Bonn und sein Umland (Archivversion) Bonn plus Ultra

Bundeshauptstadt – das ist für Bonn Vergangenheit. Doch die Lichter am Rhein sind nicht erloschen. Im Gegenteil, ein Abstecher in die Hauptstadt a. D. fördert Strahlendes zutage: Tradition und Wandel, Kultur auf hohem Niveau und viel Lebensqualität.

Nur keine Hektik. Kathleen und ich halten an, steigen von der Ducati Monster S4Rs. Jupp peilt gelassen, nimmt Maß. In hohem Bogen schleudert er Metall auf Metall. Klonk. Gut getroffen. Beim ersten Wurf, »zum Legen an das Schweinchen«, seien die schweren Kugeln besser, sagt Jupp. Was dem Motorradfahrer die Reifen, bedeuten dem Boulespieler seine Kugeln.
Mitspieler Werner weiht uns in die Metaphysik des Spiels ein: »Die Konzentration ist unheimlich hoch. Es gibt nur noch die Kugel, wie beim Motorradfahren blendest du alles andere aus.« Er sollte es wissen, denn, so erfahren wir, er besitzt zwei Guzzis, eine 850 T3 und eine Mille GT. Es fällt nicht schwer, mit Rheinländern ins Gespräch zu kommen. Vor allem auf dieser Duc mit ihrem perlmuttweißen Lack und feuerrotem Gitterrohrrahmen.
An einem der stilvollsten Plätze Bonns parkt sie, am Ende der Poppelsdorfer Allee. Zwei Doppelreihen Kastanien verbinden als prachtvolle Achse zwei Barockschlösser. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war Bonn Residenz der Kölner Kurfürsten. In beiden Schlössern sitzt seit 1818 die Universität, mit über 30000 Studierenden eine der größten in der Bundesrepublik.
Die historischen Häuser entlang der einen Kilometer langen Poppelsdorfer Allee bilden zusammen mit der hüben und drüben ansetzenden Süd- und Weststadt das größte Gründerzeitviertel Deutschlands. Jede Fassade ist anders, bildet Kompositionen aus Stuck, Erkern und Balkonen, gelben, roten oder schwarzen Ziegelsteinen und damit kontrastierenden weißen Fensterrahmen. Reich verzierte Eingangstüren oder Türmchen auf den Dächern stehen für Reichtum einst wie jetzt. Städtebau fürs Herz.
Kathleen kann’s gar nicht fassen. »Bonn habe ich mir immer ganz grausam vorgestellt. Ich kannte die Stadt ja nur aus der Tagesschau.« Sie ist aus Thüringen angereist. Und nun mit ihren Vorurteilen am Ende: »Na ja, Bonn, das waren für uns immer alte Männer vor hässlichen grauen Häusern.« Nur einen Stein-, pardon, Kugelwurf entfernt, ruht das Poppelsdorfer Schloss in sich selbst: erhaben, ehrwürdig und elegant. Dahinter liegt einer der schönsten und ältesten Botanischen
Gärten des ganzen Landes.
Geadelt vom Guinness-Buch der
Rekorde: Die Titanenwurz, die hier im
Tropenhaus Ende Mai 2003 erblühte, gilt mit 2,74 Meter Höhe als größte Blüte
der Welt. Draußen, in der Sonne, stehen
Oleander und andere mediterrane Pflanzen fest verwurzelt, wuseln grazile Mauer-
eidechsen herum. Lautes Krächzen erfüllt die Luft. Ein Trupp Halsbandsittiche fliegt vorbei, rasant und mit reißendem Flügelschlag. 300 Paare leben wild in Bonn.
Alle profitieren vom milden Klima
der Stadt. Das im Sommer auch drückend schwül werden kann, geprägt von der Lage im Talkessel mit dem riesigen Wärmespeicher Rhein. Die Winter sind angeblich die wärmsten in ganz Deutschland.
Sprechen die Bonner(innen) deswegen von der »nördlichsten Stadt Italiens«? Oder meinen sie südländisch-lässige Lebens-
art, in einer Stadt voller Straßencafés
und Biergärten? Dabei hieß es noch in
den Sechzigern, Bonn sei halb so groß
wie der Zentralfriedhof von Chicago. Aber doppelt so tot. Schon der Name käme
von »Bundeshauptstadt ohne nennenswertes Nachtleben«. Kann was dran sein. Denn wer hier nach 23 Uhr noch ein
offenes Restaurant sucht, hat’s schwer,
allen Imbissbuden zum Trotz.
