Bretagne––––– (Archivversion) Lichtblicke–––––

Was mit einfachen Feuern begann, die Mönche an der Küste entfachten, um Gott zu ehren und einfachen Booten Orientierung zu bieten, endete mit technischen Wunderwerken zum Schutz der christlichen Seefahrt. Eine Tour zu den bretonischen Leuchttürmen.

Jean, der Leuchtturmwärter von Fréhel, ist sauer. Die Gitanes im Mundwinkel hängen, schimpft er auf die französische Regierung. »Automatisieren wollen die. Bis zum Jahr 2000 soll es keinen Leuchtturmwärter mehr geben, nur noch verdammte Computer.« Er schließt uns die Tür zum Turm auf. Den Aufzug dürfen wir allerdings nicht benutzen, der ist nur fürs Personal. Aber die Anstrengung lohnt sich, die Aussicht ist fantastisch, vor allem, weil das Wetter endlich ein Einsehen hat. Dunkle Wolken und die immer noch warme Herbstsonne produzieren unvergleichliche Lichtstimmungen. Die sehr feuchte Anfahrt an der Küste entlang über St. Malo, die ehemalige Piratenstadt, und Dinard, angeblich der schönste bretonische Badeort, lassen sich so leichter vergessen. Obwohl wir beide Städte gerne bei Sonne erlebt hätten. Aber, wie gesagt, jetzt scheint sie, und »unser« erster Phare, wie Leuchtturm auf Französisch heißt, ist ein echtes Schmuckstück.Wieder unten bei Jean, fällt uns ein altes, gerahmtes Schwarzweißbild an der ansonsten kargen Wand auf. Ein junger Mann wird an einem Drahtseil an einem Leuchtturm hinaufgezogen. »Das bin ich, so habe ich mit 24 Jahren ausgesehen, damals habe ich auf der Ile D’Ouessant Dienst geschoben«, erklärt Jean, und die geröteten, wäßrigen Augen des 53jährigen fangen an zu leuchten. Seit zwölf Jahren ist er Leuchtturmwärter am Cap Fréhel. Im Wechsel mit einem Kollegen schiebt er 24-Stunden-Schichten. Als Elke ein Foto von ihm macht, flüstert er mir zu, daß er einmal in St. Pauli gewesen sei, wo es »très bien« war, ihm also ausgesprochen gut gefallen hat. In der Nähe des Leuchtturms entdecken wir ein kleines Hotel, das in einem ehemaligen Bauernhaus untergebracht ist. Im rustikalen Restaurant des Relais de Fréhel werden Fleisch- und Fischgerichte im offenen Kamin gegrillt. Eine gute Flasche bretonischer Cidre, der landestypische prickelnd-aromatische Apfelwein, beschließt den Tag.Verdächtiges Rauschen weckt uns am nächsten Morgen. Als wir aus dem Fenster blicken, haben wir das Gefühl in eine auf Hochtouren laufende Waschmaschine zu starren. Auf der Küstenstraße peitscht uns heftiger Wind den Regen horizontal auf die Visiere. Aber er reißt auch hier und dort große Löcher in die schwarze Wolkendecke und schafft so diese fantastischen, fast mystischen Lichtbilder, die perfekt zur wilden, zerklüfteten Felslandschaft passen. An einem kleinen, völlig einsamen Sandstrand unterhalb der Steilküste stürzt sich ein nackter Bretone in die Fluten des Atlantiks. Sein alter R 4 parkt oben an der Straße.Den Leuchtturm am Hafeneingang von Erquy betrachten wir bei strahlendem Sonnenschein, während sich hinter ihm, über dem Meer, fast schon bedrohliche schwarze Wolken zusammenrotten. Aber diesmal weht der Wind vom Land und hält uns den Regen vom Gore-Tex-geschützten Leib. Am Cap d’Erquy oberhalb des Ortes entdecken wir einen wunderschönen Aussichtspunkt. Eine winzige von Heidekraut gesäumte Straße führt zu ihm. Auf möglichst kleinen Strecken versuchen wir, so nah wie möglich an der Küste zu