Aquitanien (Archivversion) Die Quintessenz

Bordeaux und Brantwein – lebenswichtige Essenzen im Südfrankreich und überall zu kriegen. Biker brauchen dazu noch Benzin. Und das gibt’s nicht immer. Die Geschichte einer Jagd.

Rien ne va plus – nichts geht mehr. Nicht, dass hier ein falscher Verdacht aufkommt: Klaus und ich haben unser Reisebudget mitnichten im Spielcasino verprasst. Doch als wir im letzten September in Richtung Südwest-Frankreich fuhren, entwickelte sich dieser Satz zur Tagesparole an den dortigen Tankstellen. Wir erinnern uns: Wegen hoher Dieselpreise hatten Fernfahrer kurzerhand die französischen Treibstoffdepots blockiert und so mehr und mehr die Benzinversorgung des ganzes Landes lahmgelegt. Dabei schwebte uns eine genüssliche Tour der Sinne vor, dorthin, wo sich in Frankreich die berühmten Namen nur so über die Landkarte hetzen: Cognac, Bordeaux, Château Rothschild – für passionierte Gelegenheitstrinker allesamt gute Bekannte. Nun kam noch eine Flüssigkeit hinzu, hinter der wir her waren: die »essence«, wie die Franzosen das Benzin fast schon poetisch nennen.Schon während der Anreise zeigen sich die ersten Anzeichen der drohenden Krise. Leere Dieselzapfsäulen an der Autobahntankstelle Lyon und Autofahrer, die hektisch ganze Wagenladungen von Kanistern mit Benzin füllen. Also nichts wie runter von der Bahn und durchs erschreckend kühle, dafür aber mit vollen Tankstellen bestückte Massif Central Richtung Atlantik. Erstes Etappenziel: Cognac, rund 100 Kilometer nördlich von Bordeaux. Hier kommt er her, der berühmte Branntwein. Wie so viele bedeutende Dinge entstand er rein zufällig. Der Wein aus dieser Gegend, laut zeitgenössischen Zeugnissen nicht gerade eine reine Gaumenfreude, wurde ab dem 16. Jahrhundert nach Nordeuropa exportiert, wohl nach dem Motto: Fort mit Schaden. Doch um 1630 blockierte ein Krieg die Häfen. Damit die ganze Chose sich nicht in Essig verwandelte, destillierten ein paar Winzer den Wein und lagerten ihn in Eichenfässern – und entdeckten Jahre später staunend, dass ihr ehemaliges Pennerglück ein wundersames Aroma entwickelt hatte und in ansprechender Ambrafärbung ins Glas gluckerte. Der Cognac war geboren.Ortstermin im Handelshaus Hennessy. Die Motorräder dürfen voll bepackt und prominent mitten auf das breite Trottoir vor die moderne Fassade aus Glas, Stein, Kupfer und Holz. Pas de problème, versichert der Pförtner, er werde ein Auge auf unsere edlen Aprilia haben, so dass wir uns ganz den edlen Tropfen des Hauses widmen können. Dass wir unter den zahlreichen Cognac-Handelshäusern ausgerechnet das von einem Iren gegründete für unseren Besuch ausgesucht haben, ist kein Zufall: Der heutige Chef des Hauses, Giles Hennessy, ist engagierter Biker und ließ sich schon von MOTORRAD bei lässigen Endurosprüngen im Park des Chateaus porträtieren ((XXXX)). Mit der hauseigenen Fähre überqueren wir die Charente, dann gibt uns Hennessy-Tourguide Martine einen Schnellkurs in Sachen Weingärung, Doppeldestillation und Küferskunst. Auch die Engel kriegen ihr Promille Quantum ab: »Part des anges« heißt nämlich der Spritanteil, der während der Fasslagerung verdunstet - alljährlich im Cognac-Gebiet rund 23 Millionen Flaschen. Da dürfte es bei den Engeln recht lustig zugehen. Da wir nicht im Himmel, sondern auf öffentlichen Straßen