Aragón (Archivversion) Spanische Impressionen

Schon mal von Aragón gehört? Die kaum bekannte Provinz im Osten von Spanien bietet längs des Rio Ebro eine Landschaft von eigenwillig wüstenhafter Schönheit. Für abenteuerlustige und wintermüde Biker eine Herausforderung.

Kalte Luft kitzelt in der Nase, es riecht nach feuchter Erde. Fast schüchtern schickt die Sonne ihre ersten wärmenden Strahlen über den Horizont. Verdorrte Grasbüschel leuchten golden auf, kleine Nebelschwaden hauchen ihr letztes Leben aus. Angelika und ich sitzen am Rand eines flachen, steinigen Hügels, zu unseren Füßen eine monochrome, weite Ebene, sanft gewellt, ab und an unterbrochen von Tafelbergen und Steinsäulen wie in Marlboro-Country. Kämen wilde Mustangs und Lasso schwingende Cowboys hinter den rot und gelb glühenden Felsen hervor, würde es einen nicht wundern. Aber außer dem Knistern und Knacken unserer abkühlenden GS ist nichts zu hören.
Unglaublich, vier Tankstopps, 1396 Kilometer, acht Tassen Kaffee, sechs Müsliriegel und zwei Baguettes zuvor verzurrten
wir noch mit klammen Fingern das Gepäck auf der BMW. Bei schmuddeligem, nasskaltem Wetter fiel der Startschuss für die Winterflucht. Wie zwei Michelinmännchen verpackt, kauerten
wir auf der BMW und hofften stündlich auf Wärme. Die Vorfreude auf den blauen Himmel Spaniens und die angekündigten Temperaturen hielt uns in der Nacht munter. Jetzt, in der Ruhe und
Einsamkeit Aragóns, kommt dann doch die Müdigkeit. Wir reißen uns los von dem Sonnenaufgang und nehmen Kurs auf den
wenige Kilometer entfernten Campingplatz Lake Caspe am Ufer des gigantisch aufgestauten Rio Ebro. Ruck, zuck steht das
Zelt, und wir kuscheln uns noch für eine Mütze voll Schlaf in die Daunensäcke.
Als wir am späten Vormittag aufwachen, ist der Camping-platz menschenleer. Der mächtige Stausee, von den Spaniern nicht umsonst »Mar de Aragón« genannt, gilt als Mekka der
Angler. Selbst britische Angler reisen pulkweise mit Ruten und Reusen an, um in dem fischreichen Gewässer auf Jagd zu gehen. Den frühen, bissfreudigen Morgen nutzend, sind alle Camper
am Wasser unterwegs. Angelika und mir steht der Sinn nach
einem anderen Frühstück, und wir brechen in das ein paar Kilometer entfernte Caspe auf. Über die kurvenreiche N 211, die mit grandiosen Aussichten auf das »Aragónische Meer« verwöhnt, stürzen wir uns in das quirlige Zentrum der Region. Eigentlich ist es zum Frühstücken schon zu spät, doch in einer Bar am Rand der runden Plaza Mayor, mitten im spanischen Trubel, bekommen wir noch Churros. Süße, in Olivenöl gebackene Zimtkringel, die traditionell zum Frühstück in dicke heiße Schokolade getunkt werden. Nichts für Kalorienzähler, dafür mächtig lecker und mit hohem Sättigungsfaktor.
So gestärkt, haben wir sofort wieder Lust aufs
Motorradfahren. Wir verlassen Caspe in südöstlicher Richtung, überqueren den Rio Guadalope und tauchen über Maella erneut in die Weiten des menschenleeren Aragóns ein. Wild geschwungenen, schmalen Strecken folgen wir durch das offene Land, passieren kleine Dörfer mit zehn oder zwölf Häusern, davon die Hälfte verfallen. Kaum zu glauben, dass hier noch
jemand wohnt. Wenn wir grüßen, wird freundlich zurückgewunken, doch ausschließlich
von alten Menschen. Die Jungen sind nach Zaragoza oder Barcelona abgewandert, sahen in den Dörfern keine Perspektive mehr.
Obwohl Aragón mit 47000 Quadratkilometern die viertgrößte der 17 autonomen Regionen Spaniens ist, leben dort gerade mal 1,2 Millionen Menschen. Wen wundert es da, dass weite Landstriche fast entvölkert sind.
Mitten in dieser Einsamkeit liegt
Valdealgorfa. In einer Senke fernab jeder Durchgangsstraße ducken sich die weißen Häuser vor der flimmernden Nachmittagssonne. Lediglich der sandfarbene Kirchturm stemmt sich dem Himmel trotzig entgegen. Wir nehmen Kurs auf das mächtige Gebäude und nähern uns auf holprigen Gassen zwischen gekalkten, morschen Hauswänden langsam an. Viel Platz bleibt nicht mehr zwischen Lenkerenden und Fensterbänken. Hunde rennen kläffend hinter uns her. Als wir anhalten und im kühlenden Schatten die Wasserflasche aus dem Rucksack ziehen, schaut ein runzliges Mütterchen aus einer Haustür, ruft etwas. Ich verstehe nur Bahnhof, Angelika zuckt mit den Schultern. Also Spanisch war das nicht. Vielleicht Katalanisch, das im Osten Aragóns längs der Grenze zu Katalonien gesprochen wird. Oder ein aragónischer
Dialekt des Kastilischen? Wir können das Geheimnis nicht lüften. Unser freundliches »Ola! Buenas tardes« wird jedenfalls mit einem zahnlosen Lächeln beantwortet, und die Tür fliegt wieder zu.
