,Andalusien (Archivversion)

Jenseits von Afrika

Im äußersten Südwesten Spaniens, wo nur noch die schmale Meerenge von Gibraltar Europa von Afrika trennt, springt der Frühling schneller über als auf dem Rest des Kontinents. Genau richtig für die erste warme Tour des Jahres.

Kuhkopf. So könnte man den klangvollen Namen von Señor Cabeza de Vaca ins Deutsche übersetzen. Was in Spanien kein Schimpfwort ist. Denn hier leben die Kampfstiere. »Und diese«, erläutert Cabeza de Vaca mit Stolz, »erben vom Vater ihre Statur, aber Herz und Mut von der Mutter – der Kuh«. Ah ja. Die Honda Vigor knistert draußen vor der Bodega noch die Hitze der flotten Anreise nach Chiclana de la Frontera aus, während ich dem Weinhändler mit dem bedeutungsvollen Namen zur Probe von seinen Sherry-Fässern folge. Bereits meine andalusische Einstiegsrunde durch die einsame, flachhügelige Landschaft zwischen Medina Sidonia und Alcalá führte neben Oivenhainen und Macchiabüschen über viele Kilometer an endlosen Rinderweiden entlang. Leider ohne Stiere, denn die relativ wild lebenden Herdentiere sind in dem hunderte vom Quadratkilometer großen Terrain selten zu entdecken.Wenn er den Sherry mal nicht mehr sehen kann, oder wenn Mittag ist, wie jetzt, erklärt mir Señor Cabeza de Vaca nach einer Kostprobe seiner Aperitifs, gehe er gegenüber in Antonio Olivas Bodega auf ein Bier. Angesteckt von der allgemeinen Siesta-Stimmung, verschiebe ich die Weiterfahrt und begleite ihn. Am Eingang empfängt mich der starre Blick eines präparierten Stierkopfes, den Emilio, der Bruder des Wirtes, während einer »Corrida« erledigt hat. Flamenco-Musik dröhnt aus den Boxen, luftgetrocknete Schinkenkeulen schwingen im Takt von der Decke, und im mit Hörnern versehenen Fernseher laufen Ausschnitte eines Rejoneo - der seltenen Form des Stierkampfes zu Pferde. Sein Vater sei Torero gewesen, und seine vier Brüder sind es noch, erklärt der Wirt, während Cabeza de Vacas Augen bereits gebannt an der Flimmerkiste kleben. Der Torero setzt gerade zur Estocada an - dem Todesstoß in den Nacken des Stieres, der wie ein Elfmeter beim Fußball auf Anhieb sitzen muss - und verfehlt! Einmal, zweimal, dreimal - »un – dos – tres«, Cabeza de Vaca zählt laut mit. Mist! In einem Zug schüttet er sein Bier hinab.Unbemerkt verlasse ich die grausige Arena und widme mich wieder der Costa de la Luz. Die »Küste des Lichts« zwischen Cadiz und Tarifa zählt mit 3000 Sonnenstunden pro Jahr zu den privilegierten Sonnenflecken Europas. Das Örtchen Conil de la Frontera taucht auf, und der Einzylinder trommelt durch die verwinkelten Pflastersteingassen. Vorbei an weißgetünchten Häusern und kleinen, palmengesäumten Plazas, auf denen altehrwürdige Señores beim Nachmittagsschwätzchen sitzen.Hinter dem Rio Salado taucht die Straße zwischen gelbblühenden Ginsterbüschen ein, die jetzt im Frühjahr duftend das halbe Land überziehen. Nach ein paar einsamen Atlantikbuchten irgendwo ein verwittertes Schild: Faro de Trafalgar. Hinweis auf den Leuchtturm draußen am Kap. Die vernichtende Niederlage, die die Spanier in der berühmten Seeschlacht von Trafalgar gegen die Engländer vor fast 200 Jahren einstecken mussten, wird dagegen nicht erwähnt. Kein Denkmal, keine Infotafel. Die stolzen Spanier scheinen noch immer in ihrer Ehre verletzt.In Los Caños de Meca steigt die Fahrbahn unvermittelt an und führt in ausgelassenen Schlenkern durch die lichten Pinienwälder des Naturparks Breña