Biker-Szene Kapstadt (Archivversion) Kinderüberraschung

Das Bild der Motorradfahrer wandelt sich auch in Südafrika. Weg vom Rockerimage hin zum spielzeugsammelnden Wohltätigkeits-Biker.

Was bringt hartgesottene Biker dazu, riesige Plüschbären statt spärlich bekleideter Damen auf den Soziussitzen ihrer Bikes Platz nehmen zu lassen? Der alljährliche Toy Run. In den USA erfunden, in Europa weitergeführt, ist diese Veranstaltung jetzt auch am südlichen Ende Afrikas in. Die ganze Sache dient einem guten Zweck und macht sichtlich Spaß. Motorradfahrer treffen sich, gehen gemeinsam auf Tour und sammeln sich danach auf einem großen Festplatz. Als »Eintritt« muß jeder Biker ein Spielzeug, neudeutsch toy, mitbringen und in einen bereitgestellten Container werfen. Die Spielsachen werden dann zu Weihnachten an arme Kinder verschenkt - ein tolle Idee.Speziell in Südafrika ist das eine gute Chance, das lädierte Biker-Image in der Öffentlichkeit aufzumöbeln. Wie in Europa vor vielen Jahren gelten Motorradfahrer in Südafrika in den Augen der meisten Bewohner ausschließlich als lärmverursachende Rocker. Bedingt durch die wirtschaftlichen Sanktionen und utopische Einfuhrzölle für Bikes konnte sich, trotz idealer klimatischer Bedingungen, bis vor kurzem keine Motorradszene wie in Deutschland oder in Amerika entwickeln. Maschinen kamen selten über offizielle Importeure, sondern meist in Einzelteile zerlegt als Schrott ins Land, um die horrenden Einfuhr-Zölle zu umgehen.Seit dem demokratischen Neubeginn 1994 änderte sich das. Die Zölle wurden reduziert. Bis 800 Kubikzentimeter betragen sie jetzt noch 20 Prozent, darüber 40 Prozent vom Wert des eingeführten Motorrads. Da das Lohnniveau in Südafrika etwa auf der Hälfte Deutschlands liegt, sind Motorräder allerdings immer noch Luxusgüter.Vor dem großen Supermarkt-Parkplatz, wo der Toy Run beginnt, sammeln sich trotzdem Bikes und Biker aller Couleur. Neben vereinzelten, von Passanten viel bewunderten neuen Harleys und Gold Wings dominiert Japanisches aus den 70er Jahren, modifiziert durch zahlreiche Um- und Anbauten. Daß es so viele Maschinen aus dieser Zeit im Land gibt, liegt daran, daß damals der südafrikanische Rand noch umgerechnet drei Mark wert war. Heute bekommt man für eine Mark drei Rand!Ein wilder Rasta-Mann radiert vor applaudierendem Publikum mit seinem durchdrehenden Hinterreifen schwarze Kreise auf den Asphalt.Später geht es im Pulk über gesperrte Straßen vorbei an der grandiosen Tafelberg-Kulisse. Der Straßenrand ist mit klatschenden Menschen gesäumt. Fernsehteams filmen das Geschehen.Am Festplatz spielen alte Herren in traditioneller Kleidung Blasmusik. Sie wirken dabei etwas deplaziert. Wahrscheinlich hätte Country, Western oder Afro-Rock ein bißchen besser gepaßt. Vielleicht beim nächsten Mal.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote