Altmühltal (Archivversion) Heute ein König

Einfach nur raus, einfach nur fahren. Einen Tag lang die Straße, die Sonne und den Wind spüren. Nicht im verwöhnten Kalifornien, sondern im bayerischen Altmühltal.

Ein grandioses Gefühl: Bürostreß und Autobahn liegen hinter mir, jetzt ziehen sich die ersten Kurven der verwinkelten Landstraße zwischen Donauwörth, Marxheim und Tagmersheim über mehrere Hügel, danach durch ein kleines, schattiges Waldstück. Rechts, links, gleich wieder rechts, einfach wunderbar, einfach fantastisch, wie es sich auf der kleinen Suzuki Bandit in einem Rausch zwischen dritten und vierten Gang leben läßt. Lange, viel zu lange ist es her, daß ich über die goldenen Flecken gefahren bin, die die Abendsonne auf den griffigen Asphalt brennt, daß ich den lauwarmen Fahrtwind eingesogen habe, der wie der kleine Blumenladen neben meiner Wohnung duftet. Oder daß ich mich über Insekten geärgert habe, die hundertfach gegen mein Visier klatschen und lästig an Jacke und Hose kleben. Eben ein ganz normaler Frühlingstag, von denen es in diesem Jahr nur wenige gab, und an dem sehnsüchtig meine Gedanken hingen, wenn es draußen regnete. Schade, daß die glutrote Sonne viel zu schnell hinter den Baumkronen verschwindet. Ich hoffe nur, daß sich der Kerl vom Wetterdienst nicht getäuscht hat. Denn morgen will ich einfach nur fahren. Kreuz und quer durch das Altmühltal, den größten Naturpark Deutschlands. Unzählige kurvige Straßen, tief eingeschnittene Täler mit bizarren Felsenformationen und die ausgewogene Menge an urbayerischen Biergärten locken mich in diese geschütze, 3000 Quadratkilometer große Feld-, Wald- und Wiesenlandschaft. Gleich um acht der erste skeptische Blick aus dem Fenster - und Glück gehabt: Nur ein paar schneeweiße Wölkchen tummeln sich im kräftigen Himmelsblau, ein milder Wind weht durch die ersten Blüten an den Kirschbäumen, die in bodenständiger Ordnung auf einer weitläufigen Wiese stehen. Jetzt aber nichts wie raus. Ein kurzes Frühstück, dann nur noch die nervige Fummelei mit dem alten Tankrucksack, Helm auf, Schlüssel rein, tanken und los. Prompt verfahre ich mich in Rögling, einem Nest, durch das nur eine Handvoll Straßen führen, an denen allerdings kein Schild die Richtung weist. Doch die Strecke vor mir sieht gut und kurvig aus, und irgendwohin wird sie schon führen. Statt auf Asphalt schlingere ich plötzlich auf grobem Schotter durch ein kleines, zauberhaftes Tal, rechts eine Wiese voller blühender Feldblumen, links dichter Nadelwald. Frisch gefällte Stämme liegen neben der Piste und verströmen einen intensiven Geruch von Holz und Harz. Anders sieht es in Alaska auch nicht aus, denke ich mir, wäre da nicht gleich wieder die nächste Kreuzung mit dem Hinweis, daß es bis Mörnsheim nur noch vier Kilometer sind. Doch auch diese kurze Etappe tut gut. Steil fällt die Straße in weit geschwungenen Kehren in ein Tal hinunter, vorbei an spitzen Kalkfelsen und bis an die Ufer der Altmühl. Kein Mensch kommt mir entgegen, kein Auto und kein Motorrad. Früh am Morgen und das mitten in der Woche ist eine gute Zeit, um unterwegs zu sein. Irgendwie habe ich mir die Altmühl anders vorgestellt. Irgendwie breiter und wilder. Vier oder fünf Meter weit spannt sich vor mir jetzt eine schmale Brücke über diesen kleinen Fluß, der an dieser Stelle kaum merkbar vor sich hin plätschert. Wie eine Schlange windet sich der Lauf von hier aus nach Osten, genauso kurvig begleitet ihn die Straße. Zumindest bis Dietfurt. Dort mündet der breite Main-Donau-Kanal in das Flußbett der beschaulichen Altmühl. Damit die Frachtkähne auf diesem letzten Stück der Altmühl zur 30 Kilometer entfernten Donaumündung in Kehlheim und von dort aus weiter bis zum Schwarzen Meer gelangen können, hat man vor wenigen Jahren den kleinen Bach in eine 50 Meter breite Rinne verwandelt. Über Sinn und Zweck des Bauwerks, nun ja, darüber ließe sich bestimmt gut streiten. Aber Zeit heilt viele Wunden, und jetzt soll von der einstigen Großbaustelle, die damals einen gesamten Landstrich völlig umgekrempelt hat, nicht mehr viel zu sehen sein. Aber bis dorthin sind es noch viele Kilometer, und hier scheint die Welt sowieso in Ordnung. Zumindest für die Kanufahrer, die am flachen Ufer in Mörnsheim ihre Boote mit Sack und Pack und Bier beladen und sich gleich darauf gemütlich schaukelnd treiben lassen.Aber auch meine Welt ist in Ordnung. Die schmale Straße schwingt sich an den sattgrünen Uferwiesen entlang, immer in Sichtweite der Altmühl, bald darauf mit Aussicht auf die mächtige Willibaldsburg, deren gewaltiges Festungswerk auf einem steilen Felsen über Eichstätt thront. Irgendwo in dieser Gegend muß es gewesen sein, wo lange vor unserer Zeit die Tiere das Fliegen lernten. Gleich sechs versteinerte Exemplare des Urvogels Archaeopteryx fanden Archäologen auf dem nahen Blumenberg. Heute hat der Hügel keine Spitze mehr. Von oben blicke ich in ein großes Loch voller Schutt und zertrümmerter Kalkplatten, unten suchen ein paar Hobbyarchäologen vielleicht in der vagen Hoffnung auf ein siebtes Exemplar. Laut hallen ihre Hammerschläge von den steilen Wänden wider, noch viel lauter knallt es, wenn sie metergroße, weiße Kalkplatten mit einem gewaltigen Schlag in tausend Stücke zerspringen lassen. Liebevoll und geduldig wird anschließend auch noch der kleinste Splitter nach fossilen Überresten untersucht. Platte für Platte, Meter für Meter. Eine schweißtreibende Angelegenheit auf dem grellen Gestein, welches die Strahlen der Sonne wie ein Spiegel reflektiert - und bestimmt kein Job für Menschen in schwarzen Motorradklamotten. Schattiger, aber nicht leiser ist es im Biergarten im großzügigen Hof der Willibaldsburg. Zwei oder drei Schulklassen lassen lautstark Dampf ab, weil ihre Lehrer sie durch das Ur- und frühgeschichtliche Burgmuseum geschoben haben. Keine Frage, ich kann die Kids verstehen, bei diesem Wetter zieht auch mich nichts in das alte Gemäuer. Vielmehr treibt es mich zurück auf die Straße, die sich von hier aus wie ein überlanger Lindwurm entlang der Altmühl durch das Gebiet der Fränkischen Jura windet. Zaghaft verändert sich die Landschaft. Immer öfter und immer höher wachsen rechts und links des weitläufigen Tals spitze, weiße Felsen aus den grünen Hängen. Schmale Straßen zweigen verlockend in die Seitentäler ab, führen vorbei an üppigen Wiesen, auf denen vielerlei Blumen in prallen Farben leuchten. Moosbewachsene, braune Steinsbrocken liegen wie zufällig hingeworfen zwischen den hohen dunkelgrünen Büschen der Wacholderheide, die in gleichmäßigen Abständen voneinander an den steilen Flanken stehen und einen würzigen Duft verteilen. Schon ein nettes Stück Natur, dieses beschauliche Altmühltal. Nett genug, um mich neugierig zu machen, wie es wohl wäre, endlich einmal ein paar Meter ohne diesen lästigen, verschwitzten Helm zu fahren, endlich einmal diesen lauen, gutriechenden Fahrtwind voll und ganz im Gesicht und in den Haaren zu spüren...Zeit für für ein Stück Kuchen. Laut und lustig zelebrieren Anwohner und Urlauber in Beilngries diesen warmen Tag in den vielen Bier- und Kaffeegärten, spazieren gutgelaunt an den bunten, mittelalterlichen Häusern vorbei, prosten und grüßen sich zu, so oft sie nur können. Ferienstimmung, und das an einem Dienstag. Aber warum auch nicht. Immer imposanter steht die steile Felsenkulisse des weißen Jura-Gesteins zum Teil direkt neben der breiten Straße. Aber noch viel breiter zieht sich der schmutzig-braune Strom durch dieses Tal. Keine Spur mehr von der romantischen Altmühl, keine lustigen Kanufahrer mehr, die schwankend über die sanften Wellen treiben. Schwerbeladene Frachtschiffe und schneeweiße Ausflugsdampfer kreuzen stattdessen durch die neue, 50 Meter breite Fahrrinne der Altmühl, die ab jetzt auf den Namen Main-Donau-Kanal hört. Doch in der Tat: Nichts errinnert mehr an die gigantische Großbaustelle von vor wenigen Jahren. Es müsen Heerscharen von Landschaftsgärtnern gewesen sein, die dieses Stück wieder in eine grüne Oase verwandelt haben. Hätte ich nicht gewußt, daß der Strom neben mir ein Kanal ist, ich hätte es nicht gemerkt. Ich weiß nur, daß die letzten 30 Kilometer bis Kelheim von einem Architekten geplant wurden, dessen Leidenschaft Motorräder sind. Die Beschaffenheit des Asphalts und die Anzahl der weit geschwungenen Kurven sind ein Teil von dem Stoff, aus dem die Träume der Zweiradfahrer sind. Längst stört es mich nicht mehr, daß ich mir die vielen Ortsnamen einfach nicht mehr merken kann. Essing, Stausacker, Tettenwang, Hexenagger, Bettbrunn. Egal.In mir wächst das Gefühl, daß ich einfach nicht vom Motorrad steigen möchte. Aber manchmal gibt es eben solche Tage.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote