Baltikum (Archivversion) Erfahrung der Einsamkeit

Kaum Kurven und nur ein 318 Meter hoher Berg – aus dieser Perspektive erscheint das Baltikum wenig attraktiv für Motorradfahrer. Der Reiz dieser Länder liegt indes woanders. Wer sich Zeit nimmt, wird ihn entdecken.

Nein, die »MS Lisco Gloria« geht ganz bestimmt nicht als Kreuzfahrtschiff durch und die Ostsee auch nicht als
Karibik. Dennoch herrscht auf dem Sonnendeck des Fährdampfers so etwas wie Traumschiff-Atmosphäre: Die ruhige See erstrahlt wie der Himmel im tiefsten Blau, und der Blick auf endloses Wasser – der Kieler Hafen ist längst hinterm Horizont zurückgeblieben, und die Ankunft im litauischen Klaipèda wird erst morgen erwartet – hat wahrhaft etwas Meditatives. Kirsten und ich sind froh, diese Form der Anreise ins Baltikum und nicht den 1000 Kilometer langen Weg durch Polen gewählt zu haben.
An Land schlagen wir sofort Kurs Nord ein, peilen auf der Küstenstraße das nahe, bereits in Lettland liegende Liepaja an. Von dort soll es über ein fein gewebtes Netz von Nebenstrecken durch die drei baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen gehen – perfekt, um die Einsamkeit zu genießen, die diese
Region auszeichnet. Die Strecke in Richtung Bauska kommt da gerade recht: Nur gelegentlich tauchen kleine Gehöfte auf, jedes mit einem Storchennest auf dem Dach. Gegenverkehr? Kaum. Andere Touristen? Erst nach einigen Stunden Fahrzeit beim Besuch von Schloss Rundale, ein barockes Meisterwerk, dass im Jahr 1735 errichtet wurde. In den prächtigen Sälen und Salons wurde an nichts gespart: allenthalben vergoldeter Stuck, imposante Skulpturen und kunstvolle Wand- und Deckenmalereien.

Nach der Besichtigung entscheiden wir uns spontan für
einen Abstecher zurück nach Litauen – seitdem die baltischen Länder zur EU gehören, dauern Grenzübertritte
lediglich noch wenige Minuten. Uns lockt der »Berg der Kreuze« nahe der Stadt Šiauliai. Ein gewaltiger Hügel, der nur aus Kreuzen, Rosenkränzen und Heiligenabbildungen besteht und längst als wichtigste religiöse Pilgerstätte des Landes gilt. Zugleich
handelt es sich um ein Zeichen des Widerstandes, erfahren wir von einer alten Frau, die Deutsch spricht. Die ersten Kreuze wurden als Protest gegen die harte Zarenherrschaft aufgestellt, und zuletzt sei dieser Berg in den Umbruchszeiten der 80er und 90er Jahre immer weiter gewachsen. »Das Moskauer Regime ließ
diesen Hügel sogar einmal einebnen, aber bereits am nächsten Tag standen neue Kreuze.«
Zurück in Lettland, steuern wir Ogre an, wo der Reiseführer ein nettes Hotel verspricht. Die letzten 70 Kilometer führen allerdings über eine Schotterpiste, weshalb wir ziemlich spät an unserem Ziel ankommen – das sich dann auch noch als herunterge-
kommene Absteige entpupt. Nein danke. Erst in Sigulda, bereits mitten im Gauja-Nationalpark gelegen, finden wir eine Bleibe.
Tags darauf erkunden wir ausgiebig die dichten Eichenwälder des weitläufigen Nationalparks. Die Gauja windet sich durch tief eingeschnittene Täler, ab und an säumen helle Sandsteinfelsen das Ufer. Nach einer Weile endet die Straße an einer urigen
Holzfähre. Das betagte Gefährt wirkt mit einem Auto und einem Motorrad beinahe überladen. Zumindest hat der alte Fährmann alle Hände voll zu tun, in der Strömung auf Kurs zu bleiben.
Über der ganzen Szenerie liegt eine unfassbare Ruhe, und es
verwundert nicht, dass in diesem Gebiet Bären, Wölfe und Elche
leben sollen. Immer weiter lassen wir uns durch diese nahezu
unberührte Landschaft treiben.