bleiben. Im September ist in der Bretagne nicht mehr viel los. Die meisten Touristen kommen aus der großen Bretagne - Grande Bretagne - wie Großbritannien auf Französisch heißt. Die Briten fühlen sich im wilden Westen Frankreichs wie zu Hause. Kein Wunder, die steinernen Häuser und Schlößer sehen hier genauso aus wie jenseits des Ärmelkanals. Und die geschichtlichen Bande sind eng geknüpft, gehörte doch die Bretagne sogar einst zum Vereinigten Königreich. Ganz abgesehen vom Wetter, das nicht englischer sein könnte.Hinter dem Küstenörtchen St.-Brieuc beginnt die echte, die Basse Bretagne. Hier pflegen die Bewohner noch ihr keltisches Erbe. Ausdruck ihres Nationalbewußtseins ist vor allem das Bretonische, kein Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache, deren harte Vokale für einen Franzosen unaussprechlich sind, weil sie dem Gälischen weitaus näher ist als den romanischen Sprachen. Nur 570 000 der etwa dreieinhalb Millionen Bretonen beherrschen sie heute noch. Bevor wir zum nächsten Leuchtturm kommen, schauen wir uns noch das berühmte »Haus in den Felsen« an. Die Attraktion von Plougrescant befindet sich in Privatbesitz, und die Bewohner des Gebäudes sind verständlicherweise genervt über den ständigen Touristenansturm. Der Vater des jetzigen Besitzers machte den Fehler, seine Einwilligung zur Veröffentlichung eines Fotos seines Hauses in einer Broschüre des Tourismusamtes zu geben. Schließlich zierte das hübsche Motiv sogar amerikanische Keksdosen.Der leider geschlossene Phare de Ploumanac’h liegt mitten in den teilweise grotesk geformten Felsen der Rosa-Granit-Küste. Einige tragen sogar Namen: Hexe, Korkenzieher, Elefant und besonders treffend Napoleons Hut. Am Abend, im Licht der untergehenden Sonne scheint es dem Betrachter, als würden die Steine von innen heraus leuchten.Mitten in Roscoff steht ebenfalls ein hübscher Signalgeber, der allerdings nicht besichtigt werden darf, und auf die Insel Vierge dürfen keine Motorräder mitgenommen werden, deshalb betrachten wir den dortigen Phare nur vom Festland aus. Er ist mit seinen 77 Metern immerhin Europas höchster. Der halb naturbelassene, halb weiß gestrichene Phare de Trezien ist dagegen fast immer zu besichtigen, nur sonn- und montags nicht. Wir stehen natürlich an einem Montag vor seiner verschlossenen Türe.Mit dem Leuchtturm von Saint-Mathieu haben wir wieder Glück. Aber erst nach einigen Mühen. An seiner Türe steht zwar, daß er jeden Tag ab 15 Uhr öffentlich zugänglich ist, eine halbe Stunde später ist jedoch immer noch geschlossen. Im Haus gegenüber spüren wir schließlich den Wärter auf. Völlig verschlafen lehnt sich der umfangreiche Mensch aus dem Fenster und grunzt Unverständliches. Eine Viertelstunde später schleppt er sich endlich zum Turm, um ihn gegen ein Trinkgeld von zehn Francs zu öffnen. Nicht alle Leuchtturmwärter scheinen so an ihrem Beruf zu hängen wie Jean in Fréhel.Entgegen seinem Gemurmel genießen wir diesmal nicht nur die fantastische Aussicht, sondern steigen noch etwas höher, um den gewaltigen Signalspiegel genauer unter die Lupe zu nehmen. Der klassisch rot-weiße Phare Saint-Mathieu steht direkt neben den Ruinen der gleichnamigen Benediktiner-Abtei, deren ehemalige Pracht aus der Vogelperspektive gut zu erahnen ist. Sie wurde während der Französischen Revolution zerstört, um ihre Steine als Baumaterial zu verkaufen.Soviel Besichtigen macht natürlich hungrig, und während es im übrigen Frankreich nicht einfach ist, mittags etwas anderes als mehrgängige Menus aufgetischt zu bekommen, gibt es in der Bretagne an jeder Ecke einladende Crêperien, die Dutzende verschiedener Crêpes auf ihren Speisekarten auflisten. Wobei der Bretone bei den hauchdünnen Pfannkuchen differenziert. So heißen nur die aus Weizenmehl hergestellten Crêpes, die meist zum Nachttisch verspeist werden, die aus Buchweizen nennen sich Galettes und sind eher salzig. Die klassiche Variante wird mit gekochtem Schinken, geriebenen Gruyèrekäse und einem Spiegelei in der Mitte serviert.Je weiter wir nach Westen kommen, desto zerklüfteter präsentiert sich die Küste und desto mehr unheimliche Geschichten werden erzählt. Das Pointe du Raz, Frankreichs westlichster Zipfel, wird gleich von fünf Leuchttürmen flankiert - keiner ist allerdings der Öffentlichkeit zugänglich. Weit vor der Küste ragt der berühmteste aller bretonischen Türme aus dem Meer. Der Ar-Men soll Boote schon weit vor der Küste warnen. Sein Bau gestaltete sich äußerst schwierig. Das Inselchen, auf dem er steht, ist nur 15 Meter lang und acht Meter breit. Selbst bei Ebbe ragt es nur anderthalb Meter aus dem Meer. Fischer von der Ile de Sein waren die einzigen, die mutig genug waren, um ihn in der stürmischen See zu errichten. 1881 ging sein Licht erstmals an. Hoher Wellengang holte sich hier immer wieder Turmopfer. Den letzten Wärter erwischte es 1964. Manchmal waren die Männer bis zu hundert Tagen eingeschlossen, weil kein Schiff in der unruhigen See bis zur Landungsstelle vordringen konnte, ohne zu zerschellen. 1990 hat ein Computer die Menschen abgelöst. Den Phare auf dem Felsriff Tévennec hat nie ein Wärter länger bewohnt. Er galt schon während seiner Bauzeit als verhext. Nicht einmal die harten Männer, die die Hölle von Ar-Men kennenglernt hatten, wollten dort Dienst tun. Seit 1910 ist er bereits automatisiert. Elektronengehirne fürchten weder Geister noch Hexen.Aber sie sind auch nicht so sympathisch wie Michel Malgorn, der Wärter des Phare d’Eckmühl, des wohl schönsten Turmes der Bretagne. Der schlanke, fröhlich lächelnde 55jährige mit seiner Seemannsmütze und dem grobgestrickten Pullover ist ein richtiger Edelwärter und Charmeur alter französischer Schule. Bei ihm können wir uns vorstellen, daß er tatsächlich fünf mal am Tag die 307 Stufen nach oben joggt. Er ist bereits seit 35 Jahren Wärter, elf Jahre im Phare d’Eckmühl. »Die wollen hier auch einen Computer installieren, obwohl Dänemark und Kanada mittlerweile wieder Leuchtturmwärter eingestellt haben, nachdem das mit den Maschinen nicht geklappt hat. Computer funktionieren eben auch nicht von alleine.«Dann erzählt er über die Geschichte »seines« Turmes. Die 1892 in Paris verstorbene Marquise de Blocqueville, Tochter des Generals Davout, des Fürsten von Eckmühl, vermachte 300 000 Francs zum Bau eines Leuchtturms an einem gefährlichen Ort an der bretonischen Küste. Zum Andenken an ihren Vater sollte er dessen Namen tragen. Für so viel Geld hätte man damals ein ganzes Dorf bauen können, die Innenausstattung des Turms geriet entsprechend aufwendig. So sind alle Metallteile einschießlich des Geländers aus polierter Bronze.Nur einen Steinwurf vom Phare d’Eckmühl entfernt steht ein anderes