CHILE (Archivversion) Höhenrausch

Im Norden des schmalen Landes läuft Chile zu Hochform auf. Bis auf 5000 Meter klettern Schotterpässe über die grandiosen Anden - und offenbaren Landschaften wie aus einer anderen Welt.

Wir haben ein Problem. Andreas` Ténéré läßt sich hängen. Das hintere Schutzblech schleift schon fast am Reifen. Entweder hat die Yamaha eine bisher unentdeckte automatische Niveauregulierung, oder aber der Rahmen ringt um Haltung. Birgit und ich hoffen ersteres, befürchten allerdings letzteres. Andreas demontiert Sitzbank und Tank, und schon offenbart sich das Desaster. Das Hauptrohr des Rahmens ist gebrochen, klafft fast eine Handbreit auseinander. Vielleicht hätten wir heute doch einen Ruhetag einlegen sollen. Das Datum wäre Grund genug gewesen: Freitag der 13. Und Vollmond noch dazu. Dabei hatte unsere Anden-Kreuzfahrt ganz harmlos angefangen. Eine gut ausgebaute Teerstraße schraubte sich schon bald hinter in der chilenischen Hauptstadt Santiago in unzähligen Serpentinen hinauf in die Berge, deren ewig verschneite Gipfel sich leider hinter gewaltigen Regenwolken versteckten. Aber das Unwetter kam von Westen, und so hofften wir auf gutes Wetter auf der anderen Seite der Berge. Ein langer Tunnel durchsticht auf dem 3200 Meter hohen Cumbre-Paß die Anden zwischen Chile und Argentinien. Am anderen Ende des Tunnels regnete es tatsächlich nicht mehr - es schneite. Im Blindflug tasteten wir uns weiter bis Puente del Inca. In der dortigen Kaserne der Gebirgsjäger konnten wir übernachten und staunten nicht schlecht, als uns am nächsten Morgen Sonnenstrahlen an der Nase kitzelten. Der schneeweiße Aconcagua, mit 6960 Meter höchster Berg Amerikas, kratzte am tiefen Blau des Himmels. Ab Uspallata, einem gemütlichen Dorf am Ostrand der Berge, hoppelten wir auf einer üblen Piste nordwärts. Wir hatten die Wahl zwischen tiefem Schotter und knüppelhartem Wellblech. Zwei Tage Schüttelei, und jetzt auch noch ein gebrochener Rahmen.Zum Glück sind es nur noch 30 Kilometer bis Villa Union. Andreas versucht jedem noch so kleinen Steinchen auszuweichen. So zärtlich ist seine Ténéré noch nie bewegt worden. Das Schutzblech schleift unüberhörbar am Reifen, aber wir haben Glück, finden eine als Schrottplatz getarnte Werkstatt. Das moderne Schweißgerät flößt Vertrauen ein, ebenso die Selbstsicherheit von José, dem Mechaniker: »Den Rahmen schweißen? Klar, kein Problem....«Mit kurzen Befehlen dirigiert José seine fünf Helfer. Die biegen hier, drücken dort, dengeln passende Bleche, reichen dem Chef Schweißelektroden und Zigaretten. Kaum 90 Minuten später ist der Rahmen wieder zusammen. Das Hinterrad läuft zwar nicht genau in der Spur des Vorderrads, aber wen interessiert das in Südamerika?Auf der Ruta Cuarenta, der wir nordwärts folgen, gewinnt Andreas das Vertrauen in seine Yamaha zurück. Ihr leichter Drang zur linken Straßenseite ist zwar neu, aber mit etwas gutem Willen durchaus zu ignorieren. Die Ruta Cuarenta, die Nationalstraße 40, ist mit 4700 Kilometern die längste Straße Argentiniens. Sie beginnt im hohen Norden an der Grenze zu Bolivien und windet sich entlang der Anden bis tief hinunter nach Patagonien. Hinter Chilecito verlassen wir die Cuarenta und halten direkt auf die Anden zu. In Fiambalá wird noch mal randvoll getankt. Vom nächsten Sprit trennen uns nicht nur 460 rauhe Pistenkilometer, sondern auch der erste »richtige« Paß, der 4727 Meter hohe Paso San Francisco.Im Tal des Rio Caschuil steigt die Piste langsam an. Bizarr gefaltete Bergwände lassen nur wenig Platz für Fluß und Straße. Noch eine scharfe Biegung, dann öffnet sich die Schlucht zu einem weiten Hochtal. Gelbes Ichu-Gras überzieht die Fläche wie ein sanfter Teppich. Die letzten fast verwehten Reifenspuren auf der Piste müssen Tage oder Wochen alt sein. Langsam rollen wir weiter, gewinnen fast unmerklich an Höhe. Noch laufen die Motorräder einwandfrei. Wir fahren fast wie in Trance, nehmen die Schüttelei auf der harten Pisten kaum wahr. Die Euphorie steigert sich mit jedem Höhenmeter, deren 4000 sind´s inzwischen. Ebenmäßige rotbraune Kuppen, die locker die Höhe des Mont Blanc erreichen, bohren sich in den dunkelblauen Himmel. Am Horizont, vielleicht 20 Kilometer entfernt, ein verschneiter Vulkan, der 6638 Meter hohe Cerro Incahuasi. Dort verläuft die Grenze nach Chile.Doch unser Plan, dort einzureisen, droht hinter der Polizeistation Las Grutas zu scheitern. Schneesperre. Wir haben keine Wahl, können nur warten. Der Chef der achtköpfigen Mannschaft bietet uns ein leerstehendes Zimmer an. Abends sitzten wir mit den Beamten vor einem lodernden Kaminfeuer und vertreiben uns die Zeit mit Horrorvideos. Wir harren dort zwei Tage aus, in denen die Sonne kräftig am Schnee nagt, dann wagen wir uns weiter in Richtung Paß. Der Polizeichef stempelt unsere Papiere ab, »Suerte!« - viel Glück.In weiten Kehren schraubt sich die Piste bergauf. Die Motoren werden kurzatmig, verlangen nach Vollgas, um in dieser Höhe über Schrittgeschwindigkeit hinauszukommen. Die Stollenreifen baggern sich durch die ersten Schneefelder - bis ich die Dominator in einer Schneewehe versenke. Zu dritt schieben wir sie wieder raus, keuchen wie nach einem Marathonlauf. Verdammt dünne Luft hier oben. Noch zwei lange Kurven, dann stehen wir auf der Paßhöhe, 4727 Meter über dem Meer. Eisiger Wind fegt über den verschneiten Sattel zwischen zwei 6000 Meter hohen Gipfeln. Eine fast entrückte Atmosphäre. Viel zu schnell verschwindet die Sonne in Richtung Horizont. Vor Einbruch der Nacht schaffen wir es gerade noch bis zur Laguna Verde.Schlagartig sackt das Thermometer bis auf minus zehn Grad. Doch die Kälte spüren wir kaum: Über uns spannt sich in der klaren und trockenen Luft ein Sternhimmel, wie wir ihn noch nie zuvor gesehen haben. Wir sind sprachlos. Und auch am nächsten Morgen kennt unsere Begeisterung keine Grenzen. Es ist absolut windstill, und auf dem türkisgrünen Wasser der Lagune spiegelt sich die Zauberwelt der verschneiten Vulkane. Nur ein paar Meter weiter entdecken wir am Seeufer heiße Quellen, gerade groß genug, um ein Fußbad zu nehmen. Stundenlang sitzen wir in unseren Minipools und können uns nicht sattsehen an dieser unberührten und gewaltigen Landschaft.Nach zwei Tagen zwingen uns elementare Bedürfnisse zurück in die Zivilisation. Wir haben nichts mehr zu essen. Rund 400 Kilometer weit führt die Piste herunter aus der Welt der Anden bis Chañaral am Ufer des Pazifiks. Lange Wellen rollen über den breiten Sandstrand. Auf der gut ausgebauten Panamericana düsen wir nach Norden. Die »Panam« zieht sich wie ein endloses schwarzes Band durch die Atacama-Wüste. Graubraune Geröllflächen flimmern in der Mittagshitze. Ein Schienenstrang führt ins Nichts. Krumme Gleise ohne eine Spur von Rost, dafür ist es hier zu trocken. Erst kurz vor Antofagasta sehen wir den Pazifik wieder.Antofagasta ist die größte Stadt in Nordchile. Eine gute Gelegenheit, um am Strand zu relaxen, sich dem Kaufrausch im Supermarkt hinzugeben, das Öl zu wechseln und um zu Hause anzurufen. »Was, bei Euch schneit es?