Bike & Hike in den Deutschen Alpen (Archivversion) Bergsteiger

Fast könnte man den östlichen Außenposten der Deutschen Alpen übersehen, so versteckt kauert er in der Grenzumarmung Österreichs. Aber das von zackigen Zweitausendern flankierte Berchtesgadener Land bietet nicht nur Bikern beste Bedingungen. Mal Lust auf was Neues?

Eisiger Wind fegt um die letzte Kehre vor dem knapp 1600 Meter hohen Roßfeld. Ich ziehe den Jackenkragen enger, stelle die BMW F 650 CS ab und betrachte das erste rosarote Leuchten auf den Alpengipfeln rundum. Links im Salzburger, rechts im Berchtesgadener Land. Direkt vor mir wie auf einer Kinoleinwand die felsige Gipfelregion des Hohen Göll.
Es ist kurz vor sechs, und die Sonne beginnt gerade aufzugehen.
Als es heller wird, sind ringsum auf
der Roßfeld-Höhenringstraße weitere Zuschauer des Naturschauspiels auszumachen. Ein Jäger, zwei Pärchen in Cabrios und Achim aus Bad Reichenhall, der
neben seiner BMW R 100 GS eine Frühstückssemmel vertilgt. Nach einer Weile verschwinden die Cabrios in Richtung
Tal, der Jäger im Gebüsch und Achim, der wie ich mit Bergschuhen und Rucksack angereist ist, auf den Gipfeltrail zum Hohen Göll. Fünf Kilometer, 990 Höhenmeter. Klingt spannend, aber anstrengend. Noch bleiben die Stöcke aber im Gepäck. Während helle Schäfchenwolken um Tennengebirge, Dachstein und Untersberg schweben, tausend Meter tiefer im Salzachtal
die letzten Lichter erlöschen, lasse ich die BMW durch die schnittigen Kehren hinunter ins Tal der Berchtesgadener Ache rollen.
Trotz früher Stunde herrscht auf der Bundesstraße nach Marktschellenberg bereits dichter Urlaubsverkehr. Ich studiere die Karte und schwenke auf einen nur
fadendünn verzeichneten Seitenweg
entlang der österreichischen Grenze. Das
eine oder andere Bauernhaus taucht auf, dazwischen nichts als Wald, Weiden und Wiesen. Bis auf ein paar schnatternde Gänse am Gasthaus Zill scheint dieser
äußerste Winkel Deutschlands im sanften Dornröschenschlaf zu liegen.
»Sehr enge Kurven!« Das Schild in Marktschellenberg ist verheißungsvoll und das folgende Sträßchen gerade mal so breit wie eine Hofeinfahrt. Treffer! Vor mir liegt der Einstieg zur Höhenringstraße auf dem Ettenberg – die kleine Schwester der Roßfeldstraße gewissermaßen. Die Fahrbahn klettert zügig nach oben und schlängelt sich mit Blick auf den lang gezogenen Felsrücken des Untersberges an geraniengeschmückten Bauernhäusern vorbei. Unterettenberg, Hinterettenberg, Vorderettenberg und schließlich die Wallfahrts-
kirche Maria Heimsuchung, wo der Heilige Christophorus 4,30 Meter hoch neben
der Kirchenorgel thront. »Schutzpatron nicht nur der Auto-, sondern auch der
Motorradfahrer«, betont der Pfarrer, der den anschließenden Kurvenrausch vermutlich kennt. Tatsächlich geht es nach
einem kurzen Waldstück den Ettenberg verwegen hinab. Schräglage links, rechts, links. Als der Asphalt unerwartet
endet, komme ich auf losem Kies gerade noch schlingernd zum stehn. Die neunte Station des Marktschellenberger Kreuzweges ist
erreicht. Kreuzwegstation für Kreuzwegstation holpere
ich mühsam ins Tal zurück.
Und geradewegs zur Almbachklamm. Der Pfad durch die drei
Kilometer lange Schlucht muss sein. Allein wegen der wildromantischen Wegführung über 320 Felsstufen, 29
Brücken und entlang tosender Wasserfälle. Erstkontakt mit den Wanderwegen und gar nicht mal so übel.