faszinierendes Bauwerk. Eine bretonische Spezialität, wie sie in der christlichen Welt einmalig ist: der Kalvarienberg von Tronoën. Kalvarienberge entstanden zwischen 1450 und 1650 in der Basse Bretagne. Zentrales Thema der Skulpturen ist die Passion Jesu Christi, aber es finden sich auch Szenen aus dem Leben Jesu und der Heiligen des jeweiligen Ortes. Die Gemeinden gaben die Calvaires in Auftrag, um an den Tod zu erinnern, aber auch die Kraft des Glaubens zu zeigen. Der 1450 von einem unbekannten Künstler geschaffene Kalvarienberg von Tronoën ist der älteste in der Bretagne. Wind, Wetter und die zerstörerische Kraft der salzigen Meeresluft haben kräftig an den zahlreichen Heiligenfiguren genagt. Trotzdem sind die einzelnen Szenen immer noch gut zu erkennen. Wie in einem dreidimensionalen, mittelalterlichen Comic Strip sind auf zwei Ebenen neunzehn Szenen aus dem Leben Jesu in Stein gehauen.Noch berühmter ist die Bretagne für viel ältere Bauwerke. In Carnac stoßen wir auf eine gewaltige Anzahl von ihnen: mehr als 4000 Megalithen. Die »großen Steine« wurden zwischen 5000 und 2000 Jahren vor unserer Zeitrechnung aufgestellt, von Menschen, über die wir nichts wissen. Sinn und Zweck der Menhire - Langsteine - und Dolmen - Steintische - sind nicht genau bekannt. Zahlreiche Spekulationen ranken sich seit Jahrhunderten um ihre Entstehung und Bedeutung. Asterix-Leser kennen sie unter dem Namen Hinkelsteine. Die Angewohnheit, diese mit Schleifchen versehen zu verschenken, dürfte allerdings nur Obelix gehabt haben. Die wahrscheinlichste Erklärung ist, daß es sich um riesige »Freiluftkalender«handelt, die nach der Sonnenwende ausgerichtet wurden.Wir wollen uns zum Abschluß der Reise noch einmal mit Bauwerken der jüngeren Vergangenheit beschäftigen. Mehrmals täglich verbindet eine Autofähre das Festland mit Belle-Ile, der, wie der Name schon andeutet, schönsten Insel der Bretagne, auf der gleich drei Leuchttürme stehen. Wir kommen genau zur rechten Zeit, das Schiff legt ab, als wir die Motorräder festgebunden haben. Mit ihren Palmen und Zypressen, den weißen Sandstränden und dem herrlich klaren Wasser wirkt Belle-Ile eher mediterran. Der Sage nach soll sie ein Teil des versunkenen Kontinents Atlantis sein, der wieder aufgetaucht ist. Kleine Sträßchen, mal am Meer entlang, dann wieder durchs Landesinnere erfreuen Motorradfahrerherzen. Auf Belle-Ile bündelt die Bretagne all ihre Reize. Am östlichen Ende warnt der Leuchtturm von Kerdonis nahende Schiffe. In der Nacht des 18. April 1911 war er Schauplatz eines Dramas: Nachdem der Leuchtturmwärter plötzlich gestorben war, drehten seine 14jährige Tochter Marie Matelot und ihr jüngerer Bruder Charles das Leuchtfeuer bis zum nächsten Morgen per Hand. Über die Westseite, den Pointe des Poulains, gibt es nichts Spektakuläres zu berichten, außer daß der dortige Turm nur bei Ebbe erreichbar ist. Höhepunkt auf Belle-Ile ist der Grand Phare, der große Leuchtturm, der zu den stärksten Frankreichs gehört. Am Abend, nachdem wir in Le Palais gegessen haben und in unser kleines Hotel nach Sauzon zurückfahren, zieht uns sein Licht magisch an. Das sich drehende Leuchtfeuer taucht Büsche, Bäume und Felder in gespenstisches Weiß. Ganz oben sehen wir den winzigen Schatten des Leuchtturmwärters. Wie lange noch?

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