Ausfahrt mit den Kindern von Tschernobyl (Archivversion)

Mit den Kindern von Tschernobyl

Auf Motorradtour mit Kindern aus dem strahlenverseuchten Gebiet rund um Tschernobyl. Sie sind in Dresden zur Kur und beeindrucken mit purer Lebensfreude.

Volkersdorf bei Dresden, Anfang Mai 2004, schon früh morgens strahlt die Sonne.
So wie die Gesichter von 53 Kindern im Alter von sieben bis 15 Jahren. Sie kommen aus Gomel in Weißrussland, das liegt kurz vor der Grenze zur Ukraine, nahe Tschernobyl. Fast alle sitzen zum ersten Mal auf einem Motorrad. »Strahlen« – das Wort lässt stocken angesichts von Strahlung und Verstrahlung zu Hause. Ihre Augen leuchten unter den mitunter arg milchigen Visieren. Passt, wackelt und hat Luft. Davon meist ein wenig viel. Helme und Jacken anzuprobieren fügt mental zusammen. Die Kinder sprechen kein Deutsch, die 80 Motorradfahrer meist nur rudimentäres Russisch.
Ort der Kontaktaufnahme ist das Kinderkurheim Volkersdorf. Dorthin sind seit 1991 rund 9000 Kinder zu einer vierwöchigen Kur gekommen. Ausschließlich Spender und Sponsoren finanzieren dieses einmalige Projekt (Kontakt: www. volkersdorf.org und Telefon 035207/81284 oder 0351/477520). Dagegen geben das Land Sachsen und die Diakonie dem Heim kein Geld mehr, erzählt dessen Leiter Bernd Born. In die Bresche sprang die Motorrad-Initiative »Sachsenbike«, die sonst Treffs und Touren veranstaltet. Seit 2002 sammeln die Sachsenbiker Geld- wie Sachspenden für Volkersdorf und gehen einmal im Jahr mit den Kindern auf Tour. Das nächste Mal am 21. Mai 2005, weitere Informationen dazu unter www.sachsenbike.de.
Über Landstraßen setzt sich der Tross in Bewegung, Richtung Sächsische Schweiz. Fest klammern sich die kleinen Gäste an ihre Piloten. Beim ersten Pinkelstopp rennen die Kinder zu den Freunden, erzählen aufgeregt vom Fahrerlebnis. Jungs sind in
der Minderheit, sie würden gern schneller fahren. Und bewundern eine riesige Gold Wing zwischen den vorherrschenden Reiseenduros und Allroundern. Anette hat auf ihrer Kawasaki ER-5 die zwölfjährige Wika dabei. Sie habe ihr erst zeigen müssen, sich in Kurven in die richtige Richtung zu neigen. »Das ist auch für mich eine neue Erfahrung«, sagt Anette, »mit einem Kind hintendrauf und so vielen Motorrädern im Konvoi.«
Lang ist dieser, abgeschirmt von drei Motorrad-Polizisten. Sie sperren Kreuzungen und Einmündungen ab, führen die Gruppe mit Blaulicht geschlossen über rote Ampeln. Da dürfen sich die jungen Passagiere fühlen wie Staatsgäste. Was sie ja auch sind, in gewisser Weise. Dolmetscherin Katja ist sich sicher, dass dies für die Kinder »einer der Höhepunkte ihres Lebens« sein wird.
Ihre Heimat Weißrussland leidet bis heute unter der Radioaktivität aus Tschernobyl: Rund 30 bis 40 Prozent der Landesfläche gelten als besonders strahlenbelastet. Dazu sind viele Regionen arm, manche Gebiete ohne Elektrizität; die Diktatur des Präsidenten Lukaschenko knechtet die Menschen.
Dort ist das Unvorstellbare schlicht Alltag. Trotzdem sind das hier ganz normale Kinder, mit all ihren kleinen Sorgen und Nöten, hungrig auf Erlebnisse. Während der Fahrt tauschen sie immer wieder Zeichen und Blicke mit dem besten Freund oder der besten Freundin auf einem anderen Soziussitz aus. So wie die elfjährige Irina und ihre ein Jahr ältere Freundin Nadja. Ob Irina »ihr« Motorrad im parkenden Pulk erkennt? Eine leichte Übung, sie rennt sofort zur roten GPX 600. Aber klar!
Mittagspause in Bad Schandau, in Schlauchbooten geht es die Elbe runter. Die Kinder in den sechs Booten müssen paddeln, nur je ein Erwachsener ist als Steuermann an Bord. Der Respekt vorm Wasser ist trotz Schwimmwesten hoch, die Motivation mittelprächtig. Auf die Frage, was ihnen besser gefalle, antworten die Kids wie aus der Pistole geschossen: »Motorrad fahren.« Nur über Strahlenfolgen sprechen sie nicht gern. Ja, zu Hause seien viele Menschen krank, sagt Wika beiläufig, bevor sie wieder die ER-5 entert. Kürzlich habe ihr älterer Bruder geheiratet, das ist
viel wichtiger für sie.
Die Kids wirken erstaunlich gesund und fit, nicht krank oder kränklich. Für den Körper gibt es in Dresden gesunde Luft und vitaminreiche Kost, für den Geist Ausflüge und Kulturprogramm. Ob die jungen Weißrussen wohl Jod 131 und Cäsium 137 kennen, Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlung? Mit diesen unsichtbaren Gefahren haben sie in ihrem Heimatort zu tun, ohne es direkt zu merken. Die Zahl der Miss- und Totgeburten stieg dort seit April 1986 an. Manche Eltern
oder ältere, vor 1986 geborene Geschwister der Volkersdorfer Kids erkrankten an Strahlenschäden.
Jod 137 reichert sich in der Schilddrüse an und führt besonders bei Kindern infolge ihres Wachstums zu Krebs. Natürliches Jod
als Puffer wurde seinerzeit zu spät verabreicht. Cäsium 137 besitzt eine Halbwertszeit von rund 30 Jahren und kann Krebs der inneren Organe erzeugen. Vermutlich steht vielen Betroffenen der Krankheitsausbruch noch bevor. In Volkersdorf zählt heute indes etwas ganz anderes: die Freude am Fahren. Und am Leben.
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Tschernobyl: strahlenverseuchtes Gebiet (Archivversion) - Die fast vergessene Katastrophe

Am 26. April 1986 um 1.23 Uhr sorgen Schlamperei, falscher Ehrgeiz und Fehlkon-struktion des Reaktortyps für das bis heute schwerste Unglück der zivilen Atomenergie-Nutzung. Tschernobyl in der Ukraine wird zum Synonym für den GAU, den Größten Anzu-
nehmenden Unfall. Ein gewaltiger Druckanstieg, mitverursacht durch eine Knallgas-Explosion, hebt den 1000 Tonnen schweren Deckel des Reaktorblocks 4 ab wie den eines Kochtopfs, weil ein im Westen üblicher Sicherheits-Druckbehälter fehlt. So zerreißt der Druck das 86 Meter hohe Dach des Reaktorgebäudes und lässt radioaktives Material entweichen.
Durch den Luftzutritt beginnt der Grafit,
Moderator (Bremse) für die Kernspaltung,
zu brennen. Unzulänglich informiert und ausgerüstet, treten Helfer in Aktion, erst nach über einer Woche ist der Brand gelöscht. Der leck
geschlagene Reaktor wird unter Blei, Kalk und schließlich einem Betonsarkophag beerdigt. Die Soldaten und zivilen Helfer von der vordersten Front erleiden den schnellen, qualvollen Strahlentod – innerhalb von Tagen, höchstens Wochen. Viele Tausende sterben noch in den folgenden Jahren an Krebs.
Winde verfrachten die Radioaktivität über große Teile der Nordhalbkugel, auch nach Deutschland. Am schlimmsten trifft es die nähere Umgebung des Unglücksreaktors; in Weißrussland, Russland und der Ukraine werden zirka 150000 Quadratkilometer verstrahlt, eine Fläche größer als die frühere DDR, mit Millionen von Einwohnern. Zehntausende Menschen, die »zu nah« am Unglücksreaktor wohnen,
werden umgesiedelt. Erst am 12. Dezember 2000 legt die sowjetische Regierung den gesamten Reaktorkomplex Tschernobyl still. Zur Zukunft der am höchsten belasteten, bis heute eva-
kuierten Gebiete – siehe nächste Seite – sagt eine staatliche ukrainische Agentur: »Es besteht keine Hoffnung, dass die Sperrzone in absehbarer Zeit wieder besiedelt werden kann.« Mehr dazu unter www.chernobyl.info.

Tschernobyl: Ausfahrt mit Kindern aus dem strahlenverseuchten Gebiet (Archivversion) - Mit Kawa und Geigerzähler
durch die Todeszone

Keine Ampeln, keine Verkehrskontrollen,
keine Speedlimits. Straßen, die in weitem Umkreis ihr allein gehören, hat die damals
25-jährige Elena im März 2004 auf ihrer kofferbewehrten Kawasaki ZZ-R 1100 erlebt. Als ganz realen Alptraum. Denn die Ukrainerin tourte
mitten durch die Todeszone von Tschernobyl. Elena passierte Geisterstädte, entvölkerte und bis auf weiteres verstrahlte Gebiete. Sie kenne ihr Risiko, sagt sie. Ihr Vater ist Kernphysiker,
er hat ihr den Eintritt ins hermetisch abgeriegelte Sperrgebiet verschafft. Dort untersucht er
zusammen mit anderen Wissenschaftlern die Auswirkungen der Strahlung.
Auf dem Asphalt der Straße sei man relativ sicher, sagt Elena. Abseits jedoch hingen die radioaktiv belasteten Staubpartikel an Pflanzen, verseuchen bis heute den Boden. Deshalb fuhr sie immer allein: Niemand sollte vor ihr feinen, lungengängigen Straßenstaub aufwirbeln.
Ihren gewagten Trip hat Elena auf ihrer sehr empfehlenswerten Homepage (www.fcdnet.org/ chernobyl) zu einer erschütternden Fotoreportage verarbeitet. 28 auf englisch geschriebene, fortlaufende Seiten als Mahnmal wider das
Vergessen. Ihre Reportage rüttelt wach, zeigt nüchtern das unfassbare – und unterschätzte – Ausmaß der Katastrophe vor Ort.
Verlassene Häuser, Dörfer und Städte fand Elena, in aller Hast evakuiert. Kinderspielzeug, Familienfotos, Autoscooter auf der örtlichen
Kirmes, alles unberührt seit dem 26. April
1986; dem Tag, als der Reaktor hochging. Damals war sie gerade erst sieben Jahre alt. Alle Einwohner im Umkreis von drei Kilometern,
ungefähr 50000 Menschen, wurden innerhalb von 36 Stunden evakuiert. In den folgenden
Wochen und Monaten siedelten die sowjetischen Behörden weitere 67000 Menschen im Radius von 30 Kilometern um. Eines von Elenas Fotos zeigt zerfledderte Teddys in einer Vorschule direkt am Kraftwerk. Der letzte Eintrag im Klassenbuch einer Lehrerin: Der Spaziergang am Samstag, schrieb sie, fällt leider aus, wegen eines unvorhergesehenen Zwischenfalls.
Rote Fahnen der Sowjets liegen verlassen, erzählen von Panik statt Mai-Paraden. Gespenstisch sind die Friedhöfe für Lastwagen und
Hubschrauber, mit denen Soldaten einst den
Beton-Sarkophag über dem geschmolzenen
Reaktor ausgebreitet haben. Die Fahrzeuge und Fluggeräte sind hochgradig radioaktiv verseucht, viele der Feuerwehrleute und Piloten in der Zwischenzeit an Krebs und anderen Krankheiten gestorben. Vermutlich halfen damals bis zu 600000 »Freiwillige«, Studenten und Soldaten, beim verzweifelten Versuch, wenigstens notdürftig zu dekontaminieren. Die meisten von ihnen wussten nichts von der enormen Radioaktivität, der sie sich aussetzten.
Heute dominiert der trügerische Friede einer nur scheinbar gesunden Natur, die sich die
rapide verfallenen Städte zurückerobert. Straßen wie vor 20 Jahren, durch die sich ab und an einmal ein paar Grashalme den Weg durch Risse im Asphalt gebahnt haben. Allein Elenas Geigerzähler demaskierte die morbide Idylle. Er gab
ihr den Takt für die Tour vor. Und das Dosimeter, das ihre gesamte eingefangene Strahlungsbelastung speicherte.
Nüchtern erklärt Elena, wie man das Sperrgebiet durchquert, ohne sich eine tödliche Strahlendosis einzufangen. Ein kalkulierbares Risiko? Zumindest das auf zwei Rädern. Kein Verkehr, kein Mensch, kaum einmal ein Tier. Einzig auf dem Motorrad ging jede Gefahr,
der sich Elena ausgesetzt hat, ganz und gar
von ihr allein aus.

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