Autobahn A 71 (Archivversion) Wir machen den Weg frei

Autobahnen verändern Landschaften. Ein Endurist beobachtet im Thüringerwald die Veränderung seiner Hausstrecke durch den Bau der neuen A 71. Stefan Feldhoff war mit ihm unterwegs.

Grün. Grün. Grün. Tannengrün, waldgrün, moosgrün, lindgrün, resedagrün, jadegrün und vermutlich sogar british racing green. Eine Vielfalt an Grüntönen, die man im deutschen Wald kaum mehr vermutet. Zwischen schlank aufragenden Tannen windet sich eine Straße, die nicht mehr Asphalt und noch nicht Waldweg ist. Hans und ich brausen mit unseren Enduros darauf entlang, bis uns ein Ausflugslokal mit einem Aussichtsturm die Motoren abstellen läßt. Von hier kann man bis auf den Kickelhahn blicken.Hans bestellt schon Kaffee, Kuchen, Würstchen mit Kartoffelsalat, während ich die Landkarte studiere. Bald soll durch diesen Wald eine Autobahn führen, ob sie hier vorbei kommt? Dann werden die krummen Gartenstühle, auf denen wir sitzen, womöglich durch Plastikmobiliar ersetzt und die alten Linden durch Sonnenschirme. Und während uns nun die Wirtin auf schlichtem, schon leicht angeschlagenen Geschirr das Gewünschte serviert, ist dann vielleicht Selbstbedienung in einer Autobahnraststätte angesagt, vermutlich mit einem klangvollen Namen wie »Thüringer Wald« oder »Rennsteig«, auf jeden Fall mit einer Schnellstraßen-Einheitsspeisekarte. Aber das ist Spekulation. Sicher ist, daß sich die Autobahn im Rahmen des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit bereits im Bau befindet. Sie soll als A 71 von Erfurt durch den Thüringer Wald bis nach Schweinfurt führen und als A 73 in südöstlicher Richtung von Suhl nach Lichtenfels. Insgesamt 223 Kilometer Piste, mit 43 Brücken -17 davon länger als 500 Meter - und 14,5 Kilometer Tunnel. Allein in Thüringen werden 17 Anschlußstellen neue Verkehrsverbindungen knüpfen. In der Karte ist die Trasse dünn eingezeichnet, und Hans, der auf den befestigten und unfestigten Straßen Thüringens zu Hause ist, erklärt sich spontan bereit, mit mir die Route der künftigen Autobahn abzufahren. Aber nicht, ohne zuvor noch eine Runde in der Erfurter Szene zu drehen.Die Thüringer Hauptstadt, in der Martin Luther und sein Mönchsgelübde ablegte und Adam Riese sein Rechenbuch drucken ließ, hat in den letzten Jahren ein wahrlich augenfälligen Wandel durchgemacht. Die Stadt lockt heute nicht mehr nur mit ihren kunsthistorischen Besonderheiten, sondern auch mit einer äußerst attraktiven Kneipenszene. Bei unserem Gang durch die steineren Schluchten des Lateinischen Viertels, über die mit engen Häuschen bebaute Krämerbrücke und den herrlichen Domplatz erleichtern zahlreiche Cafés und Lokale die Wanderung erheblich. Das P 33, das Schildchen oder der Silbermund - Hans und ich finden kein Ende.Am nächsten Morgen soll es losgehen, die Enduros erwachen nach ein paar kräftigen Tritten auf den Kickstarter. Karten und Kompaß stecken im Tankrucksack, doch es bedarf keiner Pfadfinderausbildung, um den Startpunkt des neuen Highways ausfindig zu machen. Vor den Toren der Stadt liegt die liebliche Burgenlandschaft der »Drei Gleichen«. Verwoben mit der Landschaft ist die Sage des Grafen von Gleichen und seinen beiden Frauen, die seinerzeit Goethe, der ja etliche Jahre in Thüringen lebte, zu einem Theaterstück inspirierte. »Wird heute noch gerne gespielt«, sagt Hans, der es als Theaterinspizient wissen muß.Drei Burgen, seltene Pflanzen, ein See und leider auch die vielbefahrene A 4 prägen das Landschaftsbild. Es wird heftig gearbeitet, die A 4 sechsspurig ausgebaut und ein neues Autobahnkreuz angelegt. Denn hier wird sie beginnen, die neue A 71. Unmittelbar neben dem barocken Schlößchen Molsdorf. Hinter dem Schloßpark wird die Gerabrücke verbreitert und eine zweite Überführung für die Abbiegespur errichtet. Pfeiler aus Armierungsstahl wachsen in die Höhe, Betonmischer rumpeln über Behelfsbrücken herbei, Arbeiter dirigieren die Rüssel der Betonpumpen in die richtige Position, daneben Containerblöcke als Büro und Unterkünfte. Im Hintergrund erstrahlt beinahe verlegen das Lustschlößchen im Sonnenschein.Den Baufahrzeugen dient die neue A 71 bereits als Verkehrsweg. Breit und festgefahren strebt sie entschlossen den blauen Höhen des Thüringer Waldes entgegen. Die ersten 25 Kilometer zwischen Molsdorf und Traßdorf werden als sogenannter Bündelungssabschnitt gebaut. Das heißt, Autobahn und die zukünftige Eisenbahnstrecke Nürnberg–Erfurt verlaufen hier auf gleicher Trasse. Jede Verkehrsplanung muß heutzutage umweltverträglich sein, soll möglichst wenig Naturterrain verschlingen.Wir folgen der Trasse auf Nebenstrecken und einer alten, holperigen Panzerstraße. Sanft wellt sich das hügelige Land. Dörfer verbergen sich in den flachen Senken, typisch für diesen Landstrich, nur die herausragenden Kirchturmspitzen verraten ihr Versteck. Eine leitet uns zielsicher zur Gaststätte »Goldener Löwe« in Dannheim. Die Thüringer Küche ist bekannt für ihre Klöße und die gute Bratwurst. Beides zusammen darf man aber nie bestellen. Da weigert sich die freundliche Kellnerin, und auch der Hans schüttelt mit dem Kopf. Also schnell ein Bier bestellt aus Hopfen und Malz sowie ein paar Würste - und die Thüringer Welt ist wieder in Ordnung.Dannheim gehört geographisch fast zu Arnstadt, das einst den Titel der ältesten Stadt der Deutschen Demokratischen Republik für sich in anspruch nehmen konnte. Auch wenn der Rang des Seniors mit der Wiedervereinigung verloren ging, ist das Städtchen am Fuße des Thüringer Waldes einen Abstecher wert. Nicht zuletzt für Liebhaber barocker Musik: Hier wirkte Johann Sebastian Bach in seinen jungen Jahren, wie ein Denkmal bekundet. Allerdings keines von den üblichen mit Allongeperücke und feisten Backen. Vielmehr zeigt es den jungen Organisten als den spitznasigen Lümmel, der die tugendsamen Arnstädter schier verzweifeln ließ, bis man ihn »mit angezeigter Ungnade« rausschmiß. Hatte er doch in seinen Chorälen »viele wunderliche variationes gemachet« und obendrein eine »frembde Jungfer« musizieren lassen. Wen wundert es da, daß das unkonventionelle Denkmal des dreisten Kerls inmitten des schönen, ehrwürdigen Marktplatzes bei den Arnstädtern anfangs ebenfalls heftig umstritten war. Inzwischen jedoch finden jeden Sommer ihm zu Ehren Orgelwochen statt.In der Dorfkirche zu Dornheim hat Bach geheiratet. Dort donnern jetzt schwere Laster vorbei, die Kies und Sand für die neue Trasse aufschütten. Hinter Roda verschwindet sie in einer Tunnelröhre, führt danach noch ein Stückchen weiter südwärts und endet vorerst bei Traßdorf. Ab jetzt sind wir bei der weiteren Spurensuche auf eine grobe Karte und Vermutungen angewiesen. Wird die Autobahn nördlich oder südlich der Talsperre Heyda entlanggeführt? Wer weiß? Noch ist hier Wasserschutzgebiet, der Weg zur Kiesgrube jedoch ist frei. Dahinter folgen wir einem einsamen Sandweg nach Süden. Auch wenn die Maschinen schlingern, wir geben Gas. Dünenträume im Thüringer Wald. Bei Ilmenau entläßt uns die Sandpiste wieder auf die Bundesstraße.Etwas entfernt verläuft parallel zur Bundesstraße 4 ein alter Handelsweg. Nur ein alter Stein weist darauf hin, ansonsten grüner Tann und Ruhe. Ob nach Fertigstellung der A 71 die Bundesstraße ein ähnliches Schicksal erwartet? Wenn es nach dem Willen der Verkehrsplaner geht, wohl ja. »Die verkehrliche Anschließung Südthüringens gleicht Standortnachteile aus und schafft Anreize für potentielle Investoren. Insbesondere die Fremdenverkehrswirtschaft wird von der besseren Erreichbarkeit profitieren«, heißt es in einem Prospekt des Thüringer Wirtschaftsministeriums. »Na ja«, gibt Hans bei einer Kaffeepause zu bedenken, »die Umweltschützer haben da ganz andere Vorstellungen.« In den vergangenen beiden Sommer protestierten sie mit Fahrrad-Demos entlang der geplanten Trasse gegen das Projekt. Ihr Argument lautet, daß durch die neue Strecke der wirtschaftliche Aufschwung am Thüringer Wald sogar eher vorbeirollen würde. Außerdem weisen sie auf die Kosten hin, die inzwischen dreimal so hoch wie geplant seien, und hoffen, daß das Ganze doch noch in das große Haushaltsloch falle. Aber es sieht nicht so aus. In der Simson-Stadt Suhl wird bereits mit dem Brückenbau begonnen. Hier verspricht man sich eine innerstädtische Entlastung von der Autobahn.Wir sitzen wieder in diesem unglaublich grünen Wald, auf irgendwelchen wackeligen Gartenstühlen und diskutieren uns die Köpfe heiß. In einem sind wir uns allerdings einig. Wenn die Streetworker nachher ihr Tagwerk beenden und die Baufahrzeuge brav in Reih und Glied parken, dann werden wir sie nutzen, die stille Piste, und ganz allein darauf nach Hause braten.

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