Baja California (Archivversion) Straße der Kakteen

Die Baja California ist Mexikos wilder Westen: eine nahezu unberührte, 1300 Kilometer lange Halbinsel, die einem stacheligen Wüstengarten gleicht und über die sich der Länge nach nur eine Straße windet. Aber was für eine.

Wie ein tequilatrunkener Esel schwankt die BMW über die Mex 1. Der Teer ist voller Narben, hat unter der Hitze Blasen geschlagen, ist aufgeplatzt und dort, wo die die meiste Zeit des Jahres trockenen Flußläufe die Straße queren, überhaupt nicht mehr vorhanden. Halbmetertiefe Löcher klaffen, und Brücken werden schon mal von den Wassermassen weggespült, die nach den wenigen, aber heftigen Regenfällen im Jahr wie Sturzfluten aus den Sierras durch die Täler schießen. Am Zustand der 1700 Kilometer langen Hauptstraße, die erst in den 70er Jahren gebaut wurde und die Baja California der Länge nach durchzieht, vermag man bereits die extreme Feindseligkeit des Landes zu erkennen, das zu den menschenleersten Gebieten der Welt gehört: Die mexikanische Halbinsel, die länger als Italien ist und auf der Karte wie ein Wurmfortsatz des amerikanischen Bundesstaates Kalifornien aussieht, ist kaum dichter besiedelt als Alaska - und ein Glutofen, in dem im Sommer Temperaturen von bis zu 50 Grad herrschen.Franca und ich halten auf einem Hügel und staunen über ein stachelbewehrtes Land. Tausendfach reihen sich auf dem sonnengebackenen Grund baumstarke Kakteen, von denen die Majestäten unter ihnen, die Cardóns, wie gigantische Zeigefinger bis zu einer Höhe von 20 Metern aufragen. Im Westen schimmert hinter kantigen Tafelbergen der Pazifik. Weiße Schaumkronen tanzen auf dunklem Blau, bis Himmel und Wasser nicht mehr zu unterscheiden sind. Östlich von unserem staubigen Standort der türkis leuchtende Golf von Kalifornien, der die Halbinsel vom mexikanischen Festland trennt. Wüste und Meer stehen sich hier unvermittelt gegenüber, und nichts erinnert mehr an die Zivilisation.Erst vor einer halben Stunde haben wir La Paz, die Hafenstadt und »Metropole« am südlichen Ende der Baja, mit ihren neonbunten Bars und Diskos, mit Duty Free-Meile und schrillen Restaurants verlassen. Ein klimatisierter Rummelplatz ganz nach dem Geschmack der Gringos, wie US-Amerikaner in Mexiko genannt werden, egal ob Party-feste College-Kids oder Hochseefischer, die sich in hemmingwayscher Manier stundenlange Kämpfe mit kapitalen Marlins liefern. Die Spitze der Baja bis zum Cabo San Lucas profitiert vom Flair der wilden Jahre lange vor dem Bau der Mex 1, als das weltabgeschiedene Fischernest La Paz nicht mehr als ein Geheimtip für Glücksritter und zivilisationsmüde Aussteiger war oder als ein paar verwegene Kerle aufgrund einer Wette versuchten, mit ihren aufgemotzten Autos die rund 1000 Meilen weite und beschwerrliche Off Road-Strecke von Enseneda im Norden bis hierher in weniger als 35 Stunden zu bewältigen. Die legendäre »Baja 1000« war geboren, die erste große Wüstenrallye überhaupt.Zwei, drei Stunden führt uns die wundübersähte Straße wie mit einem Lineal gezogen in Richtung Norden. Weißglühend steht die Sonne in einem wolkenlosen Himmel. Die Hitze lähmt die Gedanken während der Fahrt, und meine Füße glühen förmlich im Windschatten der beiden Zylinder. Nur ab und an rauscht uns ein Truck in amerikanischer XXL-Übergröße entgegen, schwer behangen mit Chrom und vor den Kühlern immer ein gewaltiger Prallschutz aus armdicken Stahlrohren. Siedlungen sind selten und die wenigen Landarbeiter, die in den staubigen Häusern zwischen La Paz und Ejido Insurgentes leben, trotzen der Wüste nur mühselig ein paar Hektar Agrarland ab. Dann ein scharfer Rechtsknick, und wir halten genau auf die Sierra de la Giganta zu, eine schroff zerklüftete Bergkette, deren höchster Gipfel, der Pico Cúpula, 1524 Meter mißt.In weiten Kurven durchschneidet der Asphalt schließlich die hintereinander gestaffelten Bergrücken, und wir tauchen in eine gottververlassene