Böhmerwald (Archivversion) Manche mögen´s kalt

Von angenehm mildem Klima bis zum Schneegestöber reicht das Spektrum bei einer Winterreise durch den Böhmerwald. Mitunter ein frostiges, aber keineswegs frustiges Vergnügen.

Die deutsch-tschechische Grenze rückt näher. Mit jedem Kilometer in Richtung Osten habe ich das Gefühl, dass der Fahrtwind immer eisiger wird. Die Heizgriffe der BMW R 1100 R glühen schon längst auf der höchsten Stufe. Am Ortseingang von Bayerisch Eisenstein begegnen mir schließlich Autos, die sind augenscheinlich auf dem Weg zum Skifahren. Mit dem Motorrad wirke ich etwas deplaziert, und ich bin mir nicht mehr ganz so sicher, ob dieser Ausflug eine gute Idee war. »A dreiviertel Jahr is Winter, a viertel Jahr is kalt.« Der Zöllner, der am Bahnhof von Bayerisch Eisenstein den Personentransit zwischen Bayern und der Tschechischen Republik überwacht, nimmt die vorherrschenden Temperaturen gelassen hin. Weniger gelassen sieht er den Schmuggel von Zigaretten und Schnaps sowie den Menschenhandel, der seit der Grenzöffnung überhand genommen hat. Nein, die Halunken kämen mitnichten über die versteckten Saumpfade durchs Gebirge. Die nutzten wie jedermann die bequeme Variante über Straße und Schiene. Was die Schienen betrifft, so war noch vor zehn Jahren gleich nebenan im Bahnhof von Bayerisch Eisenstein Endstation. Für Schmuggler und Nicht-Schmuggler gleichermaßen. Erst seit 1991 wird das Schienennetz wieder grenzüberschreitend genutzt.Wenige Meter hinter der deutsch-tschechischen Grenze erwarten mich meterhohe, rotwangige Gartenzwerge. Dahinter erstreckt sich eine ganze Siedlung schrill lackierter Pilzhäuser, flankiert von Keramikschweinen, -gänsen und -hirschen. Staunend wie Alice im Wunderland rolle ich an diesem Kitsch vorbei, passiere eine Unzahl von Marktständen, die rund um die Uhr geöffnet haben und an denen zumeist asiatische Händler Parfum, Zigaretten, Textilien und Schnaps anbieten. Ich suche verzweifelt das auf der Karte verzeichnete Zelezná Ruda und gerate immer tiefer in den wuchernden Schilderwald: »Tanken nonstop«, »Casino nonstop«, »Bar nonstop«. Dann zwei pittoreske Zwiebeltürme einer Kirche, die eingekeilt sind von grell beleuchteten Billig-Bordellen. Ich gebe Gas – nonstop – und folge dem einzigen wirklich interessanten Schild: Dem Wegweiser nach Nyrsko.Schmal führt das Sträßchen an rege frequentierten Skiliften vorbei, bevor die dunklen Fichten über ihm zusammenschlagen. Šumava nennen die Tschechen diesen Teil des Böhmerwalds, was soviel wie rauschender, brausender Wald bedeutet. Zum Glück ist es heute windstill – der Fahrtwind allein ist erfrischend genug.Am Stausee Nyrsko biege ich ab und folge dem Fluss Uhlava zu seiner Quelle, tief im Herzen des Böhmerwalds. Ab und an zeigt sich ein versteckter Weiler, dann verschwindet die Fahrbahn zwischen weiß gepuderten Nadelbäumen, die wie böhmisches Kristallglas glitzern. Was für eine Natur! Jetzt im Winter gibt sie sich noch urwüchsiger und geheimnisvoller als den Rest des Jahres. Die Sicht reicht bis weit hinüber zu den dicht bewachsenen Bergkuppen des Grenzgebirges, das sich in Wolken hüllt wie Nebelwald.In der Berghütte Hamry prasseln Holzscheite im Kamin; und während in der Küche der nächste Tee zubereitet wird, brüte ich über der Landkarte und entdecke einen winzigen Abzweig, der gleich hinterm Haus in die Berge führen muss. Der Wirt, der die Routenplanung aus den Augenwinkeln mitverfolgt hat, versucht schließlich, mir etwas zu erklären. Aber ich verstehe kein Wort. Als sich eine Weile später die beiden Zylinderköpfe der BMW in eine Schneeverwehung graben, dämmert es mir. Die Šumava, oberhalb von Hamry in tiefen Winterschlaf versunken, zeigt jedem Eindringling ihre Zähne.Nach der gelungenen Kehrtwendung des 246 Kilogramm schweren Motorrads auf der eisglatten Fahrbahn, fahre ich erleichtert Richtung Klatovy. Schon nach wenigen Kilometern ist der Winter mit einem Schlag vorbei. Die Sonne scheint, die Landschaft präsentiert sich schneefrei, die Temperaturen klettern auf nahezu vorfrühlingshafte Werte. So, als sei nichts gewesen. Bald wage ich mich auf ein kleineres Sträßchen, das in schnellen Bögen durch Felder, Wiesen und Baumalleen führt. Die geschwungenen Linien des Böhmerwalds rücken vorerst auf respektvolle Distanz.Klatovy kommt in Sicht. Wohnblocks aus Beton erwecken den Eindruck, als wolle die Stadt den Besucher in die Flucht schlagen, bevor er sich dem malerischen Stadtkern nähern kann. Hier angekommen, sieht man, dass dieser Ort einst zu den reichsten Städten Böhmens zählte, der im Lauf der Geschichte allerdings oft geplündert und gebrandschatzt wurde. Um den Marktplatz drängen sich prächtige Kirchen, Türme, mittelalterliche Katakomben und Patrizierhäuser mit Fassaden aus Renaissance, Barock und Klassizismus.In fliegender Fahrt geht’s per Bundesstraße 27 gen Süden. Auf der Landstraße nach Velhartice herrscht wieder der Winter - es schneit, was das Zeug hält. Die von der Sonne erwärmte Straße hat ein Einsehen, und die BMW rollt ohne zu Schlingern durch ein böhmisches Wintermärchen. Eine Kapelle hier, eine Burgruine dort, dazwischen Wälder, Alleen und stille Ortschaften. Bei Sušice stoße ich auf die Otava und folge ihr bis Rabi, einer der mächtigsten Festungsruinen Böhmens. Die Strecke von Sušice nach Kašperské Hory präsentiert sich schließlich frei von jeglichem Verkehrsaufkommen. Entsprechend ungestört kann die BMW auf der sowohl trockenen als auch reich gewundenen Strecke entlang des Flusses die Kraft ihrer 80-PS-Maschine entfalten. Motorradfahren wie im Frühling - einfach genial! Im Augenwinkel rauscht die einstige Kaiserburg Kašperk vorbei, die in dieser Jahreszeit einsam und verlassen aus den tief verschneiten Wäldern ragt.Nichts rauscht, nichts braust. Die Wälder der Šumava, die ich nach der gescheiterten Expedition bei Hamry nun wieder erreiche, sind still. Wie eine terra incognita, die nur darauf lauert, hier und jetzt entdeckt zu werden. Da das Sträßchen nach Srni wegen kniehoher Schneeverwehungen unpassierbar ist, probiere ich die etwas breitere Straße über Kvilda. Treffer! Doch noch während ich über den griffigen Belag triumphiere, verschwindet dieser schon unter einer dicken Lage Schnee. Das schwere Motorrad nimmt die Herausforderung an und schlingert im Schritttempo an Fichten vorbei, die mit steigender Höhenlage ins schier Unermessliche zu wachsen scheinen. Keine Motorsäge rückt ihnen auf den Nadelpelz, denn das gesamte Gebiet der Šumava, eine Fläche von 950 Quadratkilometern, wurde 1963 zum Nationalpark erklärt. Dem größten des Landes.Etliche Kilometer weiter kommt mir ein Schneepflug entgegen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die lockere Schneeschicht mit seiner Schaufel zu glätten. Verdammt, früher wurde tonnenweise Salz über den Goldenen Steig, einen uralten Handelsweg, nach Böhmen geschleppt, aber Streusalz scheint hier unbekannt. Bei Kvilda sackt die BMW in eine tiefe Spurrille, bricht aus, stürzt und rutscht in der Waagrechten die Fahrbahn entlang, die kaum vom angrenzenden Loipennetz zu unterscheiden ist. Ein paar Skilangläufer, die mir auf flinken Kufen zu Hilfe eilen, verdeutlichen auf drastische Weise, dass die geschlossene Winterlandschaft einfach das falsche Terrain für eine 1100er-Maschine auf nahezu profillosen Radialreifen ist. Doch was soll ich tun? Ich stecke mittendrin in der weißen Pracht, und es gilt, da auf irgendeine Weise wieder heil rauszukommen. Im ersten Gang geht’s weiter, die Füße Kufen gleich nachziehend.Die Bundesstraße 4 markiert den Eintritt in eine andere Welt. Hatte ich gerade noch in einer unbarmherzigen Wildnis um einen aufrechten Fahrstil gekämpft, kehren nun Winterdienst, Gartenzwergkolonien und Nachtclubs zurück. Breit und schneefrei walzt sich das Asphaltband an den geheimnisvollen Boubìn-Urwäldern vorbei, in die weder Straße noch Piste führt. Schon vor 150 Jahren haben die Fürsten von Schwarzenberg den 600 Hektar großen Waldbezirk um den 1362 Meter hohen Berg Boubìn zum Naturschutzgebiet erklärt und jeden Eingriff unterbunden. 400 Jahre alte Baumriesen leben dort weitab von Schneepflügen, Skilangläufern und abenteuerlustigen Motorradfahrern.Die Stadt Vimperk fliegt vorbei, deren mittelalterlicher Kern burgartig zusammengepfercht auf einem Hügel hockt. Die Freude am Fahren stellt sich im Nu wieder ein, und es geht auf winzigen Sträßchen durch Wälder, Wiesen und Felder nach Prachatice, dem einstigen Zentrum des Salzhandels am Goldenen Steig. Runde um Runde tuckere ich um den Marktplatz, auf dem sich ein schmuckes Graffiti-Haus ans andere reiht. Kaum zu glauben, dass die wild bemalten Hauswände, die aussehen wie das Werk eines modernen Graffiti-Künstlers, schon im Mittelalter geschaffen wurden. Die klirrende Kälte nährt die Vorfreude auf das Lustschloss Krachtoville bei Netolice. Einen goldenen Saal soll es dort geben, Stuck, Malereien und allerlei Prunk, Protz und Glimmer. Genau das Richtige für einen rauen Wintertag. Die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten: Die Pforten des Schlosses sind von November bis März geschlossen. Winterpause auch zwei Ecken weiter, im Jagdschloss Ohrada. Wenigstens die knorrige Eichenallee lässt man mich befahren, von der man über eine weite Seenlandschaft blicken kann.In Budweis öffnen sich schließlich doch die Türen. Um nicht zu sagen, sie fliegen auf, als ich mit der BMW auf den Parkplatz des Motorradmuseums rolle. Petr Hoštálek stürmt mir entgegen, bekleidet mit einer dick wattierten Latzhose, in der ein Motorradfahrer wohl jeden sibirischen Winter überstehen kann. Endlich! Ein Gesinnungsgenosse. Die wäre zwar neu, empfängt mich Petr mit Blick auf die R 1100 R, aber als Ausstellungsstück würde sie ihm schon taugen. Gewissermaßen als schrille Ergänzung seiner Sammlung von 90 antiken Motorrädern, die sich drinnen zwischen antiken Standuhren, Vitrinen und Grammophonen gruppieren. In einer Ecke parkt ein Ural-Gespann, Petrs Wintermaschine, mit der es sich dank Beiwagenantrieb auch im Tiefschnee problemlos fahren lässt.Tiefschnee ist augenblicklich keiner in Sicht. Gott sei Dank. Im Zentrum von Budweis, auf dem größten Marktplatz Böhmens, herrscht fast schon südländisches Flair. Grand Hotels, noble Casinos und edle Boutiquen konkurrieren um die farbenfrohste Fassade. Um den Schaufensterbummel durch die engen Seitengassen zu perfektionieren, fehlen eigentlich nur noch die Tische und Stühle der Straßencafés. Wie toll muss es hier erst im Sommer sein. Ich entdecke einen Ausschank der weltberühmten Budweiser Brauerei und bestelle das Tagesessen. Mit dem Hinweis, das sei typisch »behmisch«, serviert mir der Kellner eine riesige Platte mit Semmelknödeln, Böhmischen Knödeln, Kartoffelpuffern, Sauerkraut, Wurst und verschiedenen Fleischsorten. Im Anschluss folgen süße Knödel, gefüllt mit Aprikosen in Heidelbeersauce. Als ich die Rechnung sehe, bestelle ich gleich noch mal Nachtisch – dieses Mal Knödel mit Pflaumen. Für die Völlerei berappe ich gerade mal zehn Mark. Leben wie Gott in Böhmen.Ich folge der Moldau flussaufwärts nach Süden, wo sie sich an der Teufelsmauer bei Vissi Brod ungestüm über die Felsen stürzt. Ein kurzes, exzessives Aufbäumen, nachdem sie den Moldau-Stausee bei Lipno verlassen hat. Dort empfängt mich der junge Fluss ruhig und zahm – er ist kilometerweit zugefroren. Ein Schneesturm bricht los, von einer Sekunde auf die nächste. Es wird so dunkel, so dass man kaum mehr die Hand vor Augen sieht und die Bäume am Straßenrand wie Scherenschnitte erscheinen. Die blau-weiß-rote Fähre »Hranicar« in Frymburg ist an Land gezogen und wartet trockengelegt auf das nächste Frühjahr. Auf einem Schild steht: »Za Mlhy se nejezdi« – bei Nebel fahren wir nicht. Bei Schnee und Eis offensichtlich auch nicht. Nach Österreich wären es vom anderen Ufer nur zehn Kilometer gewesen. Was soll’s, dann geht’s eben morgen über Volary auf die Bundesstraße 4 und über Passau nach Hause.Kurz darauf ein hellerleuchtetes Schild: »Grog, Cappuccino, Kakao«. Natürlich sei ein Zimmer frei, begrüßt mich der Wirt. Wie lange ich denn bleiben wolle. Bis morgen? Ich solle doch bleiben bis Ende Mai - bis dahin sei der Schnee bestimmt vorüber. Und Knödel gäbe es noch genug!

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