unterwegs sind, halten wir uns bei der Probe zurück. Schließlich ist es noch nicht mal Mittag, und so ein Cognac bringt es auf satte 40 Prozent Alkohol. Ein Fläschchen passt dafür noch ins Gepäck, ebenso wie in den Tank der Motorräder neuer Sprit. Rund um Cognac scheint die Blockade noch nicht zu greifen. Beruhigt steuern wir auf sanft geschwungenen Straßen durch die Weinberge Richtung Süden. Dort wartet schon der nächste Termin, denn Klaus hat in einem Anfall von Organisationswut bereits von Deutschland aus die Besichtigung eines Weinguts ausgemacht. Im Château Cantenac im weinseligen mittelalterlichen Städtchen Saint-Emilion begrüßt uns Nicole. In einem Gemisch aus Deutsch, Englisch, Französisch und Holländisch erklärt uns die temperamentvolle Winzerin, worauf es auf ihrem zwölf Hektar großem Weingut ankommt. Das führt die gelernte Juristin seit dem frühen Tod ihres Mannes allein. Und hatte zu kämpfen, obwohl sie aus einer alten Winzerfamilie stammt: »Winzer sind ein fast reiner Männerclub. Bis ich mich da durchgesetzt habe, hat’s ganz schön gedauert.« Doch seit Nicole für ihren Bordeaux eine Goldmedaille einheimste, begegnen ihr die Kollegen mit Respekt. »Wichtig bei der Weinprobe sind Augen, Nase und Zunge«, erklärt sie. »Erst prüft man die Farbe, dann schwenkt man das Glas und atmet das Aroma ein, und schließlich wird vorsichtig gekostet.« Nicole lässt der Theorie die Praxis folgen und kredenzt uns ein Probiergläschen ihres 1998er Grand Cru, bei dem sie ein Aroma aus Vanille, Holz und Gewürzen ausmacht. Ich nicke begeistert. Nicht, dass ich das alles ebenfalls riechen würde, aber dass der Wein großartig schmeckt, bestätigt auch mein nicht ganz so feiner Gaumen. Etwas weiter westlich empfängt uns Bordeaux, die Hauptstadt der Region Aquitanien, mit breiten Boulevards nach Pariser Vorbild. Elegant schwingt sich die Pont de Pierre auf 17 steinernen Bögen über die Garonne und führt uns ins Herz der Stadt. Doch Motorradklamotten eignen sich bekanntlich nur bedingt für einen ausgedehnten Stadtbummel, und so rollen wir nach einem Abstecher zur Places des Quinconces, mit der anschließenden Esplanade der größte Platz Europas, entlang der Garonne wieder aus Bordeaux hinaus. Wir folgen der »Route des Crus«, der wohl bedeutendsten Weinroute der Welt ins Médoc. Ein Weingut reiht sich ans andere, und hier machen die Châteaus ihrem Namen alle Ehre. Prunkvoll liegen die herrschaftlichen Schlösser in fantastischen Blumengärten, hie und da wirbt eine überdimensionale Weinflasche für die teuren Produkte. Die Garonne hat sich nach ihrer Vereinigung mit der Dordogne bei Bordeaux inzwischen in die Gironde verwandelt und wird breiter und breiter. Man kriegt sie allerdings nur selten zu Gesicht, denn die Straße führt in weiten Bögen mitten durch die Weinstöcke, und die liegen mindestens einen Kilometer von der Gironde entfernt. Die Winzer trauen dem Fluß in Sachen Überschwemmungen nicht ganz. Hin und wieder führen aber wenigstens Stichstraßen hinunter ans Wasser. Als wir weiter nach Norden ins endlos breite Müdungsdelta vordringen, ist das andere Ufer schon nicht mehr zu erkennen. Châteaus, Reben und der Fluss beherrschen nun das Bild. Weder Mensch noch Auto weit und breit, und die Ruhe wird allmählich beängstigend. An der dritten verbarrikadierten Tankstelle