Bonn ist nicht Köln, entwickelte
sich niemals zur Weltstadt und zählt
»nur« 315000 Einwohner. Mit steigender
Tendenz, ganz trendwidrig in Deutschland. Da greift Paragraph 1 des auf »Bönnsch«
verfassten Rheinischen Grundgesetzes: »Et es wie’t es.« Rheinländer nehmen das Leben mit Humor. So wie der 61-jährige, überaus lebenslustige Einzelhändler
Johannes Vollmar, den wir auf seiner
bordeauxroten 1100er-Pan European am Kaiserplatz treffen. »Hier lösen wir alles rheinisch liberal«, sagt er. Jeder Jeck
ist anders, das wissen die karnevals-
verrückten Rheinländer, leben und leben lassen gilt als oberste Prämisse.
Nur einmal, im Juni 1991, da ist den Bonnern das Lachen gründlich vergangen. Als der Bundestag in
einer knappen Entscheidung beschlossen hatte, Parlament und Regierung nach Berlin zu verlegen. Was hatten sie dagegen
gekämpft am Rhein, doch vergeblich. Zukunftsangst ging um. Bis die Paragraphen 2, 3 und 4 griffen: »Et kütt, wie et kütt«
(es kommt, wie es kommt), »et hät noch immer jot jejange« (es ist noch immer
gut gegangen) und »wat fott es, es fott« (fort ist fort): 1999 zog der Treck der
großen Politik vom Rhein an die Spree.
Wir bleiben, starten mit der Duc zur Stadtrundfahrt. Sechs Bundesministerien haben weiterhin ihren ersten Dienst-
sitz in Bonn, andere eine Außenstelle.
Zusammen beschäftigen sie rund 10000
Mitarbeiter, mehr als die Berliner. 22 Bun-
desbehörden und etliche Unternehmen kamen neu an den Rhein. Wandel hat
hier Tradition. Paragraph 5: »Et bliev nix,
wie et wor« (es bleibt nichts, wie es ist).
So logiert beispielsweise an der Kreuzung Weberstraße/Ecke Adenauerallee der Bundesrechnungshof. In den 50er Jahren als Postministerium gebaut, wurde das Ge-
bäude später Teil des Auswärtigen Amts. Fünf Tier-Skulpturen an der Rückseite künden noch davon, stehen für die fünf Kontinente: Adler (Amerika), Stier (Europa), Löwe (Afrika), Elefant (Asien) und Känguru (Australien, logisch). Auch ohne Bundesmandat thronen sie weiterhin überm Fluss, blicken ins Siebengebirge. Und auf die meist befahrene Wasserstraße Europas vor der malerischen Silhouette der Berge.
Mitten in Bonn kurvt der Rhein energisch herum, verläuft alles andere als
geradlinig oder kanalisiert. Magnetisch zieht er die Menschen an, als Küste mitten in der Stadt. Von den vielen Kilometern
Uferpromenade profitieren vor allem Fußgänger, Skater und Fahrradfahrer, denn nur wenige Straßen begleiten den Fluss. Auf der anderen Seite, am Ufer in Beuel,
werfen Kinder Kieselsteine ins Wasser.
Wir eisen uns los, starten den V2 wieder.
Flüssig rollt er, der Verkehr auf der B 9, einst die so genannte Diplomatenrennbahn. Als wichtigste Nord-Süd-Achse verbindet sie die Bonner Innenstadt mit dem (ehemaligen) Regierungsviertel und dem südlichen Stadtbezirk Bad Godesberg, früher Standort der meisten internatio-
nalen Vertretungen. Es fahren zwar noch Botschaftsautos umher, zu erkennen an ihrer mit einer Null beginnenden Nummer, heute jedoch mit Berliner Zulassung.
Auffällig sind auch die vielen Audis, BMWs und Mercedes mit dem Nummernschild »BN-DT...«, offenbar der Fuhrpark der Deutschen Telekom. Die mitsamt ihren Tochterunternehmen hier residiert. Die Stadt hat heute 10000 Arbeitsplätze mehr als 1991. Boomtown Bonn. Und Bonbon-Stadt. Ein süßlicher Duft wabert unters
Visier – er stammt von Haribo im Stadtteil Kessenich. Wo wohl gerade Weingummi gekocht wird. 1920 gründete der Bonbonkocher Hans Riegel in Bonn seine Firma, mit einem Sack Zucker als Startkapital. Zwei Jahre später erfand er den »Tanz-
bären« aus Fruchtgummi, der als Haribo-Goldbär Weltberühmtheit erlangte. Genau wie die hier erfundene Lakritz-Schnecke.
Geschichte entdecken wir auch beim Kiosk am »Langen Eugen«. Im Schatten des 1969 erbauten Abgeordneten-Hochhauses betreibt Klaus Dolff seit 25 Jahren seine Mischung aus Imbissbude und Trinkhalle. Da hat er viel erlebt. Und zu
erzählen: »Friedrich Nowottny kam jeden Mittag hier Eis essen«, sagt Dolff, » bei Wind und Wetter, da konnte man die Uhr nach stellen.« Nahm Nowottny daraus die Kraft, eintausendmal die Sendung »Bericht aus Bonn« zu moderieren?
Die Schote von Helmut Kohl ist ebenfalls unvergessen. Als er 1982 seinen Chauffeur angewiesen hatte, dem soeben von ihm abgelösten Kanzler Schmidt einen Blumenstrauß zu überreichen, der aussah wie ein riesiger Kohlkopf. »Aber Herr Schmidt«, ergänzt der Ducati-Fahrer Dolff, »ließ dann zwei Wochen später von seinem Fahrer fünf lebende Hasen ins frisch geräumte Kanzleramt bringen.« Als Kohl-Killer. »Eine schöne, gemütliche Zeit war das,
jeder kannte jeden.« Bundesdorf Bonn?
Bundesstadt nennt Bonn sich heute, nur das »haupt« in der Mitte wurde gestrichen. Die Weltoffenheit indes blieb. Dafür stehen zum Beispiel zwölf Institutionen der Vereinten Nationen sowie der UN-Campus, der derzeit im ehemaligen Regierungsviertel entsteht; ein Internationales Kongress-
zentrum soll mit 6000 Plätzen das größte Deutschlands werden. Angeblich will man das UN-Plenum von New York hierhin
verlegen. Welthauptstadt Bonn?
Wir grollen am »Post-Tower« vorbei, der Zentrale des gelben Riesen und höchs-
tes Bürogebäude in Nordrhein-Westfalen. Von den Bonnern zuerst abgelehnt, heute anerkannt. Der 162,5 Meter hohe Turm
ist auch Sitz des 633 Mitglieder starken bundesweiten Motorradclubs »Postbiker e.V.«. Entlang des Landschaftsparks »Rheinaue« hangeln wir uns mit der Ducati zur Stadtautobahn. Schade, dass heute nicht der dritte Samstag im Monat ist
und der größte und schönste Flohmarkt weit und breit in der Rheinaue brodelt.
Die gerade mal drei Kilometer lange
A 562 gilt als kürzeste Autobahn Deutschlands. Hat aber als Südbrücke (korrekt: Konrad-Adenauer-Brücke) große Bedeutung, denn die nächste kommt erst in
Koblenz. Ansonsten heißt es wie an
vielen Bonner Ufern »Fährmann, hol über«.
Wir folgen dagegen dem Asphalt auf die »Schäl sick«, wie die linksrheinischen
Bonner über die angeblich falsche Rheinseite spotten. Dort, im Siebengebirge,
tragen uns Serpentinen auf den Petersberg. Das ehemalige Gästehaus der Bundesregierung ist heute Edelhotel und
-restaurant mit toller Aussicht: Ganz
Bonn liegt zu Füßen, und der berühmte Drachenfels prangt zur Linken.
Dahinter, in Bad Honnef-Rhöndorf,
bezog übrigens 1935 ein von den Nazis abgesetzter Kölner Oberbürgermeister
seinen Wohnsitz am steilen Hang: Konrad Adenauer. Ob er deswegen 1948/49 maßgeblich die Hauptstadt-Wahl beeinflusste? Die anderen Mitbewerberstädte hatten keine Lobby (Stuttgart), waren zu stark zerstört (Kassel) oder wirkten zu wenig provisorisch (Frankfurt) – schließlich sollte es später wieder nach Berlin gehen. Das war die Chance für die Stadt, eine Große zu werden. Zumindest mental.
In Rhöndorf rollen wir über eine kleine Brücke auf die Insel Grafenwerth zum Biergarten am Strand. Rheinische Riviera. Pittoresk ankert der Aalschocker Aranka im Abendlicht. Er ist das letzte erhaltene Fangboot seiner Art und Erinnerung an tausende rheinische Familien, die noch
in den 20er Jahren vom Fischfang lebten. Doch Gewässerverschmutzung und
Ausbaumaßnahmen entzogen ihnen die
Lebensgrundlage. Heute gilt der Rhein wieder als sauberster Strom Europas, seine Anrainer haben aus den Umweltsünden gelernt. Man kann drin baden, die Fische bedenkenlos essen und Massen von
Muschelschalen am Strand bewundern.
Unser Blick haftet an den Fracht-
schiffen fest, schweift über die gegenüber-
liegende »Schwester-Insel« Nonnenwerth – früher Kloster, heute Internat – zum
sagenumwobenen Rolandsbogen, einem Schauplatz der Nibelungensage. Gegen-
über dem großen Köln hat das gemütliche Bonn einen riesigen Vorteil: die Berge.
Die Godesburg ist die letzte Höhenburg entlang des Rheins, hier geht der Mittel-
in den Niederrhein über.
Der nächste Morgen ruft zum Frühstück in die »Bonner Republik«. Wirt Guntram
Fischer hat sein Lokal mit Insignien aus der guten alten Zeit angereichert: Politiker-
porträts, Briefe an den »Herrn Bundeskanzler«, historische Fotos von Staatsempfängen mit Motorrad-Eskorte, Wahl-
plakate, Bundesverdienstkreuze. Und
eine originelle Speisekarte. So gibt es etwa »Erich Honecker«: ein Glas Leitungs-
wasser und eine Scheibe trocken Brot für 38 Cent. Oder »Joschka Fischer«: Müsli mit Joghurt und Früchten, dazu ein Glas frischer Orangensaft. Macht 4,90 Euro.
Frisch gestärkt geht’s ins zoologische Museum König, einen imposanten Bau aus braunem Sandstein. Dessen Lichthof zeigt täuschend echte Lebenswelten aus der afrikanischen Savanne. Dabei war er 1948 quasi der Kreißsaal der deutschen Demokratie, als genau dort feierlich der Parlamentarische Rat eröffnet wurde, um das Grundgesetz auszuarbeiten. Vermutlich mussten damals einige ausgestopfte Tiere kurzfristig zur Seite rücken. Selbst Adenauer arbeitete hier, bevor sein Dienstsitz fertig renoviert war.
Auf der anderen Straßenseite leuchten die schneeweißen Gebäude der Villa
Hammerschmidt und des Palais Schaumburg, Ex-Residenzen von Bundespräsident und Kanzler. Wir lassen sie links liegen, genau wie die beachtlichen Häuser der Museumsmeile – wollen weiter, über das Kurveneldorado im Ahrtal zum »Ring«: nur 50 Kilometer bis zur Nordschleife! Doch vorher folgen wir der B 9 schnurstracks gen Süden. Wo nicht nur die Stadt, sondern auch Nordrhein-Westfalen endet.
Schon der erste Ort in Rheinland-Pfalz beeindruckt: das Friedensmuseum in den Resten der Brücke von Remagen. Welt-
bekannt wurde sie als einzige Verbindung über den Rhein, welche die Alliierten erobern konnten. Die Sprengung durch die Deutschen schlug fehl. Am 7. März 1945 stieß eine Vorhut der 9. US-Panzerdivision – die sich angeblich bloß verfahren hatte – auf den unversehrten Übergang: das »Wunder von Remagen«. General Eisen-
hower soll ausgerufen haben, die Brücke sei ihr Gewicht in Gold wert.
Er schickte seine Truppen Tag und Nacht darüber; die deutsche Heeresleitung versuchte verzweifelt, die Brücke durch Bombenangriffe und Kampfschwimmer noch zu zerstören. Hitler ließ fünf Offiziere zum Tode verurteilen. Am 17. März 1945 stürzte die schwer beschädigte Brücke schließlich ein und riss 28 amerikanische Soldaten in den Tod. Heute wehen Fahnen auf den Pfeilern hoch überm Rhein,
deutsche und amerikanische. Manchmal ist es gut, wenn sich die Zeiten ändern. Das wissen die Menschen im Rheinland vielleicht mehr als anderswo.

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