Einige Zeit später sind wir in der Sierra del Rayo unterwegs, und bei Cantavieja lechzen wir erneut nach Abkühlung. Wir
entern eine Bar, in der hier auf dem Land natürlich nur männliche Gäste am Tresen residieren. Als wir eintreten, herrscht erst mal Stille. Wir werden taxiert, gemustert, bestehen anscheinend die Gesichtskontrolle, denn die Gespräche werden wieder aufgenommen. Einige Blicke wandern nach draußen zum Motorrad, beifälliges Nicken. Wir bestellen Wasser und Cerveza und bekommen auch ein Schälchen Tapas, leckere Häppchen, mal Schinken, mal Tortillas oder Oliven, Gratisbeilage zu Bier und Wein. Die Olivenkerne fliegen auf den Boden, wo schon Zahnstocher, Papier, Nussschalen, Zigarettenkippen liegen. Je dichter der Boden bedeckt ist, umso empfehlenswerter die Bar und die Stimmung.
Noch im Dunkeln brodelt am nächsten Morgen das Kaffeewasser auf dem Gaskocher, während wir Zelt und Schlafsäcke einrollen. Im Morgennebel düsen wir entlang des Rio Ebro nach Westen. Wir sehen kaum die Hand vor Augen, doch ein alter klappriger Laster überholt uns unbeirrt scheppernd und hupend. Schemenhaft gleitet die schöne Kulisse von Escatrón vorbei, und in wilden Kurven stürzt sich die Straße quasi über die Kante des Hochlandes in den Ebro-Canyon. Auf den Bergen und Hügeln ringsherum stehen Türme, teils ganze Festungen. Etwas tiefer funkeln zwischen Grasbüscheln und kleinen Ästen Tausende von Spinnennetzen im morgendlichen Tau. An einer Olivenplantage mache
ich zu Fuß einen kleinen Ausflug zwischen die Bäume, um eines der glitzernden Gebilde zu fotografieren. Plötzlich ertönt hinter
mir eine Sirene, markerschütternd, und mir fliegt vor Schreck fast der Fotoapparat aus der Hand. Ich wirbele herum – ein Polizeiwagen, der uns unbemerkt gefolgt war, hält wenige Meter hinter mir. Skeptisch schauen mich die beiden Guardia Civil-Männer
an. Ich winke mit der Kamera, und die beiden können sich ein Grinsen nicht verkneifen, grüßen lässig und stieben davon.
Bei Cinco Olivas folgen wir der Beschilderung zur Ebro-Fähre, die dicke Staub- und Schmutzschicht auf der Rampe verkündet allerdings, dass das Boot nur im Sommer unterwegs ist. Also geht es bei Escatron wieder über die Brücke und zwischen verdorrten Hecken und Büschen, ebenso trockenen Stoppelfeldern und
meterhohen Disteln in Richtung Belchite. Auf dem schnurgeraden Highway 1307 fühlen wir uns wie im Hollywood-Kultstreifen »Easy Rider«. Älter und unvergleichlich dramatischer ist das Geschehen, das sich in Belchite offenbart. Belchite steht für Zerstörung, für sinnlose kriegerische Gewalt. Als wir durch den Ort oder besser gesagt durch seine Ruinen rollen, wirkt es, als sei dort gestern noch gebombt
und geschossen worden. Bröckelnde Fassaden, leere Fensterhöhlen mit zersplitterten Rahmen, Mauern, die mit dicken Balken gestützt werden müssen. Mehrfach zog in der Vergangenheit der spanische Bürgerkrieg durch die kleine Stadt. Im Juli 1936 putschte General Franco gegen die damals demokratisch gewählte
Regierung Spaniens. Belchite wurde nationalistisch, der republikanische Teil der Anwohner verhaftet, erschossen, vertrieben. Einen Monat später schlugen republikanische Soldaten zurück. Wilde Gemetzel, Kämpfe um jedes Haus, nach zwölf Tagen Gewalt war Belchite erobert. Nun rächten sich die Besatzer an den Nationalisten. Den wenigen verbliebenen Bewohnern stand das Schlimmste indes noch bevor. Am
9. März 1938 schlug Franco in Aragón
zurück. Unterstützt von 400 Bombern der deutschen Legion Condor legten seine Truppen alles in Schutt und Asche. Das historische Belchite wurde nie wieder
aufgebaut. Franco selber befahl, dass die Ruinen als Mahnmal an die Gräueltaten
der Republikaner unangetastet bleiben
sollen. Bei der Unesco läuft derzeit
ein Antrag, die Ruinen als Kulturgut der Menschheit anzuerkennen. Als Mahnmal für den Frieden.
