Camargue (Archivversion) Expeditionen ins Tierreich

Wer sich dem spannenden Delta zwischen Großer und Kleiner Rhone im Süden Frankreichs verschreibt, macht keine übliche Motorradtour, sondern eher eine Naturkunde-Erfahrung.

Eine Wolke petro-chemischer Ausdünstungen mischt sich unter die die frische Meeresluft, als ich die TDM an riesigen Raffinerie-Tanks, Rohrleitungen und lodernden Gasfackeln vorbeilenke und ernsthaft überlege, ob das Reiseziel Camargue wirklich so eine gute Idee war. In Port de Fos fegt nun zusätzlich noch der Mistral in derben Böen die Küste entlang und fordert volle Konzentration fordert, will man sich nicht unversehens im Graben neben der Straße wiederfinden. Tief unten in Frankreich, im riesigen Mündungsdelta der Rhone, liegt die Camargue. In bizarrem Kontrast zu der touristisch wie wirtschaftlich stark genutzten Mittelmeerküste hat sich in den riesigen Sumpf- und Lagunengebieten ein Tierreservat ganz besonderer Art entwickelt, das Isabelle und mich lockte. In Bac de Barcarin bringt uns eine altmodische kleine Fähre über den östlichen Mündungsarm der Rhone, der hier breit und stolz die letzten Meter zum Meer zurücklegt. Hier im Schwemmlandbereich zwischen Grand und Petit Rhone hat sich ein Mikrokosmos ganz eigener Art entwickelt. Doch zunächst gelangen wir nach Salin-de Giraud, das Zentrum riesiger Salzgewinnungsanlagen, die die zahllosen Lagunen nützen und neben dem Tourismus eine der wichtigsten Erwerbszweige der Camargue darstellen. Als wir durch die schachbrettartig angelegten und wie mit der Schnur gezogenen Straßen des Orts rollen, habe ich den Eindruck, als sei hier etwas falsch gelaufen. Als sei ein nordeuropäisches Kohlerevier wie durch ein Versehen ans Mittelmeer geraten. Nur eben alles in Weiß statt Schwarz. Die Landschaft scheint ganz aus hellen Kristallen zu bestehen. Riesige, eigenwillige geformte Haldenfahrzeuge sind darin unterwegs. Die ganze Szene wirkt ein wenig wie von einem anderen Stern. Nach der toten Salzlandschaft gewinnt die Natur dann aber endgültig die Oberhand. Sümpfe und Lagunen bedecken nun weite Flächen und bieten einen Tummelplatz für Hunderte von Vogelarten. Wasserläufer rennen schnell über die spiegelnden Oberflächen, rosafarbene Flamigos staksen gravitätisch durch die sumpfige Brühe, Libellen stehen vibrierend über dem Wasser. Isabelle und ich lassen uns nieder, betrachten bewegt, wie die untergehende Sonne gerade alles in ungezählte Orange- und Violettöne taucht. Kurz bevor es ganz dunkel ist, fahren wir weiter am Meer entlang nach Saintes Maries-de-la-Mer, der Küstenmetropole der Camargue.Langsam rollen wir mit der TDM durch die engen und hohen, ja geradezu spanisch wirkenden Gassen. Zigeuner haben den Ort berühmt gemacht. Während deren alljährlicher Wallfahrt im Mai wird das Dorf geradezu überrollt vom fahrenden Volk aus ganz Europa, Touristenmassen inzwischen im penetranten Schlepptau. Auf allen Plätzen werden dann Handlinien gedeutet, Horoskope erstellt, Gitarre und Geige gespielt und gesungen und in den Kirchen gebetet. Jetzt indessen ist wenig los, nur ein paar der ungezählten Souvenierläden sind offen und wir genießen die Stille des südfranzösischen Dorfes. Gerade noch rechtzeitig kommen wir zu einem typischen Abendessen. In einem kleinen Lokal am Hafen gibt es einen schmackhaften Eintopf aus Reis - der übrigens in der Camargue angwebaut wird - und Rindfleisch, einem sogenannten Gardian, fester und unbedingt kostenswerter Bestandteil der hiesigen Gastronomie. Am nächsten Morgen hat der Mistral den Himmel schon blank gefegt, die aufsteigende Sonne taucht die weißen Hauswände Stück um Stück in strahlende Helligkeit. Die Bewohner des Rhonedeltas erzählen, der Mistral verführe nach der geheimnisvollen »Drei-sechs-neun«-Regel. Die besagt, daß der Wind entweder drei, sechs oder neuen Tage wehe. Das heißt, wenn du nach dem dritten Tag immer noch wie ein Segel am Lenker deines Motorrades hängst, dann wirst du das mindestens auch noch drei weitere Tage tun müssen. Na toll. Wir nutzen die Gunst der ungestörten Morgenstunden und gehen auf der »Route de Cachard« nördlich von Saintes Maries-de-la-Mer auf Vogelpirsch. Schon bald entdecken wir zwischen dem Sumpfgras eine Gruppe Flamingos. Der leise Schlag der TDM scheint sie nicht zu beunruhigen, elegant balancieren sie weiter auf einem ihrer unendlichen langen Beine, gelegentlich ihre kaum weniger langen, leuchtend rosa Hälse zum Krebs- und Algenschmaus in die trübe Brühe senkend. Ungerührt lassen sie sich von uns fotografieren. In Mas de Cacharel beginnt ein schlüpfriger Trial rund um den Etang de Vaccarès, die größte Lagune im Herzen der Camargue, die besonderem Naturschutz unterworfen ist. Schmal und rutschig windet der Weg sich mal direkt an der spiegelnden Wasseroberfläche entlang, dann wieder zwischen Büschen und Tamarisken hindurch. Ein Vogelschwarm steigt auf, und ein paar Wildpferde luken vorsichtig zwischen den Büschen hindurch. Als Isabelle sie lockt, überwinden die struppigen kleinen Vierbeiner zögernd ihre Scheu, nähern sich neugierig der ausgestreckten Hand. Nahezu wild und ungezähmt leben sie in den riesigen, unzugänglichen Lagunen- und Sumpfgebieten des Deltas. Gelegentlich kommt ein Geländewagen von irgendwelchen abgelegenen Farmhäusern vorbeigeschaukelt, sonst ist es still.Ein Wegweiser nach Beauduc taucht auf, dann herrscht wieder über weite Strecken Sendepause in Sache Orientierung. Um uns herum wiegen sich Binsen und Sumpfgräser im Wind, alles sieht plötzlich gleich aus, und irgendwann haben wir überhaupt keine Ahnung mehr, wo wir uns befinden. Wir orientieren uns schließlich an den Lichtmasten, die eigentlich nach Beauduc führen müßten. Doch Fehlanzeige - der Weg endet bald darauf im Nichts. Beim Umdrehen kommt die TDM ins Rutschen und landet haarscharf neben dem Weg im Morast. Nach 20 endlos langen Minuten und dem ganzen Repertoire eines 1000-Tips-für-Traveller-Handbuchs haben wir das Biest schließlich wieder auf dem Weg stehen. Als wir endlich in Beauduc ankommen, fühlen wir uns, als hätten wir Patagonien erreicht.Eigentlich ist Beauduc nur ein winziger Ort irgendwo am Ende der Welt, oder vielleicht noch etwas weiter draußen. Phantasievoll zu Behausungen umfunktionierte Linienbusse und Caravans säumen die Straße, westlich und östlich dehnt sich der Sandstrand aus. Dort sind außer uns lediglich ein paar Fischer und Camper zu entdecken. Vereinzelte Tellinos wandern an der Küste entlang, Muschelfischer, die mit sonderbar ackerpflugförmigen Netzen die Schalentiere aus dem Wasser holen. Wir machen einen kleinen Sprung und fahren in die Petite Camargue, die wenige Kilometer westlich von Saintes Maries-de la-Mer beginnt und damit streng genommen fast schon außerhalb der eigentlichen Camarague liegt. Hier sind die großen, alteingesessenen Farmen angesiedelt, in denen die Toros gezüchtet werden, die berühmten Kampfstiere Südfrankreichs. Wobei es sich gar nicht ausschließlich um Stiere handelt, sondern gleichermassen ungestüme junge Männchen und Weibchen, die hier aufgezogen, trainiert und dann in die Arenen des Umlandes ausgeliehen werden. Im Unterschied zum benachbarten Spanien sind in Südfrankreich die Stierkämpfe unblutig. Der Herausforderer muß das Tier nicht töten, sondern lediglich zu Fall bringen. Was natürlich nicht weniger spannend und in der Region eine gerngesehene Attraktion ist. Da die Torozucht alleine kaum noch eine Familie ernähren kann, werden auf vielen Farmen Zimmer und einfache Mahlzeiten angeboten. Und außerdem Pferde an Touristen verliehen. »Die zähen Tiere stammen von hier und kommen besser als jedes Fahrzeug in dem unwegsamen Sumpfgelände zurecht«, erklärt uns ein Bauer in farbigen südprovencialischen Dialekt den Vorteil der Vierbeiner. Auch Feuerwehr und Küstenwache hätten bereits Pferdepatrouillen im Einsatz. Unter anderem, um in den komplizierten Gewässern nach gestrandeten Bootskapitänen Ausschau zu halten. Von der Petite Camargue über St. Gilles nach Aigues Mortes zu fahren, ist zwar nicht unbedingt der kürzeste Weg, aber er bietet die beste Aussicht. Denn die D 202 führt an der Kleinen Rhone entlang, und von deren Flußbrücken läßt sich fast die ganze topfebenene Camague überschauen. Hochspannend in einem Landstrich, der sich bestenfalls mal einen Meter über den Meersspiegel erhebt.Durch eine wunderschöne Stadtmauer rollen wir im letzten Licht nach Aigues-Mortes. Die kleine Stadt, vor der Verlandung im Mittelalter noch direkt an der Küste gelegen, inzwischen allerdings knapp zehn Kilometer im Landesinneren, ist von einer einer komplett erhaltenen Festung umgeben. Was früher Schutz vor Piraten und Besatzern bot, ist heute malerische Kulisse für ein paar Petanque-Spieler, die auf dem großen quadratischen Platz im Innern der Stadt ihre blitzenden Metallkugeln werfen. Wir lassen uns in einem Café nieder und genießen die mittelalterliche Stimmung. Ein Vogelschwarm zieht hoch über den Ort hinweg. Es sind die ersten Zugvögel, und die Camargue ist ihr letzter Rastplatz vor der langen Etappe nach Afrika. Offenbar wird es Herbst. Die Camargue hat ihre eigenen Uhren.

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