Beratung: Camping mit Motorrad Hotel Freiluft

Das Zelt tropfnass, die Sozia nach durchfrorener Nacht reichlich unterkühlt. Vermeidbar, wenn eine passende Camping-Ausrüstung im Gepäck ist.

Foto: Gargolov
Mit der richtigen Ausrüstung macht Campen doppelt Spaß.
Mit der richtigen Ausrüstung macht Campen doppelt Spaß.
Schön ist’s auf Motorradtouren! Den ganzen Tag die Nase in den Wind strecken, eins sein mit Natur und Kurven. Zwei Räder, ein Motor, minimalistisch,
aber maximal befriedigend. Auf Reisen
kann Camping dieses tolle Draußen-Gefühl
perfekt ergänzen. Kann. Denn mit falscher Ausrüstung wird das Erlebnis Natur schnell zur Tortur. Deshalb steht vor dem Campen die Frage: Wie viele Sterne soll mein
»Hotel Freiluft« haben?
Fürs Grand-Prix-Wochenende reicht eine Billigausstattung aus dem Kaufhaus. Zelt, Luftmatratze, Penntüte, alles zusammen im Wert von drei Bierkisten. Wenn’s reinregnet, egal, die Nacht ist schließlich nicht zum Schlafen da. Zum Frühstück Fritten und Kaffee von der Bude, Party
vorbei, Campen überlebt. Null problemo. Soll das Zelt länger als Unterkunft dienen, liegen die Anforderungen wesentlich höher. MOTORRAD wollte wissen, welche Ausrüstungen etwas taugen und belud in
Zusammenarbeit mit den Spezialisten der Zeitschrift outdoor (www.outdoor-magazin.com) eine Maschine mit sinnvollen Campingutensilien für zwei Personen. Was alles ins Gepäcksystem der KTM passte, ist in einer Packliste unter www.motorrad-online.de zu finden.
Das Zelt markiert die eigenen vier
Wände für die Zeit unterwegs. Für ein
urlaubstaugliches Zelt sind mindestens 150 Euro einzurechnen, Spitzenprodukte liegen schnell über 500 Euro. Spezielle
Angebote für Motorradfahrer sind nicht auf dem Markt, dennoch sollte man beim Kauf einige wichtige Dinge beachten.
Die Behausung darf nicht zu klein sein, um genügend Stauraum für die Motorradbekleidung, Tankrucksack, Taschen oder Koffer zu haben. Für zwei Motorradreisende eignen sich Drei- oder Zwei-Personen-Zelte mit einer großen Apsis beziehungsweise zwei ausreichend großen Apsiden. Auch Soloreiter sollten statt eines ultrakleinen Biwak-Zelts lieber eine Nummer größer wählen, damit wenigstens die
Stiefel trocken in einer Apsis Platz finden. Da nur Doppelwandzelte über Apside, also Stauräume zwischen Außen- und Innenzelt, verfügen, sind sie die erste Wahl. Tunnelzelte bieten in Relation zum Packmaß die beste Raumausnutzung mit viel Kopffreiheit, haben ein meist mittels Schlaufen aneinander gekoppeltes Innen- und Außen-
zelt. Der Vorteil: Sie lassen sich bei
Regen aufbauen, ohne dass das Innenzelt
nass wird. Allerdings müssen sie gut ab-
gespannt werden, um stabil zu stehen.
Einfache Kuppelzelte mit zwei gekreuzten
Bögen stehen, wenn’s nicht gerade stürmt, auch ohne Heringe und Abspannleinen und müssen kaum nachgespannt werden. Die Vorteile von beiden Zeltformen versuchen Sonderformen mit mindestens drei Bögen zu vereinen (zum Beispiel Exped Cassiopeia, siehe Seite 67). Eine Pyramiden- und die klassische Firstform bieten wegen der Schrägen ein vergleichsweise geringes Platzangebot, sind für Motorradfahrer also nicht unbedingt ein heißer Tipp.
Das Gewicht sollte schon wegen der meist beschränkten Zuladung von Motorrädern die Fünf-Kilo-Marke nicht übersteigen. Wer das Zelt für andere Outdoor-Aktivitäten wie Rad-, Kanu- oder Wandertouren nutzen möchte, ist sowieso über
jedes eingesparte Gramm glücklich. Gängig als Außenzeltmaterialien sind Polyester und Nylon (Polyamid). Nylon ist mit teilweise unter 50 Gramm pro Quadratmeter sehr leicht und dennoch reiß- und scheuerfest, aber empfindlich gegenüber UV-Strahlung. Bei Feuchtigkeit dehnt sich das Textil und muss deshalb nachgespannt werden. Beim so genannten Rip-Stop-
Nylon wird die Nässedehnung durch eine
eingewobene Rechenkästchenstruktur verringert, einige Nylon-Arten weisen außerdem spezielle UV-Schutzbeschichtungen auf. Ähnliche Qualitäten wie Nylon bieten hochwertige Polyester, die sich bei Nässe nicht ausdehnen und UV-beständiger sind. Bei Wind können jedoch lästige Flattergeräusche entstehen, und das Material ist ein wenig schwerer (70 bis 80 g/m2). Damit Nylon- sowie Polyester-Gewebe wasserdicht sind, benötigen sie eine Beschichtung. Diese besteht bei höherwertigen
Zelten zumeist aus Polyurethan (PU) oder Silikon, bei günstigeren Produkten aus Acryl, Vinyl oder Aluminium, was schneller undicht wird. Zur besseren Belüftung
sind im Innenzelt häufig Moskitonetze eingenäht, die sich für kälteres Klima jedoch abdecken lassen sollten.
Wie bei Hightech-Motorrädern besteht bei Top-Produkten der tragende Rahmen, also das Gestänge, aus Aluminium. Die bei günstigen Zelten vorherrschenden Glas-
fiber-Gestänge sind wenig empfehlenswert, weil sie wie Holz splittern können und relativ bruchanfällig sind. Aluminiumlegierungen sind hingegen je nach Qualität elastischer sowie gleichzeitig leichter und steifer als Glasfiber. Eine am Produkt
hoffentlich aufgeführte Kennzeichnung gibt Aufschluss über die Eigenschaften der
Legierung und die Art der Wärmebehandlung. Gut sind europäisches Alu 7075 T6 und das koreanische Äquivalent Alu 7001 T6. Spitzenklasse, aber auch preistreibend, sind die Legierungen Featherlite 7001 T6 und Easton Alloy 7075 T9.
Neben kleinem Packmaß und geringem Gewicht ist die Verarbeitung entscheidend. Schlampig gefertigte oder zu fragile Nähte lösen sich bei Sturm oder lassen die Zeltinsassen im wahrsten Sinne des Wortes
im Regen liegen. Stabil sind Doppelsteppstich-Klappnähte, bei denen beide Säume ineinander verhakt und durch parallele Nähte verbunden werden. Die Kreuzungspunkte der Nähte sind grundsätzlich Schwachstellen, die selbst bei teuren
Zelten mit Nahtdichter behandelt werden
sollten. Qualitätshersteller nähen langsam, um das synthetische Gewebe nicht zu
beschädigen. Das erzeugt höhere Herstellungskosten und schlägt sich im höheren Verkaufspreis nieder. Positiv ist, wenn ein Modell schon jahrelang praktisch unverändert auf dem Markt ist.
Damit das gute Stück nicht durch unscheinbare Dornen, Steine und Stöckchen verletzt wird, empfiehlt sich, vorbeugend eine passende Unterlegplane zu besorgen. Die gibt es im Baumarkt und kostet nicht die Welt. Die Plane sollte nicht unter
dem Zeltboden hervorstehen, da sich dort sonst Wasser sammelt und durch den
Zeltboden drückt. Weitere Pflegetipps:
Das Zelt nicht aus- und abfegen, denn der Schmutz scheuert auf der Beschichtung. Lieber ausschütteln und anschließend mit einem Schwamm und lauwarmem Wasser ohne Zusatz reinigen. Steckverbindungen des Alu-Gestänges und Reißverschlüsse können nach Gebrauch mit Silikonspray behandelt werden, um sie leichtgängig zu halten. Bei starker Brise den Eingang auf die windabgewandte Seite platzieren und die Abspannleinen nicht zu stark anziehen, denn bei Windzunahme können eventuell Nähte reißen. Ebenso daran denken, dass wegen Feuchtigkeit nachgespannte Leinen beim Trocken rechtzeitig wieder gelockert werden. Wenn die ausgewählte Stoffhütte gut steht, kann es regnen, stürmen oder schneien. Dem Bewohner kann’s unter
seinem hauchdünnen Dach überm Kopf egal sein. Er bleibt trocken.
Doch ein nacktes Zelt allein, und sei es noch so teuer, ist noch keine Fünf-Sterne-Unterkunft. Gemütlich wird’s erst mit dem richtigen Schlafsack und einer guten Isomatte. Für Touren in den sonnigen Süden eignen sich dünne Sommermodelle, die sich durch ein extrem kleines Packmaß und ein Gewicht von in der Regel unter
einem Kilogramm auszeichnen. Allerdings bieten diese nur in lauen Nächten Schlafkomfort und kommen in Bergregionen
mit starkem nächtlichem Temperaturabfall schnell an ihre Grenzen. Die Angaben
vom Hersteller sagen oft nur wenig aus: Die Nacht zu überleben bedeutet etwas anderes, als erholsam zu schlafen. Es muss jedoch nicht gleich ein expeditionstauglicher Winterschlafsack sein. Der macht vielleicht auf dem Elefantentreffen eine gute Figur, füllt aber schon fast einen ganzen Koffer beim Transport.
