Bayern (Archivversion) Königs-Runde

Die schönsten Strecken Bayerns zwischen München und den Alpen haben eine weitere Gemeinsamkeit: Man wandelt sozusagen auf den Spuren des Märchenkönigs Ludwig II.

»Er war eben etwas Besonderes, unser König Ludwig«, kommentiert eine alte Dame mit gewichtiger Miene im Schlosspark von Nymphenburg, einer grünen Insel inmitten des tobenden Verkehrs von München. Mit seinen prächtigen Ziergärten, dem geometrisch angelegten Wegenetz und den ausladenden Wasseranlagen wirkt der Park wie Versaille in Kleinformat. Und natürlich dem Schloss, »... in dem 1845 unser Ludwig zur Welt kam«, ergänzt die Dame. Unser Ludwig. Wie kein anderer Monarch ist Ludwig II im Herzen der Bayern verwurzelt. Damals wie heute, 114 Jahre nach seinem Tod. Märchenkönig wird er genannt. Aber auch Spinner, Sonderling, Weltfremder. Faszinierend ist seine schillernde Gestalt, weil er für seine Träume lebte. Tragisch hat er geendet, umgeben von Rätseln, die wohl nie aufgeklärt werden.Das gewundene Mühltal, das von Garching nach Starnberg führt, ist eine gute Strecke, um nach Münchens zähem Verkehrsbrei den Spaß am Motorradfahren wieder zu finden. Leise vor sich hinbrabbelnd, zieht der 1200er-Motor den BMW-Cruiser gemütlich Richtung Alpen. In Starnberg gleich hinter dem Bahnhof eröffnet sich der Blick auf den gleichnamigen See. Zur Linken muss Schloss Berg liegen, wo Ludwig glückliche Tage seiner Jugend verbracht hat, zur Rechten am anderen Ufer Schloss Possenhofen, wo er sich 1867 mit Herzogin Sophie, einer Schwester der legendären Kaiserin Sissi, vermählte. Doch der menschenscheue Monarch löste die Verbindung schon nach wenigen Monaten wieder.Auf der Seepromenadenstraße nach Süden reiht sich Auto an Auto. Da erscheint der Abstecher hinüber zum Ammersee auf einem der typischen, kleinen kurvigen Sträßchen durch die Moränenhügel der Voralpenlandschaft wesentlich einladender. Hier lugen die Zwiebeltürme der Dorfkirchen keck hinter jeder Kuppe hervor, und die grünen Wiesen sind mit knallig gelben Blüten des Löwenzahns gesprenkelt. Bei einer Ortsdurchfahrt fällt ein bayerisches Mannsbild in Lederhosen auf – entgegen aller Vorurteile ein eher seltener Anblick. Allgegenwärtig indes weißblaue Maibäume, weißblaue Fahnen und weißblaue Informationskästen der CSU-Ortsgruppen. Klischees sind eben unsterblich. Die BMW passt da prima ins Bild. Der Cruiser erhält häufig einen anerkennenden Blick vom Straßenrand. Echt bayerisch halt, dieses Radl.Die C 1200 rollt durch den Pfaffenwinkel, ein Gebiet, das sich von Ammer- und Starnberger See über die Flüsse Lech, Ammer und Loisach nach Südwesten zu den Alpen hinzieht. Der Name ist berechtigt, liegen hier doch Kirchen und Klöster des Barock und Rokoko so eng beisammen wie sonst nirgends im gewiss an Gotteshäusern nicht armen Bayern. Die Wieskirche bei Steingaden ist das wohl bekannteste Vorzeigestück der Region – sozusagen die Sixtinische Kapelle Oberbayerns. In einer Kirchenbank sitzend, den Kopf in den Nacken gelegt, kann man über den verschnörkelten Überschwang der Deckengemälde, Säulen und Altäre nur staunen. Mächtig hallen dazu Orgelklänge, lassen selbst das Geplapper neugieriger Besucher zum respektvollen Flüstern geraten.Die Deutsche Alpenstraße ist erreicht, auf der es in flotter Fahrt Richtung Füssen und Neuschwanstein geht. Auch König Ludwig reiste auf dieser Route, den seinerzeit allerdings eher holprigen Vorläufern davon. Offroad würde man heute das bezeichnen, was damals als Hauptverkehrsstraßen galt. Manchmal fanden des Königs Reisen auch nur in seiner Traumwelt statt. Nächtelang ritt der ruhelose Monarch in seiner Münchener Hofreithalle im Kreis. Ein Diener musste die Runden zählen und die Entfernungen nennen. »Peißenberg, Steingaden, Füssen - Majestät erreichen in einer halben Stunde Neuschwanstein.«Majestätisch bequem lässt sich im Sattel des Cruisers Neuschwanstein erreichen. Über den Forggensee hinweg ist die Kulisse bereits von weitem auszumachen. Einen gehörigen Stich Türkis hat das weißblaue Idyll hier abbekommen. Fast schon karibisch wirkt der künstliche See mit seiner leuchtenden Farbe und weckt Visionen von Korallenriffen und Palmenstränden. Die braunen Milchkühe auf den saftigen Wiesen rücken das Trugbild zurecht: Hier ist Allgäu und nicht Aruba. Und dann ist da Neuschwanstein, das Märchenschloss, bei Japanern und Amerikanern vermutlich das bekannteste Gebäude Deutschlands. Am mächtigen Burgtor klicken die Kameras. An der Kasse für die Schlossführung ertönt im internationalen Sprachenmix das ungeduldige Raunen erwartungsvoller Besucherschlangen. Im »Königlich Bayerischen Biergarten« zu Füßen des Schlosses herrscht Volksfeststimmung mit Weißwürsten, Brezen und dem süffigen König-Ludwig-Dunkel. Andenkenbuden bieten Ludwig zum Mitnehmen feil, als Postkarte oder Poster, als Nippes oder Bierglas, als Münze oder Schlüsselanhänger. Der feinsinnige Märchenkönig verkommt zum Maskottchen.Es zieht mich weiter, über Füssen hinüber nach Reutte in Österreich. Die Landschaft wechselt, der wohlige Rhythmus der sanften Hügel ist einem zackigen Bergpanorama gewichen. Entlang des Plansees tuckert die BMW in die alpenländische Idylle hinein. Eine kleine Mautstraße führt hinüber in das Ammertal – wieder nach Bayern. Ideales Cruiser-Gelände ist das hier, langsam durch die Kurven schwingen und Zeit haben für einen Seitenblick auf die Berge. Dann die nächste Station in Sachen Märchenschloss: Linderhof. An dem vormals bescheidenen Königshäuschen des Vaters tobte Ludwig seine ganze Leidenschaft als Schlossplaner aus. Viermal in Folge wurde angebaut, abgerissen, umgebaut, erweitert. Im Schlosspark ließ der unverbesserliche Träumer gar eine magische Grotte in den Fels schlagen, mit Tropfsteinen behängen und einen künstlichen See anlegen. In bengalischem Licht ließ er sich in einem zierlichen Muschelkahn darauf umherrudern. Ein eigenes Maschinenhaus mit gewaltigen Dynamos – damals letzter Stand der Technik – musste im Schlosspark angelegt werden, um Lichteffekte zu produzieren und Wasserfall und Wellenmaschine in Gang zu halten. Ludwigs Phantasien waren Disneyland um hundert Jahre voraus.Eine treue Anhängerschaft des »Kini«, dem bayerischen Wort für König, findet sich im nahen Oberammergau. Sicher, da passt die Ludwig-Verehrung perfekt in das touristische Konzept von Passionsspielen und Herrgottsschnitzer. Und die König-Ludwig-Straße macht sich gut bei der Rundfahrt durch den Ort, der sich als wahrer Bilderbogen wunderschön bemalter Häuser präsentiert. Aber genauso wie diese Lüftmalerei eine alte Tradition ist, hat man auch den König Ludwig schon verehrt, lange bevor die Touristenbusse kamen. In der Nacht vor seinem Geburtstag am 25. August steigen die Oberammergauer seit jeher auf ihre umliegenden Hausberge und entzünden Feuer, die sie weithin sichtbar in Form eines großen L oder einer Königskrone arrangieren.Die nächste Fahretappe folgt nicht mehr ausschließlich Ludwigs Schlösser-Route, aber sie verspricht königliches Motorradfahren. Über Murnau geht es erst mal ein wenig raus aus den Bergen und hinüber zum Kochelsee. Und von dort führt eine der schönsten Motorradstrecken der Bayerischen Alpen hoch zum Walchensee: die Kesselbergstraße. Der kleine Parkplatz in der Linkskurve über dem See ist zum Tempel der Motorradfahrer geworden. »Mann, is dett geil«, entfährt es einer mit langen Lederfransen gezierten Cruiser-Kollegin aus Berlin, die mit ihrer Freundin, ebenfalls auf Harley »das wilde Seppl-Land« bereist. Vor ihr scheint sich ganz Oberbayern in einem Panoramablick zu verdichten: See, Moorlandschaft, Weiden, Zwiebelkirchtürme, Maibäume – postkartentauglich komponiert. Und am Abend kann man noch die Sonne hinter dem Kochelsee versinken sehen.Aber bis dahin ist keine Zeit, denn das wohl eleganteste von Ludwigs Schlössern wartet hundert Kilometer weiter im Osten: Herrenchiemsee. Der Weg dorthin lässt sich über einen verwinkelten Kurs durch die Berge zurücklegen, vom Walchensee in das obere Isartal. Auch König Ludwig war in dieser Region oft unterwegs. In Vorderriß steht noch das alte Forsthaus, von dem aus er auf Jagdausflüge ging. Schließlich ist wieder die Deutsche Alpenstraße erreicht, die von Füssen bis Berchtesgaden quer durch die bayerischen Berge führt. Auf ihrem Weg von West nach Ost muss sie sich in einem verwundenen Zickzackkurs an den einzelnen Gebirgsstöcken entlangschlängeln: Ammergebirge, Karwendel, Wetterstein, Schlierseer Berge, Chiemgauer Alpen – die Berühmtheiten der weißblauen Berge reihen sich auf. Dabei sind die zu überwindenden Passhöhen gering. Viel zu schnell bringt einen die R 1200 C über die Kehren von Sudelfeldstraße und Tatzelwurm.Mit einem letzten Blick auf die Berge wird die Kampenwand passiert, die – 1700 Meter hoch – fast schon hochalpin wirkt. Dann geht es hinaus in das flache Land um den Chiemsee, das »Bayerische Meer«. Und wie sich das für ein Meer gehört, hat das Motorrad nun Pause. Von Prien tuckert ein Dampfer hinüber zur Herreninsel und zum Schloss Herrenchiemsee. Als ob es noch eine Steigerung zu Nymphenburg und Linderhof geben müsse, steht da wie ein Ebenbild von Versailles das prächtige Bauwerk. »... ein Tempel des Ruhmes, worin ich das Andenken an König Ludwig XIV feiern will,« hatte Ludwig verfügt.Tatsächlich hätte der französische Sonnenkönig nicht schlecht gestaunt, was 150 Jahre nach seinem Tod dieser Fantast Ludwig II von Bayern hier schaffen ließ. Allein an des Königs Galabett sollen 30 Künstler sieben Jahre lang gearbeitet haben. Doch das wahre Prunkstück Herrenchiemsees ist der riesige Spiegelsaal, der mit seinen fast 100 Metern Länge sogar das Vorbild in Versailles übertrifft. Für sich ganz allein ließ der König die 1800 Kerzen in den prächtigen Lüstern anzünden und träumte in ihrem Schein.Von der Wasserreise wieder in der oberbayerischen Motorradwelt zurück, wartet westlich des Chiemsees ein Aderwerk kleiner und kleinster Sträßchen auf. Die BMW fällt von einer Schräglage in die andere. Die Richtung bestimmt keine Karte, sondern der Sonnenstand. Die meisten der winzigen Orte wären sowieso nicht verzeichnet. »Kartoffel zu verkaufen«, steht da auf einem Schild. Oberbayern hat seine eigene Sprache: »Die Kartoffel« kommen auf »das Teller« und daneben liegt »der Butter«. So ist das eben hier – und Schafkopfturnier, Fingerhakeln und Schuhblattern sind wichtiger als Grammatik.Damit der Cruiser jemals zum Starnberger See und nach München zurückzufindet, geht´s bei Rosenheim schnell auf die Autobahn und hoch bis zum Irschenberg, über dessen knackigen Anstieg sich die Lkw mit dicken Dieselschwaden quälen. Keinen Kilometer davon entfernt beginnt schon wieder Idylle wie aus dem Bilderbuch. Das kleine Wallfahrtskirchlein Wilparting reckt seinen Zwiebelhaubenturm hoch über die grünen Wiesen und dunklen Wälder, als solle er mit den markanten Silhouetten von Wendelstein und Schlierseer Bergen konkurrieren. Also, der Verlockung der Berge nochmals nachgeben, runter von der Autobahn und schnell nach Süden Richtung Alpen, um am Tegernsee einen Kaffee zu trinken. Über Bad Tölz und die Osterseen ist schließlich in Seeshaupt der Starnberger See erreicht – der Kreis schließt sich.Am 12. Juni 1886 erreichte auch König Ludwig hier den See. Tags zuvor hatte ihn eine Kommission aus München in Neuschwanstein abgeholt. Mit einem Gutachten von vier Ärzten, die ihn nicht einmal untersucht hatten, war der bayerische König für verrückt erklärt und abgesetzt worden. Man brachte ihn nach Schloss Berg am nördlichen Teil des Sees, um ihn dort psychiatrisch zu betreuen. Im warmen Licht der Abendsonne tuckert die BMW am Ufer entlang auf der Route von des Königs letzter Reise. Ist es nur das Ende meines Wochenend-Trips oder sind es die Gedanken an Ludwig, die einen melancholisch machen?Südlich der Ortschaft Berg im öffentlich zugänglichen Teil des alten Schlossparkes befindet sich die letzte Station in Ludwigs Leben. Ein großes Holzkreuz steht da unweit vom Ufer, im ruhigen Wasser spiegeln sich die Abendwolken. Ganz weit draußen auf dem See ziehen zwei Schwäne dahin. Eine gute Zeit, um das Geheimnisvolle des Ortes wirken zu lassen. Denn was hier im Wasser nur wenige Meter vom Ufer entfernt geschah, wird für immer ein Geheimnis bleiben. In den Abendstunden des 13. Juni 1886 ging Ludwig mit dem Psychiater Dr. Gudden spazieren. Vier Stunden später fand man die Leichen der beiden – ertrunken.Seither machen viele Spekulationen über die Vorfälle jenes Abends die Runde, erhitzen Vermutungen und Theorien jeden Stammtisch. Wollte Ludwig Selbstmord begehen, und der Psychiater starb beim Versuch, ihn davon abzuhalten? Oder wurde der König das Opfer eines Mordkomplottes, bei dem man auch gleich den einzigen Zeugen beseitigte? Wollte Ludwig fliehen und wurde dabei getötet? »Ein ewig Rätsel bleiben will ich mir und anderen«, hatte der Bayern-König einst geäußert. Was seinen Tod bbetrifft, ging dieser Wunsch in Erfüllung.

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