Baltikum (Archivversion) Anders als erwartet

Strände wie am Mittelmeer, Cappuccino wie in Italien und Prachtbauten, die noch heute vom Glanz der einst mächtigen Hanse zeugen – das Baltikum ist für so viele Überraschungen gut, dass man sich am Ende mit ein wenig Fantasie sogar in die Sahara versetzt fühlt.

Estland. Lettland, Litauen. Auf dem Weg dorthin erscheinen mir die baltischen Staaten weiter weg als Afrika. Und das sogar im doppelten Sinn. Erstens wird mir klar, dass ich über den Schwarzen Kontinent mehr weiß als über mein jetziges Reiseziel. Und zweitens: diese elendig lange Anfahrt. Morgens Stuttgart, am Nachmittag Hamburg, pünktlich zum Sonnenuntergang endlich der Hafen von Rostock. Macht rund 850 Kilometer. Plus 22 Stunden im Bauch der Fähre nach Tallinn, Estlands Hauptstadt.An Bord versuche ich, mein spärliches Wissen über Estland, Lettland und Litauen zu sortieren. Bis vor wenigen Tagen hatte ich sogar Mühe, diese Staaten auf einer Karte richtig zuzuordnen. Irgendwie ist wenig hängen geblieben. Nur dunkel erinnere ich mich an diese unglaublichen Bilder vor 13 Jahren im Fernsehen: eine Menschenkette quer durch die drei Länder – fast zwei Millionen Balten demonstrierten Hand in Hand erfolgreich gegen das ungeliebte Regime aus Moskau, erzwangen ihre Unabhängigkeit. Mir fällt auf, dass ich niemanden kenne, der bereits im Baltikum war.Tallinn kommt in Sicht. Spitzgiebelige Dächer, Wehrtürme, Kirchen, die Konturen der mächtigen Burganlage auf dem Domberg mitten in der Stadt. Der Rest des Landes ist dagegen kaum auszumachen, erstreckt sich flach wie die Ostsee bei Windstille. Keine Erhebung, nicht einmal ein Hügel. Vermutlich könnte man von einer Leiter aus das etwa 1000 Kilometer entfernte Moskau erspähen. Doch langweilig ist die Annäherung vom Meer aus trotzdem nicht: Im Hafen wartet der Zoll in Kompaniestärke – Autoschieber nutzen die baltischen Staaten gerne als Tor zum Osten. Ein deutscher Motorradler dagegen findet wenig Beachtung.Ich verschwinde sofort im Gassenwirrwarr in Tallinns Altstadt, spaziere auf Kopfsteinpflaster sozusagen direkt ins Mittelalter. Pure Hanse-Herrlichkeit – die Stadt, das einstige Reval, war für die mächtige Handelsvereinigung der Außenposten in Osteuropa. Viele Häuser der Kaufleute und der Gilden sind inzwischen wieder restauriert, leuchten in grellen Farben. An einem sonnigen Tag wie heute herrscht in den Gassen ein Leben wie im italienischen Siena. Teenager flanieren über die Straßen, jedes Café am Marktplatz ist bis auf den letzten Platz besetzt, und am Abend schallt Musik aus den vielen Kneipen und Restaurants. Tallinn hat Charme, pulsiert. Nach einer alles lähmenden Fremdherrschaft herrscht Aufbruchstimmung.Am nächsten Morgen herrscht dagegen tristes Grau. Am Himmel. Und rechts wie links der Straße. Die Fahrt aus Tallinn heraus lehrt alle Sünden sowjetischen Plattenbaus. Wie ein Gürtel umschließen gigantische Trabantenstädte die Stadt, dann erst beginnt diese unauffällige, von der letzten Eiszeit plattgehobelte Landschaft. Ich entscheide mich für die Küstenstraße, doch es dauert, bis die See in Sicht kommt. Völlig unerwartet steigt die Straße kurz vor Türisalo ein wenig an, dann blicke ich von einer etwa 30 Meter hohen Klippe in die grün schimmernde Ostsee. Das gewinnträchtige Revier der Hanse, deren Kaufleute eines der stärksten Städte- und Handelsbündnisse des Mittelalters gründeten.Bis Haapsalu rausche ich durch schier endlos erscheinende Kiefern- und Birkenwälder. Nach einer Weile halte ich an einem kleinem Stand am Straßenrand. Vater und Tochter bieten Pilze und Beeren an. In fließendem Englisch erzählt das Mädchen, dass fast jeder auf dem Land auf ein solches Zubrot angeweisen sei. Die kollektivierte Landwirtschaft sei ganz auf die Bedürfnise der Sowjetunion ausgerichtet gewesen. Und nun läge eben alles brach, würden weder regelmäßig Gehälter noch Renten gezahlt.Unverändert der Wald, durch den mich die Straße führt. Ein wenig Alaska-Feeling kommt auf. Auch wegen der Einsamkeit. Außer mir ist praktisch niemand unterwegs. Erstmals schalte ich mein Bordradio ein, das eine Handvoll Mittelwellensender empfängt. Überall Volksmusik. Zumeist traurige Melodien. Im Reiseführer las ich gestern abend, dass Esten singen, wenn es ihnen schlecht geht. Von der Aufbruchstimmung in Tallinn ist auf dem Land leder wenig zu spüren.Die bunten Holzhäuser Haapsalus, Kurort und Minihafen, sind eine willkommene Abwechslung. Ich halte an der einzigen Tankstelle, frage nach bleifreien Benzin. »No problem«. DerTankwart nickt, spricht ebenfalls ausgezeichnet englisch. Überall im Land gäbe es bleifrei. Wegen der vielen Mercedes, BMW und VW. Kreditkarten? »Of course.« Natürlich. Was hatte ich eigentlich erwartet?Einige Zeit später gelange ich nach Pärnu, den beliebtesten Badeort der einstigen Russen-Schickeria. Kein Wunder, bei diesem Strand! Einige Kilometer lang, über 100 Meter breit und hellsandig. Auf der anderen Seite der Uferpromenade viele prachtvolle Villen, tolle Gebäude aus hellem Sandstein und farbig leuchtendem Holz. Überall wird inzwischen kräftig renoviert. Was jetzt augenscheinlich noch fehlt, sind Touristen! Abends spaziere ich fast alleine durch das herausgeputzte Zentrum. Am nächsten Morgen halte ich mich auf der »Via Baltica« in Richtung der bereits nahen lettischen Grenze. Wunderschöne Holzhäuser reihen sich an dieser unbefahrenen Küstenstraße. Erst jetzt fällt mir der Wind auf, der keinen Baum gerade wachsen lässt, der gewaltige Wolkenberge über das Land hetzt und den feinen Strandsand auf die Straße weht. Dann passiere ich die Grenze nach Lettland, rausche weiter am Meer entlang auf der »Via Baltica« in Richtung Riga, und möchts am liebsten anhalten. Die Weite genießen, die Einsamkeit. Stattdessen Riga. Hektisch, lebensfroh und hoffnungsvoll. Breite Boulevards, prächtige Jugendstil- und Gründerzeithäuser, Caféhaus-Atmospähre und bunte Technokneipen. Ich verlaufe mich fast in der verzweigten Fußgänerzone, passiere schrill aufgemachte Restaurants, Yves Saint Laurant und McDonalds, lande irgendwann am Domplatz. Straßenmusik, amerikanische und japanische Touristen, Rollerblader und Schickeria. Die Millionenmetropole am Ufer der breiten Daugava präsentiert sich ungemein weltstädtisch, verführt zum Bleiben.Tags darauf halte ich weiter Kurs entlang der wunderbaren Küste bis zum windigen Kolka-Kap und nach Ventspils. Ab und an ein paar Holzhäuser im Wald, die schon mal an Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt erinnern. Und siehe da, auch die Straße mag nicht länger Spielverderber sein: Ein paar langgezogene Kurven laden dazu ein, das Tempolimit von 80 Kilometern pro Stunde und die vielen Radarkontrollen zu vergessen. Tempo 120, kurz auf 130. Ich riskiere eine saftige Strafe. Aber – hurra! – der Hauch einer Schräglage war’s wert. Den Rest des Tages bin ich wieder brav. Unverändert der Blick aus dem Sattel über das weite Land und die fast schon türkis schimmernde Ostsee.Am nächsten Mittag bereits die nächste Grenze. Litauen. Lässig werde ich durchgewunken, fahre bis Klaipéda, dem früheren Memel, setze per Fähre auf die Kurische Nehrung über. Gebogen wie ein krummer Nagel, verbindet Europas längster Dünenstreifen das Baltikum mit der russischen Enklave Kaliningrad und war bis bis zur Unabhängigkeit Litauens Sperrgebiet. Vielleicht scheint deshalb die Zeit hier stehen geblieben zu sein. Zumindest hoffen das die vielen Besucher aus Deutschland, die ich hier treffe. Ältere Damen und Herren, die, geboren im damaligen Ostpreußen, heute auf der Suche nach ihrer Heimat sind, die sie 1945 kopfüber verlassen mussten. Über die Reste von Haus und Hof ist längst dieser Urwald-ähnliche Wald gewachsen, durch den die schmale Straße führt. Nur ein paar Fischerkaten haben überlebt, beherbergen heute überwiegend Touristen. Dann erblicke ich links von mir das das Kurische Haff. Eine bewegungslose Süßwasserlagune, dreimal größer als der Bodensee, aber nur etwa einen Meter tief. Rechts brandet die aufgewühlte Baltische See.Der bolzgerade Weg endet in Nida. Genauer: an der streng bewachten russischen Grenze. Ein Schlagbaum, Wachtürme und Stacheldraht mitten in einer Sandwüste – ich stehe am Rand der »Litauischen Sahara«. Dieses Bild ist überraschend perfekt: bis zu 60 Meter hohe, vom ständigen Wind perfekt modellierte Dünen, die sich über viele Kilometer erstrecken. Vor ein paar Tagen schienen mir die baltischen Staaten weiter weg als Afrika, jetzt fühle ich mich dorthin versetzt. Kein schlechtes Ende für eine Reise voller Überraschungen.

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