Ammersee-Tour mit einer Vespa (Archivversion)

Paßt scho

Der Sommer geht. Schwäne ziehen ihre Kreise, die Vespa tuckert sanft durch mild beleuchtete Wälder. Da zeigt sich der Bayer tief bewegt, dankt seinem Herrgott und dem Gefährt, das ihn trägt.

Weit draußen spiegelt sich goldgelbes Licht auf dem Ammersee. Die Spätsommersonne durchbricht das Wolkendickicht, malt warmmetallene Lichtmuster auf die blanke Wasserfläche. Jetzt tanzen die Strahlen schon vergnügt auf den Wellen, die der aufkommende Wind kräuselt. Der Himmel klart auf. Wird endlich blau. Übers Wasser gleiten anmutig zwei Schwäne, ihr Gefieder schimmert perlweiß. Auch das Laub am Ufer, das eben noch melancholisch von Frost und Verfall kündete, wechselt die Farben. Rot leuchtet der Ahorn, gelb gesprenkelt winken die Äste von Buchen, Birken und Kastanien.«Quak«, schreit die Ente und unterbricht jäh den Fluß der Gedanken. Und nochmal: »Quak.« Also, die Vespa antreten, deren Zweitakter auch sofort vor sich hin pöttert, den ersten Gang hineindrehen und sich davon schwingen. Entlang der Wiesen, die in sattem Grün glänzen, und der Äcker, auf denen Trecker die Erde für die nächste Saat umpflügen. Gelber Senf blüht noch vereinzelt, und der letzte Mais wiegt sich, Wellen gleich, im Wind.Da. Nur kurz erhascht der Blick Türkis. Der Wörthsee taucht auf, kleine Jollen, in blaue Persennings verpackt, dümpeln an ihren Bojen. Gegen die Ufermäuerchen schwappt gurgelnd das Wasser, und die Holzstege ächzen unter Fußtritten. Als wollten sie von früheren Zeiten erzählen. Ein hartherziger Graf lebte vor Jahrhunderten auf der Mausinsel im Wörthsee - glaubt der Volksmund. Der reiche Adelige haßte Bettler und Hungerleider so sehr, daß er sie in eine Scheune sperren und anzünden ließ. »Hört ihr das Wimmern der Ratten und Mäuse«, spottete der böse Graf. Zur Strafe für so viel Hochmut sandte Gott ihm ein Heer von Mäusen, das alles zernagte, was ihm zwischen die spitzen Zähne geriet. Entsetzt floh der Graf auf die Insel, wo er schwor, alle reichlich zu beschenken. Dummerweise darf die Mausinsel heute noch kein Fremder betreten, höchstens mit dem Ruderboot umrunden. Privatbesitz, so ein Quak.An sanftgeschwungene Hügel schmiegen sich Dörfer, Hausmauern entlang rankt flammendrot wilder Wein. Blau, rosa, gelb und weiß blühen in den Vorgärten Pompondahlien, Sonnenblumen, Zinnien und Winterastern, die ihren feinen Duft verströmen. Zwiebeltürme künden vom jahrhundertealten Gottvertrauen der Bewohner. Auch in Seefeld. Wo die Stille plötzlich zerreißt: »Also, an ihrer Stelle würde ich den Roller abschließen. Wollen Sie ihren Helm denn nicht mitnehmen?« Der Mann, zwei Bierflaschen in der Hand und eine Zeitung mit Großbuchstaben unter einen Arm geklemmt, hat offenbar wenig Vertrauen in seine Mitmenschen. Redet und redet. Quak.Tröstlich geheimnisvoll und dunkelgrün lugt der Pilsensee zwischen Schilf hervor, in dem Seeschwalben, Flußuferläufer, Brachvögel und Regenpfeifer um die Wette tirilieren. Friedlich grasen Pferde, die mit rhythmischem Schweifwedeln und gelegentlichem Kopfschütteln unermüdlich Myriaden von Mücken abwehren. Braungefleckte Kühe rupfen an Grashalmen. Ahnungslos. Nie gehört von BSE. Die Welt ist auch nachmittags noch völlig im Einklang, die Vespa tuckert gemächlich im Zweiklang, schwankt ab und zu ein wenig über Bodenwellen und strebt wegen des außermittig angeordneten Motors stur in eine Richtung. Nach rechts, wie´s der Bayer liebt. Dabei versteht sich die Vespa eigentlich als Freigeist, auf deren gut gepolstertem Aussichtspunkt es sich unbefangen dahinrollern läßt. Bequem sitzen, schauen und sich über die grünen Hügel freuen. Paßt scho.In Herrsching am Ostufer des Ammersees lockt die Uferpromenande: Verliebte Paare knutschen auf den Bänken, schlecken aufreizend gemeinsam ein Eis und blinzeln in die Sonne. An der Hand der Oma schaut ein kleines Mädchen im Spitzenkragen sehnsüchtig den Lausbuben zu, die Steine flach übers Wasser springen lassen und jubeln, wenn«s einer viermal schafft, ohne daß der Kiesel im tiefen Blau versinkt. Schnullernde Kleinkinder buddeln am Kieselstrand nach verborgenen Schätzen, die sie strahlend ihren Müttern zeigen. Im Al Porto serviert ein freundlicher Kellner Kaffee, Eis und Kuchen. Doch plötzlich: Quak. »Geh, weg, du fette Ente, sonst schlachte ich dich zum Abendessen«, erschallt«s höchst entschieden vom Nebentisch. »Geh, wenn«s doch Hunger hat«, meint jovial der Nachbar. Aber schon mischt sich patriotisch eine Bayerin ein. »Wir schlachten nur preußische Enten zum Abendessen.« Gelächter folgt. »Quak«, sagt die unerschrockene Ammersee-Ente.Zeit, um aufzubrechen. Nach Andechs, wo der »berühmte Meteorit« sich vor ein paar Jahren als frisch gesprengter Ententeich entpuppte. Am Kloster vorbei, in dem Biertouristen aus aller Herren Länder lautstark und vergeblich bayrisches Lebensgefühl nachahmen. Endlich, Dießen. Mekka der Kunsthandwerker und der Ort, in dem der Maler Carl Spitzweg weilte und Carl Orff das Licht der Welt erblickte, wo eine der schönsten Rokokokirchen Bayerns, »der Dießener Himmel«, in Hellblau für seinen Bauherren wirbt. Aber kühle Schatten wirft. Da hilft nur eins: auf die Vespa und hinaus ins Licht. Über Birkenalleen, auf deren Asphalt die Sonne helle Flecken zeichnet, hinein in dichten Tannenwald, wo die Strahlen bereits schräg einfallen, Moos und Farne in mystisches Grün eintauchen und Baumrinden da und dort unwirklich erröten lassen. Nicht mehr lange, und feiner Nebel wird die Stämme der Tannen umschlingen und sich bleiern auf die Wiesen senken. Noch liegt die zart gewellte Ebene, auf der die Kapelle St. Johann, zwischen Satellitenschüsseln eingezwängt, ihre stille Schönheit entfaltet, in der Sonne. Bei der Erdfunkstelle, die mit unsichtbaren Strahlen künstliche Himmelskörper anvisiert, um das Telefonnetz der Telekom zu sichern, hat«s der Herrgott nicht leicht. Aber die Bayern bleiben ihm treu ergeben. Immer wieder pilgert einer zum Kirchlein St. Johann, das auf einer Anhöhe steht. Um dem Himmel näher zu sein als dem Quaken auf der Erde.
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Ammersee-Tour mit einer Vespa (Archivversion)