Bei Tsiruli geht es über die Grenze von Estland. Klang für uns die lettische Sprache schon ziemlich fremd, versteht man hier kein Wort mehr – irgendwie erinnert es bereits stark an Finnisch. Die Piste schlängelt sich durch die Orte Käänu, Ruusmäe und Vastsekivi dem Höhepunkt des Baltikums entgegen – dem 318 Meter hohen Suur Munamägi, der wie ein Riese aus dem leicht gewellten Land aufragt. Schnell ist die »Passhöhe« erklommen. Die in mancherlei Hinsicht allerdings durchaus mit einigen Kollegen in den Alpen mithalten kann: Es gibt es einen gut besuchten Besucherparkplatz mit Imbiss und diverse Andenkenläden.
Ein krasser Gegensatz zu dem, was dann folgt: In der Region entlang der russischen Grenze scheint es für niemanden mehr eine Perspektive zu geben. Viele Dörfer und Gehöfte wirken verwahrlost, und die Einwohner suchen augenscheinlich schon morgens Zuflucht im Alkohol. Da es zu allem Frust inzwischen auch noch heftig regnet, fahren wir in einem Rutsch bis in die Universitätsstadt Tartu. Eine urgemütliche Kneipe fängt uns auf, lindert die herben Eindrücke ein wenig.
Trotz relativ wenig Schlaf zieht es uns schon am frühen Morgen weiter in nördliche Richtung. Nach einigen Kilometern taucht der riesige Peipsi-See auf. Die Dörfer entlang der Straße wirken wieder freundlich und einladend. Bunte Holzhäuser inmitten
großer Gärten. Die zumeist russischstämmigen Bewohner bauen hauptsächlich Zwiebeln an, die sie an jeder Ecke zum Verkauf
anbieten. Sie leben in einfachen Verhältnissen, strahlen jedoch eine große Zufriedenheit aus.
Leider herrscht noch immer kein Badewetter, und so lockt uns das nahe russisch-orthodoxe Kuremägi-Kloster in Kuremäe weg von den Stränden des Sees. Mit seinen Zwiebeltürmen und den gezackten Mauern erinnert das weithin sichtbare Bauwerk an ein verwunschenes Märchenschloss. Drinnen leben Nonnen aus allen Teilen der ehemaligen UdSSR, und alles, was sie zum Leben benötigen, stammt aus eigener Produktion. Um etwas Geld zu verdienen, betreiben die Ordensschwestern ein kleines, aber feines Gästehaus. Doch noch ist es zu früh, um ein Zimmer für die Nacht zu beziehen. Unser Tagesziel ist der Gutshof Palmse im Lahemaa-Nationalpark. Dessen barockes Haupthaus erinnert ebenfalls an ein Schloss, worin sich vorzüglich übernachten lässt.

Auf kleinen, unerwartet kurvigen Wegen durchstreifen wir
am nächsten Tag mit der BMW den Park, der mit seinen ausgedehnten Wäldern, Hochmooren und malerischen Küstenabschnitten als der schönste des Landes gilt. Von den zahlreichen Elchen, die dort leben sollen, läuft leider keiner vor die Kamera. Stattdessen plagen uns umso mehr Mücken beim Versuch, im Dickicht Biber zu beobachten. Erfolglos geben wir nach einiger Zeit auf und erkunden jede der vier Landzungen, die weit in die Ostsee hineinragen. Kleine Fischerdörfer und die mit Findlingen übersäte Küste machen das Idyll perfekt, doch Tallin ist nicht weit, und nach tagelangem Landleben steht uns der
Sinn nach ein wenig Großstadt.
Sofort tauchen wir im Gewirr der mittelalterlichen Gassen unter. Das ehemalige Reval war einst der östliche Außenposten der mächtigen Hanse, und inzwischen sind die meisten Häuser der reichen Kaufleute längst restauriert, leuchten in den unterschiedlichsten Farben. Trotz des Rummels – Tallinn hat sich zu
einem angesagten Ziel für Stadttouristen gemausert – ist es ein Vergnügen, durch die Straßenzüge rund um den Marktplatz mit seinen vielen Kneipen und Restaurants zu bummeln. Die Stadt boomt, sucht offensichtlich Anschluss an den Rest Europas.
Reges Treiben herrscht auch in den Industriegebieten draußen vor der Stadtmauer: Auf jedem freien Flecken entstehen neue Produktionsanlagen. Eine Stadt, in der es sicher noch viel zu sehen gäbe, aber die Neugier auf zwei Inseln lockt uns weiter.

Endlose Birken- und Kiefernwälder, ansonsten wenig, was den Blick während der Fahrt in Richtung der estländischen
Westküste ablenkt. Farbe kommt erst wieder mit den bunten Holzhäusern von Haapsalu ins Spiel. Im nahen Fährhafen setzen Kirsten und ich auf Hiiuma über und erreichen eine Welt, die noch einen Tick beschaulicher wirkt als der Rest des Baltikums. Vor den dichten Wäldern, den Mooren und den ohnehin schon ein-
samen Sandbuchten scheint die Moderne vollständig kapituliert zu haben. Sobald der Motor aus ist, herrscht absolute Stille.
Zwei Tage später durchstreifen wir die etwas größere Nachbarinsel Saareema, die ebenfalls fast nur aus Wald und Wiesen zu bestehen scheint. Gelassen bummeln wir bis zur Inselhauptstadt Kuressaare unterhalb einer imposanten Burganlage. Ein Café im netten Zentrum hat Stühle und Tische nach draußen in die Sonne gestellt. Stundenlang könnten wir hier sitzen. Oder am Strand, um auf die türkis schimmernde Ostsee zu blicken. Die Inselwelt verzaubert allmählich unsere Sinne, und es fällt schwer, wieder
in den Sattel zu steigen. Zum Glück gießt es in Strömen, als
wir zwei Tage später von Pärnu aus das Baltikum per Fähre in

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote