Bitumenschmiererei am Sudelfeld (Archivversion)

Zoff im Paradies

Auf der Strecke am Wendelstein haben sie wild mit Bitumen geschmiert. Ob deswegen ein Motorradfahrer sterben musste, wird noch untersucht.

Sonntag, 17. August, 11.00 Uhr. Der Parkplatz am Café Kotz füllt sich. Ferienzeit, Hochsaison in den bayerischen Alpen. Wirtin Leni trägt Zwetschgenkuchen, Kaffee und Apfelschorle im Akkord auf die Terrasse. Schmeckt prima, sind sich alle einig. Motorradfahrer, Mountainbiker, Wanderer, Touristen und Einheimische.Als der Landtagsabgeordnete Ludwig Wörner eintrifft, teilt sich das Publikum in zwei Lager. Anwohner der Gemeinden rund um den Wendelstein auf der einen, Motorradfahrer auf der anderen Seite. Erstere wollen ihre Ruhe haben, Letztere sichere Straßen.Ludwig Wörner engagiert sich schon seit längerem. Dafür, dass die für Motorradfahrer lebensgefährliche Bitumenschmiererei ein Ende nimmt. Er sammelt Unterschriften, platziert Plakate, auf denen zu lesen ist, dass die Bayerische Staatsregierung hinter dem Bitumen-Flickwerk steckt. Derzeit herrscht Wahlkampf. Unterstützt wird Wörner von Motorradlern, die über 800 Unterschriften gegen das fragwürdige Aufbringen von Bitumen auf der Sudelfeld-Straße zusammengetragen haben. »Ich möchte hier keine Rennstrecke bauen, sondern die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer garantieren«, sagt Wörner. »Motorrad-Terror und Verschwendung von Steuergeldern« sowie »billige Wahlpropaganda am Sudelfeld« unterstellen ihm »betroffene Mitbürger« in einem offenen Brief. Flugblätter kursieren. Manche schlagen einen versöhnlichen Ton an. Auf den ersten Blick. Motorradfahrern, die sich an die »Verkehrsregeln halten und leise fahren«, die »des Volkes Zukunft sind«, wird ein langes und gesundes Leben gewünscht. Im selben anonymen Blättchen steht dann aber auch, dass all diejenigen, die »terrorisieren«, »belästigen«, »bedrängen« und »Kinder ängstigen«, der »Teufel holen soll«. Am Montag, den 11. August, ver-unglückte ein Motorradfahrer tödlich. Er hinterlässt Frau und zwei Kinder. Noch ist die Unfallursache nicht geklärt. Eine Streckensperrung wollten Anwohner des Sudelfelds durchsetzen. Als vermeintlich einfachste Lösung, die paar Krawallmacher loszuwerden, die mitunter den Ton angeben im Erholungsgebiet. Weil sich ein solches Fahrverbot freilich nicht so einfach verordnen ließ, wie die Initiatoren erhofft hatten, und Vertreter der Gemeinde Oberaudorf schon längst drohten, dann würden ihnen sicher andere Möglichkeiten einfallen, die Unruhestifter abzuschrecken, drängt sich der Verdacht auf, dass die Bitumenschmiererei am Sudelfeld eine dieser »Möglichkeiten« sein könnte. Zumal es genug Motorradler gibt, die beschwören, die Strecke sei vor der Reparatur in Ordnung gewesen. Besser jedenfalls als jetzt. Ausführliche Kontrollen und Aufklärungsarbeit habe man sich nicht leisten können, sagt ein Hotelier. »Mit viel Mühe und Geld ist das verbunden. Geld, das uns fehlt, weil die Feriengäste wegen der Motorradfahrer wegbleiben.« Abgesehen davon, dass Streckensperrungen, so der Tübinger Verkehrsrechtler Professor Dr. Michael Ronellenfitsch, prinzipiell verfassungswidrig sind, läuft – vor diesem Hintergrund – die Bitumenflickerei am Sudelfeld in eine Richtung, die nicht arg weit entfernt ist von einer Haltung, einer Stimmung, die man durchaus als »Selbstjustiz« bezeichnen könnte (siehe Kommentar). Die Situation droht zu eskalieren. Dazu passt, dass eines Morgens Poli-zisten vor der Tür des Motorradfahrers Michael S. aus O. standen. Mit einem Hausdurchsuchungsbefehl, den Computer nahmen sie mit. Auf dem soll S. einen bitterbösen Brief an das Straßenverkehrsamt in Rosenheim geschrieben haben. Wegen der Bitumenschmiererei am Sudelfeld. Und wegen »Beamtenbeleidigung« wurde nunmehr das vermeintliche Tatinstrument konfisziert. Am Sudelfeld und drum herum sollte man über eines mal dringend nachdenken – die Verhältnismäßigkeit der Mittel.
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Bitumenschmiererei am Sudelfeld: Reportage (Archivversion)

Motorradfahrer gegen Anlieger – Oliver Ebner, Assistent der Chefredaktion, zur Situation am Sudelfeld, die immer mehr zu eskalieren droht.
Was verbirgt sich hinter der Bitumenschmiererei auf einer bei Motorradfahrern so beliebten Strecke wie dem Sudelfeld? Sei völlig okay und habe ausreichend Grip, so schätzten Motorradfahrer das Teilstück am Sudelfeld ein. Vor der »Sanierung«. Das Straßenbauamt in Rosenheim spricht von einer »Rennstrecke«. Anwohner beklagen sich über belästigende, bedrängende und Kinder ängstigende Motorradfahrer.Ich will hier nichts schön reden. Es gibt sie tatsächlich, diese Leute, die dort mit leer geräumten Endtöpfen auf- und abfahren. Und es gibt auch Leute, die dort Rennerles fahren, auf der Ideallinie, der vermeintlichen, und die den Gegenverkehr schnöde ignorieren. Diese Zeitgenossen, so wenige es sein mögen, geben freilich den Ton an im Urlaubsparadies. Wer jetzt aber nach Streckensperrungen schreit, der schüttet das Kind mit dem Bade aus. Nicht nur, weil bayerische Gerichte entschieden haben, dass ein Fahrverbot erst ausgesprochen werden darf, wenn vorher alle polizeilichen Mittel wie Geschwindigkeits- oder Lärmkontrollen ausgeschöpft worden sind. Wenn die Gemeinden das nicht wollen, aus was für Gründen auch immer, dann müssen sie nach anderen Wegen suchen. Aber entgegenzusteuern, indem man die Straße für Motorradfahrer unattraktiv macht, durch Bitumen etwa, hat mit Bauernschläue nichts zu tun. Und gar zu behaupten, dass »der besonnene Fahrer bisher die Todesgefahr der Bitumenstreifen nicht erkannt habe«, wie in einem Flugblatt steht, ist so ignorant wie dumm. Ignorant, weil man auch bei Tempo 40 auf Bitumen abschmieren kann. Dumm, weil die Formulierer dieses Textes zu erkennen geben, dass es tatsächlich wohl einen Zusammenhang zwischen »Straßenreparatur« und gescheiterter Sperrung gibt. Gegen Krawallmacher kann jede Gemeinde korrekt vorgehen, sie muss es nur wollen. Gegen einen Sturz auf Bitumen kann so mancher Motorradfahrer gar nichts tun.

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