wird uns entschieden mulmig zumute. Ist ja ganz nett hier, aber wenn wir schon liegen bleiben, dann vielleicht doch in etwas belebteren Gefilden, wo mit Hotels und Restaurants zu rechnen ist. Als wir 100 Kilometer auf der Tankuhr haben, drehen wir ab. Die berühmtesten Châteaus, nämlich die derer von Rothschild, entgehen uns dadurch zwar, aber wegen der wochenlangen Anmeldezeiten hätten wir sie sowieso nicht besichtigen können. Mit sehr gezügelter Gashand tuckern wir Richtung Süden. Das lebhafte Urlauberidyll am Bassin von Arcachon empfängt uns mit offenen Armen und einer offenen Tankstelle. Glücklich reihen wir uns in die beachtliche Schlange ein, und machen uns anschließend mit neuen Elan an die Umrundung der Arcachon-Bucht. Dazu gehört auch ein Blick auf die Grande Dune du Pyla unterhalb von Arcachon - mit über 100 Metern die höchste Düne Europas. Den schweißtreibenden Aufstieg lassen sich die Franzosen etwas kosten, denn die Pyla ist nur über einen kostenpflichtigen Parkplatz zugänglich. Eingedenk unserer Kombis und Stiefel verzichten wir auf die Sandwanderung und kehren zu dem geschützten Atlantikbecken zurück, das eine rare Köstlichkeit bietet: Austern. Stimmt schon, die roh genossene Meeresfrucht ist nicht jedermanns Sache. Doch nachdem wir auf dem Kai von Porte de Larosse eine halbe Stunde lang Catherine dabei zu gesehen haben, wie sie vor ihrer Imbisshütte mit einem scharfkantigen Messer die Austern putzt und bei Bedarf für bedürftige Mägen öffnet, lässt sich sogar Fischfeind Klaus erweichen und zu einer Miniprobe mit sechs Austern hinreißen. Nur keine Bange, ihre grünlich-kranke Farbe rührt daher, dass sie sich von Algen ernähren. Und die sind nun mal grün. Am Nachmittag hat leider auch die rettende Tankstelle am nördlichen Rand der Bucht, die wir hoffnungsvoll zum zweiten Mal angesteuert hatten, ihre Vorräte aufgebraucht. Nur nicht Bange machen lassen, motivieren wir uns, und entdecken tatsächlich nach längerem Suche weiter südlich auf einer Nebenstraße eine geöffnete Spritstation. Doch der freundliche Tankwart winkt ab: Viel zu neu seien unsere Motorräder, bei gebe es allenfalls noch verbleites Super, und das dürften doch bei uns nicht rein, oder? Kurze Diskussion und zur Sicherheit ein kleiner Kontrollanruf bei einem befreundeten Aprilia-Ingenieur – doch, die Falco schlucke das. Hinein mit der Bleibrühe, Umweltbewusstsein hin oder her. Unser Ziel heißt Biarritz, und dorthin führt ein schnurgerades Sträßchen durch den Naturpark Landes, den größten Wald Europas. Drinnen duftet es nach Pinien, Sommer und salzigem Meer, die Sonne blinzelt sanft durch die Bäume, und gelegentlich huscht ein Eichhörnchen über die Straße. Autoverkehr scheint weitgehend unbekannt zu sein. Im sechsten Gang gleite ich mit 80 km/h entspannt dahin ­ eine ungewohnte Art, Motorradfahren zu genießen. Erst kurz vor Biarritz wird die Landschaft an der baskischen Küste wilder. Entlang der steilen Klippen windet sich die Straße 30 Kilometer hinunter zur spanischen Grenze, und wir kosten sie voll aus. Denn – es gibt wieder Sprit: Alle Tankstellen sind offen, alle Pumpen sprudeln. Später klärt uns ein Café-Besitzer auf: »Diese Basken«, knurrt er, »die wollen uns doch nur zeigen, dass sie alles besser geregelt kriegen als wir Franzosen. Die holen den Sprit einfach aus Spanien.