Ardennen (Archivversion) Die Chance nutzen

Sonne satt. Und das im Herbst und an einem Wochenende. So viel Glück ist äußerst selten. Wer jetzt nicht noch einmal raus auf die Strecke geht, ist selber schuld. Uns hat es spontan in die Ardennen gezogen.

Unsere bekannte Welt endet in Monschau. Noch nie haben Birgit und ich den Sprung über die Grenze nach Belgien gewagt – stattdessen kurvten wir auf unseren Wochenendtouren zumeist durch die Eifel. Das war ursprünglich auch diesmal unser Plan. Doch als die ersten Sonnenstrahlen das herbstlich verfärbte Laub noch einen Tick kräftiger strahlen lassen und der Wetterbericht ein perfektes Wochenende verheißt, beschließen wir beim Frühstück, statt in die Eifel endlich einmal in die Ardennen zu rauschen. Eine halbe Stunde später peilen wir bereits Monschau an, das kurz vor der Grenze zum kleinen Nachbarland liegt. Was für ein Start in den Tag! Monschau gilt als eine der schönsten Städte Deutschlands. Uralte, weiße Häuser mit schwarzem Fachwerk schmiegen sich an die Ufer der Rur, die sich fast schon im Zickzackkurs hin und her schlängelt, und verwinkelte Gassen führen durch die toll restaurierte Altstadt bis zum gepflasterten Marktplatz. Dort stehen vor einem Eiscafé noch ein paar Stühle und Tische, die bei gut 20 Grad, auf die das Thermometer inzwischen geklettert ist, natürlich alle besetzt sind. Eigentlich wollten wir gleich weiterfahren, doch für einen Kaffee im Stehen opfern wir bei diesem Ambiente gerne ein paar Minuten. Gleich hinter Monschau passieren wir die Grenze nach Belgien und peilen das Hohe Venn an, eine Hochebene, die zugleich die höchste Erhebung des Landes ist. Schnurgerade gewinnt die Straße an Höhe, es wird spürbar kühler. Und windiger. Vielleicht liegt darin einer der Gründe versteckt, warum wir hier noch nicht entlanggefahren sind: Das Hohe Venn zählt zu den kältesten und regenreichsten Regionen Mitteleuropas. Schöne Straßen, keine Frage. Aber ständig Regenkombialarm. Weil die Wolken, die der Westwind vom Meer hertreibt, an diesem Höhenzug auf das erste ernsthafte Hindernis treffen, aufsteigen und sich ihrer feuchten Last erleichtern. Heute scheinen wir dagegen Glück zu haben. Kein Regen in Sicht, als wir auf dem Dach Belgiens, dem 700 Meter hohen Signal de Botrange, die Motorräder abstellen und ein paar Schritte durch die subarktisch anmutende Moorlandschaft spazieren. Nur ab und an wenige graue Wolken, die kaum eine Handbreit über den Boden ziehen. Gelbes Pfeifengras biegt sich im Westwind, und irgendwie erinnert uns das alles ein wenig an die skandinavische Tundra. Tatsächlich wachsen auf dieser Hochebene Pflanzen, die sonst nur in Lappland oder den schottischen Highlands vorkommen.Es heißt, dass die Belgier, denen diese Region nach Ende des Ersten Weltkrieges zugesprochen wurde, maßlos enttäuscht gewesen sein sollen, dass der »Gipfel« des Hohen Venn nur 694 Meter hoch war. Flugs wurde eine Aufstockung beschlossen, ein sechs Meter hoher Erdhügel aufgeschüttet, und schon war Belgien stolzes Mitglied im exklusiven Club der 700er-Länder. Eine nette Anekdote.Eine Weile später rollen wir hinunter nach Malmédy. Eine Friterie lockt mit unwiderstehlichen Düften. Belgische Fritten gelten als die besten überhaupt und die zugehörigen Saucen, wie »Barbecue hot and spicy«, als bisweilen äußerst kühne Kompositionen. Stimmt. Aber es schmeckt. Dann heißt es Kurs West. In Trois-Ponts biegen wir auf eine der unzähligen kleinen Nebenstraßen ab, die sich durch die Täler der Ardennen schlängeln. Übrigens: Praktisch sämtliche dieser kleinen und äußerst kurvigen Straßen und Sträßchen sind auf der Karte mit einer grünen Markierung geadelt, gelten also als besonders reizvoll. Sie alle abzufahren würde sicher Tage dauern. Wir wundern uns immer mehr, warum wir dieses Revier, das quasi vor unserer Haustüre liegt, bisher noch nicht durchstreift haben. Als wir dem Lauf der Ourthe folgen, kommt nur ein Auto entgegen, ansonsten haben wir die herbstlich rot leuchtende Welt für uns alleine. Die löchrige, tausend Mal geflickte Straße geht schon fast als Enduro-Terrain durch. Birgit hat mit ihrer Suzuki DR 650 einen Mordsspaß, während die unterdämpfte Kawasai W 650 unter meinem Hintern ziemlich oft um Haltung ringt. Wir gelangen nach Durbuy, einem wunderschönen Nest, in dem sich seit dem Mittelalter kaum etwas verändert zu haben scheint. Enge, mit Kopfstein gepflasterte Gassen und betagte Häuser, die aus grobem, grauem Bruchstein gemauert sind. Hier und da baumelt eine Laterne, die durchaus aus der Zeit vor Thomas Alva Edison stammen könnte. Und über allem thront – logo – eine Burgruine. Eine Kulisse wie aus einem