Auf dem Landweg bis nach China (Archivversion) Die Spur der Karawanen

Mut, Vertrauen und Tatendrang braucht, wer alleine mit dem Motorrad über die Seidenstraße reist. Angela Brandl hat gewagt, die legendäre Karawanenroute nachzufahren, über die seit Urzeiten der Handel zwischen Europa und China abgewickelt wurde. Ob sie die Strecke und die Einreise nach China schaffen würde, stand lange in den Sternen.

Eines Tages, so hatte ich mir geschworen, würde ich sie bereisen, die Seidenstraße, diese legendäre Verbindung des Mittelmeers mit Ostasien. Würde meine Honda auf den alten Karawanenrouten rollen lassen, die historisch bedeutsamen Wege fahren, auf denen einst Kaufleute, Gelehrte und Armeen gewandert sind. Im Mittelalter wurden hier nicht nur Seide, Glas und Gewürze transportiert, sondern auch Ideen, Religionen und ganze Kulturen ausgetauscht. Heute lockt die Seidenstraße Abenteurer und Romantiker an wie mich, wobei immer noch viele Regionen touristisches Niemandsland sind. Nach Jahren wird mein Traum Wirklichkeit. Ohne besondere Vorkommnisse trägt mich die Dominator in den Nordosten der Türkei, wo ich mich dann auf den über 3000 Meter hohen, schneebedeckten Pässen verirre und erst nach Stunden von einem freundlichen Lkw-Fahrer auf den richtigen Kurs gebracht werde.

An der Grenze warte ich zwischen Georgiern und Aserbaidschanern, die in großer Zahl Mercedes-Karossen einführen wollen und natürlich legale Papiere besitzen... Ich atme auf, als ich den Schlagbaum hinter mir habe. Die Erleichterung währt nicht lange, denn die Straßen in Georgien gehören zum Schlimmsten, was ich je erlebt habe. Trotz der langen sowjetischen Besatzung scheinen die Menschen ihren Glauben nicht verloren zu haben, davon zeugen die schlichten orthodoxen Steinkirchen an der alten Heerstraße durch den Kaukasus mit seinen schnee-getünchten Bergen. In Tiflis übernachte ich bei einer ehemaligen Deutschlehrerin. Sie vermietet Zimmer, weil ihre Rente nicht reicht. Den Garten als Stellplatz für mein Motorrad hält sie für unsicher, selbst einen Parkplatz bewerten die dortigen Wachmänner als kritisch. Sie schwärmen aus, finden einen engen, verwinkelten Keller. Mit Drücken, Quetschen und ein bisschen Spucke verstauen sie das Bike.

Aserbaidschan ist anders. Der Islam bestimmt das Leben der Menschen, seine strengen Regeln geben Orientierung und Halt. Muezzins rufen regelmäßig zum Gebet, gleichwohl sind die Menschen trotz aller Gläubigkeit neugierig auf alles Westliche. Bei einer Straßenkontrolle wollen Polizisten einen Blick in meine Brieftasche werfen. Zwar bin ich nicht begeistert, dennoch zeige ich mein Geld, und staunend begutachten sie jede einzelne Münze, reichen jeden Schein herum und – stecken alles zurück in meine Tasche. Faszination Euro. Wie ihre Landesnachbarn kümmern sich auch die Aserbaidschaner liebevoll um die Honda, wir dürfen beide im selben Hotel schlafen. Im ersten Stock, wohlgemerkt.

An der turkmenischen Grenze warte ich drei Stunden, um dann um happige 130 US-Dollar ärmer und fünf Quittungen reicher gemacht zu werden. Weil auch den Beamten die Zeit lang wird, blättern sie meinen Reiseführer durch. Der Vergleich ihres Präsidenten mit Hitler behagt ihnen gar nicht: Das Buch soll konfisziert werden – no way! Sie diskutieren heftig, wollen meinen Pass, den ich aber nicht herausrücke. Stattdessen reiße ich einfach das komplette Kapitel Turkmenistan aus dem Buch, die Zöllner staunen nicht schlecht. Doch erst das Okay einer telefonisch bestellten Übersetzerin aus der Stadt zum verbliebenen Inhalt entspannt die Situation. Nach insgesamt elf Stunden heißt es endlich lapidar: „No problem, you can go now.“

Der Geldwechsel bereitet Freude, bedeuten doch 50 Euro mit eingetauschten 1250000 turkmenischen Manat Millionärstatus und ein fünf Zentimeter dickes Geldbündel. Nur wenige Kilometer später breite ich meinen Schlafsack an einer „Raststätte“ mitten in der Wüste aus. Die warmherzige Freundlichkeit der Frauen und das wohlschmeckende Abendessen, das sie servieren, machen die Strapazen des Tages mehr als wieder wett.

Weil Zentralasien touristisch so gut wie nicht erschlossen ist, werden Reisende bestaunt, aber auch voll Freude willkommen geheißen. Ergreifende Begegnungen mit den einfachen Menschen, die dankbar sind für jede Zuwendung, gehören zu den schönsten Erlebnissen der Reise.

Bevor es weitergeht über die Städte Bukhara und Samarkand, darf ich an der usbekischen Grenze in einem Truckstop übernachten. Der Chef tauscht sein Bett gegen eine Nacht im Freien, um das Motorrad zu bewachen. Und ist damit keine Ausnahme: Lkw-Fahrer empfinden eine besondere Zuneigung für die vergleichsweise verletzlichen Kradfahrer. Hilfe? Einfach einen türkischen Brummilenker fragen.