Wenig später – und bereits wieder auf dem Bike – wird’s dagegen hochpolitisch. Hinter Berchtesgaden liegt der Obersalzberg. Schmale Fahrbahn, enge Kurven, über 20 Prozent Steigung. Ähnlich dem
Ettenberg, nur fiel hier das ursprüngliche Dorfidyll der deutschen Geschichte zum Opfer. 1933 erkor Hitler den Obersalzberg zu seiner Alpendependance. Die NSDAP vertrieb die Einwohner, riss die Bauernhäuser ab und erklärte den Obersalzberg fortan zum Führersperrgebiet. Was von den anschließenden Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg übrig blieb, stand dann bis 1996 unter Kontrolle der US-Armee.
Vor dem Hotel »Zum Türken« – im
Dritten Reich Kommandozentrale des Reichssicherheitsdienstes – stehen drei Bistro-Tische, und eine Eis-Fahne weht
im Wind. Nach all den Jahrzehnten, so
die Chefin, sei der Gasthof wieder im
Familienbesitz. Weinranken klettern an
den Holzbalkonen empor, aus den Blumenkübeln quellen leuchtende Geranien – alpenlän-
dische Gemütlich-
keit scheint aus
allen Poren zu
dringen. Bis auf den Keller, wo unverändert
Gefängniszellen, Schießscharten und ein Eingang zum rund drei
Kilometer langen Führerbunker an die
unselige Zeit erinnern.
Das Labyrinth unter Tage setzt sich
an der Oberfläche lückenlos fort: Scharitzkehlstraße, Salzbergstraße, Rennweg. Die BMW brummt über dreidimensional verschachtelte Bergstraßen, auf denen sogar die 1:200000er-Karte kaum noch weiterhelfen kann. Bald taucht sogar der Watzmann auf, Deutschlands zweithöchster Berg. Mit seinem gezackten Kamm und der 2712 Meter aufragenden Mittelspitze nicht minder markant als Rekordhalterin Zugspitze. Darunter die fast 2000 Meter hohe Watzmann-Ostwand – eine senkrechte Wüste aus Stein.
Kontrastprogramm wenig später in Berchtesgaden. Idyllische Gassen, Häuser mit Lüftlmalerei, Pralinen, Honigschnaps, Meister-, Edel- und Bärwurz im Schaufenster von Grassels Enzianbrennerei.
Das Nationalparkhaus am Franziskanerplatz empfiehlt für Sportliche heute eine geführte Wanderung zum Kärlingerhaus am Funtensee: Salet, Sagereckwand, Grünsee und zurück über die Saugasse nach St. Bartolomä, Tourstart am Park-
platz Königssee in 15 Minuten.
Bevor ich allerdings für einen längeren
Trip vom Motorrad steige, lasse ich mich von der Alten Reichenhaller Straße zu
einem Klassiker einheimischen Wegebaus geleiten – der Deutschen Alpenstraße.
Es zuckt kurz in den Fingern, dann kriegt die BMW Feuer, und wir brausen Richtung Inzell davon. Prompt sind alle Wanderpläne erst mal vergessen, Asphalt, Schräglagen und Bremspunkte bestimmen nun die Wahrnehmung. Als ich wieder zur
Besinnung komme, sind bereits die sanftgrünen Hügel des bayerischen Voralpenlandes zu sehen, die zackigen Kalkalpen liegen hinter mir.
Aber bereits westlich von Ruhpolding schlängelt sich die Alpenstraße in perfekt geformten Bögen ganz namensgemäß wieder ins Gebirge. Links taucht silbrig glänzend der Förchensee auf,
Lödensee, Mittersee, Weitsee
folgen. Glasklare Gewässer, Regenbogenforellen dicht unter der Wasseroberfläche, bewaldete Inseln und malerische Schilfbuchten dringen ins Bewusstsein zurück. Abzweig Winkelmoosalm. Ein schmales Mautsträßchen wickelt sich zügig den Berg hinauf, passiert Almhütten, Kuhherden, Ski-Lift-Stationen und endet schließlich mit einem fulminanten Weitblick auf die Loferer Steinberge. Rosi Mittermaiers Pistenrevier der wilden 70er. Nach einem Blick auf die Karte stehen die nächsten Etappenziele fest: Reit im Winkl und Kössen im österreichischen Kaiser-
winkel. Wenn schon Winkel, dann richtig.
Rasant treibt es mich Richtung Österreich und bald taucht wie ein Scherenschnitt der Fels-
kamm des Wilden Kaisers auf. Ab
hier übernimmt die Tiroler Ache das Geleit gen Norden. Über Marquartstein nach Schnappenwinkl, von dort nach Grabenstätt-Winkl und am Heinrichswinkl vorbei nach Chieming.