Im sanft gewellten Voralpenland von Oberbayern erstreckt sich der Ammersee, dessen reizvolle ländliche Idylle weniger Besucher anlockt als der fürstliche Starnberger See.
Anreise: Der Ammersee liegt südwestlich von München. Die Autobahnen A 8, A 9, A 92 und A 95 verbinden Bayerns Landeshauptstadt mit dem Rest der Welt. Von der A 8 kommend biegt man an der Ausfahrt Fürstenfeldbruck ab und fährt von dort über die B 471 nach Grafrath, wo die Tour um den Ammersee beginnt.Reisezeit:Jede Jahreszeit eignet sich, Frühjahr und Herbst sind besonders empfehlenswert. Wer kann, sollte unbedingt die Sommer-Wochenenden meiden. Der Ammersee ist zwar nicht so überlaufen wie der Starnberger See, aber dennoch ein beliebtes Ausflugsziel der Münchner, die sich in den heißen Monaten gegenseitig gerne auf die Füße treten. Übernachten:Vom Campingplatz bis zur Nobelherberge ist am Ammersee für jeden etwas geboten. Auskunft gibt der Fremdenverkehrsverband München-Oberbayern, Sonnenstraße 10, 80331 München, Telefon 089/597347, Fax 089/ 593187.Aktivitäten:Am und um den Ammersee werden fast alle Sportarten angeboten: Angeln, Bergwandern, Gleitschirmfliegen, Golf, Mountainbiking, Reiten, Rudern, Segeln, Wandern oder Windsurfen. Auskunft erteilen die Fremdenverkehrsämter, die es in fast jedem größeren Ort am Ammersee gibt, oder das Fremdenverkehrsamt München - Oberbayern (Adresse siehe oben). Wer sich´s lieber gemütlich macht, genießt den See auf einer Rundfahrt mit einem der vier Ausflugsschiffe der Ammersee-Flotte. Informationen erteilt die Staatliche Schiffahrt Ammersee, Landsberger Str. 81, 82266 Inning, Telefon 08143/229. Die schönsten Strandbäder des Ammersees finden sich am flachen Westufer in Schondorf, Utting, Holzhausen und Riederau. Dieses Ufer ist durch einen Rad- und Wanderweg erschlossen. Wichtig beim Schlendern: Schilfgürtel, Moore und Unterholz nicht betreten, weil sie wichtige Rückzuggebiete für Tiere bilden. Und bitte keine Wasservögel füttern. Vor allem die Enten vermehren sich rasant und übervölkern den See. Futter und Kot lassen Bakterien gedeihen und verschlechtern die Wasserqualität. Für Kulturbeflissene gibt´s was ganz besonderes: Kino, Café, Theater, Galerien und Kunsthandwerk in der umgebauten Alten Brauerei in Stegen bei Inning. Literatur:Allgemeine Informationen bietet Thomas Schröder in seinem Reiseführer Oberbayrische Seen, der im Michael Müller Verlag erscheint und 29, 80 Mark kostet. Eine Motorradtour durch Oberbayern und sechs weitere Reisebeschreibungen liefert Elke und Dieter Loßkarns Band »Deutschland«, Edition Unterwegs. Empfehlenswert ist die Generalkarte 1: 200 000, Blatt 8, bei Mairs Geographischem Verlag.

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