Wunderschöne Moscheen, Minarette und farbenprächtige Basare säumen die Route. Man fühlt sich ins Mittelalter versetzt, so gut sind die historischen Bauten restauriert. Bahodirs Guesthouse ist der Haupttreffpunkt sämtlicher Individualtouristen Zentralasiens. Fast jeder hält hier inne, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Wie gut das tut nach all dem Alleinsein.

Die Straße von der Grenze Usbekistans nach Duschanbe in Tadschikistan ist in einem katastrophalem Zustand. Am Anzob-Pass schlucke ich so viel Staub, dass ich fast aufs Abendessen verzichten kann. Und die Honda? Benzin wird in Fünf-Liter-Einmachgläsern verkauft, Oktanzahl stark schwankend. Durch Tadschikistan führt der berühmt-berüchtigte Pamir-Highway, den die russische Besatzung zur Förderung des Warenaustauschs bauen ließ. Die Pässe liegen zwischen 2500 und 4600 Meter hoch, und obgleich der Highway selbst recht gut ausgebaut ist, sind die Zugänge äußerst schwierig zu befahren. Von Kalaikhum nach Khorog verläuft die Straße direkt am Panj River, dem Grenzfluss zwischen Afghanistan und Tadschikistan. Eingezwängt zwischen Vier- und Fünftausendern windet sie sich über 250 Kilometer malerisch durch das Panj-Tal.

Große Armut herrscht in Tadschikistan, und die Menschen bekommen fast nie Besucher zu Gesicht. Sie freuen sich wie Kinder, wenn ich anhalte, einige Worte mit ihnen wechsle und mich für die Einladung zum Tee mit ein paar Zwiebeln oder Tomaten bedanke. Die Tiere der Wanderhirten sind ihre Überlebensversicherung. Trockener Yak-Dung wird verfeuert, Wolle und Tierhäute werden für Kleidung und zum Isolieren der Zelte gebraucht. Oft ist das Fleisch und die Milch der Tiere das Einzige, was vor dem Verhungern bewahrt. Im Winter, wenn die Kälte mit gnadenlosen minus 50 Grad klirrt, halten sich Wölfe schadlos am Vieh. Selbst die mutigsten Hütehunde können sie nicht verscheuchen.

Kurz vor der Grenze Kirgisistans fehlt ein ganzes Stück Straße: Ein Fluss hat die Teerdecke weggerissen. Also die Honda abpacken und Motorrad sowie Gepäck einzeln mühsam durch die Strömung schleppen. Zum Glück hilft ein hinzugekommener Motorrad-reisender tatkräftig mit. Nach der Aktion bin ich so erledigt, dass ich gleich neben der Straße mein Lager aufschlage, Hose und Stiefel zum Trocknen auslege und erschöpft in den Schlafsack krieche.

Bereits Ende August färbt der nahende Herbst die Blätter bunt, und die Nächte werden empfindlich kalt. Ab einer Höhe von 3500 Metern liegt Schnee. Am idyllischen Song-Kul-See zelte ich neben den Jurten der Nomaden, die ihre Herden im Sommer auf die hochgelegenen Weiden begleiten. Ehe der Frost Mensch und Tier zu sehr bedrängt, werden die Zelte abgebrochen. Traditionelle Feste umrahmen dieses Ereignis mit Festessen, Musik und Falkenjagd. Den Höhepunkt bildet das Buzkashi: In wildem Gerangel kämpfen zwei Mannschaften darum, den Rumpf eines frisch geschlachteten Schafs vom Pferderücken aus hochzuheben und an den dafür vorgesehenen Platz zu bringen.

Nur noch 700 Kilometer sind es bis zur chinesischen Grenze, die Versuchung ist zu groß, und ich will mein Glück versuchen. Am chinesischen Checkpoint schwirren Zöllner um die Honda, inspizieren mein Gepäck und versuchen, meinem Pass zu entnehmen, woher ich komme. Als ich in meinem Wörterbuch auf das Schriftzeichen für Deutschland zeige, ernte ich fassungslose Gesichter: Eine Frau, ganz allein, per Motorrad? Sie wissen nicht, was sie mit mir anfangen sollen, bestaunen meine Aufkleber aus Asien, Australien und Afrika. Einer der Zöllner spricht Englisch und erklärt, dass ich nicht einreisen dürfe. Ich bräuchte ein Begleitfahrzeug aus Peking, einen chinesischen Führerschein und eine Reiseagentur, die für mich bürge. Also umkehren? Er zögert, blickt noch mal auf die Aufkleber aus aller Welt... Schließlich übernehmen sie die Bürgschaft für mich. Denn in den Beamten ist der Nationalstolz erwacht. Sie wünschen sich nun selbst, dass ich meine Reise nach Peking fortsetzen kann. Nach einem gemeinsamen Mittagessen beschließt man, mir ein spezielles Zollpapier auszustellen. Mit dieser Sondergenehmigung und vielen guten Ratschlägen werde ich entlassen.

Nun ist es soweit: Das riesige Land mit den vor Menschen wimmelnden Millionenstädten und den häufig ungepflegten Straßen liegt wie ein drohendes Ungeheuer vor mir. Peking, ich komme.

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