Wo ich vom Landesteg am Chiemsee fast bis zum Malerwinkel bei Gstadt schauen kann. Es dämmert, als ich am Ende der Winkel-Tour erneut nach Berchtesgaden rolle. Und es ist noch
immer dunkel, als der
Radiowecker am nächs-
ten Morgen den ersten
alpenländischen Jodler ins Hotelzimmer schmettert. Wanderstöcke, Bergstiefel und Brotzeitpaket stehen bereit, der geplante Wandertrip durch den Berchtesgadener
Nationalpark kann beginnen.
Auf zum Königssee, wo der Alpen-
Express bereits bimmelnd seine Runden dreht und sich das eine oder andere
Wander-Accessoire erstehen lässt: Wanderstöcke, wahlweise mit Kuhglocke oder Trillerpfeife für verloren gegangene Kinder, Trachtenmode für Hunde und das Plüschtier »Schweinchen Babe am Königssee«, das wie eine Flipperkugel durch seinen Pappkarton wirbelt.
Ich erwische das erste ablegende Boot, und mit 16 km/h tuckern wir gen West-
ufer. Ein paar Wanderer sind mit an Bord,
ein Nationalparkwärter auf dem Weg zur
Arbeit und Roland Fuchs, der mit seinem »Flügelhörndl« das Echo vom Königssee demonstriert. Die Kirche von St. Bartholomä erscheint, dahinter die senkrecht emporragende Watzmann-Ostwand, an der bislang knapp 100 Bergsteiger ihr
Leben ließen. Hier legen wir an, tauchen – nur wenige Kilometer von Schweinchen Babe im Pappkarton entfernt – in eine der Zivilisation komplett entrückte Natur ein.
Das Boot verschwindet, und Stille senkt sich über die Pfade und Steige, die sich an knorrigen Baumriesen und Farnwäldern vorbei durch den 460 Quadratkilometer großen Alpen-Nationalpark ziehen. Ich wandere ein Stück am Ufer entlang, dann beginnt der Aufstieg zur Kührointhütte. Steine knirschen
unter den Sohlen, Murmeltiere pfeifen. Ich schnüre
die Schuhe fester und mache mich auf den Weg zur Achenkanzel. »Klettersteig, nur für Geübte«, steht
in der Karte. Der so genannte Rinnkendelsteig führt tatsächlich steil den Fels hinan, gewinnt schnell an Höhe. Vorsichtig setze ich Fuß vor Fuß, kleine Steine kullern ins Tal, an manchen Stellen sichert lediglich ein Drahtseil den hart in den Fels gehauenen Tritt. Immer tiefer breitet sich unter mir der flaschengrüne Königssee aus. Bloß nicht schwindlig werden. 800 Höhenmeter liegen bis zum höchsten Punkt an. Kühle Luft vom See streift die erhitzten Muskeln. Nach gut zweieinhalb Stunden ist die Achenkanzel samt ihrer Wahnsinnsaussicht erreicht, eine weitere halbe Stunde später die Kühroint-Alm. Erschöpft stürze die angebotene Buttermilch in einem Zug hinunter, die Vesperbrote folgen zügig. Wandern macht hungrig. Und müde.
Das also war »mittlerer Schwierigkeitsgrad«, wie ich auf einer sonnenwarmen Holzbank dösend im Wanderführer nachlese und nebenbei völlig unbekannte
Beinmuskelgruppen kennen lerne. Jetzt der Abstieg. Doch nun ist’s leichter, der Weg fällt breit und schattig durch den Wald allmählich wieder auf Seehöhe ab. Ein paar Meter und ich bin wieder auf
dem Parkplatz beim Königssee. Endlich, die BMW! Dankbar sinke ich in den Sattel, wir rollen an. Nur nicht mehr bewegen.
Im Norden flaut der Verkehr jenseits
der A 8 langsam ab, das Sträßchen windet sich über sanftgrüne Hügelkuppen, die Berchtesgadener Alpen breit aufgestellt
im Rücken. Kein Souvenirladen mehr,
allenfalls ein Traktor oder die Spitze einer Dorfkirche. Ich bin definitiv reif für die
Einsamkeit. Hinterm Waginger See ziehe ich einen Bogen über Salzburg und Hallein zurück nach Berchtesgaden. Ich komme gerade recht, als auf dem Weg hinauf zum Roßfeld die Alpengipfel rosarot zu glühen beginnen. Links die Salzburger, rechts die Berchtesgadener. Es ist kurz vor Sonnenuntergang. Der Aufgang scheint Jahre
zurückzuliegen.

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