Gegend ein, die auf den ersten Blick wie ein fremder Planet wirkt. Braune und ockerfarbene Hügel und Hänge, tiefe, unzugängliche Canyons, erstarrte Lavabrocken und Sand. Wind und Wetter haben überall das Gestein zerfurcht und geformt, haben in Jahrmillionen ein bizarres Gebirge geschaffen, einen Ort für Koyoten und Klapperschlangen, aber nicht für Menschen. Nichts scheint sich in dieser Urlandschaft verändert zu haben, seit der spanische Eroberer Cortés im 16. Jahrhundert als erster Europäer die Baja betrat und sie treffenderweise auf den Namen »Calida Fornax« - heißer Ofen - taufte. Spuren der Neuzeit allenfalls am Straßenrand. Splitter von Rücklichtern, Scherben von Windschutzscheiben oder rostige, zum Teil bis zum Dach versandete Autowracks markieren den schmalen Grenzbereich zwischen Zivilisation und einer resoluten Natur.Kurz vor Loreto bunkern wir in einem kleinem Kiosk Bier, Brot und Spaghetti und verschwinden auf einer verlockend aussehenden Piste, die direkt hinunter zu einem Strand am Golf führt. Ruckzuck steht unser Zelt im weichen, aufgeheizten Sand. Das Meerwasser spült den Schweiß von der Haut und kühlt das Dosenbier, bis die Sonne feuerrot hinter den Bergen verschwindet und wir die Kakteen und schlanken Cirio-Bäume nur noch als eigenwillige Silhouetten ausmachen. Draußen gleiten Pelikane im perfekten Formationsflug über die See, und ein unglaublich milder Wind streicht über unsere salzverkrusteten Gesichter. Wir sind allein und lauschen lange dem sanften Wellenschlag.High-noon in der Sierra. Der Schweiß brennt in meinen Augen, und das Land, übersät von knorrigen Dornenbüschen und den allgegenwärtigen Kakteen, glüht unter einer gnadenlosen Mittagssonne. Schatten ist in den wild gefalteten Giganta-Bergen genauso selten wie Wasser oder Gegenverkehr: Niemand kommt uns auf der derben Piste, die sich hier durch eines der unzugänglichsten Gebiete der Halbinsel windet, entgegen - 34 Kilometer Baja pur zwischen Loreto und der Jesuiten-Mission San Javier. Meter für Meter bugsiere ich die BMW über den schmalen Pfad, mal am Rand von abgrundtiefen Schluchten, dann mit viel Schwung durch weichen Sand und Auswaschungen, die so groß sind, daß ein ganzer Pkw darin verschwinden würde. Immer enger umschließen uns schließlich die Wände eines Canyons, in dem Temperaturen wie in einer finnischen Sauna herrschen. Der missionarische Eifer der Mönche, die sich Anfang des 18. Jahrhunderts bis hierher durchgeschlagen haben, muß gewaltig gewesen sein. Damals lebten auf der Halbinsel etwa 60000 Indianer. Der letzte Ureinwohner starb vor etwa 100 Jahren: Die Stämme der Baja gingen an den von den Europäern eingeführten Seuchen zugrunde.Gut eine halbe Stunde später San Javier, das sich unter sattgrünen Dattelpalmen versteckt - eine der wenigen Oasen auf der Halbinsel. Eine unglaubliche Stille lastet über dem kleinen Ort. Um die altersschwache Kirche scharen sich nur einfache Hütten, und die im Staub dösenden Hunde lassen sich nicht einmal vom Klang des Boxers wecken. Wir werden in der Bar für Gringos gehalten und weisen uns als Alemanes aus, was ein breites Grinsen auf das unrasierte Gesicht des Burschen hinter der Theke zaubert. Ob mir sein Land gefalle? Si Señor. Und die Frauen? Die zahnlose Alte in der Ecke lacht, wir zahlen unser Bier und verschwinden wieder in der Richtung, aus der wir gekommen sind.Hinter Loreto windet sich die Mex 1 Meile um Meile noch einmal durch die Ausläufer der Sierra Giganta. Die Tachonadel pendelt bei 90 Stundenkilometern, und das einsame Land rauscht an uns vorbei, bis uns der flache Stand der Sonne daran erinnert, daß es Zeit ist, einen Platz für die Nacht zu suchen. Wir folgen einfach einer ausgefahrenen Piste hinunter in die Bahia Concepción, bis die braunen Felsen der geschützten Bucht im Meer versinken. Im weißen Muschelsand der »Playa Coyote« stehen bereits eine Handvoll Wohnmobile und Pick-ups. Letztere mit gewaltigen Stollenreifen, mit Surfbrettern, Mountain Bikes, kleinen Enduros und Kühlboxen im Badewannenformat hintendrauf, ohne die sich vermutlich kein Amerikaner ins Abenteuer stürzen würde. Irgendwo läuft kehliger Südstaaten-Blues. Lagerfeuer brennen im Kreis von Klappstühlen, es duftet nach gebratenen Fisch. Nette Gringos mit viel Sinn für Komfort und ohne Scheu vor verschwitzten Bikern. »Your from germany? Come on, have a drink!«Am nächsten Morgen kreisen Pelikane direkt über unserem Zelt, das etwas abseits auf einer schmalen Sandbank nur ein paar Schritte vom Wasser entfernt steht. Wir baden und schnorcheln, spazieren über die Klippen, halten lange Siesta in der Mittagshitze und rühren uns erst wieder am späten Nachmittag. Um Feuerholz zu suchen oder um mit unseren Nachbarn zu plaudern. Zwei Tage fließen in diesem Rhythmus dahin, in denen Zeit für uns keine Rolle mehr spielt.Hinter Santa Rosalia verschwindet die Mex 1 wieder im Landesinneren der Baja. Noch einmal glänzt an dem nach Westen abknickenden, steilsten Teilstück der Straße der türkisfarbene Golf von Kalifornien im Rückspiegel, dann verschlucken uns für ein paar Kilometer die meterhoch aufgetürmte Lava-Felder rund um die Tres Vírgines, die drei Jungfrauen-Vulkane, bis die Wüste wieder Oberhand gewinnt. In einer endlosen Gerade zieht sich die vor Hitze flirrende Mex 1 ohne Tankstelle und Telegrafenmasten in Richtung Horizont. Das Land scheint vor Durst zu krepieren und ist trotzdem ein Garten Eden mit über 2500 Pflanzenarten, von denen rund 60 nur auf der Baja vorkommen. Ein Dschungel von meterhohen Kakteen umgibt uns, dazwischen bis zu tausend Jahre alte Kreosot-Büsche, Baobab-ähnliche Elefantenbäume, Yucca-Palmen oder Agaven, aus deren Saft sich Mezcal oder Tequila brauen läßt. Benzin wäre mir lieber, denn der Boxer läuft bereits auf Reserve.Menschen treffen wir erst wieder in Guerreo Negro. Auf der von unzähligen Motels und Fastfood-Buden gesäumten Hauptstraße herrscht bereits reges Leben, wie überall auf der Baja, wenn am späten Nachmittag die Temperaturen auf ein erträgliches Maß gesunken sind. Teenager cruisen in megabreiten Fords oder Chevys, Männer mit schmalen Schnurbärten und spitzen Cowboystiefeln aus Schlangenleder stolzieren in kleinen Gruppen umher. Wir tanken und rauschen noch einmal in die Wüste hinaus.Ein paar Kilometer hinter Stadt weicht die karge Vegetation dem schneeweißen Sand der Sarafan-Dünen. Die Räder der BMW verschwinden sofort in dem Puderzucker-ähnlichen Untergrund, der von den Seewinden zu einer Landschaft wie aus der Sahara aufgetürmt wurde. Zu Fuß, bei jedem Schritt bis über die Knöchel im Sand versinkend, klettern und kriechen wir über die sichelförmigen Kämme der vielen Meter hohen, perfekt modellierten Berge, die sich endlos auszudehnen scheinen. Allmählich verfärben die letzten Strahlen der Sonne den Himmel in ein glutrotes Meer und lassen die Dünen für einen kurzen Moment in einem halluzinogenen Licht leuchten. Ein Rausch an Farben, der von einem milliardenfach funkelnden Sternenhimmel abgelöst wird. Wir fahren nur zurück, weil unser Gepäck bereits in einem Hotel wartet. Und weil wir dringend wieder eine Dusche brauchen, um endlich das Salz von unserer Haut zu waschen.Jenseits der Dünen beginnt der Nordteil der Baja. Wir merken´s am Verkehr. Bis ins charmante Fischerdorf Bahia de los Angeles schafft man es als Wochenendtourist aus San Diego gerade noch. Auf jeden Fall bis in die Gesteinswüste der Desierto Central zwischen Laguna Chapala und Rosario de Arriba, wo Millionen von tonnenschweren Felsbrocken wie von Riesenhand willkürlich verstreut zwischen den haushohen Kakteen liegen. Schließlich mausert sich sogar die Mex 1. Ab Enseneda führt sie bereits vierspurig in Richtung Tijuana, dem Ende der Baja. Die BMW schwankt längst nicht mehr wie ein trunkener Esel, sondern gleitet auf glattem Teer mühelos dahin.

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