Mit Gänsehaut verlassen wir den apokalyptischen Ort und fliegen auf unserer GS weiter nach Westen, Richtung Fuendetodos. Wir genießen die warme Luft während der Fahrt, stellen uns vor, wie es zu Hause regnet oder schneit. Riesige Felder, abgeerntet und braun, steinige Äcker und flache Hügel liegen unter einem blauen, mit weißen Federwölkchen veredelten Himmel. Ab und an gilt es einem dicken Schlagloch auszuweichen. Da es auf der A 220 so gut wie keinen Gegenverkehr gibt, wird mancher Slalombogen lustvoll weiter ausgedehnt, als es eigentlich sein müsste. Bereits von weitem zeichnen sich die Kirchtürme von Fuendetodos am Horizont ab. Dort wurde am 30. März 1746 der spanische Maler und Künstler Francisco José de Goya geboren. Der spätere Akademiepro-
fessor schuf erst Teppichentwürfe, später Fresken, Altare und Porträts. Bekannt und gefürchtet waren Goyas schonungslose, gesellschaftskritische Radierungen, in denen er häufig die menschlichen Bosheiten und die Schrecken des Krieges darstellte. Wir besuchen sein Geburtshaus im Ort und lassen uns
ein wenig inspirieren von Goyas Gedanken und Intentionen. Schwerer Stoff. Anschließend brauchen wir einen Café con
leche, den richtigen, den »torrefacto« mit kurz und heiß aufgeschäumter Milch und in Zucker gerösteten Bohnen. Kinder
toben vor dem Café über den Platz, schwarz gekleidete, alte Frauen sitzen im Schatten, zehn Meter weiter die Männer. Über allem zwei Greifvögel majestätisch im Aufwind kreisend, eingerahmt von den maroden Dachrinnen und -ziegeln der betagten Häuser vor strahlendem Blau. Das ist Spanien!
Am nächsten Morgen der krasse Gegensatz, hektischer Verkehr, Gehupe, Stau. Wir versuchen wenig erfolgreich, uns durch den morgendlichen Verkehr nach Zaragoza zu quetschen. In die fünftgrößte Stadt Spaniens, rund 650000 Einwohner stark. Ohne Pendler. Mit ihrer iberischen, römischen, mohammedanischen und christlichen Geschichte, einem vielfältigen Kulturangebot, ausgedehnten Parks und modernen Einkaufszentren ist es die Metropole eines riesigen Umlands. Und für uns definitiv zu viel. Den Ebro als Orientierung nutzend fädeln wir uns aus dem hektischen Gewusel wieder raus und düsen nordwestlich in Richtung Tauste. Nach dreißig hurtigen Kilometern verlassen wir den Fluss gen Norden. Verschwinden auf schmalen, gewundenen Straßen zwischen den Tafelbergen einer riesigen, steppenartigen Ebene in Richtung des Rio Gállego, der die natürliche Grenze zwischen den Provinzen Zaragoza und Huesca bildet. Still liegt die große Wasserfläche des Embalse de Ardisa, in dem das aus den Pyrenäen herabrauschende Wasser gestaut wird, in der
Sonne. Eigentlich wollten wir uns hier in einer »habitaciones«,
den fast überall angebotenen Privatzimmern einmieten, aber
die vielen idyllischen Plätze am Fluss verlocken sehr zum Zelten. Schließlich haben wir auch noch frisches Baguette und eine
Flasche einheimischen Rotwein im Gepäck. Die Winzer in Maluenda am Rio Jiloca berufen sich immerhin auf eine fast 2000-jährige Tradition. Frische, lebendige Weißweine, aromatische
Rote und fruchtige Rosés bringt der kalkhaltige und steinige Boden der Region Catalayud im Süden Aragóns hervor.
Am nächsten Tag lassen wir die ausgedehnten Olivenhaine, Orangenplantagen und Weizenfelder Aragóns hinter uns, es
wird bergiger und deutlich kühler. Die Pyrenäen rücken näher.
Auf der breiten, gut ausgebauten A 132 fliegen wir den Bergen entgegen. Die Abzweigung nach Riglos verpasse ich erst mal
vor lauter Begeisterung, obwohl das Schild eigentlich groß genug
ist, das auf die Los Mallos aufmerksam macht. Diese riesigen,
bis zu 400 Meter hohen Felsblöcke aus rotem und ockerfarb-
enem Konglomeratgestein. Kletterer nennen die Felsart schon mal einen senkrechten Kartoffelacker, was sie aber nicht daran hindert, in den Mallos munter gen Himmel zu kraxeln. Für unsere vorerst letzte Übernachtung in Aragón lassen wir uns auf dem Campingplatz in Riglos nieder. Zum Abschied schmeißt sich die Sonne noch mal richtig ins Zeug, lässt die Felsen gegen Abend rot glühen. Ihnen gegenüber versinken zwei, drei kleine Höfe
allmählich im Schatten. Nur die erleuchteten Fenster verraten
sie noch zwischen den Hügeln.

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