Ratsamer ist es, sich für einen so
genannten Drei-Jahreszeiten-Schlafsack in Mumienform zu entscheiden. Der Temperaturbereich dieser Allrounder liegt zwischen null und plus 20 Grad Celsius. Dabei sind diese Versionen noch ziemlich leicht (1000 bis 2000 Gramm) und im Packmaß selten größer als ein Fußball. Sehr wichtig für die Isolierwirkung des Schlafsacks sind richtige Länge und Schulterbreite, sonst kann die vom Körper produzierte Wärme an offenen und durchgedrückten Stellen entweichen. Probeliegen sei deshalb dringend empfohlen. Im Fachhandel ist das kein Problem. Die Außenbezüge sind meist aus Polyester oder Nylon, und Innen-
bezüge sollten statt aus Feuchtigkeit aufsaugender Baumwolle lieber aus feinem Nylon (zum Beispiel Pertex) gefertigt sein.
Schwieriger ist die Beantwortung der Frage nach dem Füllmaterial: Daune oder Kunstfaser? Daunenschlafsäcke schaffen ein angenehmes Schlafklima, haben eine längere Lebensdauer und relativ zum Packmaß die beste Wärmeleistung. Kein synthetisches Material bauscht und isoliert entsprechend so gut wie Gänse- oder
Entendaunen. Doch zählt der Titel »Daunenschlafsack« wenig, wenn nicht das
Verhältnis von Daunen und Federn in
Prozenten angegeben ist (sehr gut: 90/10; gut: 70/30). Daunen reagieren jedoch empfindlich auf Feuchtigkeit, sie klumpen dann zusammen. Einfacher in der Handhabung sind die etwas schwereren Kunstfaser-Schlafsäcke. Ihre silikonummantelten Polyesterfasern bauschen selbst bei hoher Feuchtigkeit noch und sind leichter in der Waschmaschine zu reinigen. Diese Vorteile weisen nur Markenwaren mit Füllungen
wie beispielsweise Hollofil, Quallofil, Thermolite oder Polarguard auf, bei Billiganbietern ist die für die Bauschfähigkeit wichtige Beschichtung der Fasern manchmal schon nach der ersten Wäsche zerstört.
Um der Füllung ein möglichst langes Leben zu bescheren, gilt generell für Daunen- wie für Kunstfaserschlafsäcke: lieber lüften als waschen. Zum Lagern des Schlafsacks eignen sich Bett- oder große Kissenbezüge, auf keinen Fall den Schlafsack komprimiert im Packsack lassen.
Da jeder Schlafsack beim Liegen vom Körper platt gedrückt wird, kann er in diesem Bereich nicht besonders gut isolieren. Aus diesem Grund ist eine gute Isolationsunterlage unerlässlich, sonst nützt der
beste Schlafsack wenig. Mittlerweile haben sich die selbst aufblasenden Thermo-
Matten aus PU-Schaum durchgesetzt.
Die kosten zwar deutlich mehr als die
billigen Polyethylen-Isomatten oder Alu-
Matten aus dem Baumarkt, dafür sind Letztere schon nach einem Urlaub hinüber. Die Luft-Thermo-Matten isolieren hingegen jahrelang und sind wesentlich komfortabler. Anbieter wie Therm-a-Rest, Exped oder Ortlieb haben Qualitätsprodukte in verschiedenen Stärken im Programm. Für längere Motorradtouren eignen sich etwa vier Zentimeter dicke Matten, die im Idealfall packfreundlich längs in der Mitte zu
falten sind. Gediegen sind Komfortmodelle (breiter als 60, dicker als fünf Zentimeter), die beinahe so bequem wie ein Futon
sind, aber viel Raum einnehmen. Weniger
anspruchsvolle und/oder leichtgewichtige Menschen kommen gut mit den Platz
sparenden, unter einem Kilogramm leichten Basisversionen zurecht.
Wer sich einen längeren Aufenthalt im »Hotel Freiluft« angenehm gestalten will, findet ein reichhaltiges Zubehörangebot in den Katalogen großer Anbieter wie Globetrotter (www.globetrotter.de), Relags (www.
relags.de), Woick (www.woick.de) oder Larca (www.larca.de) sowie in den einzelnen Outdoor-Fachgeschäften. Vom Mini-Kocher über Boeuf Stroganoff aus der Tüte bis zum bruchsicheren Schraub-Weinglas. Da werden selbst eingefleischte Mini-
malisten zu manischen Gear-Freaks und echten Camping-Füchsen. Denn draußen
ist’s schön. Hauptsache, man vergisst vor
lauter Rasten das Motorradfahren nicht.

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