Marismas. Dahinter liegen die Silhouetten der Berge wie Scherenschnitte vor dem wolkenlosen Himmel. Der Wind, zunächst noch eine wohltuende sanfte Brise, nimmt kontinuierlich zu, fegt über die Region, dier noch immer ein paar Wenigen gehört. Andalusien ist das klassische Land der Latifundien, riesiger Ländereien, die zu Zeiten der Reconquista dem Adel für Verdienste im Kampf gegen die Mauren zugesprochen wurden. Gut 500 Jahre später ist über weite Strecken kaum ein Haus, geschweige denn eine Siedlung, zu sehen. Gelegentlich auftauchende Hotels und Campingplätze heißen »Hurricane« oder »Mistral«, und allmählich wird klar, dass die inzwischen immer heftigeren Windböen keine Ausnahmeerscheinung sind. Völlig zerfledderte Fahnen säumen die Zufahrtswege der Ferienanlagen - hier stehen die Zeichen permanent auf Sturm. Im Sommer fegt der Levante von Ost nach West, im Winter der Poniente von West nach Ost. Nicht umsonst gilt der Badeort Tarifa als eines der berühmtesten Surfparadiese Europas, an dem die Cracks, erst so richtig auf Touren kommen, wenn sich die Liegestuhlfraktion schon lange in den Hotels verbarrikadiert hat. Interessant werde es, meint Micha aus Berlin, wenn sich die Windgeschwindigkeit auf die100-km/h-Marke zubewege. Als eine Bö mich schier vom Motorrad zu wehen droht, fegt er mit seinem Board aufs Meer hinaus. Direkt auf die Supertanker, Frachtkähne und Kreuzfahrtschiffe zu, die Tag für Tag durch die Straße von Gibraltar ziehen. Drüben am Horizont zeichnen sich die Konturen des marokkanischen Riffgebirges ab. Afrika ist keine 14 Kilometer entfernt. Wäre da nicht die grellbunte Surfer-Szene, man könnte glauben, Tarifas Altstadt habe die letzten Jahrhunderte verschlafen. Vorsichtig taste ich mich durch ein Netz schmaler Gassen in den maurischen Siedlungskern, der sich über mehrere Stufen zwischen das mittelalterliche Kastell und die mächtige Stadtmauer zwängt. Palmenalleen und Orangenbäume, weißgekalkte Häuser, Springbrunnen und maurisches Kachelmosaik - eine Mischung aus Casablanca und Côte d’Azur. In der Gasse Al Medina trällert zwischen arabischen Zinnen und Torbögen ein Kanarienvogel - kleiner Ersatz für den Muezzin, der Jahrhunderte lang über diese Stadt rief.Als ich auf staubigen Pisten weiter Richtung Algeciras fahre, tauchen plötzlich hunderte weißer Windräder auf, die sich in Kolonnien auf den Berghängen verteilen. Das grimmige Summen der rotierenden Flügel umfängt mich gespenstisch wie ein aufgeschreckter Bienenschwarm. Außer ein paar Ingenieuren, die die Windkrafträder inspizieren, ist in diesem Offroad-Paradies keine Menschenseele unterwegs. Über mir ein paar mächtige Vögel auf den Rückweg nach Mitteleuropa. Zurück auf der N 340, verfalle ich dem Rausch längst überfälliger Schräglagengefühle. Feinste Kurvenkombinationen fordern lückenlose Konzentration. Schade eigentlich, denn die geniale Aussicht reicht bis hinüber zur marokkanischen Küste. Von dort scheint inzwischen der Frühling zusammen mit den Vögeln übergesetzt zu haben - die steilen Hänge sind von einem Blütenmeer überzogen. Noch eine perfekt geschwungene Linkskurve, dann taucht Gibraltar auf. Wie ein steinernes Schiff liegt es am Ende Europas vor Anker.Gibraltar – was habe ich mir immer Abenteuerliches und Geheimnisvolles darunter vorgestellt! Unter diesem 423 Meter hohen, felsigen Reststück alter Kolonialherrschaft. Gibraltar steht bis heute unter britischer Herrschaft. Ein kilometerlanger Stau kündigt die Grenze an: Passkontrolle, als hätte man noch nie etwas vom vereinten Europa gehört. Danach muss hurtig die quer vor dem Felsen verlaufende Landebahn des Gibraltar Airport überquert werden. Wer die Ampel übersieht, läuft Gefahr, mit einem britischen Düsenjet zu kollidieren.An britischen Briefkästen und Fish’n-Chips-Buden vorbei rolle ich zur Mainstreet, wo sich Geschäfte mit zollfreien Zigaretten, Schnaps und Parfüm aneinanderreihen. Was für eine Ernüchterung! Abenteuerlich und geheimnisvoll. Selbst die Plüsch-Gorillas in den Souvenir-Shops reißen’s nicht raus. Die Affen – in Wirklichkeit natürlich keine Gorillas, sondern kleine, schwanzlose Berberaffen - sind das Wahrzeichen des Felsens und zusammen mit den Mauren im achten Jahrhundert hier ansässig geworden. Einer Legende nach soll ihre Existenz mit dem Verbleib der Engländer auf dem Felsen verbunden sein. Churchill ordnete deshalb Anfang der 40er Jahre an, dass ihre Zahl niemals unter 24 fallen dürfe. Nach einem kurzen Schlenker zum »Last Shop in Europe« an der Südspitze reise ich wieder nach Spanien aus. Lieber rustikale Tapa-Bars als britische Pubs.Am Rio Guadarranque entlang arbeite ich mich nach Castellar de la Frontera vor und von dort über ein schmales Serpentinenstraße durch dichte Korkeichenwälder zum mittelalterlichen Castillo Fortaleza hinauf. Dramatisch breitet sich tief unten die funkelnde Oberfläche des Guadarranque-Stausee aus. Zwei Pferde traben mir entgegen, mangels Verkehrsaufkommen durch keinerlei Zäune eingeschränkt.Zwei Ecken weiter, bei Jimena de la Frontera, zweigt hinter einer schier undurchdringlichen Macchiahecke, die selbst Wildschweine auf Trampelpfaden umgehen, die Straße zum Nationalpark Cortes de la Frontera ab. Darauf folgen Lorbeer-, Wacholder- und Eichenwälder, bis sich die Straße schließlich - eine Vegetationsstufe höher - durch niedriges Buschwerk und lichte Kiefern schneidet. Am Horizont zeichnen sich schon die zackigen Kuppen eines Bilderbuchgebirges ab: der Serrania de Ronda. Bis dahin heißt es nur noch fahren, vorbei an den Dörfern Gaucín, Algatocín und Benadalíd, den warmen Fahrtwind spüren und von einer Kurve in die nächste fallen. Als die Straße einen gut 1000 Meter hohen Pass erklimmt, scheint sowohl dem Ginster als auch der Macchia die Luft auszugehen, und die Serrania de Ronda liegt mit scharfkantigen Bergrücken und tief eingeschnittenen Tälern wie eine lebensfeindliche Mondlandschaft vor mir.In Ronda werfe ich einen Blick in die Schlucht des Tajo, die den Ort 160 Meter tief durchschneidet, und rolle weiter gen Westen, wo bereits das nächste Gebirge, die Sierra de Grazalema, beginnt. Als ich bei Ubrique endlich einmal wieder auf die Landkarte schaue, trifft mich fast der Schlag. Zurück nach Chiclana de la Frontera ist es noch verdammt weit. Es ist bereits Nachmittag, und diese kurvigen Sträßchen im Hinterland taugen mit ihren fantastischen Kurvenkombinationen kaum zum Streckemachen. Also wähle ich die schnellere Route über Arcos und Jerez. Im Dämmerlicht sehe ich gerade noch den Abzweig zur Ruta del Vino, die Weinstraße durch das »Sherry-Dreieck« zwischen Guadalquivir und Guadalete. Wo die niedrigen, knorrigen Rebstöcke der Palomino-Traube gedeihen und das Aroma Andalusiens verbreiten. Señor Cabeza de Vaca wird es auch in diesem Jahr wieder einfangen und in den dicken Eichenfässern seiner Bodega bewahren.
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Info (Archivversion)

Andalusien gilt als Sonnenparadies und lockt durch mediterran-mildes Klimas fast ganzjährig. Von Mitte März bis Anfang Juni, wenn die Zitrusbäume blühen und das Land vor Farbe überquillt, ist es ein besonderer Tipp.
Anreise:Wer mit dem eigenen Motorrad anreisen möchte, muss rund 2500 Kilometer und zwei bis drei Urlaubstage zusätzlich (einfache Strecke) veranschlagen. Außerdem fallen auf der Route Bordeaux – Burgos – Madrid – Cadiz etwa 85 Euro Mautgebühren an. Der Autozug bis Narbonne reduziert für durchschnittlich 400 Euro den Weg um gut ein Drittel. Die Alternativen sind Flug und Mietmotorrad (Adresse siehe unten). Für rund 250 Euro fliegt beispielsweise Iberia täglich von sieben deutschen Flughäfen nach Jerez.Literatur:Fundierte Hintergrundinfos und praktische Tipps bieten der 584 Seiten starke Band »Andalusien« aus dem Michael Müller Verlag und der 696 Seiten starke gleichnamige Band von Reise Know-How, beide 20 Euro. Kompakte Infos unterwegs bietet das DuMont-Reise-Taschenbuch »Andalusien« für 10,10 Euro. Stierkampfinteressierten ist der Klassiker »Tod am Nachmittag« von Ernest Hemingway empfohlen, Rowohlt, 10,10 Euro. Die beste Karte kommt von Mairs: Generalkarte »Andalusien«, 1:200.000, 6,55 Euro. Mietmotorräder:Der deutsche Veranstalter Sun Ride Tours vermietet in Chiclana de la Frontera (Telefon 0039-956497424, deutschsprachig) Honda FX Vigor 650. Sieben Tage ohne Kilometerbegrenzung kosten knapp 400 Euro inklusive Haftpflichtversicherung und Teilkasko. Geführte Touren auf Anfrage. Kontakt in Deutschland unter Telefon 06026/995933, Fax 995946 oder www.sunridetours.de.Aktivitäten:Wer zum Motorradfahren einen Ausgleichssport (Mountain Bike, Rennrad, Leichtathletik) sucht, wird in Chiclana bei Freizeit Aktiv fündig. Telefon in Deutschland 06257/93210 oder www.freizeit-aktiv.de. Reitausflüge bietet Cortijo de la Luz (siehe »Übernachten«).Übernachten:Für Individualreisende hält das Spanische Fremdenverkehrsamt (Adresse siehe unten) ein Übernachtungsverzeichnis bereit. Auch ohne Vorplanung findet man selbst in kleineren Orten zumindest eine einfache Pension oder privat vermietete Zimmer.Empfehlenswert:Cortijo de la Luz, Apartado 66, E-11140 Conil de la Frontera, Telefon 0034-626608235 (man spricht deutsch), Fax 956443429, e-mail: Biggi_Ru@gmx.de, Internet: www.Andalusienritt.de. Kleiner, gemütlicher Reiterhof im Hinterland der Küste. Übernachtung im DZ inklusive Frühstück pro Person rund 33 Euro. Las Truchas, Avenida de la Diputación, 11670 El Bosque, Telefon 0034-956716061, Fax 956716086, e-mail: las-truchas.tugasa@cadiz.org, Internet: www.cadiz.org/tugasa. Kleines, gemütliches Hotel vor den Toren des Naturparks Grazalema und an der Route der Weißen Dörfer. Übernachtung im DZ inklusive Frühstück pro Person ab 26 Euro. Für weitere Unterkünfte siehe auch Sun Ride Tours (»Motorradvermietung«) und Freizeit Aktiv (»Aktivitäten«).Informationen:Allgemeine Auskünfte sowie ein Unterkunftsverzeichnis sind beim Spanischen Fremdenverkehrsamt in München erhältlich, Telefon 089/53074611, Fax 53074620, e-mail: munich@tourspain.es. Weitere Büros in Frankfurt/Main (Telefon 069/725033), Düsseldorf (Telefon 0211/6803980) und Berlin (Telefon 030/8826543). Internet: www.tourspain.es.Gefahrene Strecke: zirka 600 KilometerZeitaufwand: drei Tage

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Die Costa de la Luz – bei Chiclana sanft und schön, vor Tarifa dagegen Sturmumtost

Quote 2 (Archivversion)

Stierkampf statt Fußball: In Antonio Olivas Bar in Chiclana geht es nur um das eine

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