Film. Schließlich gelangen wir ins Tal der Meuse, fahren nach Namur. Die Hänge beidseits des Flusses sind gut bestückt mit Villen und Schlössern. Kaum zu glauben, dass sich der Burgenreichtum des Rheintals übertreffen lässt, aber angesichts der unzähligen alten Gemäuer in dieser Gegend muss der Rhein schon fast als burgenarme Zone eingestuft werden. Zäher Nebel hat sich tags darauf im Tal breit gemacht. Typisch Herbst. Wir suchen unser Glück weiter oben, schwingen über zahlreiche Kurven in Richtung Ermeton-s-Biert. Und tatsächlich, als wir die Hochfläche erreichen, verschwinden gerade die letzten Nebelschwaden. Mit der Sonne wird es sofort angenehm warm.Gegen die abwechslungsreiche Landschaft der Ardennen jedoch hat die Hochfläche westlich des Meusetals nicht viel zu bieten. Also kurven wir wieder runter ins Tal. Eine Patisserie in Dinant lockt mit leckeren Eclairs, Café au lait und aussichtsreicher Lage am Flussufer. Auf einem senkrechten Felsen hoch über den spitzgiebeligen Häusern breitet sich eine gewaltige Zitadelle aus. Schon die Römer errichteten dort oben ein Kastell. Die strategisch günstige Lage – 17 Mal wurde die Festung belagert – verhalf Dinant zu dem zweifelhaften Status, die am häufigsten zerstörte Stadt Europas zu sein. Wir dringen wieder in die Ardennen ein. Kurve um Kurve. Das Thermometer klettert noch einmal auf gut 20 Grad, und die Sonne blitzt durch das verfärbte Laub. Da kann kein Sommertag mithalten. Fahren im Herbst ist einfach ein Ereignis! Zumal man nahezu allein auf den Straßen unterwegs ist. Erstaunlicherweise haben wir bisher allenfalls eine Hand voll Motorradfahrer getroffen.In einem Restaurant in Celles scheint man unsere Meinung, dass so ein Tag draußen zelebriert werden muss, zu teilen. Die Stühle kann man auch noch morgen in den Keller tragen und für den Winter einmotten, mag sich der Wirt gedacht haben. Gut so. Die Brotzeit mit deftigem Ardenner Schinken schmeckt im Freien einfach besser. Nicht zuletzt, weil sich das mittelalterliche Celles mit der Auszeichnung »schönstes Dorf der Wallonie« schmücken darf. Es fällt schwer, wieder in den Sattel zu steigen. Aber es dauert nur kurze Zeit, um dem Fahrrausch zu verfallen. Die Strecke bis La Roche ist ein Gedicht aus Kurven, und in der kleinen Stadt angelangt, sind wir fast ein wenig traurig, dass dieser Spaß schon wieder zu Ende ist. Die Tragik der Herbsttage – sie sind einfach zu kurz. Gegen 18 Uhr ist’s in den Tälern bereits stockdunkel. Wir quartieren uns in einem netten Hotel ein, gehen gut essen, was in dieser Stadt – wie in den gesamten Ardennen – wahrlich kein Problem ist. Das Wetter am nächsten Morgen riecht definitiv nach Herbst; es ist kühl und feucht, die Sonne scheint sich eine Pause zu gönnen. Wir geben trotzdem Gas. Und der Weg von La Roche nach Houffalize ist sozusagen die Fortsetzung von gestern. Zuerst geht’s an den Windungen der Ourthe entlang, wir schwingen nur noch von Schräglage zu Schräglage. Schließlich legt sich das Teerband mit einem Berg an und führt auf eine Hochfläche, auf der ein heftiger Wind gerade dabei ist, die Blätter von den Bäumen zu blasen und das Laub auf der Straße zu verteilen. Also runter mit dem Tempo. Könnte rutschig sein. Und außerdem beginnt es ein paar Kilometer weiter, ein wenig zu tröpfeln. Zum Glück bleibt richtiger Regen aus.Ein kuzer Tankstopp in St. Vith, dann peilen wir erneut Monschau an, das beinahe nebenan liegt. Auf dem Weg dorthin – in der Zwischenzeit nieselt es wieder, und wir haben die leidigen Regenkombis übergestülpt – passieren wir die Gleise der Vennbahn, und kurz darauf schnauft eine mächtige Dampflok heran. Nummer »503666«, die lediglich an Wochenenden zum Einsatz kommt, wurde aus der Ex-DDR importiert, und es ist ein überaus imposantes Erlebnis, wenn die 60 Jahre alte, ölgefeuerte Güterzuglok mit ihren Wagen die lange Steigung zum Hohen Venn hinaufdampft. Am Bahnsteig von Eupen macht nicht nur die Dampflok eine prima Figur. Auch die Kawasaki zieht die Blicke auf sich. Einige Passanten ordnen die W 650 genau wie das Feuerross in die Kategorie Oldtimer ein. Ich lasse sie in ihrem Glauben, verzichte auf den E-Starter, kicke stilecht die Zweizylinder-Kawa an und dampfe davon. Wir biegen noch mal ab nach Monschau, in dessen Gassen abends geheimnisvolle Lichter flackern. Zur Feier von Halloween glotzen uns ausgehöhlte Kürbisse aus leuchtenden Augen an, und als Gespenster und schaurige Gestalten verkleidete Kinder huschen durch die Nacht. Eine fremde Welt. Dabei waren wir uns vor ein paar Tagen noch sicher, dass hier in Monschau die uns bekannte Welt beginnt.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote