Australien (Archivversion) Miles and more

Wer den Westen Australiens kennen lernen will, muss Durchhaltevermögen beweisen: Die Entfernungen zwischen A und B sind nirgendwo größer als hier. Also kein Terrain für Sportenduros? Von wegen!

»This road is closed!« Margaret, die an der Kasse vom Lanclin Roadhouse arbeitet, hatte Jörg und mich gewarnt. Der Weg entlang am Meer sei durch einen Sandsturm unpassierbar geworden. Keine Chance. Ein erster Rückschlag? Asphalt statt Abenteuer? Keine halbe Stunde später wissen wir, was Margaret meinte. Jegliche Spuren sind vom Winde verweht. Eine schneeweiße Dünenlandschaft, so weit das Auge reicht. Und links von uns der aufgewühlte, dunkelblaue Indische Ozean.Wir wollen es trotzdem probieren, geben Gas. Umkehren können wir immer noch. Doch es klappt. Direkt an der Wasserlinie finden wir die beste Traktion, brauchen allerdings viel Tempo, um nicht im schweren Sand einzusinken. Kein leichtes Fahren. Und nach einer Weile zwingt uns ein mächtiger Felsvorsprung zur Kursänderung. Wir müssen einen Weg durch die Dünen suchen, wühlen uns durch den weichen Sand. Schwerstarbeit bei glühender Hitze. Aber wir hatten es ja so gewollt.Nach einer Ewigkeit erreichen wir eine Schotterpiste. Und nach einer Weile wieder den Highway Number 1. Ohne Begleitfahrzeug sind die großen Verbindungsstraßen leider oftmals die einzige Möglichkeit, um die schier unendlichen Distanzen zwischen den wenigen Orten im Bundesstaat Westaustralien, den am dünnsten besiedelten Teil des Kontinents, zu überbrücken. Endlose Weite. Die Monotonie entlang des breiten Asphaltbands ist ein Alptraum. Die Luft flirrt vor Hitze. Bei Tempo 80 trifft es dich unterm Helm wie aus einem Heißluftgebläse.In Carnarvon erfahren wir, dass auch hier die Piste entlang der Küste bis nach Coral Bay geschlossen ist. Wir biegen trotzdem in Richtung Ozean ab – bis der Weg nach einer Weile tatsächlich in einer weiten Bucht endet. Erst hinter einem Dünengürtel finden wir eine Spur, die zumindest in die richtige Richtung führt. Wie auf weichen Wellen gleiten wir auf dem hellen Sand dahin. Kein Mensch außer uns. Nur Emus und Kängurus.Am nächsten Tag laufen wir in dem verschlafenen Nest Coral Bay ein. Seine einzige Attraktion ist ein mächtiges Korallenriff, das sich fast bis an den Strand schiebt. Das Ningaloo-Riff – 260 Kilometer lang und angeblich noch toller als das Great-Barrier-Riff, jedoch wegen der entlegenen Position nicht so überlaufen wie das berühmte Gegenstück im Osten Australiens. Wir gönnen uns eine Pause und verschwinden mit Brille und Schnorchel in einer Welt, deren Farben und Formen überwältigend sind. Unzählige Fische, ja, sogar eine riesige Wasserschildkröte kommen zum Berühren nahe – ein Gefühl, als würden wir uns in einem riesigen Aquarium bewegen. Als jedoch ein neugieriger Riffhai die Schildkröte verscheucht, verziehen auch wir uns lieber an Land. Wieder auf dem Motorrad, tauchen wir erneut in diese endlose Einsamkeit ein. Eine backsteinrote Sandpiste führt von der Küste ins Landesinnere zum 1105 Meter hohen Mount Augustus, einer der ältesten Monolithen der Welt. 1750 Millionen Jahre soll dieser Stein auf seinem Buckel haben, der in dieser topfebenen Landschaft wie ein mächtiges Gebirge vor uns aufragt. Endlich sind wir im Outback, fern jeglicher Zivilisation. Ein faszinierendes und zugleich beängstigendes Gefühl.Wir halten uns weiter nordwärts, passieren den Gebirgszug Hamersley Range und machen einen Abstecher in den nahen Karijini-Nationalpark. Rotes, teilweise fast schon schwarzes Gestein, Schluchten und Wasserfälle sind die dramatischen Höhepunkte – rundum sonst nur wildes, unberührtes Land. Der heiße Wind streicht über das allgegenwärtige, wie Gold glänzende Spinifexgras. Üppiges Grün nur an den Wasserstellen, wo auch die knorrigen Eukalyptus-Bäume genügend Feuchtigkeit zum Überleben finden. Australien wie aus einem Bildband.Nach einigen Tagen Fahrt erreichen wir wieder den Indischen Ozean. Einen besseren Platz, um den ganzen Staub abzuwaschen, hätten wir nicht anpeilen können. Im Schatten hoher Palmen entdecken wir am Südende des »Eighty Mile Beach« einen dieser Orte, von denen man nie wieder fort möchte. Und bleiben wenigstens noch einen Tag – pfeilen direkt am Wasser diesen endlos scheinenden Strand in Richtung Nordost entlang. So weit das Auge reicht keine Menschenseele. Niemand, der diesen Spaß vermasseln könnte. Für Mitteleuropäer schier unvorstellbar.Nach fast viertausend Kilometern fühlen wir uns reif für einen Abstecher in die Zivilisation. In Derby gönnen wir uns zum ersten Mal ein gutes Hotel. Mit richtigem Bett und richtiger Dusche. Warum sich die Dame an der Rezeption schon beinahe auffällig auf Distanz zu uns hält, begreifen wir erst, als wir im Waschbecken unsere T-Shirts auswaschen. Auch die KTMs werden frisch gemacht – sie kriegen neue Hinterradreifen.Das Kimberley Plateau, ein Gebiet von der Größe Deutschlands, das noch immer nicht vollständig erforscht ist, liegt vor uns. In der Region herrscht tropisches Klima, und während der Regenzeit zwischen Dezember und April, dem australischen Sommer, sind die wenigen Straßen überschwemmt, die Pisten unpassierbar. Die Regenzeit ist zwar vorüber, aber die etwa 650 Kilometer lange Gibb River Road, die mitten durch dieses Gebiet führt, noch immer gesperrt. Und es gibt kein Benzin, wie ein Schild zu Beginn der »Gibb« wenig einladend verkündet. Wer trotzdem hier langfahre, müsse mit einer Strafe von 200 australischen Dollar rechnen. Egal – wir riskieren einen Abstecher, zu verlockend erscheint uns dieser Teil Australiens.Eine weite Savanne breitet sich aus, und wir fühlen uns nach Afrika versetzt. Nur vereinzelt wachsen die bauchigen Baobabs und Affenbrotbäume. Ein paar Elefanten und Giraffen, und das Bild wäre perfekt. Die Realität beendet allerdings schnell unsere Träumereien, denn in vielen Senken steht noch das Wasser der letzten Regenzeit. Die braune Strömung in den Flussläufen sieht ebenfalls nicht gerade nach idealem Motoradterrain aus. Brücken? Nicht in diesem Teil der Welt. Zum Glück ist das Wasser nie sehr tief. Dafür erweist sich der lehmige Grund als äußerst rutschig – wir haben die neuen Reifen genau im richtigen Moment montiert. So riskieren wir noch einen kleinen Umweg zum Bell Gorge, einer Schlucht im 30 Kilometer entfernten King-Leopold-Nationalpark. In diesem Jahr hat sich offensichtlich noch niemand die Mühe gemacht, dorthin zu gelangen. Der Weg ist praktisch nicht mehr vorhanden. Wir entdecken nicht eine Spur. Mühsam navigieren wir die beiden KTM durch teilweise mannshohes Gras und hüfttiefe Wasserläufe. Jeder zurückgelegte Kilometer wird zum Erfolgserlebnis. Und wir schaffen es tatsächlich zum Bell Gorge, betrachten überwältigt die gewaltigen Wassermassen, die sich mit Getöse in die Tiefe des Canyons stürzen.Am nächsten Tag erreichen wir das Imintji-Roadhouse mit kühlen Getränken und Sandwichs im Angebot. Und reichlich Informationen über den weiteren Straßenzustand. Der Pentecost River sei noch völlig unpassierbar. Und im Fluss würden sich außerdem unzählige Salties – die gefürchteten Salzwasserkrokodile – tummeln. Doch selbst wenn der Weg befahrbar wäre, müssten wir umkehren. Außer Diesel gibt es tatsächlich keinen Treibstoff. Wir wenden die Enduros und machen uns über die – logo, ebenfalls gesperrte – Strecke durch die Windjana-Schlucht auf den direkten Weg in Richtung Fitzroy Crossing. Dort treffen wir schließlich wieder auf den Highway No. 1.Einige hundert Kilometer später biegen wir auf den Spring Creek Track ab. Für australische Verhältnisse eine Achterbahn, die sich verwegen durch eine mit Termitenhügeln durchsetzte Landschaft schwingt. In unzähligen Senken geht’s durch Schlammlöcher oder Flüsse hindurch bis in den Bungle-Bungles-Nationalpark. Von einem Felsvorsprung blicken wir in enge Schluchten, auf bizarre Sandsteinkuppeln und mächtige, wie überdimensionale Bienenkörbe aussehende Kuppeln aus quergestreiftem Sandstein. Wir lassen die KTM stehen und streifen zu Fuß durch die Schluchten.Am Abend treffen wir Robert und Tory, die wie viele ihre Zeit am liebsten draußen im Outback verbringen. Fast die ganze Nacht sitzen wir zusammen vor den »Buch TiVi«, wie die Ausralier wenig romantisch ihr Lagerfeuer bezeichnen. Und je länger wir in die Flammen schauen, desto mehr verfallen wir einer Traumwelt. Spätestens in diesem Moment hat uns dieser faszinierende Kontinent am anderen Ende der Erde gänzlich in seinen Bann gezogen.

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