« Stimmt. Und es funktioniert wunderbar. Der ehemalige Walfänger-Hafen Biarritz galt im 19. Jahrhundert als das mondänste Seebad der Welt. Das lag vor allem an Eugénie, der Gattin Kaiser Napoleons III., die hier im Sommer weilte und damit auch Frankreichs Adel und Prominenz nach sich zog. Heute entwickelt die Mischung aus teils restaurierten, teils abbröckelnden Fassaden einen ganz eigenen Charme, der auch Fremde sofort umfängt. Als triumphaler Schlusspunkt unserer Aquitanien-Tour steht das Baskenland auf dem Programm. Ein Pass reiht sich nun an den nächsten und entsprechend eine Kurve an die andere. Und endlich, endlich besteht die Aussicht, im Gebirge die mörderische Hitze hinter uns zu lassen. Pustekuchen. Zwar ist es auf den Höhen angenehm, doch in den Tälern springt uns die Glut mit voller Wucht wieder an. Die Bilderbuchdörfer mit ihren rotweißen Fachwerkhäusern dörren vor sich hin, verlassen liegen die Märkte und aufgeheizten Pelota-Plätze, wo die Basken sonst ihrem Squash-ähnlichen Nationalsport frönen. Also nichts wie hinauf zur nächsten Passhöhe. Die Ortschaft dahinter wirkt irgendwie fremdartig. De zweisprachigen Hinweisschilder geben schließlich den Tipp: Neben Baskisch wird hier Spanisch gesprochen, und wir haben unbemerkt die Grenze ins Nachbarland überquert. Wir wiederholen das Spiel auf mehreren Passtraßen und finden uns bestätigt: National- oder Grenzschilder fehlen – die auf Unabhängigkeit sinnenden Basken wollen nämlich im Grunde weder zu Frankreich noch zu Spanien gehören.Am nächsten Morgen machen wir aus auf den Heimweg. Nach fast 200 Kilometern wird uns wieder mulmig, denn nun hat keine Tankstelle mehr offen. Wir probieren es noch mal an unserer Lieblingszapfsäule in der Bucht von Arcachan ­ keine Chance, alles dicht. Damit wenigstens der Magen Ruhe gibt, kehren wir auf einen Teller Crevetten nach Port de Larosse zurück, wo uns Austernputzerin Catherine wie lang vermisste Freunde willkommen heißt. »Wir würden euch ja gerne helfen«, meint sie, »aber hier geht gar nichts mehr.« Die Ortspolizei versorgt uns freundlich mit Adressen von Tankstellen aus der Gegend, an denen angeblich noch Sprit vorhanden ist, doch als wir ankommen, heißt es auch dort: »Rien ne va plus.« Wir hängen uns an die Strippe. Winzerin Nicole versichert, dass es auch in Saint-Emilion keinen Tropfen mehr gebe, außer natürlich Bordeaux. Der ADAC erfreut uns mit der Mitteilung, dass im Großraum Paris noch 15 Liter Sprit pro Person zu ergattern seien, und nein, der Auslandsschutzbrief greife in diesem Fall nicht. Was also tun? 50 Kilometer können wir vielleicht noch schaffen. Klaus entschließt sich, nach Bordeaux zu fahren. Dort gibt’s im schlimmsten Fall den Autoreisezug zurück nach Deutschland. Ich dagegen habe keine Lust, in der brütenden Hitze der Großstadt zu schmoren oder gar auf der Autobahn liegen zu bleiben. Dann lieber in Strandnähe. Zwei Tage genieße ich den herrlichen Atlantik, bis allmählich der Sprit wieder zu tröpfeln beginnt. Schade eigentlich. Von Zapfsäule zu Zapfsäule hangele ich mich die 1300 Kilometer nach Deutschland durch. Die Quintessenz der Aquitanien-Tour? Gute Essenzen sind unverzichtbar fürs Motorradfahrerleben, egal ob sie aus Bordeaux oder Cognac stammen. Oder eben aus Rohöl.

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