde und Verwandten, »ging’s eigentlich, im Stehen zu fahren. Man konnte sich rasch daran gewöhnen. Und ich denk’ noch, na, das klappt ja prima. Bis Achim sich zum ersten Mal auf die Fresse legte – er befand sich mitten in einer tiefen Weichsandspur. Was der kann, kann ich sowieso, und rums, lag ich auch da.« So sollte es leider weitergehen. 500 Kilometer lang. Doch während in Deutschland Hochrechnungen entstanden, wie viel Sand noch zwischen Susi und ihrem Traumberg lauerte, welche Fährnisse die anstehende Regenzeit bringen würde, hatten Susi und Achim längst eine weitere Lebensweisheit entdeckt: Irgendwie geht’s immer weiter. Stürzen, den Staub abschütteln, warten, bis der Partner kommt, Moped aufheben, starten, losfahren. Wieder stürzen, aufstehen – irgendwie geht’s sogar bis Khartoum.Und darüber hinaus. Äthiopiens Wellblech wurde bezwungen, gebrochene Träger geschweißt, der eigene Zeitplan sogar unterschritten. »Wir haben beschlossen weiter zu fahren und versuchen nun, bis Kapstadt zu kommen«, frohlockte Susi vom Kilimandscharo per Internet. »Irgendwie.« Oft genug mit fremder Hilfe: 20 Kilometer lang scoutete sie ein kenianischer Fahrradfahrer durch ein morastiges Pistenlabyrinth, beendet seinen Geleitschutz vor einer hüfthohen Flussdurchfahrt, und beide – »eine große Heldentat« – paddelten hindurch. Sogar den schwärzesten Tag der Reise überstanden Susi und Achim dank einheimischer Hilfe: »Es geschah am helllichten Tag. Und zwar in Malawi, genauer: im Städtchen Limbe. Alles ging so schnell. Während ich auf Achim warte – der Gute war Geld holen –, stiehlt mir doch ein tolldreister Dieb meinen Helm unter den Füßen weg.« Auf der ganzen Reise hatten Susi und Achim eine einzige Anlaufadresse. Just in Limbe, bei einer Freundin. Und die hat einen Angestellten. Andrew. Der wurde abends losgeschickt, um auf dem Hehlermarkt nach dem roten Klapphelm zu forschen. Vergeblich. Am anderen Morgen jedoch hat er Glück, kann das in Malawi schlicht unersetzliche Stück für 30 Dollar zurückkaufen. Weniger aus Notwendigkeit denn zur Beruhigung schleppt Achims Twin einen 43-Liter-Tank herum. »Da, wo Leute wohnen, gibt’s immer Benzin.« Aber die Sucherei kann nerven: Die Bank hat geschlossen, ein mittagspausender Bankangestellter meint, doch auf dem Schwarzmarkt gäbe es Geld. Kurz darauf meint der Tankwart, seine Säule sei trocken, aber auf dem Schwarzmarkt... Und außerdem habe das Riesenfass etwas Symbolisches: »Unser Ruhepol«, schmunzelt Achim. »Wer bewusst Risiken eingeht, der soll zu Hause bleiben.« Langsam wird es dunkel am Küchentisch. Susi träumt vor sich hin. Hey, Susi, wo wärst du denn gern länger geblieben? Die Antwort offenbart, wie nah Frust und Freude liegen: »Im Sudan, weil ich noch nie gastfreundlicher aufgenommen wurde. Herzlicher, offener.« Teil eines riesigen Puzzle aus großen und kleinen Eindrücken, angehäuft zwischen Köln und Kapstadt. Ganz am Rande wurde für Susi und Achim zur Gewissheit, dass Motorradfahren bestens taugt, um die Puzzle-Eindrücke zu sammeln. Anderswo und hier: Achim schaut aus dem Fenster in der Kölner Südstadt. Die Straße ist eisfrei, er wird dann mal zum Africa-Twin-Stammtisch fahren. Und Susi? Wird wohl mitfahren. »Obwohl wir ja immer noch nicht wissen, wie so’n Motor funktioniert.«Muss man auch nicht, zwischen Köln und Kapstadt. Jedenfalls nicht unbedingt. Im Juni 2002 ging Susis letztes Mail an die Daheimgebliebenen: »Wir sind am Kap. Hier ist Schluss – gerade haben wir den Rückflug gebucht. Eine seltsame Gefühlsmischung, die sich in meiner Seele ausbreitet.« Viele glückliche Reisen enden so, nicht nur bei Susi Boxberg. Ganz überraschend untergräbt Wehmut jede Euphorie, die Akteure schütteln sich kurz und – jetten gefestigt dem Alltag entgegen. Im Fall Boxberg/Schmitt jedoch meinte so mancher, dieses Happy End sei nicht selbstverständlich.

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