« Zufriedenes Grinsen. Aber dann locken uns erneut die Anden. Kaum eine halbe Stunde landeinwärts wird der kühle Seewind vom heißen Atem der Atacama abgelöst. Die Öltemperatur der Honda steigt auf 135 Grad. Trotzdem geben wir Gas, um möglichst schnell die Berge zu erreichen. Ab 2500 Meter Höhe ist das Klima wieder erträglich.Die Piste hält direkt auf ein paar Baracken zu, den verlassenen Bahnhof Imilac. Heftiger Westwind rüttelt an losgerissenen Wellblechdächern, Staub wirbelt zwischen ein paar vergessenen Güterwaggons. Ein Fuchs nimmt Reißaus, als wir mit den Enduros an Gleis 1 einlaufen. Die Sensation der Station Imilac ist ein mächtiger Schneepflug. Ein Schneepflug, mitten in der trockensten Wüste dieser Erde. Wie lange der wohl schon auf Arbeit wartet?Der Zustand der Piste zum Socompa-Paß ist besser als erwartet. Wir rollen im fünften Gang über die Hochfläche, ziehen lange Staubfahnen hinter uns her. Am Horizont blendet die weiße Fläche des Salar de Atacama. Die Oberfläche des Salzsees sieht aus wie tief gepflügt und anschließend gesalzen. Seine Salzkristralle sind extrem scharfkantig und klingen beim Darüberlaufen wie Glasscherben. Heiße Luft flimmert über dem Salar. Rechts von uns erstreckt sich die Anden-Kette mit ihren unzähligen Vulkangipfeln, wenig später erkennen wir die Sanddünen und bizarren Felsformationen des Valle de la Luna, dem Tal des Mondes. Wind und Erosion haben hier eine der vielfältigsten Wüstenlandschaften der Welt entstehen lassen.Langsam rollen wir bis zur Oase San Pedro de Atacama. Wir parken die Motorräder auf dem weitläufigen Campingplatz im Schatten von Laubbäumen. Endlich wieder Grün. Der Clou ist aber das große Schwimmbad, gespeist von einer lauwarmen Quelle. Was für ein Luxus, inmitten der Wüste im Pool zu liegen. Niedrige, pastellfarbige Lehm-Häuser, eine schattige Plaza mit gemütlichen Cafés, die alte weißgetünchte Kirche mit ihrem Dach aus Kaktusholz und grüne Gärten am Rio San Pedro. Schon vor über 1000 Jahren blühte hier die Kultur der Atacameños. Später kamen die Incas, angelockt von den vielen Quellen. Für sie war der fast 6000 Meter hohe Vulkan Licancábur ein Heiligtum, sie nannten den Berg am Rande des Salars Tata Maiko Linkanko - Gottvater Linkanko.In San Pedro gibt´s sogar eine Tankstelle. Was aber noch lange nicht heißt, daß auch Sprit vorhanden ist. »Mas tarde« - später, vertröstet uns der Tankwart. Vier Tage geht das so. Aus »später« wir »morgen«, dann »morgen früh, aber sicher«, und schließlich »heute abend.« Wir haben verstanden und interpretieren »übermorgen«. Längst stehen die Dominator und die Ténéré nahezu trocken auf dem Zeltplatz. Birgit übernimmt mit ihrer BMW, die mit dem 36-Liter-Tank über die größten Reserven verfügt, den Pendeldienst zum Dorf. Gleichwohl wacht sie mit Argusaugen über ihre Gummikuh, damit wir nicht heimlich Sprit abzapfen. Ein paar Tage im Pool sind zwar ganz nett, ein paar Tage ohne Motorrad allerdings weniger. Am fünften Tag die ersehnte Nachricht: Benzin! Für den Tankwart die normalste Sache der Welt. »Schließlich ist dies eine Tankstelle«, versichert er uns, ohne eine Miene zu verziehen.Mit vollen Tanks nehmen wir wieder Kurs auf den Pazifik, den wir bei Iquique erreichen. Die Stadt erscheint wie eine Vision in der Wüste. Vierspurige Straßen mit bewässerten Grünstreifen, Palmen, unzählige Supermärkte, riesige Reklametafeln und fette Amischlitten. Iquiques Herz schlägt in der Freihandelszone. Ein gigantischer Markt. Hier gibt es alles, und das zu sensationellen Preisen. Selbst aus Bolivien und Paraguay kommen die Menschen, um einzukaufen. Für den neuen Hinterreifen meiner Honda schiebe ich 45 Mark über die Theke. Der Händler in Santiago wollte den dreifachen Preis. In unserem Hostal treffen wir abends Sergio, einen Transalp-Fahrer aus Santiago. Er schwärmt uns von seiner Lieblingspiste auf dem Altiplano vor: ein praktisch unbenutzter Weg, der von Colchane in den Lauca Nationalpark führt. Ganz nach unserem Geschmack.Kurz hinter Iquique passieren wir die Ruinen verlassener »Salitrerars« - Salpeter-Bergwerke. Sie heißen Santa Laura, Buena Esperanza, La Juanita oder Victoria. Einst gewaltige Anlagen, heute Skelette aus Holz und Stahl, die wie surrealistische Skulpturen in den ewig blauen Himmel ragen. Mit Salpeter, dem Grundstoff für die Herstellung von Schießpulver und Dünger, ließ sich um die Jahrhundertwende viel Geld verdienen - bis 1914 ein Deutscher die synthetische Herstellung von Salpeter entdeckte. Kein Mensch war mehr auf den Rohstoff aus Chile angewiesen, und innerhalb weniger Jahre brach dieser Industriezweig zusammen. Die Anlagen überließ man einfach der Wüste. Zurückgeblieben sind Geisterstädte und Friedhöfe mit im Wind knarzenden Holz- und Blechkreuzen. Die Inschriften sind längst nicht mehr zu entziffern, und in einem offenen Grab bleichen Knochen in der Wüstensonne. Einen trostloseren Platz, um Tote zu bestatten, können wir uns nicht vorstellen.Wir lassen die Atacama hinter uns. Die Piste windet sich durch die Andenvorberge bis Colchane. Auf dem 4000 Meter hoch gelegenen Altiplano ist es ungewöhnlich grün. Eine Herde Lamas, dicht verpackt in zotteliges Fell, schaut uns neugierig nach. Ein Nandu, der südamerikanische Strauß, prescht aufgeregt über die Piste. Dann biegt eine sandige Spur ab zum Geysir Puchuldiza, der einen armdicken Strahl kochenden Wassers in den dunkelblauen Himmel bläst. Hoch droben kreist ein Condor, bewegt seine drei Meter weiten Schwingen nicht ein einziges Mal. Nur das Zischen des Geysirs ist in dieser fast schon unheimlichen Stille zu hören.Wir haben Mühe, den Weg durch die Nationalparks Isluga, Surire und Lauca zu finden. Drei Tage begegnet uns kein Fahrzeug. Wir buddeln uns durch tiefsandige, ausgetrocknete Flußläufe, holpern über grobes Wellblech, durch uralte, verlassene Dörfer und treiben die Enduros schließlich auf einen fast 4800 Meter hohen, namenlosen Paß. Die Aussicht nimmt einem schier den Atem: Vor uns breitet sich der Salar de Surire aus, der von zigtausend Flamingos bevölkert wird. Eine Herde Vicuñas, die wilden Vettern der Lamas, trottet am Seeufer entlang. Hinter dem Salar, noch 120 Kilometer entfernt und doch glasklar zu erkennen, strecken die Riesenvulkane der Anden ihre verschneiten Kegel in den Himmel. Der Parinacota, der rauchende Guallatire und der Sajama, der höchste Berg Boliviens.Je näher wir den Gipfeln kommen, desto berauscht uns ihr Anblick. Noch ein paar harmlose Pässe, dann stehen wir am Lago Chungará, der nahe der bolivischen Grenze in einer Höhe von 4550 Meter als der höchstgelegene See der Welt gilt. Am anderen Ufer schwingt sich der weiße Kegel des Parinacota in den wolkenlosen Abendhimmel. Sein Spiegelbild im See könnte nicht perfekter sein. Wir sitzen im weichen Ichu-Gras und staunen in eine Landschaft, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Noch ein paar Tage berauschen wir uns an der gewaltigen Szenerie des Lauca Nationalpark. Wir sind begeistert wie kaum zuvor in unserem Leben wollen uns einfach nicht damit abfinden, daß wir bald wieder zurück nach Deutschland müssen.

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